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Full text of "Ueber das Schielen und die Heilung desselben durch die Operation"

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THE LIBRARY 

OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

LOS ANGELES 



GIFT 

Dr. V. N. Beigelman 



U e b e r 



(las 



Seliieleu und die srelliuig 

desselben 

durch die Operation. 



Von 



S. ^ ^wfen/ac/^. 



llCit 3 Öcifcia 6LbpiU)uua,€u. 



Berlin. 

Albert Förstner. 

1842. 









o r r e d e. 



Uie Schrill, welche ich hiermit der Oefl'enllichkeit über- 
gebe, enthiiU das Wichtigste von dem, was ich in Jiezug 
auf Strabismus gesehen und erfahren habe. Mag dieselbe 
Manchen bei der jetzt schon vorhandenen, nicht unbe- 
trächtlichen Anzahl von Schriften und werthvollen Journal- 
Aufsätzen überlliissig erscheinen, so werden doch wie- 
der Andere darin vielleicht Einiges- der Beachtung und 
Nachahmung Werthes finden. Ich habe mich dieser Arbeit 
mit Lust und Liebe unterzogen und sie nur nach meinen 
eigenen Beobachtungen geschrieben, bei deren Fülle mir 
die Gelegenheit wurde, auch die seltensten Formen des 
Schielens zu beobachten. Ich habe den Gegenstand be- 
sonders nur von der praktisch -chirurgischen Seite darzu- 
stellen gesucht, da die theoretische an von Waltoer einen 
neuen trefflichen Bearbeiter gefunden hat. Dass meine 
Schrift von Mängeln frei sei, bilde ich mir keinesweges ein, 
im Gegentheil glaube ich, sie besitzt deren viele. Die 
Schuld aber trifift mich nicht allein, sondern das kindliche 
Alter der Operation, welche so eben erst ihr drittes Lebens- 
jahr antritt. Nach dreissig Jahren wird man vielleicht mit- 



IV 

leidig auf diese und der Zeitgenossen erste Versuche her- 
abblicken. 

Was den operativen Theil dieser Arbeit anlangt, so 
möchte das Mechanische der Operation wohl am wenig- 
sten Veränderungen und Vereinfachungen mehi' zulassen, 
da ich nach 1200 gemachten Operationen, meine ursprüng- 
liche Methode noch als die leichteste und zweckmässigste 
finde. Die meisten Chirurgen bringen dieselbe ebenfalls 
mit geringen Modificationen in Anwendung. Wenn die An- 
zahl der mitgetheilten Krankengeschichten anfangs zu gross 
und ermüdend erscheinen mag, so ist ihi'e Zahl im Ver- 
hältniss zu den von mir aufbewahrten, doch nur gering. 
Sie sind besonders als Erläuterungen, als lebende, erklä- 
rende Tafeln für Aerzte aufgenommen worden, welche, 
fern von grossen Städten, des berathenden Verkehrs der 
Kunstgenossen entbehren. Diesen, glaube ich, sind die 
Krankengeschichten, welche die Belege für die verschie- 
denen Formen des Schielens bilden, besonders nützlich. 

Dass diese neue Operation wieder untergehen werde, 
ist trotz der entschiedenen Abneigung einiger berühmten 
Männer gegen dieselbe, nicht zu besorgen ; es hat vielmehr 
dieser partielle Widerspruch das Gute, von der übertriebe- 
nen Ausübung der Operation abzuhalten, wozu wissen- 
schaftlicher Eifer bei dem Reize der Neuheit des Gegen- 
standes, leicht fortreissen könnte. 

»ieflPenbacli. 



Inhal t 



Seitp. 

Allgemeine Bemerkungen über das Schielen 1 

Ueber das gestörte Sehvermögen beim Schielen 2 

Vom Doppelsehen beim Schielen 4 

lieber das Aufhören des Schielens bei der Schliessung des einen 

Auges 6 

Verschiedenheit der Pupillenweite beim Schielen 7 

Verschiedenheit der -willkührlichen Augenbewegungen beim Schielen 9 

Von den Ursachen des Schielens 10 

Verschiedene Arten des Schielens 15 

'Verschiedene Grade des Schielens 17 

Von der Wirkung der Augennmskeln 18 

Geschichte der Schieloperation 22 

Ueber die Behandlung des Schielens durch Augengymnastik, ohne 

Operation 25 

Ueber die Heilung des Schielens ohne Muskeldurchschneidung, durch 

Aetzen der Bindehaut 28 

Von der Heilung der geringeren Grade des Schielens ohne Muskel- 
trennung, durch Ausschneiden eines Stücks der Bindehaut ... 29 
Ueber die Anzeigen und Gegenanzeigen der Operation des Schielens 31 

Instrumenten -Apparat zur Operation des Schielens 32 

Beschreibung der Schieloperation im Allgemeinen 33 

Durchschneidung des Musculus rectus internus, des inneren graden 

Augenmuskels 34 



VI 

* Seite. 

Fixining und Bildung einer zu durchschneidenden Conjunctiva- 

falte 34 

Einführung des Muskelliakens 36 

Lösung des Muskels von der Sclerotica 37 

Durchschneidung des Muskels oder seiner Sehne 38 

Unmittelbare Folgen nach der Operation 39 

Ueberblick der Operation eines gewöhnlichen Falles von Strabis- 
mus convergens, von den gewöhnlichen Folgen begleitet ... 39 
Durchschneidung des Musculus rectus externus, des äusseren gra- 

den Augenmuskels 40 

Durchschneidung des Musculus obliquus superior s. trochlearis, des 

oberen schiefen Augen - oder Rollmuskels 43 

Durchschneidung des Musculus rectus superior s. attoUens oculi, 

des oberen graden Augenmuskels 45 

Dul"chschneidung des Musculus rectus inferior s. deprimens, des un- 
teren graden Augenmuskels •• . . 47 

Durchschneidung des Musculus obliquus inferior, des unteren schie- 
fen Augenmuskels 48 

Ueber subcutane Durchschneidung der verkürzten Augenmuskeln 

beim Schielen i9 

Unmittelbarer Einfluss der Muskeldurchschneidung auf die Stellung 

des Auges 50 

Unmittelbai-e Einwirkung der Operation auf die Iris 57 

Unmittelbarer Einfluss auf das Sehvermögen 58 

Ueber den Thränenfluss während der Operation des Schielcns ... 59 

Einfluss der Operation des Schielens auf das Nervens3'stem 00 

Ueber Blutungen und Nachblutungen bei der Operation des Schie- 
lens 02 

Behandlung nach der Operation des Schielen's 00 

Von der Entzündung nach der Operation des Schielens 09 

Von den Wucherungen der Wunde nach der Operation des Schie- 
lens 82 

Von den späteren Merkmalen, welche nach der Operation des Schie- 
lens am Auge wahrgenommen werden 86 

Von der stärkeren Prominenz und beschränkten Beweglichkeit des 

Augai»fels nach der Operation des Schielens 87 

\on dem Verhalten der durchschnittenen Augenmuskeln und dem 
Werthe der verschiedenen Operationsmethoden 90 



Vll 

Seite, 

Von der Eifrenthümlichkeit der Conjnnrtiva beim Schielen 05 

Abnormer Zustand der Augenmuskeln licim Scliielen Dß 

Mang-clliaftc EntAvickelung der Augenmuskeln und Mikro]ththaimus 07 

Bifurcation der Augenmuskeln '.(8 

Alinormer Ansatz der Muskeln an den Auga|)fcl <>8 

Zu grosse Kürze und Länge der Augenuuiskeln beim Schielen . . . J03 
Verschiedenheit der Augenmuskeln in Hinsicht auf ihre Stärke . . 104 
Widernatürliche Entwickelung der Augenmuskeln beim Schielen . . 105 

llypertropliie der Augenmuskeln iieim Schielen i07 

Veränderung der Augenuniskeln durch Entzündungen J09 

Zustand der Augenmuskeln bei Kraui|if und Lähmung 110 

Ueber die Operation des Schielens im früheren Lebensalter III 

lieber die Operation des Schielens im späteren Lebensalter 113 

Ueber die Anzeigen, ob beim Schielen beider Augen die Operation 

zugleich oder zu verschiedenen Zeiten verrichtet werden soll . 116 
Das Schielen nach innen (Strabismus convergeus s. internus) . . . 120 

Das Schielen mit dem rechten Auge nach innen 127 

Das Schielen mit dem linken Auge nach innen 130 

Das Schielen mit beiden Augen nach innen (Strabismus internus 

duplex s. binocularis internus) 132 

Vom Rückfall des Schielens nach der Operation 138 

Beobachtungen vom Fortdauern des Schielens nach der Operation 
des Strabisnuis convergens, nach der Durchschneidung des Mu- 
sculus rectus internus 140 

Von der Verbesserung der Stellung der Augen nach der anschei- 
nend erfolglosen Durchschneidung des Muskels 142 

Von der Wiederholung der Operation wegen Recidiv des Schie- 
lens 146 

Vom Schielen nach aussen (Strabismus divergens s. externus) ... 152 

Strabismus divergens und Ptosis des oberen Augenlides 162 

Ueber das Schielen nach der Operation auf die entgegengesetzte 

Seite 166 

Das Schielen nach innen und oben (Strabismus internus superior) . 177 
Das Schielen nach oben (Strabismus sursum vergens s. superior) . 182 
Das Schielen nach unten (Strabismus deorsum vergens s. inferior) 187 
Das Schielen nach unten und aussen (Strabismus inferior et ex- 

temus) 188 

Die Operation des Schielens bei grossen Centralleukomen 189 



VIII 

Seite. 

Die Operation des Schielens bei grossen Leukomen der Hornhaut 
und früiierer künstlicher Pupillenlnldung 191 

Die Operation des Schielens beim Staphyloma pellucidum 193 

Das Schielen mit Verdunkelung der Linse (Strabismus cum Cata- 
racta) 194 

Von den Pendelschwingungen des Augapfels (Nystagmus bulbi, Ny- 

staxis) 199 

Höherer Grad von amaurotischer Amblyopie in Folge des Schie- 
lens 208 

Das Schielen in Folge von lähmungsartigen Zuständen der Netzhaut 214 



Allgemeine Bemerkungen über das Schielen. 

i^chon in den ältesten Zeiten wurde das Schielen als einer 
der entstellendsten Fehler des mens;chlichen Angesichts betrach- 
tet und mit Xo'^ov ßlinnv, limis ocuHs adspicere, bezeichnet. 
Während der Anblick eines Blinden das grösste Mitleid erregt, 
fühlt sich Jeder bei dem eines Schielenden höchst unangenehm 
betroffen. Ein schielendes Auge ist unfähig, die edelsten Em- 
pfindungen der Seele auszudrücken, und alle Affekte, welche 
sich auf dem schönsten Gesichte mit schielenden Augen ma- 
len, erscheinen carricaturartig. Der vom Zorn entbrannte Schie- 
lende hat etwas Diabolisches und lebhafte Freude macht das 
Gesicht zur Fratze. 

^Yeuige^ auffallend ist der fremdartige Ausdruck, welchen 
das Schielen bei einer gewöhnUchen Gesichtsbildung hervor- 
bringt; grosse Ilässlichkcit wird dadurch zur wahren Carrica- 
tur, Schönheit der Formen und der Züge werden dadurch 
gänzlich vernichtet. Es ist erträghcher bei hellen, als bei dun- 
klen, am widerwärtigsten bei schwarzen, feurigen Augen. Das 
Schielen nach innen giebt den Ausdruck von List, wenn sich 
die Züge durch Affekte beleben, das Schielen nach aussen 
den eines leidenden Zustandes mit Zerstreutsein, das nach un- 
ten von Schläfrigkeit und Einfalt, und das nach oben den einer 
schwäi'merischen Andacht. 

So wie bei vielen anderen Fehlern des Gesichts die daran 
Leidenden von dem sie nimmer verlassenden langweiligen Ge- 
fühle, Andern unangenehm zu sein, begleitet werden, so ist 

1 



dies besonders beim Schielen der Fall. Das Bewusstsein die- 
ses Zustandes macht die Schielenden scheu, und von Jugend 
auf bitteren Kränkungen ausgesetzt, verlässt sie die Erinne- 
rung daran nicht. Sie sind blöde und misstrauisch und halten 
ihr Uebel für sehr gross, nicht weil sie schlechtersehen, son- 
dern weil sie dadurch unangenehm anstossen. 



lieber das gestörte Sehvermögen beim Schielen. 

Das Schielen, es mag das Auge nach innen, nach oben, 
nach aussen oder nach unten von der normalen Sehaxe ab- 
gewichen sein, hat immer eine Beschränkung des Sehvermö- 
gens zur Folge, nicht in Bezug auf entfernte Gegenstände, son- 
dern auf das deutliche Erkennen. Es ist diese Amblyopie ihrem 
Grade nach unendhch verschieden, kann aber selbst bis zur 
gänzlichen Aufhebung der Lichtperception gesteigert werden. 
Eine geringe falsche Stellung der Augen nach innen beeinträch- 
tigt, der natürlichen Convergenz der Sehaxen wegen, das Ge- 
sicht weniger als die nach aussen; die abweichenden Richtun- 
gen nach oben und nach imten bringen die geringsten Störun- 
gen im Sehen hervor. Ich habe selbst höhere Grade des Schie- 
lens nach oben gesehen, welche noch mit Ptosis palpebrae 
superioris complicirt waren, wobei das Gesicht keine oder eine 
nur geringe Störung erlitten hatte; nur wenn die Pupille zum 
Theil von dem Rande des oberen Augenhdes bedeckt wurde, 
musste natürhch das Gesicht leiden. 

Die allgemeinste Art der Gesichtsstörung beim Schielen ist 
das Undeutlichsehen; der Gegenstand wird minder klar, gleich- 
sam schwächer erleuchtet gesehen, oder er erscheint dunkler, 
bisweilen von Nebel umhüllt; bisweilen ist die Mitte klarer 
und die Ränder sind verwischt. Die Gesichtsschwäche kann 
einen so hohen Grad erreichen, dass sie wirkliche Amaurose 
wird, und der Ki'anke entweder gar nicht mehr erkennt und 
ijur Tag und Nacht unterscheidet, oder sich im Finstern zu 
befinden glaubt, wenn er nur das schielende Auge ößhet. 



Das schielende Auge hat nicht immer gleiche Sehweite mit 
dem gesunden; ich habe das gesunde Auge bisweilen kurz- 
sichtiger als das undeuthch sehende, schielende, gefunden, 
aber auch wiederum das Umgekehrte bemerkt. 

Der Grad der Gesichtsschwäche richtet sich durchaus nicht 
nach dem Grade des Schielens ; im Allgemeinen sieht zwar das 
schwach schielende Auge besser als das stark schielende, doch 
habe ich auch einige Fälle gesehen, wo ein schwaches Schielen 
von grösserer Gesichtsstörung begleitet war, als ein starkes. 
So leicht es ist, sich den Grund des unvollkommenen Sehens 
beim höchsten Grade des Schielens, wobei die Pupille ganz 
im inneren oder äusseren Augenwinkel wie in einem Abgrund 
verschwindet, zu erklären, so schwer ist dies bei sehr gerin- 
gen Abweichungen des Augapfels. Hier findet keine wesent- 
liche Abweichung der Pupille vom Einfall der Lichtstrahlen, 
oder ein störender Druck eines verkürzten Augenmuskels auf 
den Bulbus statt , sondern das Auge kann frei nach allen Rich- 
tungen bewegt werden. Ich sah einst ein zehnjähriges Mäd- 
chen, welches nur sehr wenig nach aussen schielte. Ein ho- 
her Grad von Gesichtsschwäche — das Kind konnte mit dem 
Auge die Buchstaben nicht erkennen — war die Ursache, dass 
man mich um Rath fragte. Ein einmaliges Betupfen des inne- 
ren Augenwinkels mit Lapis infernalis hob dies Schielen voll- 
ständig und machte das Auge vollkommen sehend. Eben so 
hob die Durchsclmeidung des stark verkürzten Augenmuskels 
bei stärkeren Graden des Schielens und fast gänzhcher Blind- 
heit beide Zustände oft ganz plötzlich. 

In allen Fällen scheint das schielende Auge sich beim Se- 
hen in einem schlummerähnHchen Zustande zu befinden und 
selbst nicht einmal unwillkührhch angestrengt, ja dieses sogar 
aus einem weiterhin anzugebenden Grunde unbewusst vermie- 
den zu werden. So hoch manche Schielende ihr Gebrechen 
anschlagen, so giebt es wieder andere, welche nicht wissen, 
dass sie schielen; sie kennen gar nicht ihren Fehler, nicht 
einmal ihre Gesichtsschwäche. Ich habe mehrere in grosse 
Angst gerathen sehen, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben 

1* 



4 

das gesunde Auge schlössen und nun das schielende schwach 
fanden. Da nur das gesunde Auge den Gegenstand fixirt, so 
bleibt das kranke vom Gegenstande abgelenkt und begleitet 
das erstere in allen seinen Bewegimgen. 



Vom Doppclsehen beim Schielen. 

Ein Begleiter des Schielens ist bisweilen das Doppelsehen. 
Man glaubt, dass es gewöhnhch in der ersten Zeit des Schie- 
lens vorkomme; doch möchte dies wohl schwer zu ermitteln 
sein, da Erwachsene selten schielend werden, und das Uebel 
meistens in so früher Kindheit entsteht, dass man darüber 
nicht ganz klar werden kann. Ich habe ganz kleine schielende 
Kinder allerdings nach einem vorgehaltenen Gegenstande so 
hin und her greifen sehen, als wollten sie zwei erhaschen, 
doch sind die Hand- und Armbewegungen in diesem Alter so 
unbestimmt, und ich sah nicht schielende Kleine nach der vor- 
gehaltenen Uhr eben so hin und her greifen. Man behauptet, 
nach der Entstehung des Schielens solle sich in der ersten 
Zeit immer Doppelsehen einstellen, dieses aber später ver- 
schwinden. Dies ist mir zwar oft vorgekommen, selten dage- 
gen permanentes Doppelsehen vor der Operation, wodurch 
die Patienten gequält wurden. Etwa der dritte Theil der Schie- 
lenden — mehrere Tausende, welche ich zu Gesicht bekam — 
waren mit Diplopie, als einer meistens periodischen Erschei- 
nung, behaftet. Bald kam sie augenbhckhch vor imd hörte 
dann für einige Zeit wieder auf, bald dauerte sie eine län- 
gere Zeit und verschwand dann ganz, oder kehrte nach un- 
bestimmten Intervallen zurück. Kränklichkeit, die Menstruation, 
GemüthsaflFekte u. s. w. waren die constantesten Ursachen der 
periodischen Wiederkehr. Die Operation des Schielens bei vor- 
handenem Doppelsehen hatte im Allgemeinen folgenden Einfluss 
auf dasselbe: Entweder dauerte das Doppelsehen noch einige 
Zeit fort und hörte dann auf, oder es verschwand sogleich für 



immer, oder es stellte sich für einige Zeit ein, wenn es vor 
der Operation nicht da gewesen war. 

Diese doppelten Gesichtsbilder sind selten von gleicher Deut- 
lichkeit^ gewöhnlich ist das eine matter als das andere; das 
gesunde Auge sucht unwillkührlich den Gegenstand in einer 
Richtung zu fixhen, durch welche das schielende ausser Thii- 
tigkeit gesetzt und das Doppelbild vermieden wird. Ich weiss 
mich nicht verständlicher über die ungleiche Deutlichkeit die- 
ser Doppelbilder beim Schielen zu machen, als durch folgen- 
den Versuch: Wenn man einige Zeilen mit recht schwarzer 
Tinte geschrieben hat, unter denen noch weisser Raum ist, 
diese mit beiden Augen fixirt, jetzt mit dain linken Zeigefin- 
ger auf das obere Augenlid und den Bulbus drückt, so sieht 
man dieselbe Schrift noch einmal wie mit blasser Tinte und 
weniger scharfen Contur unter der ersten, v. Walther in sei- 
ner wahrhaft classischen Schrift: „die Lehre vom schwarzen 
Staar und seiner Heilart" (Journ. f. Chirurg, u. Augenlieilkunde 
von V. Graefe u. v. Waltoer, Bd. 30, Heft 3, 18 iL), sagt: dass 
beim passiven monocularen Strabismus jedesmal binoculare 
Diplopie vorhanden sei, vorausgesetzt, dass das schielentlc 
Auge sehe urtd zum Sehen gebraucht werden könne. Die 
Diplopie entstehe daher, dass die beiden Bildchen des sehba- 
ren Objekts in den beiden Netzhäuten auf verschiedene und 
sich nicht entsprechende Felder derselben fallen, im gesun- 
den Auge auf das Gentralfeid, im schielenden auf ein ziemlich 
entlegenes Feld der Retina. Der Mensch sieht einen Gegen- 
stand, obgleich mit zweien Augen, doch nur Einmal, weil die 
Netzhautbildchen desselben in sich ganz correspondirenden Re- 
tinafeldern entstehen, daher auch nur Einmal percipirt werden. 

Das gleichzeitige Schielen beider Augen hat, wenn die- 
selben nur etwas von ihrer natüilichen Stellung abweichen, 
weniger eine Störung beim Sehen zur Folge, als das Schie- 
len auf einem Auge. Da aber bei dieser Schielart ein Auge 
gewölmhch stärker schielt, als das andere, so ist jenes das 
schwächere, und es wird nur das weniser schielende vor 



6 

zugsweise zum Sehen benutzt. Doppelsehen bemerkt man dann 
nur beim Doppelschielen, wenn ein Auge viel stärker, als das 
andere, von der normalen Sehaxe abgewichen ist. Doppel- 
schielen nach innen beeinträchtigt, wie schon vorhin bemerkt, 
das Sehen weniger wiegen der natürlichen Convergenz der 
Sehaxen, als Doppelschielen nach aussen, bei dem die Patien- 
ten meistens nur ein Auge gebrauchen. Bei den höheren Gra- 
den dieses Uebels wenden sie dann noch gewöhnUch den Kopf 
auf die eine Seite, um das stärkere Auge mehr in die Mittel- 
linie des Körpers zu bringen. Buffon ist der Meinung, dass 
gleichzeitiges Schielen mit beiden Augen gar nicht vorkomme. 
Seine Beobachtung, dass manche Doppelschielende sich ihrer 
Augen abwechselnd bedienten, habe ich sehr oft bestättigt ge- 
funden; nahe Gegenstände fassten sie mit dem schwächeren, 
ferne mit dem besseren Auge auf. 

Die Verschiedenheit des gestörten und veränderten Seh- 
vermögens Schielender ist fast eben so mannichfaltig , als das- 
jenige normal gebauter Augen, imd von einem leicht verän- 
derten Blick bis zu einer völligen seitlichen Umdrehung des 
Augapfels giebt es eine unzählige Menge von Gesichtsaltera- 
tionen. 



Ueber das Aufhören des Schielens bei der Schliessung 
des einen Auges. 

Eine interessante Erscheinung beim Schielen ist, dass es 
sogleich aufhört, wenn das gesunde Auge geschlossen wird, 
jedoch wieder eintritt, sobald die Lichtstrahlen in das ge- 
öffnete einfallen. Schon mit der allmähligen Verengerung der 
Augenlidspalte des gesunden Auges nimmt das andere eine 
bessere Stellung an. Am vollkommensten stellt sich das Auge 
beim Schielen nach innen grade, beim Schielen nach innen 
und oben etwas weniger, beim Schielen nach aussen meistens 
nicht ganz vollkommen, eben so beim Schielen nach oben, 
beim Schielen nach aussen und unten wenig , und beim Schie- 



len nach unten sah ich seine Stelle nicht verändert, ^\enn 
das andere Auge geschlossen wurde. 

Beim Doppelschielen hört das Schielen ebenfalls auf, wenn 
ein Auge geschlossen wird, oft aber nicht in dem Grade, wie 
beim einfachen Schielen. In vielen Fällen von Strabismus in- 
ternus verbesserte sich dadurch die Stellung nur wenig; in 
mehreren Fällen von Strabismus internus und externus ver- 
änderte sich die Stellung des Augapfels gar nicht, wenn ein 
Auge geschlossen wurde; und in einigen Fällen wurde die 
Abweichung des Augapfels durch Zuhalten des anderen noch 
vermehrt. 



Verschiedenheit der Pupillenweile beim Schielen. 

Beim völligen Schliessen beider Augen, sowohl beim Stra- 
bismus Simplex als duplex, hört, wie ich glaube, alles Schie- 
len auf und der Augapfel rollt, wie im gesunden Zustande, 
nach oben. Man kann die Cornea durch die Augenlider in der 
Mitte fühlen. Nur bei starker Muskelverkur7Amg und beini Stra- 
bismus paralyticus bewegte sich die Cornea in ihrer falschen 
Stellung nach oben. 

Die Untersuchungen über die Verschiedenheit der Pupille 
beim Schielen haben wenig Aufschluss gegeben, wenigstens 
haben sich keine allgemeine und conslante Regeln daraus ab- 
strahiren lassen. Beim Schielen mit einem Auge war die Pu- 
pille der des gesunden Auges völlig gleich, bei einer grösse- 
ren Anzahl war sie etwas erweitert; beim dritten Grade des 
Schielens, wo ein Theil der Pupille im inneren oder äusseren 
Augenwinkel versteckt war, fand ich sie bisweilen natürlich, 
öfter aber stark erweitert und nur ausnahmsweise sehr con- 
trahirt. Am leichtesten ist hier ihre starke Dilatation zu erklä- 
ren, welche wahrscheinlich die Folge des gestörten Licht ein- 
falls in das Innere des Auges ist. Beim Strabismus superior, 
besonders wenn derselbe mit Ptosis palpebrae superioris com- 
plicirt war, zeigte sich die Dilatation der Pupille als constan- 



• 8 

tes Symptom; die grössere Beschattung des Auges war auch 
wohl hiervon die Ursache. 

Beim Strabismus duplex zeigten beide Augen gewöhnlich 
gleiche Weite der Pupille, in anderen Fällen war sie auf dem 
stärker schielenden Auge am stärksten dilatirt, in den seltne- 
ren dagegen war es umgekehrt. Bei allen Individuen , wo das 
Schielen nicht Folge einer Muskelverkürzung, sondern einer 
Schwäche der Retina war, zeigte sich die Pupille stärker erwei- 
tert, so wie träger gegen das Licht. Doppelsehen und andere 
nicht constante Symptome beim Strabismus waren ebenfalls 
nicht mit feststehenden Abweichungen der Pupille begleitet. 

Unter 24 auf dem rechten Auge Schielenden fanden sich 
12 mit stark erweiterter Pupille ; die meisten dieser Individuen 
sahen doppelt. 

Bei dreien war die Pupille des schielenden Auges sehr we- 
nig erweitert; diese sahen nicht doppelt. 

Bei fünfen waren die Pupillen beider Augen einander 'gleich; 
das Sehen war vollkommen gut. 

Bei einem war die Pupille des schielenden und des ande- 
ren Auges ungemein beweglich, aber gleich; dieser sah nicht 
doppelt. 

Bei einem war die Pupille des schielenden Auges sehr con- 
trahirt; kein Doppelsehen. 

Nur bei einem war die Pupille sehr eng und er sah dop- 
pelt; das Gesicht war sehr kurz. 

Einer mit contrahirter Pupille sah die Gegenstände fast dop- 
pelt; die Hälfte der Crystalllinse war verdunkelt. 

Hieraus folgt, dass die meisten mit stark dilatirter Pupille 
doppelt sehen, diejenigen mit nicht contrahirter Pupille nicht 
doppelt sehen. Nur bei einem der Patienten war die Pupille 
stark contrahirt und dennoch Doppelsehen, doch war er kurz- 
sichtig. 

Unter 12 linken Augen mit convergirendem Schielen fanden 
sich 3 Individuen mit stark erweiterter Pupille, welche dop- 
pelt sahen; 3 andere mit erweiterter Pupille waren vollkom- 
men blind auf dem schielenden Auge. 



9 

Einer mit stark erweiterter Pupille war ein Kind, welches 
nicht Rechenschaft über sein Sehen geben konnte. 

Einer mit stark erweiterter Pupille sah nicht doppelt; das 
Auge war aber kurzsichtig. 

Bei einem Individuum waren beide Pupillen gleich weit 
und Doppelsehen vorhanden. 

Zwei andere mit gleicher Pupille des schielenden und des 
normalen Auges sahen nicht doppelt. 

Hieraus folgt, dass schielende Augen mit erweiterter Pu- 
pille, welche deuthch sehen, doppelt sehen, und dass normale 
Pupillen nicht doppelt sehen. 

Unter 5 Individuen mit Strabismus convergens beider Augen 
fanden sich 4 mit stark erweiterter Pupille; sie sahen dessen- 
ungeachtet nicht doppelt. Ein anderes mit stark contrahirten 
Pupillen sah ebenfalls nicht doppelL 



Verschiedenheit der %\illkührlichen Augenbewegungen 
beim Schielen. 

In Bezug auf die willkührlichen Bewegungen des Augapfels 
beim Strabismus findet eine grosse Verschiedenheit Statt. Bei 
geringeren Graden des Strabismus monocularis kann das Auge 
ohne alle Anstrengung in den entgegengesetzten Augenwinkel 
gedi'eht werden. Bei höheren Graden jedoch nur bisweilen; 
der Kranke empfindet aber dabei eine Art von Gene und nach 
anhaltenden Uebungen dieser Art einen dumpfen Druck. Beim 
höchsten Grade gelingt es selten, die Pupille nur bis in die 
Mitte der Augenhdspalte zu bringen, und besonders beim star- 
ken Strabismus internus und externus kann das Auge nur we- 
nig aus seinem Versteck hervorgewendet werden. Bei orga- 
nischer Verkürzung, sehr ungünstiger Insertion des Muskels, 
oder bei der Paralyse des Opponenten des contrahirten Auges 
wird es nicht von der Stelle bewegt — der Zustand, welchen 
man früher Luscitas nannte. 

Beim Schielen beider Au2;en finden dieselben Differenzen 



10 

statt. Beim parallelen Schielen können beide Augen abwech- 
selnd in die entgegengesetzte Richtung gebracht werden, beim 
gewöhnlichen stärkeren Doppelschielen ist dies nicht der Fall. 
Wenn aber das eine Auge in die günstige Stellung gebracht 
wird, so schielt das andere sogleich in einem höheren Grade, 
als es sonst der Fall war. 



Von den Ursachen des Schielens. 

Das Schielen ist gewöhnlich ein erworbenes Uebel und mei- 
stens disponirt das kindhche Alter dazu; abgesehen davon, 
dass es bei Kindern am häufigsten durch mannigfache Krank- 
heiten des Augapfels, welche eine Localverdunkelung der Horn- 
haut zur Folge haben, entsteht. 

Es hat einer langen und sorgfältigen Beobachtung von mir 
bedurft, um mich ^u überzeugen, dass es ein wirklich ange- 
bornes Schielen gebe. Der Blick eines ganz kleinen Kindes ist 
eigentlich kein Blick, sondern ein dem Gegenstande bewusst- 
loses Entgegenrollen des Bulbus. Erst nach den ersten Lebens- 
monaten habe ich einigemal wirkliches Schielen beobachtet, 
doch auch dieses verschwand meistens wieder, wenn gastri- 
sche Reize entfernt worden waren. Das sogenannte angeborne 
Schielen ist gewöhnhch ein im zartesten Kindesalter durch fort- 
währendes Hinblicken nach irgend einem Gegenstande erwor- 
benes, z. B. nach einem Hutschirme, nach einer Gardine über 
dem Kopfende der Wiege, oder nach einem seithch befindli- 
chen glänzenden Gegenstande. Dass sich übrigens das Schie- 
len von Eltern auf Kinder fortpflanze, ist nicht zu leugnen. 
Ich habe es durch drei Generationen sich fortsetzen sehen 
und öfter schielende Mütter oder Väter mit einer zahlreichen 
Nachkommenschaft schielender Kinder angetroffen. Bei älteren 
Kindern bildet sich bisweilen ein Schielen nach muthwilligem 
Schielen aus, indem eine wirkliche Uebung im Schielen es zu 
einer nicht mehr abzulegenden Gewohnheit macht; ein Muth- 
wille, wie v. Walther sagt, zur eigenen Ergötzung und zu 



n 

jener ihrer Gespielen — gleich dem Gesichterschneiden und 
Grimmassenmachen. Häufii^ seschieht es zur Nachahmuns 
und zur Verspottung eines anderen Schielenden, dessen Um- 
gang mit Kindern, vermöge des im kindlichen Alter so thäti- 
gen Nachahmungstriebes, daher in dieser Beziehung so ge- 
fährhch ist. Immer ist das Schielen, welches aus Angewöh- 
nung entsteht, sei es in zartester oder späterer Kindheit er- 
worben, ein Schielen nach innen, niemals nach aussen, ob- 
gleich der eine Bulbus sich nach aussen dreht, wenn der 
andere nach innen gewendet ist, um die Gegenstände von 
der Seite zu sehen. Hierin liegt ein Beweis, dass der stär- 
kere M. rectus internus den schwächeren äusseren leichter zu 
überwältigen vermag, als umgekehrt. Auch Erwachsene ver- 
mögen willkührlich zu schielen; manche schielen auch unwill- 
kührlich in Momenten des tiefen Nachdenkens oder in der 
Zerstreutheit. 

Je weniger der Gegenstand von der Seite der Erfahrung 
her gekannt war, um so geistvoller waren die Theorien zur 
Erklärung dieses merkwürdigen Augenleidens. Maitre Jean 
setzte den Grund in der fehlerhaften Lage der Hornhaut in 
Beziehung auf die Augenaxe. Mehrere suchten dasselbe nur 
in einer ungleichen Perceptionsfähigkeit der Retina, Andere in 
einer falschen Insertion der Sehnerven. Doch ist es hinläng- 
lich erwiesen, dass der Insertionspunkt der Nervi optici ge- 
rade die Stelle der Retina ist, welche den Emdruck der 
Bilder nicht zum Gehirn fortleitet. Wäre dies aber die Ur- 
sache des Schielens , so müsste dasselbe immer angebo- 
ren sein. BuFFON suchte den Grund des Schielens in der un- 
gleichen Sehkraft beider Augen. Wie viele Menschen giebt es 
aber nicht, welche, ohne an einer Augenkrankheit zu leiden, 
mit dem einen Auge klarer als mit dem anderen sehen, oder 
welche mit dem einen besser nahe, mit dem anderen besser 
fern bUcken; wie viele tragen deshalb nicht Brillen mit ver- 
schieden geschhffenen Gläsern. Niemals bringt diese Gesichts- 
ungleichheit ein Schielen hervor. 

Theilweise Lähmung der Retina kann indessen Ursache des 



12 

Schielens werden. Ich habe bei Individuen jedes Alters, selbst 
noch im höheren mit der allmähligen Abnahme des Sehvermö- 
gens, Schielen entstehen sehen, und mich bei der genauen 
Beobachtung dieses Krankheitszustandes überzeugt, dass der 
Bulbus, indem der noch thätige Theil der Netzhaut das Liclit 
suchte, allmählig mehr in die falsche Richtung gerieth und 
sich an diese gewöhnte. Beim völligen Erblinden blieb ent- 
weder diese Richtung, wenn das Auge lange in der falschen 
Stellung verharrt hatte, oder das Schielen hörte mit Eintritt 
der vollständigen Amaurose auf. 

Unter allen Theorien zur Erklärung der nächsten Ursache 
des Schielens überhaupt, möchte wohl die von Rossi *) aufge- 
stellte die ungenügendste sein. Er will nämlich bei der Un- 
tersuchung der Augenhöhlen von Personen, welche geschielt 
hatten, die Orbitalhöhlen schief imd nicht von der Gestalt einer 
liegenden Pyramide gefunden haben. Die Spitze der Orbita 
neigte sich nämhch bei denen, welche am angebornen Schie- 
len gelitten hatten, entweder n^ch innen oder nach aussen, 
oder nach oben oder nach unten. Rossi glaubt hieraus folgern 
zu müssen, dass ein fehlerhafter Bau der Orbita auch eine 
fehlerhafte Insertion der den Bulbus bewegenden Muskehi und 
also auch ein angebornes Schielen zur Folge haben müsste. 
Ungeachtet mannigfacher Abweichungen im Bau der Orbita, 
glaubt er dennoch nur ein sechsfach verschiedenes Schielen, 
je nach der vorwaltenden Thätigkeit eines der sechs Augen- 
muskeln, annehmen zu dürfen. Endlich meint er, ein durch 
das ganze Leben bestandenes Schielen könne durch Verknö- 
cherung der Orbitalwände gehoben werden. 

Die ganze Behauptung, dass durch den fehlerhaften Bau, 
besonders durch Schiefheit der Orbita, Strabismus hervorge- 
bracht werde, halte ich für unrichtig. Von etwa hundert und 
fünfzig Personen, welche ich an Caput obstipum operirte, 
schielte keine einzige, wiewohl bei einer grossen Anzahl die 



") Meinoires de l'Academ. Roy. des scienccs de Turin. Tom. 34. 
v. Graefe und v. Waltiier Journ. der Chirurg, etc. Bd. 15. 



13 

scr Indmduen, durch das lange Bestehen dieser Formabwei- 
chung, sämmtliche Kopf- und Gesichtsknochen so schief gewor- 
den waren, dass selbst beide Augenhölilcn einen beträchtlichen 
Grad von Schiefheit angenommen hatten und das eine Auge 
einen Zoll höher als das andere stand. Uebrigens ist es auch 
einer der bekanntesten Grundsiitze und Erfahrungen in der 
Physiologie, dass das "Weiche das Harte, und das Edle das 
minder Edle in seiner Form und Gestalt bestimme, das Gehirn 
den Schädel und nicht der Schädel das Gehirn. Wenn Rossi 
die Augenhöhlen einiger erwachsener Schielender, die er se- 
cirte, schief fand, so war diese Schieflieit ofTenbar durch die 
falsche Aktion des Augenmuskels, welcher das Schielen be- 
wirkte, in dem Laufe des Lebens hervorgebracht worden. 
Jedenfalls ist die Anzalil der von Rossi secirten Schielenden 
nicht gross genug, um danach ein Gesetz zu geben. 

Ravaz trug in der Maisitzung der Aeadömie de medicine 
de Paris 1831 eine Abhandlung über das Schielen vor, in wel- 
cher er behauptete, dass nicht die ungleiche Kraft der Augen 
Ursache des Strabismus sei, denn er komme sowohl beim 
grauen als beim schwarzen Staar vor; der Grund des Schie- 
lens sei eine normwidrige Lage der Linse zur Pupille, oder 
jede andere abnorme Anordnung der die Lichtstrahlen bre- 
chenden Flächen des Auges. Wird durch die Paralyse des 
einen Augenmuskels der Parallelismus der Sohaxe gestört, so 
trägt die Abweichung, welche die Crystalllinse mechanisch da- 
durch erfährt, dass die Funktion auf verschiedenen Theilen des 
Auges ungleich ausgeübt wird, noch einige Zeit dazu bei, den 
Einklang wieder herzustellen. Die Vertheilung der Glasfeuch- 
tigkeit in verschiedene Zellen von verschiedener Grösse, und 
in welche sie in eben so verschiedenen Quantitäten abgeson- 
dert werden kann, macht es begreiflich, wie die Neigung der 
Crystalllinse und die Lage dieser Linse zur Pupille verändert 
werden können. — Es ist nicht schwer, das Gesuchte und 
Willkührhche in diesen Annahmen, so geistvoll sie auch er- 
scheinen mögen, zu erkennen. 

Ungleiches Sehvermögen beider Augen kann bisweilen Ur- 



14 

Sache des Schielens werden. Wenn nämlich ein Auge sehr 
kurz-, das andere sehr weitsichtig ist, so würde ein Visus 
conftisus entstehen, wenn beide den Gegenstand fixirten; in- 
dem das erstere sich von demselben abwendet, nimmt es all- 
mähhg eine falsche Stellung an. 

Die häufigsten Ursachen des Schielens sind indessen ört- 
liche Trübungen der Hornhaut, Gentralleukome , das Flügel- 
fell, Synechia anterior und posterior, Verengerungen und Ver- 
ziehungen der Pupille, Cataracta centralis und andere parlielle 
Verdunkelungen der Linse, der Linsenkapsel und des Glas- 
körpers. Alle diese partiellen Trübungen der festen durchsichti- 
gen Medien des Auges veranlassen eine widernatürliche Abwei- 
chung des Bulbus, um den Lichtstrahlen den Einfall durch den 
seithch gelegenen klaren Theil der Hornhaut, der Linsenkapsel 
oder Linse zu verschaffen. Wenn nun auch dergleichen Trü- 
bungen sich späterhin vollkommen wieder aufhellen, so ist die 
abgeänderte Muskelaktion des Augapfels nicht leicht von selbst 
einer Rückkehr zur Norm fähig und das Auge bleibt schielend. 

Krankheiten des Muskelapparats des Bulbus und der Augen- 
hder sind öfters Ursache des Schielens. Defecte an den Augen- 
lidern, Ektropien, partielles Symblepharon und Ankyloblepha- 
ron, Lagophthalmus und Ptosis bringen es hervor. So kann 
letztere bald ein Schielen nach oben, bald nach unten veran- 
lassen, indem der Augapfel bei herabhängendem Augenlide 
sich anhaltend nach oben wendet — die natürliche Richtung 
beim Schliessen der Augenlider — oder indem er sich nach 
unten durch die stärkere Willenskraft der Patienten gewöhnt. 

Sehr häufig ist das Schielen eine Folge der durch irgend 
einen krankhaft entzündlichen oder spastischen Zustand der Be- 
wegmigsmuskehi des Auges veranlassten Störung ihres Gleich- 
gewichts, indem bald die daraus entstehende bleibende Ver- 
kürzung des Muskels den Opponenten überwältigt, bald indem 
ein lähmungsartiger Zustand eines Muskels den gesunden An- 
tagonisten ein bleibendes Uebergewicht einräumt, wie dies am 
häufigsten beim Schielen nach aussen der Fall ist. 

Es folgt aus dem Angegebenen aber nicht, dass das Schie- 



15 

len, welches doch meistens ein gestörtes Gleichgewicht in der 
Wirkung der Augenmuskeln ist, auf einer primären Aflektion 
dieser Theile beruhe. Wie oben bemerkt, sind viele andere 
Krankheiten Ursache dieser Störung des Gleichgewichts, wel- 
ches sich selbst dann nicht wieder herstellt, wenn jene längst 
verschwunden sind. 

Partielle Lähmung der Retina kann ebenfalls ein Schielen 
zur Folge haben, indem der gesunde Theil das Licht sucht. 

Seltenere Ursachen des Schielens sind Verwundungen der 
Weichgebilde in der Umgebung der Orbita, wodurch Verdich- 
tung des Gewebes und Feststehen des Bulbus erzeugt wer- 
den; ferner carcinomatöse Geschwüre, Balggeschwiilste und 
Exostosen an der Orbita. 



Verschiedene Arten des Schielens. 

So wenig auch die frühere Chirurgie in Bezug auf Heilung 
des Strabismus zu leisten vermochte, so genau war sie in der 
Bestimmung der verschiedenen Formen des Schielens. 

Die allgemeinste Eintheilung war die in Strabismus und 
Luscitas (sie rührte von Beer her), mit denen man ohne Rück- 
sicht auf die falsche Richtung, welche der Augapfel nahm, 
zweierlei Zustände bezeichnete. Strabismus nannte Beer das 
Schielen nach jeder falschen Richtung hin mit noch vorhande- 
ner Beweglichkeit; Luscitas hingegen die falsche Stellung des 
Auges bei gänzlich mangelndem Bewegungsvermögen, v. Wal- 
TDER verwirft letztere Benennung mit Recht als ungeeignet. 
Luscitas ist nämlich nur der höchste Grad von Strabismus pa- 
ralyticus, wo ein Augenmuskel völlig unthätig geworden ist. 

Die allgemeinste Eintheilung ist die in Schielen mit einem 
Auge (Strabismus simplex s. monocularis) und in Schielen mit 
beiden Augen (Strabismus duplex s. binocularis). 

Je nach der verschiedenen Abweichung des Augapfels von 
der normalen Sehaxe unterscheidet man folgende Arten des 
Schielens : 



16 

1) Das Schielen nach innen (Strabismus convergens s. in- 
ternus) , wo der Augapfel dem inneren Augenwinkel zugewen- 
det ist; die häufigste Form. Schielen beide Augen nach innen, 
so heisst dies das Zusammenstechen der Augen. 

2) Das Schielen nach aussen (Strabismus divergens s. ex- 
ternus), wo der Augapfel dem äusseren Augenwinkel zuge- 
kehrt ist p die minder häufige Form. 

3) Das Schielen nach oben (Strabismus superior s. sursum 
vergens, Sursum versio oculorum, Uebersichtigkeit] ; eine sel- 
tene Form. 

4) Das Schielen nach abwärts (Strabismus inferior s. deor- 
sum vergens). 

5) Das Schielen nach innen und oben (Strabismus troch- 
learis s. patheticus). 

6) Das Schielen mit einander parallel stehenden Augenaxen 
(Strabismus parallelus); beide Augen schielen, bleiben aber in 
allen Bewegungen mit ihrer falschen Sehaxe in parallelem Ver- 
hältniss; ein Zustand, den die Alten mit ?,o^dv ßXiiveiVj limis 
adspicere oculis, bezeichneten und welchen Buffon „fauxtrait 
de la vue" nennt. 

Es Hessen sich noch mehrere Formen des Schielens auf- 
stellen, doch würde kein Gewinn für die Wissenschaft daraus 
erwachsen, da die meisten Verschiedenheiten bald als geringe 
Abweichungen in der Art des Schielens, bald als verschie- 
dene Stadien dieses Zustandes zu betrachten sind. So hat man 
Strabismus concomitans, das beweghche Schielen, von Stra- 
bismus lusciosus, dem unbeweglichen Schielen, ohne Noth ge- 
schieden. Beim ersteren ist die Beweglichkeit der Augen in 
einem höheren Grade vorhanden, beim letzteren soll, wie schon 
bemerkt, das Auge aus seiner falschen Richtung nicht bewegt 
werden können. Hier können aber ganz verschiedene Ursa- 
chen zum Grunde liegen, entweder übermässige Gontraction 
oder Verkürzung, oder falsche Insertion des Muskels, oder 
Lähmung des Opponenten des gesunden Muskels. 



17 



Verschiedene Grade des Schielens. 

Das Schielen ist dem Grade nach sehr verschieden. Zur 
leichteren Verständlichkeit ist es passend, dasselbe, je nach- 
dem es gering, stärker oder sehr bedeutend ist, unter be- 
stimmte Rubriken zu bringen. Doch ist diese Eintheilung nur 
bei den gewöhnlichen Schielarten, dem Strabismus internus 
und Strabismus externus, passend, da bei den übrigen die 
Abweichungen nur durch schwache Nüancirungen von einan- 
der verschieden sind. 

Der erste Grad des Strabismus convergens besteht in einer 
geringen Abweichung des Auges von der normalen Sehaxe 
nach innen: er ist oft kaum bemerkbar, bisweilen aber schon 
deutlicher markirt; zwischen dem Rande der Hornhaut und 
der Caruncula lacrymalis ist eine noch beträchtliche Fläche 
der Sclerotica sichtbar. 

Der zweite Grad drückt sich schon durch eine stärkere 
Neigung des Rulbus nach innen aus. Der Rand der Iris reicht 
bis an den inneren Augenwinkel; nur ein kleiner Tlieil der 
Sclerotica ist hier noch sichtbar, oder es wird diese Membran 
nur dann gesehen, wenn der Patient den Bulbus nach aussen 
dreht. 

Den dritten Grad von Strabismus internus nennen wir den- 
jenigen, wo nichts mehr von der Sclerotica im inneren Augen- 
winkel sichtbar ist, sondern der Rand der Iris sich hier schon 
versteckt, oder die Cornea sich gar in den Winkel hinabsenkt, 
bald bis zur Pupille, bald über diese hinaus. Es kann sogar 
bei stärkerer Drehung des Augapfels nach innen die ganze 
Iris im inneren Augenwinkel verschwinden, so dass nur die 
Sclerotica gesehen wird. Ein so hoher Grad ist indessen sel- 
ten , aber dennoch mehrmals von mir beobachtet worden. 

Beim Strabismus externus, wo der M. rectus externus über 
den internus das Uebergewicht bekommen hat, finden eben- 
falls dem Grade nach verschiedene Abweichungen des Aug- 
apfels nach aussen statt. 

2 



18 

Erster Grad. Der Bulbus hat eine schwache Neigung nach 



aussen; das Scleroticafeld zwischen dem inneren Augenwinkel 
und dem Hornhautrande ist grösser als an der äusseren Seite 
zwischen dem äusseren Augenwinkel und der Cornea. 

Zweiter Grad. Das Auge ist beträchtlich nach aussen ab- 
gewichen und die Cornea berührt den äusseren Augenwinkel. 

Dritter Grad. Ein grösserer Theil der Iris, oder selbst die 
Pupille und selbst die ganze Iris, drehen sich in den äusse- 
ren Augenwinkel hinein, so dass man von vorn nur die Scle- 
rotica oder einen kleinen unverborgenen Theil der Cornea und 
Iris sieht. Diese Schielart in einem so hohen Grade ist noch 
seltener, als der dritte Grad von Strabismus internus. 

Von der Wirkung der Augenmuskeln. 

Die erste und einfachste Wirkung jedes der vier graden 
Augenmuskeln ist, den Augapfel willkührlich nach seiner Seite 
hin zu ziehen, die der beiden obliqui, unwillkührhche Rota- 
tionen zu bewirken; sie verlaufen nach hinten und aussen, 
umfassen den Augapfel, indem einer schief über, der andere 
unter demselben fortgeht; die graden Augenmuskeln entsprin- 
gen aus dem Grunde der Orbita und setzen sich am vorderen 
Theile des Bulbus an die Sclerotica. 

Ausser jenem Vermögen jedes dieser Muskeln, das Auge 
nach seiner Seite hin zu wenden, also den Bulbus in vier- 
fache Richtung , nach innen, nach aussen, nach oben und nach 
unten, zu ziehen, kann eine combinirte Wirkung zweier Mus- 
keln Statt finden, durch welche der Augapfel in die Richtung 
des freien, zwischen zweien Muskeln befindhchen Raums ge- 
zogen wird, also schräg nach innen und oben, schräg nach 
aussen und oben, schräg nach innen und unten und schräg 
nach aussen und unten. Das erstere geschieht, wenn der Re- 
ctus internus und der Rectus superior zugleich wirken; das 
zweite, wenn der Rectus superior und der Rectus externus 
sich gleichzeitig contrahiren; das dritte, wenn der Rectus in- 



19 

lorniis und dor Rectiis inferior ihre Bewegung associiren; und 
das vierte, wenn der Rectus inferior und der Rectus exter- 
nus liloichzeitig in Aktion treten. 

Durch die vier grackm Augenmuskeln wird der Augapfel 
in der Augenhöhle festgehalten, und durch eine ihnen eigen- 
Ihiiniliche. meiner Meinung nach verhältnissniässig stärkere 
Muskelkraft als irgend eines anderen Muskels, fest gegen seine 
Scheide und das unterliegende Fettpolster angedrückt, auf wel- 
chem Grunde er durch eigene Elasticität mit Blitzesschnelle 
umherrollt. Dass die Kraft der vier Augenmuskeln sehr be- 
trächtlich sein müsse, zeigen die Fülle von Lähmung der Augen- 
muskeln, wo der Augapfel weit aus der Orbita hervortritt. 
Wenn man Thieren die vier graden Augenmuskeln durchschnei- 
det, so wird das Auge auch viel prominirender, aber bei wei- 
tem nicht in dem Grade, wie es nach einer solchen Operation 
beim Menschen geschehen würde, da bei jenen der Bulbus 
durch den M. retractor noch festgehalten wird. Schon die 
Durchschneidung eines Augenmuskels beim Schielen, beson- 
ders beim Schielen nach innen, ist bisweilen von einem be- 
deutenden weiteren Hervortreten des Auges aus seiner Höhle 
begleitet, und es stellt sich bald im Augenblicke der Opera- 
tion, bald auch erst später ein. Schliessen des Auges, Druck 
durqh einen Gharpiebausch und Pflasterstreifen geben biswei- 
len zum günstigen Zusammenwachsen der Muskelenden, ohne 
eine bedeutend grosse Mittelsubstanz, Veranlassung. Nach der 
Durchschneidung eines sehr gespannten und verkürzten Mus- 
kels, wodurch sehr starkes Schielen bewirkt wurde, war diese 
scheinbare Vergrösserung am auffallendsten, wenig oder gar 
nicht nach der Operation eines geringeren Schielgrades, oft 
auch nicht einmal so stark, als wenn der äussere und innere 
Muskel zugleich durchschnitten wurden. Bell in seinen geist- 
reichen Untersuchungen über das Nervensystem schreibt dem 
M. orbicularis palpebrarum eine bedeutende Kraft zu, den 
Augapfel in der Augenhöhle zurückzuhalten, und bemerkt, 
dass nach Lähmungen des M. orbicularis palpebrarum der 
Augapfel weit stärker prominire. Ich habe mich sorgfältig be- 



20 

müht, dies zu erforschen, aber keine einzige Thatsache dafür 
aufgefunden. Bei Lähmungen des M. faciahs schien wegen der 
stets weit aufstehenden Augenhdspalte der Bulbus stärker zu 
prominiren; aber dies ist nur Täuschung, und genauere Ver- 
suche und Vergleichungen mit der anderen gesunden Seite 
bewiesen dies bis zur Evidenz. Bei totalen Ektropien des obe- 
ren und unteren Augenlides, ja beim Mangel beider Augen- 
lider trat der Augapfel nicht weiter hervor; er schien aber 
wegen seiner mangelnden Bedeckung grösser und stärker pro- 
minirend. 

Die vereinte Wirkung der vier graden Augenmuskeln zu- 
gleich ist eine höchst beschränkte, nämlich den Augapfel beim 
angestrengten Sehen etwas vorzudrängen; ein Zurückziehen 
durch sie nach hinten ist nicht möglich und nur ein Festhal- 
ten findet Statt. 

Die Musculi obliqui, welche man früher für die Antagoni- 
sten der recti ansah, und denen man die Function, den Aug- 
apfel schwebend zu erhalten und eine antagonistische Wirkung 
gegen die graden Augenmuskeln zuschrieb , bewirken manche 
unwillkührliche Bewegungen des Auges und vervollständigen 
die Wirkungen jener in mehreren Directionen. Sowohl ihrer 
geringen Zahl, ihrer Schwäche und ihrer eigenthümlichen In- 
sertion wegen, wodurch sie viel schnellere Bewegungen hervor- 
bringen als die recti, können sie nicht Antagonisten dieser sein. 
Sie sind unter einander Antagonisten. Gh. Bell und die mei- 
sten Physiologen schreiben dem M. obliquus superior das Ver- 
mögen zu, den Bulbus nach aussen und unten zu rollen, dem 
unteren nach oben und innen. Obgleich ich diese Annahme 
für richtig gehalten hatte, so wurde ich doch durch vielfache 
Operationen schielender Augen vom Gegentheil überzeugt. 
Wenn ich z. B. beim starken Schielen nach innen und oben 
den M. rectus internus durchschnitten hatte, so änderte sich 
die falsche Stellung des Augapfels öfter nur wenig oder auch 
gar nicht; wenn ich dann aber den Conjimctivaschnitt nach 
oben verlängerte, um die Sehne des trochlearis bloss zu le- 
gen und diese dann ebenfalls durchschnitt, so stellte sich der 



21 

Augapfel, indem er den Winkel verliess, bald gleich, bald spä- 
ter grade. Eines grösseren Beweises für die Wirkung des Irocli- 
learis, der Pupille die Richtung nach innen und oben zu geben, 
bedarf es nicht. Phillips bestätigt diese meine Beobachtungen 
durch viele eigene *). Nur darin kann ich ihm nicht beistimmen, 
dass der M. obliquus inferior gemeinschaftlich mit dem superior 
das Auge nach innen drehe, wiewohl er nach seiner Durch- 
schneidung gesehen hat, dass der nach innen und unten ge- 
richtete Augapfel eine grade Stellung annimmt. 

Die Schnelligkeit der Bewegungen des Augapfels durch die 
Wirkung der Muskeln wird durch eine den Bulbus umgebende 
Sehnenhülle, die von Tenon zuerst angedeutet und von Bon- 
net näher beschrieben wurde, befördert. Diese zarte fibröse 
Scheide hegt zwischen dem Augenhöhlenfett und der Sclero- 
tica. Sie hat nach hinten ihre Befestigung am Nervus opticus 
und nach vorn an den Augenlidern. Sie wird von den gra- 
den und schiefen Augenmuskeln durchbohrt, ehe diese sich 
an die Sclerotica ansetzen. Die Gontraction der Augenmuskeln 
erstreckt sich nicht allein auf den Bulbus, sondern auch auf 
diese Hülle. Wird also der Augapfel bewegt, so bewegen sich 
die Augenlider schon zum Theil in Folge der Anziehung die- 
ser fibrösen Scheide mit. Die Operation des Schielens, beson- 
ders w-enn ein etwas grösserer Conjunctivasclinitt gemacht 
wurde, hat daher, wegen gleichzeitiger Durchschneidung der 
Aponeurosc, eine geringere Vergrösserung der Augenlidspalte 
zur Folge, welche aber auch mit Folge des stärkeren Vortre- 
lens des Bulbus nach der Muskeldurchschneidung ist (Phillips 
a. a. 0.1. 



"j Ch. Phillips de la Tenotoinie sous - coutanee, ou des Operations 
qui se pratiquent pour la giierison des pieds-bots, du torticolis, de la 
contractiire de la main et des doifts, ties fausses ankyloses angulaires 
du genou, du strabisme, de la myopie, du bepaieiiient etc. Acconipague 
de 12 planches. A Paris cliez Baillierk. 1841. 



22 



Geschichte der Schieloperation. 

Es sind so el)en zwei Jahre verflossen, als mir die Freude 
zu Theil wurde, die erste Operation an einem schielenden 
Auge mit Erfolg zu machen. Es war der 26. October 1839, 
Nachmittags 3 Uhr, als ich dieselise, von den Doctoren Böhm, 
HoLTUOFF, Reicre, Graf Bylandt, Völker, Berexd und Herrn 
HiLDEBUANDT untcrstützt, Unternahm. Es war ein Knalje von 
7 Jahren, welcher nach innen schielte (Vereinszeitung, 1839.). 

Ich gestehe, dass das Gelingen dieser ersten Schielopera- 
tion die grösste wissenschafthche Genugthuung war, welche 
mir jemals in meinem Leben zu Theil geworden ist, da mir 
die Wichtigkeit einer Operation zur Hebung eines der unan- 
genehmsten Gebrechen deutUch in ihrem ganzen Umfange vor 
Augen schwebte. Mit einer in der Wissenschaft fast unerhör- 
ten Eile, mit der Geschwindigkeit einer pohtischen Nachricht 
verbreitete sich die Kunde von der Schieloperation über die 
ganze civihsirle Erde, und bald erschallten alle Öffenthchen 
Blätter Deulschlands, Frankreichs, Amerikas u. s. w. von den 
zu hundcrten unternommenen Operationen. Waren es nicht 
öfFentliche Blätter, so waren es meine clinischen Zuhörer, 
welche als Aerzte diese neue Operation über Länder und 
Meere trugen und wieder überall Nachahmer fanden. 

War mir auf der einen Seite der Gedanke, eine neue, in- 
teressante, segensreiche, für tausende von entstellten Menschen 
beglückende Operation in den Ki'eis der Chirurgie gezogen zu ha- 
ben, eine innere Befriedigung und hoher Genuss, fühlte ich mich 
durch den Beifall und die Nachahmung ausgezeiclmeter Aerzte 
erfreut, erkannte ich mich durch ihre Theilnahme zu neuen 
Forschungen angefeuert, so hatte diese neue Operation doch 
bald das Schicksal von allem Neuen, dass sie bald für eine Täu- 
schung, bald für etwas Verderbenbringendes gehalten wurde. 
Alles was man indessen für und wider dieselbe dachte und 
schrieb, diente nur zur genaueren Erforschung des Gegenstan- 
tles. War auf der einen Seite die Zahl derer, welche die Mög- 
hchkeit der Operation überhaupt bezweifelten, sehr gross, so 



23 

war die Anzahl derer nicht geringer, welche theils das Auge 
nach der Durchschneidung des Muskels an seinem alten Orte 
verharren, und wieder andere, welche es nach der Operation 
plötzlich in den entgegengesetzten Winkel springen Hessen. 

Es lag indessen im Interesse der Wahrheit und der Wis- 
senschaft, die Resultate meiner bei Schielenden unternomme- 
nen Operationen, von ihrem ersten Beginn bis in die späteren 
Zeiten, dem ehrwürdigen Institut de France, welches einer 
jeden neuen Entdeckung oder Erfindung seine Aufmerksamkeit 
widmet, von Zeit zu Zeit Bericht zu erstatten. Nicht selten 
war seitdem die gedachte Operation der Gegenstand langer 
wissenschaftlicher Unterhandlungen in den Sitzungen des Li- 
stituts, dem bald darauf von allen Seiten die Mittheilungen 
französischer Wundiirztc zukamen, welche diese Operation 
nun auch auszuüben anfingen. 

Nachdem die Schieloperation sich binnen Kurzem Bahn ge- 
brochen, erhoben sich überall, besonders in Belgien und Frank- 
reich, Prioritäts - Prätendenten dieser Operation. Einige be- 
dauerten, ihre Erfindungen unglücklicherweise nicht bekannt 
gemacht zu haben; andere hatten die Beschreibung ihrer Ent- 
deckung zur öffentlichen Bekanntmachung abgesendet, jedoch 
ein Unfall halte die Manuscripte verloren gehen lassen; noch 
andere schickten Gensoul auf Reisen nach Berlin, um mir das 
Geheimniss der Schieloperation mitzutheilen; und dergl. Aben- 
theuer könnte ich noch viele anführen, wenn sie interessirten. 

Die Ehre, die erste Idee der Operation des Schielens an- 
gegeben zu haben, verdanken wir Stromeyer, welcher in sei- 
ner Schrift (Beiträge z. operativ. Orthopädie. Hannover, 1838.) 
sagt, dass er die Schieloperation, nach seinen an Leichen ange- 
stoUten Versuchen, durch Muskeldurchschneidung für möglich 
halte, und hierzu ein Verfahren beschreibt, welches ihm als 
das geeignetste erscheint. Palh's erster Versuch konnte kei- 
nen Erfolg haben, da derselbe nicht vollendet und nur die Gon- 
junctiva verwundet wurde. 

So wie die Chirurgen aller Länder nach der immer mehr 
zunehmenden Anerkennung der Schieloperation in ihrer Aus- 
übung mit einander wetteiferten, und selbst Nichtchirurgen 



24 

sich herbeiliessen, es jenen gleich zu thun, dass es bald zum 
guten Ton zu gehören anfing, ein Schielauge grade zu stel- 
len; so beeiferten sich auf der anderen Seite viele Schriftstel- 
ler, in grösseren Monographien oder Journalaufsätzen die Ope- 
ration des Schielens wissenschaftlich zu bearbeiten. Ich nenne 
hier nur die Schriften von v. Ammon, Verhaege und Phillips: 
in ihnen findet man unsern Gegenstand mit Umsicht und Sach- 
kenntniss abgehandelt. Phillips Werk ist eine Darstellung aller 
tenotomischen Operationen; auf eine geistvolle Weise finden wir 
darin auch den Strabismus abgehandelt, und seine historischen 
Data über die Schicksale dieser und anderer orthopädischen 
Operationen, besonders in Frankreich, geben dem Werke nicht 
bloss einen wissenschaftHchen Werth , sondern machen es auch 
zu einer höchst interessanten Leetüre. 

Wenn ich nun die Namen der Wundärzte, welche die Re- 
sultate ihrer Schieloperationen in Journalaufsätzen oder eige- 
nen Schriften niederlegten, nicht angebe, so mögen dieselben 
mir diese mangelnde Vollständigkeit hier verzeihen; ihre Zahl 
ist zu gross, und da mir nicht alle Namen und Schriften be- 
kannt geworden sind, so hätte ich doch beim best-en Willen 
unvollständig bleiben müssen. In England war Franz der erste, 
welcher vor allen anderen viele Schielende nach meiner Me- 
thode operirte; ihm folgte Lucas, und Beiden wieder die grosse 
Zahl der englischen Wundärzte. 

Aus eben demselben Grunde führe ich auch bei der Be- 
schreibung der Schieloperation keine fremde Methoden an. Bei 
der grossen Anzahl der jetzt schon exislirenden hätte ich diese 
Schrift über Gebühr vergrössern müssen; auch ist dies schon 
deshalb überflüssig, weil Phillips eine beträchtliche Anzahl 
derselben genau besclirieben hat. 

Was meine eigene Methode betriffl, so ist es dieselbe, 
welche mir als die leichteste und zweckmässigste erschienen 
ist. Mit geringen Modificationen und einigen Vereinfachungen 
habe ich sie von Anfang an bis jetzt ausgeübt. Ihre Beschrei- 
bung und die Angabe der dabei gebräuchhchen Instrumente 
folgt weiter unten. 



25 



üebcr die Behandlung des Schielens durch Augen- 
gymnastik, ohne Operation. 

Die Augenheilkunde ist eben so reich an VorscliIäG;en und 
vermeinten hülfreiclien Mechanismen zur Beseitigung des Schie- 
k^ns, als die Bandagenlehre zur Heilung von Contracturen an 
den Gliedmassen es ist. Die Menge der angegebenen Appa- 
rate ist der beste Beweis für ihre Unwirksamkeit, indem man 
immer nach neuen suchte, da die alten nicht halfen. Aus der 
Beobachtung tausender Schielenden, von denen eine grosse 
Anzahl schon in früherer Zeit den verschiedensten üblichen Be- 
handlungsweisen vergebens unterworfen war, habe ich mich 
am besten überzeugt, dass eine Heilung der Art an ein Wun- 
der grunze. Auf der anderen Seite ist mir aber auch wieder 
kein gesunder Mensch vorgekommen, welcher durch Augen- 
gymnastik vom früheren Schielen befreit worden wäre. 

Die Beobachtung, dass nach Schliessung des gesunden Auges, 
oder, wenn es ein Strabismus duplex war, durch Schliessung 
des einen schielenden Auges, das andere eine normale Stellung 
annimmt, führte die Aerzte wohl schon früher auf den Gedan- 
ken, durch Zubinden des einen Auges das andere an eine rich- 
tige Stellung zu gewölmen. Man hoffte, dass auf diese Weise 
der verkürzte ^fuskel sich allmahlig ausdehnen und dadurch 
das Schielen gehoben werde. Diese bis auf die neuesten Zei- 
ten ihrer Leichtigkeit wegen vielfach angewendete Methode 
hat aber nach meinen Erfahrungen in keinem Falle eine Heilung 
bewirkt. Viele der von mir Operirtcn hatten Jahre lang das 
eine Auge verbunden getragen, ohne dass auch nur die ge- 
ringste Besserung danach erfolgt wäre. 

Eine andere, ebenfalls allgemein übliche Behandlung war 
die, dass der Schielende sich mit der Seite gegen eine Wand 
setzte, an welcher eine schwarze Tafel mit einem weissen 
Punkte aufgehängt war, so dass er, ohne den Kopf zu wen- 
den, in der der falschen Stellung des Auges entgegengesetz- 
ten Richtung anhaltend nach dem Punkte hinbhcken musste. 



26 

Diese Augentortur blieb wohl immer erfolglos. Auch Hess man 
den Schielenden sich zur Seite eines Spiegels setzen und durch 
seitliche Drehung des Auges den verkürzten Muskel ausdeh- 
nen. Viele der von. mir Geheilten hatten zwar so viel über 
den verkürzten Augenmuskel gewonnen, dass sie das Auge 
in den entgegengesetzten Winkel zu drehen vermochten, aber 
es kehrte mit dem Aufhören der Uebung sogleich wieder in 
die alte Stellung zurück. 

Die meisten der mechanischen Vorrichtungen wurden an 
das Gesicht befestigt, um den Augapfel zu gewöhnen, das 
durch eine kleine in dem Apparat angebrachte Oeffnung cin- 
faEende Licht nur dann zu percipiren, wenn die Pupille in 
grader Richtung gegen die OefTnung gestellt werde; sie be- 
standen in Masken mit kleinen Augenlöchern, concaven Scha- 
len, welche in der Mitte perforirt waren und um den Kopf ge- 
schnallt wurden. Man glaubte eine grosse Verbesserung später 
noch dadurch anzubringen, dass man auf die Löcher kleine 
Schornsteine setzte, durch welche die Augen herausgucken 
und das Licht einfallen könne. Berühmte Augenärzte, wie 
Bartisch und Solingen, empfahlen zu dem nämlichen Zwecke, 
durchlöcherte Wallnussschalen vor die Augen zu binden; Rei- 
cheren Hess man ähnliche Kapseln von Silber machen und diese 
inwendig schwarz lackiren. Dann glaubte man wieder, das 
Metall erhitze zu sehr und Hess ähnliche Schälchen aus Eben- 
holz anfertigen. Für noch ingeniöser sah man einen Apparat aus 
schwarzem Hörn an, welcher mit einem Riemen um den Kopf 
geschnallt wurde. Die Augenkapseln waren mit durchbohrten 
Schiebern, gleich Fensterladen, versehen, so dass man ilire 
Stellung verändern konnte. Tauber (in Bernstein's Wundarz- 
neikunde, Bd. 4, S. 112.) empfahl einen ähnlichen Apparat; er 
bestand aus zwei Halbkugeln von lackirtem Blech, in deren 
Mitte ein schiebbarer, mit Löchern versehener Riegel ange- 
bracht war, um die Pupille nach dem gewünschten Orte hin- 
locken zu können. 

Eine grosse Rolle im Augenturnen spielten die Schielbril- 
len, welche sich nebst den Nussschalen bis auf den heutigen 



27 

Tag erhalten haben. Entweder waren diese Brillen mit niad- 
geschliffenen Gläsern, in deren Mitte sieii ein klarer Punkt von 
der Grösse der Pupille befand, versehen, oder man hatte statt 
des Glases eine Ilorn- oder schwarz angestrichene Blechscheibe 
mit einem Loche in der Mitte eingesetzt. Mit diesem scheuss- 
hchen Behänge habe ich noch Öfter Kinder angetroffen; die 
armen Kleinen waren dadurch aus der Kinderwelt verbannt. 
Vekduc empfahl gegen convergirendes Schielen eine Brille mit 
zwei Spiegeln, welche sieh im rechten Winkel vereinigten. 
Das auf das schielende Auge rellectirte Licht sollte in diesem 
eine lästige Empllndung hervorbringen und es zwingen, sein 
Heil in der Ausweichung zu suchen. Kann man sich der Ver- 
wunderung über einen solchen Vorschlag wohl erwehren? 

Immer neu und unerschöpflich an Erfindungen von Schiel- 
apparaten war man zu allen Zeiten. Man erhöhte bald den 
Nasenrücken durch Aufbau von einem Pappbügel; man machte 
die Nasenspitze zum Observatorium mit und ohne Spiegel; man 
Hess von der Stirne kleine, nur das halbe Auge bedeckende 
Gardinen herabhängen, oder befestigte an den Schläfen Scheu- 
klappen wie beim Pferdezaum, je nachdem der Patient nach 
innen oder nach aussen schielte. Wie sehr man ins Kleinliche 
ging, beweist, dass man beim divei'girenden Schielen bald ein 
auf der Nasenspitze aufgeklebtes Stückchen rothen Tuches für 
vortheilhafter hielt, als ein schwarzes Pllästerchen! 

Am längsten, und zwar bis auf tlie Schieloperation, haben 
sich bei Kindern die Schielbiillen erhaUen, weil die Aeltern 
dabei die wenigste Mühe haben; bei Erwachsenen das seil- 
liche Blicken nach einem weissen Punkte auf einer schwarzen 
Tafel und das Exerciren der Augen vor einem Spiegel. 

Es giebt wohl kein zweites Beispiel in der Chirurgie, dass 
etwas vöUig Nutzloses, welches noch dazu mit vielen Unbe- 
quemlichkeiten verbunden ist, sich Jahrhunderte erhalten habe; 
ein Beweis von der Lästigkeit dieses entstellenden üebels. Die 
Schieloperation hat über das Schicksal dieser Apparate und 
Methoden entschieden; sie gehören jetzt der Geschichte an. 



28 



Ueber die Heilung des Schielens ohne Muskeldurchschnei- 
dung, durch Aetzen der Bindehaut. 

Bei sehr geringen Graden des Schielens ist die Muskel- 
durchschneidung, weil das Uebel nicht mit der Operation im 
Verhältniss steht, nicht anzurathen; leicht leistet sie hierauch 
zu viel, indem das Auge auf die entgegengesetzte Seite tritt. 
In diesen Fällen von leichtem Schielen habe ich mit grossem 
Erfolge bei einer Anzahl von Individuen, deren Augen unbe- 
deutend nach innen oder nach aussen gedreht waren, folgende 
Behandlung angewendet, welche sich auf Verdichtung der Con- 
junctiva und Anregung des verlängerten Muskels bezieht. Man 
fährt nämlich mit einem Stück Lapis infernalis beim Schielen 
nach innen, in den äusseren Augenwinkel, beim Schielen nach 
aussen in den inneren Augenwinkel, so dass der Lapis sich 
tief eindrückt. Oft hört das Schielen augenblicklich auf. Dann 
wird das Auge mit kaltem Wasser gebähet und im Fall einer 
eintretenden Bindehautentzündung einige Tage damit fortge- 
fahren. Ist die Röthe ganz verschwunden, so wiederholt man 
die Procedur so oft, bis das Auge den falschen Blick verlo- 
ren hat. 

Von dieser Behandlungsweise hat man selbst beim Strabis- 
mus divergens, besonders bei älteren Personen, mehr zu er- 
warten, als von der Durchschneidung des M. rectus externus; 
da der internus, wenn auch nicht gelähmt, doch sehr ge- 
schwächt ist, so tritt das Auge nach der Operation doch nicht 
in die normale Sehaxe ; die wiederholte Anwendung des Lapis 
Infernalis hob indessen das Schielen öfter vollständig. Diese 
Behandlungsweise ist aber nur dann anzurathen, wenn das 
Individuum nicht sehr reizbar, zu Augenentzündungen geneigt 
ist, bei torpiden, besonders älteren Subjekten, deren Gonjun- 
ctiva sehr blass ist. 



29 



\'()n clor fleilung der geringeren Grade des Schielens ohne 

Muskeltrennung, durch Ausschneiden eines Stückes 

der Bindehaut. 

Bei einem sehr geringen Grade des Schielens nach innen 
oder nach aussen, kann die Ausschneidung eines Stückes der 
Bindehaut aus dem entgegengesetzten Augenwinkel ebenfalls 
das Uebel vollkommen heben. Bringt das Aetzcn eine Vordich- 
tung und Verkürzung der Bindehaut und durch Fortpflanzung 
der Entzündung auch eine grössere Derbheit des darunter he- 
genden Zellgewebes, zugleich auch gesteigerte Contractihtät 
des ausgedehnten Muskels hervor, so wird Aehnlichcs hier 
durch den Schnitt bewirkt. Ich kann hier nicht unerwähnt 
lassen, dass es höchst auffallend ist, dass die nämlichen Er- 
scheinungen nach verschiedenartigen Veränderungen der Con- 
junctiva eintreten, da sich grade in dem einen Fall das Ent- 
gegengesetzte zeigen sollte. Es ist bekannt, dass bei einem 
geringeren Grade von Schielen nach innen sich das Auge bis- 
weilen sogleich grade stellt, so wie die Conjunctiva im inne- 
ren Augenwinkel durchschnitten worden. Hieraus müsste nun 
folgen, dass wenn man bei diesem Schielen die äussere Con- 
junctiva einschnitte, oder gar ein Stück von ihr aus dem äusse- 
ren Augenwinkel entfernte, das Schielen nach innen noch 
stärker würde. Dies geschieht aber nicht, im Gegentheil hört 
das Schielen danach später auf. Hieraus möchte der physio- 
logische Schluss zu ziehen sein, dass das geringe Schielen 
ein permanenter Krampf des Muskels sei, welcher vorüber- 
gehend durch Einschneiden der Bindehaut gehoben, nicht aber 
gesteigert werde, dass aber die Verwundung der Bindehaut 
über dem entgegengesetzten Äluskel diesen sogleich zu stär- 
kerer Gontraction anrege. Diese traumatisch- dynamische Ein- 
wirkung kann natürlich nur vorübergehend sein, denn nicht 
die Einschneidung der Bindehaut im inneren Augenwinkel allein 
hebt das geringe Schielen nach innen, und nach dem Aus- 
schneiden der Bindehaut aus dem äusseren Augenwinkel beim 



30 

Schielen nach innen kehrt das Uebel wieder zurück, wenn die 
Reizung nach der Operation vorüber ist; erst mit der eintreten- 
den Vernarbung tritt die grade Stellung des leicht von der nor- 
malen Sehaxe abgewichenen Auges ein. 

Es ist nicht gleichgültig, ob man bei dem leichtesten Grade 
des Schielens, welches man ohne Muskeldurchschneidung he- 
ben möchte, das Aetzen oder die Excision des Gonjuncfiva- 
stücks anwendet. Jene Methode habe ich bei torpiden, blei- 
chen, besonders alteren Subjekten, welche nicht zu Entzün- 
dungen geneigt sind, empfohlen; ferner was die Art des 
Schielens anlangt, ganz besonders beim Strabismus divergens, 
bei dem der M. rcctus internus sich fast immer in einem an 
Lähmung grunzenden Zustande befindet, so dass die llcihing 
dieses Schielens schwerer ist, als die des inneren Schielens. 

Die Excision einer Hautfalte ist besonders bei sehr leichten 
Graden von innerem Schielen junger, l)lühender, kräftiger Sub- 
jekte, bei denen das Aetzen leicht eine Augenentzündung zur 
Folge haben könnte, angezeigt. Sie wird auf folgende Weise 
vorgenommen. Nachdem alle Vorbereitungen wie zur Muskel- 
durchschneidung gemacht und die Augenlider durch Haken 
von einander gezogen worden sind, ergreift man mit einer 
Hakenpincette eine starke Conjunclivafalte im äusseren Augen- 
winkel und zwar hart an der Gränze zwischen Conjunctiva 
biilbi und palpebrarum. Diese hebt man in die Höhe und 
schneidet mit derScheere, deren convexe Seite dem Augapfel 
zugekehrt worden , ein Stück von zwei bis drei Linien sammt 
einer Parthie des darunter liegenden lockeren Zellgewebes mit 
einem Schnitt aus. Hier ist die Pincette dem Häkchen vorzu- 
ziehen, da die zusammengeklemmte Bindehaut sich leichter 
abschneidet, als wenn sie zeltartig mit dem Häkchen aufgeho- 
ben worden. 

Die geringe Blutung wird durch kaltes Wasser gestillt, und 
das Auge dann nicht so streng antiphlogistisch, als nach der 
Muskeldurchschneidung behandelt. Eine unbedeutende Röthe 
pflegt sich in den nächsten Tagen an dem Operationsorte zu 
zeigen; nach dem Ausflusse einiger Thränenfeuchtigkeit bildet 



31 

sich später eine schleimige, eitrige Absonderung, welcher die 
Vernarbung folgt. Erst mit ihr stellt sich das Auge grade. 
Wenn dies aber nicht der Fall sein sollte, so wiederholt man 
nach einiger Zeit die Operation, indem man von Neuem ein 
StUck aus der Bindehaut ausschneidet; dies darf aber nicht 
früher geschehen, als nach drei bis vier Wochen, wenn die 
Narbe nicht mehr roth aussieht und weich und nachgiebig 
geworden is(. 



Uebcr die Anzeigen und Gegenanzeigen der Operation 
des Schielens. 

Da der Zweck der Operation des Schielens Verbesserung 
des Sehvermögens und Hebung der vorhandenen falschen Stel- 
lung des Augapfels ist, so kann sie im Allgemeinen da Statt 
finden, wo wir beides ohne Gefahr für das Individuum oder 
das betheiligte Organ zu erreichen hoffen. Der Schielende 
muss von gesunder Constitution sein, an keiner anderen acu- 
ten oder chronischen Krankheit leiden, nicht sehr vulnera- 
bel sein und frühere Verletzungen leicht überstanden haben. 
Scrophulöse Ophthalmien, von denen noch grosse Schwäche 
zurückgeblieben ist, so wie frühere, Besorgniss erregende 
rheumatische Augenentzündungen machen die Operation be- 
denklich; wenigstens versäume man hier nicht, den Kranken 
vorher einer angemessenen Vorbereitungscur zu unterwerfen. 
Vollsäftige, dicke Personen lasse man einige Zeit vor der Ope- 
ration auflösende und abführende Mittel nehmen. 

Dass man, eben so wenig wie bei Krankheiten der Binde- 
haut, auch nicht bei völliger Verdunkelung der Hornhaut, bei 
Staphylomen, Kranklieiten des Glaskörpers und der Retina die 
Operation unternehmen dürfe, bedarf wohl keiner Erinnerung. 
Bei heilbarer Verschhessung oder Verengerung der Pupille, 
bei der Cataract, welche Heilung durch die Operation ver- 
spricht, kann sie dagegen angezeigt sein. Geschwächtes Seh- 
vermögen auf dem schielenden Auge, wobei keine bedenkli- 



32 

chen amaui'otischen Symptome, als, feurige Lichterscheinun- 
gen u. s. w., vorhanden sind, ist keine Gegenanzeige gegen 
die Operation, da diese Gesichtsschwäche meistens Folge des 
Schielens ist und sich nach der Operation verliert. Partielle 
Verdunkelungen der Hornhaut, welche den Lichteinfall hin- 
dern, sind eine Hauptanzeige für die Operation. Obgleich das 
Schielen durch sie veranlasst wurde, so hat sich im Laufe der 
Zeit ihr Umfang verkleinert, so dass die Lichtstrahlen, nach- 
dem das Auge durch die Operation in die normale Stellung 
gebracht worden, doch zur Retina gelangen können. 

Vor allen anderen Formen des Strabismus indicirt diejenige 
die Operation, wo ein Augenmuskel eine falsche Insertion hat 
oder permanent verkürzt ist, und wo nicht andere wichtige 
Gründe die Operation verbieten. 

D\iiamische Krankheiten der Augenmuskeln, tonische und 
klonische Krämpfe , Nystagmus indiciren die Operation eben so 
gut, wie organische Contracturen derselben. Dass die Operation 
auch beim paralytischen Schielen durch Durchschneidung des 
contrahirten gesunden Muskels undExcision der Bindehaut über 
dem gelähmten und durch Verkürzung des gelähmten Muskels 
indicirt sein könne, beweisen meine eigenen Beobachtungen. 

Es scheint mir überflüssig, an dieser Stelle noch ausführ- 
Mcher über die Anzeigen und Gegenanzeigen der Operation 
zu handeln; statt aufzuhellen, würde ich nur verdunkeln. Nur 
durch die Erfassung des ganzen Gegenstandes kann man zu 
einem klaren Urtheil gelangen. Unser Thema ist aber so um- 
fangreich, dass er sich vorläufig noch nicht unter einzelne 
allaemein gültige Rubriken zusammendrängen lässt. 



Instrumenten -Apparat zur Operation des Schielens. 

Für den Anfänger in der Chirurgie gebe ich hier eine Be- 
schreibung und Abbildung der Instrumente, welche ich mir als 
die bequemsten zur Operation des Schielens anfertigen Hess. 
Sie haben so grossen Beifall gefunden, dass sich ihrer viele 



33 

Wundärzte bedienen. Man glaube nur nicht, dass ich auf die- 
selben einen grossen Werth lege; mancher Chirurg wird ge- 
wiss andere Formen für passender halten und Haken und 
Scheere oder Messer nach seiner Phantasie formen, wie dies 
auch schon häufig geschehen. 

1) Ein PELLiEn'scher Augenlidhalter für das obere Augenlid. 

2) Ein gestielter Doppelhaken, dessen Klauen durch einen 
Querbalken verbunden sind, für das untere Augenlid. 

3) und i) Zwei feine gestielte Häkchen zum Auflieben einer 
Conjunctivafalte (Conjunctivahäkchen). 

5) Eine auf der Fläche gebogene kleine, an den Seiten der 
Blätter überall abgerundete Augenscheere mit gleichen Spitzen. 

6) Ein stumpfer gestielter Haken zum Hervorziehen dos Mus- 
kels (Muskelhaken). 

Ausser diesen wesentlichen Instrumenten muss man eine 
Hakenpincette zum Fassen eines Stückchen Schwamnis, um 
damit vielleicht einige Bluttropfen zu entfernen, bei der Hand 
haben. Andere als die angegebenen Instrumente sind überflüs- 
sig; so z. B. geknöpfte oder ungeknöpfte Messer, da alle zu 
durchschneidenden Theile sich am besten mit der Scheere 
trennen lassen. Ein feines Doppclhäkchcn gebrauche ich nur 
dann zur Fixirung des Bulbus, wenn die Operation wegen Re- 
eidiv des Schielens wiederholt wird; ein einfaches Häkchen 
vertritt indessen auch hier bisweilen die Stelle des doppelten. 

Beschreibung der Schieloperation im Allgemeinen. 

Assistenten drei; für den Geübten nur zweL 

Der Kranke sitzt auf einem Stuhl, gegen das Fenster ge- 
richtet. Hinter ihm steht ein Assistent, gegen dessen Brust er 
den Hinterkopf stützt. Dieser übernimmt den oberen Augen- 
Udhalter und den einen Conjunctivahaken. 

Der zweite Gehülfe kniet vor dem Kranken und hat das 
Geschäft, das untere Augenhd mit dem Doppelhaken herab- 
zuziehen. 

Der dritte reicht dem Operateur zu, was er gebraucht. 

3 



34 

Das Anlegen einer Binde über das gesunde Auge, wie man 
es bei der Operation der Cataraet wohl zu machen pflegt, ist 
bei der Schieloperation nicht bloss unnöthig, sondern auch un- 
passend; denn da sich der Augapfel danach grade stellt, so 
kann man nach der Durchschneidung des Muskels nicht be- 
urtheilen, ob die Operation oder das Verschhessen des an- 
deren Auges diesen Erfolg herbeigeführt habe. 

Nachdem nun Alles gehörig vorbereitet worden, legen der 
erste und der zweite Gehülfe gleichzeitig die beiden ersten 
Finger der linken Hand, jener oberhalb des oberen, dieser 
unterhalb des unteren Augenlides auf den Orbitah'and und 
ziehen die AugenUder etwas stark auseinander, wodurch sie 
sich vom Augapfel entfernen und die Einführung der Augen- 
lidhalter, ohne den Bulbus zu berühren, leicht zulassen. Wird 
die Augenlidspalte bloss auseinander gezogen und werden die 
Lider nicht vom Bulbus entfernt, so schlagen sich die Rander 
nach innen um und reizen den Bulbus. Bei unaufmerksamen 
Assistenten geschieht dies sehr leicht. 

Durchschncidung des Musculus rectus internus, (hfi^ 
inneren graden Augenmuskels. 

Als Norm diene hier die Operation von Strabismus conver- 
gens des rechten Auges. Der M. rectus internus ist der kür- 
zeste und stärkste von allen Augenmuskeln. Er entspringt von 
dem gemeinschaftlichen Sehnenstreifen und der Scheide des 
Sehnerven, läuft zwischen der inneren Wand der Orbita und 
der Nasenseite des Bulbus mid setzt sich 2i Linien vom inne- 
ren Bande der Hornhaut an. Krauss (Handbuch d. menschl. 
Anatomie) giebt die beste Beschreibung der Augenmuskeln. 

Fixirung des Augapfels und Bildung einer zu durch- 
schneidenden Conjunctivafalte. 

Der Operateur häkelt nun hart am Augapfel, correspondi- 
rend dem inneren Augenwinkel, dort wo sich in der Tiefe 



35 

die Sehne des inneren graden Augenmuskels an die Sclero- 
tica setzt, die Conjunctiva flach an. 

Hierauf rollt er durch sanftes Anziehen des Hakens den 
Augapfel etwas weiter in die Mitte und übergiebt ilrn der lin- 
ken Hand des ersten Assistenten, welcher mit der rechten 
schon den Augenlidhalter führt. 

Hält also der erste Assistent nun auch das Conjimctiva- 
häkchen, so häkelt der Operateur die Bindehaut zum zweiten 
Male an, etwa eine Linie von dem äusseren Bande der Horn- 
haut, wo sie sich noch auf dem Bulbus aufheben lässt. Dieser 
2weite Anhäkelungspunkt liegt genau in horizontaler Bichtung 
von dem ersteren, von welchem er ein bis anderthalb Linien 
entfernt sein muss, um Baum für die zu machende Incision 
zu haben. 

Operateur und Assistent ziehen nun gleichzeitig die Häk- 
chen etwas stärker an, wodurch sich eine scharfe kleine Con- 
junctivafalte bildet. Diese Falte wird nun durch die Spitzen 
der mit ihrer concaven Seite dem Auge zugewandten Scheere 
durchschnitten. In der sogleich breit auseinander klatTenden 
Spalte bemerkt man ein lockeres, klares, durchsichtiges Zell- 
gewebe, welches, wenn der innere grade Augenmuskel weit 
nach vorn inserirte, oder wenn der Augapfel stark auf die 
entgegengesetzte Seite gerollt war, seine Sehne und ihn selbst 
durchscheinen lässt. Bisweilen wird durch eine etwas drei- 
stere und tiefere Durchschneidung der Conjunctivafalte der 
ganze vordere Theil des Muskels entblosst. Bleibt er noch von 
Zellgewebe bedeckt, so trennt man dies mit kleinen, tiefer 
eindringenden Schccrenschnitten, während man mit dem Con- 
junktivahäkchen, welches die Unke Hand hält, den Augapfel 
allmählig auf die entgegengesetzte Seite rollt, um das Zell- 
gewebe anzuspannen und den Muskel weiter aus der Tiefe 
hervorzuziehen. Hierauf bahnt man sich mit einem kleinen 
Schnitt am vorderen unteren Bande des Muskels einen Weg 
zur hinteren Fläche desselben, so dass die Spitze der geschlos- 
senen Scheere zwischen ihn und die Sclerolica vordrinet. 



36 



Einführung des Muskelhakens. 



Der stumpfe Muskelhaken wird an der Stelle , wo die Scheere 
zuvor einen Weg unter den Muskel gebahnt hat, unter diesen 
hindurch geführt, und in dem Augenblicke das Conjunctiva- 
häkchen, durch welches man den Augapfel nach aussen zog, 
bei Seite gelegt. Durch den Muskelhaken hat man den Bulbus 
völlig in seiner Gewalt, wie den Fisch am Angelhaken. Man 
zieht nun den Haken an, dreht dadurch das Auge mehr nach 
aussen und zieht den Muskel mehr hervor. Der Gehülfe, wel- 
chem das erste Conjunctivahäkchen übergeben war, erhält 
den äusseren Rand der Bindehautwunde fortwährend ange- 
spannt, um den Einblick in die Tiefe zu erleichtern, und im 
Falle sieh einige Tropfen Blut in der Wunde zeigen sollten, 
diese mit einem Stückchen Schwamm, welches von einer fei- 
nen Hakenpincette gehalten wird, aufsaugen zu können. 

Die Durchführung des stumpfen Ilakens unter dem Muskel 
ist einer der wichtigsten Theile bei der Opertition und es kön- 
nen dabei verschiedene Fehlgriffe und Irrungen Statt finden, 
Zuerst kann wohl bei etwas stärkerer Blutung und Färbung 
des Zellgewebes durch das in dasselbe ergossene Blut, oder 
bei rigider Beschaffenheit desselben, bei tiefer Lage eines klei- 
nen, stark nach innen schielenden Auges, ein Bündel Zell- 
gewebe mit dem Ilaken aufgenommen und als vermeinter Mus- 
kel dm^chschnilten werden. Ein anderes Älal kann der stumpfe 
Haken, besonders bei dünner Beschaffenheit und ungewöhn- 
licher Breite des Muskels, zwar an der richtigen Stelle, am 
Rande des Muskels eindringen, und nur die Hälfte oder eine 
noch grössere Portion von ihm aufnehmen und mit der Spitze 
sich einen Weg zwischen den Muskelfasern hindurch bohren, 
den übrigen Theil aber auf dem Augapfel liegen lassen. Dies 
mag wohl nur dem Ungeübten begegnen; der Geübte kann 
aber darin fehlen, dass einzelne Fäserchen am Ausführungs- 
rande des Hakens nicht von diesem mit aufgenommen werden. 
Möglich ist es sogar, dass der Haken schon bei der Einfüh- 



37 

rung den richtigen Weg verfehlt und sich mit Hinterlassung 
eines Theils des Muskels den Ausweg am rechten Orte sucht. 
Dass der kleinste Fehler dieser Art ein Verfehlen der Opera- 
tion zur Folge hat, versteht sich von selbst. 

Der ]\[uskelhakcn, welcher unter dem Muskelbauche drei bis 
vier Linien hinterwärts der Sehne, und zwar an der Stelle, 
wo die Scheere einen kleinen freien Raum im Zellgewebe ge- 
macht hat, hindurch geführt worden, gleitet nun beim Anzie- 
hen des Ilakens, um das Auce etwas mehr auf die ent^Ci'en- 
gesetzte Seite zu rollen, bis dicht hinter die Sehne, da das 
zwischen dem Muskel und dem Bulbus liegende laxe Zell- 
gewebe dieses Vorgleiten leicht gestattet. Dicht hinter der 
Sehne den stumpfen Haken sogleich durchzuführen, ist schwie- 
riger, weil dazu der Raum enger und das Zellgewebe fester 
ist, als weiter nach hinten. 

Der nun unter dem Muskel hindurch geführte Haken er- 
scheint am Ausgangspunkte, an dem entgegengesetzten Rande, 
als ein kleiner Kegel. Da er stumpf ist, so durchbohrt er das 
Zellgewebe nicht, sondern schiebt dasselbe vor sich her und 
schimmert mit seiner glänzenden Spitze durch das Zellgewel)C 
hindurch. Ein gewaltsames Hindurchdrangen der Spitze würde 
schwierig und immer mit einiger Insultation des Bulbus be- 
gleitet sein. Es ist ziemlich gleichgültig, ob man der Spitze 
des Hakens durch ein Scheerenschniltchen einen Ausweg ver- 
schafft, oder ob man dies wenige Zellgewebe undurchsclinit- 
Icn lässt. 



Lösung des Muskels von der Sclerotica. 

Die Lösung des Muskels von der Sclerotica ist bei stark 
Schielenden noth wendig, wenn nicht Verwachsung an dem 
Trennungsorte wieder Statt finden soll. Dies geschieht auf fol- 
gende Weise: Während der Muskelhaken durch Anziehen den 
Muskel spannt, geht man mit der geschlossenen Scheere, deren 
feine Branchen an den Seitenflächen abgerundet sind, unter 



38 

den Muskel, imd schiebt die Scheere zwischen ihm und die 
Sclerotica eine Strecke nach hinten. Selten findet sich hierbei 
einiger Widerstand; nur bei kleinen, tiefliegenden, stark nach 
innen schielenden Augen habe ich die unblutige Trennung des 
verbindenden Zellgewebes durch einige kleine Scheerenschnitte 
unterstützt. 

Auf die Nothwendigkeit dieses Manövers , die hintere Fläche 
des Muskels von der Sclerotica durch Abschieben mit der 
Scheere zu trennen, kann ich nicht genug aufmerksam machen. 
Die meisten Recidive kamen bei denjenigen von mir oder von 
anderen Aerzten Operirten vor, wo dasselbe unterlassen wor- 
den war, und hier zeigte sich immer eine innige Verwach- 
sung der durchschnittenen Theile mit einander. 



Durchschneidung des Muskels oder seiner Sehne. 

Während der Muskclhaken den aus der Tiefe hervorgezo- 
genen Muskel gespannt erhält, wobei sein concaver Theil sich 
hinter der Sehne befindet, wird die Spitze des einen Schee- 
renblattes seitlich neben dem Rande der Sehne unter diese 
geschoben und dieseUje mit einigen kleinen Schnitten hart 
am Bulbus durchschnitten. Um der Spitze des Scheerenblattes 
das Vordringen zu erleichtern und ihr Platz neben dem Haken 
zu verschaff en, lässt man den Haken nicht allein an-, sondern 
auch abziehend wirken. Der Haken ist nun durch die Tren- 
nung der Seime befreit; da aber Muskeln, oder Sehnen, oder 
straffe Zellgewebefasern ungetrennt gebheben sein könnten, 
so fiilirt man den Haken, wenn man das Auge nicht sogleich 
eine bessere Stellimg amiehmen sieht, wieder in die Wunde, 
um die noch hindernden Fasern zu fangen und nachträglich 
zu durchschneiden. Die Durchschneidung des Muskelbauches 
geschieht, indem ein Scheerenblatt unter demselben durchge- 
führt wird, 3 bis 4 Linien von der Sehne entfernt. 



:{0 



Unmittelbare Folgen nach der Operation. 

Mit der Durchschneidimg der Sehne oder des Muskels hört 
aller Widerstand in den Theilen des inneren Augenwinkels auf. 
Der Muskelhaken wird nun bei Seite gelogt und die etwanige 
Blutung gestillt. Man sieht, wie durch die Gontraction des Mus- 
kels sich die abgeschnittene Sehne weiter nach hinten zurück- 
zieht von dem Orte ihrer Abtrennung, welcher sich als ein 
kleiner rauher Fleck auf der glatten Sclerotica markirt. Ausser- 
dem wird aber jenes Entfernen des frei gewordenen sehnigen 
vorderen Muskelendes von seiner früheren hiscrtion besonders 
durch das Umgerolltwerden des Augapfels nach vorn bewirkt. 
Je woniger der Muskel an seiner hinteren Fläche getrennt 
wurde und je weniger der Augapfel nach der blossen einfa- 
chen Durchschneidung in seiner falschen Stellung verharrte, 
um so geringer ist die Entfernung des Muskolendes von sei- 
nem früheren Insertionspunkte. Wird der Muskel selbst durch- 
schnitten, so entfernen sich beide Enden bald mehr, bald we- 
niger von einander, je nach dem Grade der Gontraction oder 
der veränderten Stellunc des Bulbus. 



['eberblick der Operation eines gewöhnlichen Falles von 

Strabismus convcrgcns, von den gewöhnlichen 

Folgen begleitet. 

Die Operation ist auf die beschriebene Weise vollzogen 
worden; man hat beim Aufheben der Gonjunctivafalle im inne- 
ren Augenwinkel sich recht nahe dem Bulbus gehalten und 
ihren durchsichtigen Theil elevirt, dabei blutführende Gefäss- 
chen möglichst vermieden. Man ist tiefer bis auf den Muskel 
eingedrungen; einzelne Bluttropfen oder ein etwas stärkerer 
Blutfluss sind mit Sclnvammstückchen, welche an einer Pin- 
cette durch die Hand eines geschickten Assistenten geführt 
worden , aufgesogen ; der Muskel ist gelöst. So wie er durch- 



40 

schnitten wird, rollt das Auge sogleich in die normale Seh- 
axe; in einzelnen Fällen, besonders wenn der Muskel stark 
verkürzt und gespannt war, hüpft er mit einer zuckenden Be- 
wegung in die Mitte. In einem anderen Falle verändert der 
Bulbus seine Stellung wenig. 

Durchschneidung des Musculus rectus externus, des 
äusseren graden Augenmuskels. 

Die Durchschneidung des Musculus rectus externus ist bei 
weitem schwieriger, als die des inneren graden Muskels; theUs 
liegt dies in der Localität, theils in der Beschaffenheit des Mus- 
kels. Die erste Schwierigkeit macht nun die Gonstruction des 
äusseren Augenwinkels , dessen Ecke sich nicht in dem Grade 
wie der laxe, weit geöffnete Angulus internus auseinander zie- 
hen lässt, sondern selbst bei weit von einander entfernten 
Augenlidern als ein scharfer Einschnitt erscheint. 

Der Musculus abducens ist der längste von den sechs Augen- 
muskeln ; er ist dünner als der Musculus rectus internus , aber 
dicker als der obere und untere. Er entspringt von der ge- 
meinschaftUchen Sehne und von der äusseren Wurzel des Pro- 
cessus clinoideus anterior mit zwei Zipfeln, welche einen Spalt 
zwischen sich lassen, geht an der äusseren Wand derAugen- 
hölile entlang, nähert sich allmähhg dem Bulbus, und setzt 
sich genau in der Richtung des äusseren Augenwinkels an 
die Sclerotica, und zwar meistens 3^ Linien vom Rande der 
Hornhaut entfernt. Es finden sich rücksichtlich der Insertions- 
stelle bedeutende Verschiedenheiten; bisweilen befindet sie 
sich noch weiter nach hinten, bisweilen, und zwar bei grossen 
Glotzaugen, weiter nach vorn, wo man den vorderen Theil 
desseU3en bei der Drehung des Auges nach innen deutlich 
durch die Conjunctiva kann durchscheinen sehen. Während 
der M. rectus internus sich mit einer kurzen, glatten, scharf 
geränderten Sehne an die Sclerotica ansetzt, bildet der vor- 
dere Theil des M. abducens eine breite, dünne Aponeurose, 
welche aus deuthchen stärkeren, sehnigen Längenfasern be- 



41 

steht, die durch ein zartes, nachgiebiges Zellgewebe aneinan- 
der gehalten werden. Wird der Augapfel nach aussen durch 
die Contraction des Muskels gedreht, so treten die Schnen- 
bündel zusammen und die Aponeurose wird durch Schmäler- 
werden verdichtet. Wird der Augapfel stark gegen die Nase 
gewendet, dann geht der Muskel, während er nachgiebig folgt, 
vorn breit auseinander, so dass die einzelnen Sehnenfasern 
von einander weichen und man durch die Zwischenräume hin- 
durch bisweilen die Sclerolica sehen kann. Bei grossen, vor- 
liegenden Augen lassen sich die Wirkungen des äusseren und 
inneren Muskels am Lebenden sehr schön beobachten. 

Dreierlei ist bei der Operation zu berücksichtigen: 1) be- 
deutende Enge und Unnachgiebigkeit des Angulus externus im 
Vergleich zu dem internus; 2) weiter nach hinten gelegene In- 
sertionsstelle ; 3) membranartige Ausbreitung des Muskels. 

Der zu Operirende sitzt wie bei der Durchschneidung des 
inneren graden Augenmuskels. Der hinter ihm stehende Ge- 
hülfe, gegen dessen Brust das Hinterhaupt gestützt wird, und 
der vor ihm knieendo zweite Assistent ziehen zugleich die 
Augenlider vom Bulbus ab und führen nun in einem Tempo 
die Augcnlidhalter ein. Diese Halter müssen aber bei dieser 
Operation recht weit nach aussen eingesetzt werden, damit 
der Winkel gehörig weit auseinander gezogen und der Muskel 
nach der Durchschneidung der Bindehaut ganz deutlich ge- 
sehen werden könne. 

Hierauf wird ein Conjunctivahäkchen in dem Zwischenraum 
zwischen der Cornea und der Insertionsstelle des Muskels flach 
durch die Bindehaut hindurch geführt, nachdem der Kranke 
zuvor erinnert worden, nach innen zu sehen. Dann wird das 
Auge durch das Häkchen etwas stärker nach innen gerollt und 
das zweite Häkchen etwa zwei Linien weiter nach vorn eben- 
falls flach durch die Conjunctiva geführt. Das erste Häkchen 
übernimmt die zweite Hand des Assistenten, welcher mit der 
ersten den Lidhalter des oberen Augenhdes dirigirt; der Ope- 
rateur aber behält in der Linken das Conjunctivahäkchen, 
durch welches das Auge in Adduction erhalten wird. 



42 

Die zwischen beiden Häkchen hegende Conjimctiva wird 
nun eben so wie bei der Operation von Strabismus conver- 
gens, als scharfe Falte in die Höhe gezogen und mit der Spitze 
der Scheere, deren Concavität dem Bulbus zugewendet ist, 
durchschnitten. Das Ligamentum palpebrae externum, welches 
bis dahin gespannt erscheint, tritt nach der Durchschneidung 
der Falte nicht mehr deutlich hervor. Während nun die Wund- 
ränder klafifend auseinander weichen, dilatirt man die Wunde 
mittelst der Scheere weiter nach oben und nach unten, ver- 
meidet beim Durchschneiden des darunter liegenden Zellgew^e- 
bes den blutreichen Theil desselben, und präparirt die Apo- 
neurose des Muskels und einen Theil von ihm selbst bloss. 

Die Durchführung des stumpfen Hakens unter dem Muskel 
hat hier nichts Besonderes ; doch brauche man hier noch melu* 
als bei der Operation am M. rectus internus die Vorsicht, den 
Haken vor dem undeutlichen Rande ein- und auszuführen, 
seine Breite also über das Maass anzuschlagen, damit nicht 
Fasern von ihm zurückbleiben. Er ist nämhch bisweilen bei 
grosser Dünne so breit, dass man mit dem Haken aus seiner 
Mitte eine Portion herausgreifen, und in der Meinung, den 
ganzen Muskel gefasst zu haben, diese durchschneiden und 
den oberen und unteren Rand zurücklassen könnte. Die Ope- 
ration wäre dann ganz vergebens. 

Die Losschiebung des Muskels von der Sclerotica geschieht 
nun, wälirend man mit dem Muskelhakcn das Auge noch wei- 
ter nach innen rollt; dass das Conjunctivahäkchen, welches 
das Auge dirigirte, zuvor entfernt werden muss, versteht sich 
von selbst. Ein Scheerenschnitt durch das Zellgewebe am un- 
teren Rande des Muskels bahnt ihren gesclilossenen Branchen 
den Weg zwischen Muskel und Augapfel, welche man durch 
schiebende Bewegung von einander trennt, Ist dies geschehen, 
so schneidet man die membranöse Muskeladhäsion mittelst der 
Spitze der Scheere von der Sclerotica ab, oder durchschneidet 
den Muskel selbst 3 bis 4 Linien davon entfernt, worauf das 
Auge sich grade stellt. Ist dies noch nicht der Fall, so fischt 



43 

man mit dem Haken nach undurchschnitteneu Sehnenfasern 
umher, und sind diese nicht mehr vorhanden, so spaltet man 
die Gonjunctiva noch etwas mehr nach oben und unten, da 
sie den Augapfel noch festhalten könnte. Verändert sich dann 
noch nicht die Stellung des Augapfels und findet man nirgends 
ein Hinderniss, so schneidet man mittelst der Schecre ein Stück 
der Bindehaut am inneren Augenwinkel aus. 

Durch die Excision eines Stückes der Bindehaut aus dem 
inneren Augenwinkel, wird eine Verkürzung dieser Membran 
zur ünterstützAmg des geschwächten M. rectus internus beab- 
sichtigt. Die Durchschneidung des M. rectus externus allein 
ohne dieses Manöver führt selten zum Ziel. Das Anlegen eines 
Fadens um die Sehne des durchschnittenen M. rectus exter- 
nus, vermittelst dessen das Auge nach innen gerollt und des- 
sen anderes Ende auf der Nase befestigt wü-d, sichern den 
Erfolg noch mehr. 

Die Blutung ist bei der Durchschneidung des M. abducens 
in der Regel noch unbedeutender, als bei der des adduccns; 
oftmals habe ich diese Operation gemacht, ohne ein Tröpfchen 
Blut gesehen zu haben; in einigen Fällen war die Blutung in- 
dessen so bedeutend, dass die Operation dadurch etwas auf- 
gehalten wurde. 



Durchschneidung des ]\Iusculus obliqims supcrior s. trocii- 
learis, des oberen schiefen Augen- oder Rollnmskels. 

Der M. troclilearis ist von den sechs Augenmuskeln der 
dritte in Hinsicht auf seine nothwendige Durchschneidung. Ge- 
wöhnlich wird er nach der vorangegangenen Trennung des 
M. adducens beim starken Schielen nach innen durchschnit- 
ten , wenn die Section des rectus internus die falsche Stellung 
des Auges nicht gehoben hat. Für sich allein habe ich den 
Rollmuskel besonders beim Nystagmus bulbi mit dem abdu- 
cens durchschnitten. Es scheint mir nothwendig , sich die Lage 



44 

der schrägen Augenmuskeln zu vergegenwärtigen. Sie sind 
schwächer als die graden, liegen ober- und unterhalb des 
Augapfels und inseriren sich, eine tendinöse Structur anneh- 
mend, an den hinteren Theil der Sclerotica, 8 bis 8^ Linien 
vom Rande der Hornhaut entfernt. Der M. obliquus superior 
ist unter allen Augenmuskeln der längste und dünnste. Er 
entspringt sehnig vom inneren Rande des Foramen opticum 
und der Scheide des Sehnerven; sein runder, schnurartiger 
Bauch läuft längs des oberen Randes der inneren Wand der 
Augenhöhle zwischen dem M. rectus superior und M. rectus 
internus nach vorn und oben. Nach vorn verwandelt er sich 
in eine Sehnenschnur, welche durch einen H Linien breiten, 
knorpeligen Halbring (trochlea) geht. Diese Rolle ist an der 
Fovea trochlearis oder Spina trochlearis des Stirnbeins befe- 
stigt. Die Sehne wird von einer mit der Fascia bulbi oculi 
zusammenhängenden Synovialscheide umgeben. Hierauf wen- 
det sich die Sehne unter einem spitzen Winkel nach hinten 
und aussen, läuft oberhalb des Augapfels schräg nach hinten 
in die Tiefe der Orbita zurück und senkt sich hier unter den 
M. rectus superior. Endlich sich ihrem Ende nahend, vertauscht 
sie ihre runde Gestalt mit einer platten und setzt sich in der 
Gestalt einer breitgedrückten Schnur am hinteren Theile des 
Bulbus an die Sclerotica. Dieser Punkt befindet sich nicht ganz 
in der Mitte der Augenhöhle, sondern liegt etwas mehr nach 
aussen, nach der Schläfe zu, als nach innen. 

Soll der M. patheticus unmittelbar nach vorangegangener 
Trennung des M. rectus internus, welche auf die oben be- 
schriebene Weise vorgenommen ist, diu-chschnitten werden, 
so häkelt man die Conjunctiva bulbi wieder fest, rollt den Aug- 
apfel, mit Unterstützung des Willens des Kranken, stark nach 
unten und aussen, und dilatirt die frühere, zur Durchschnei- 
dung des M. adducens gemachte Conjunctivawunde noch um 
einige Linien nach oben. Durch den oberen Augenlidhalter 
zieht der Assistent das Augenlid während dessen sehr stark 
in die Höhe. Zeigt sich die Sehne des Muskels beim starken 
Herabziehen und Auswärlswenden des Auges , so wird er mit 



45 

dem Muskelhaken hervorgezogen und die Sehne dicht an der 
Sclerotica mit der Scheere abgeschnitten. Bei mehreren Sub- 
jekten hörte unmittelbar nach der Durchsclmcidung des troch- 
learis das Schielen auf, wenn es auch nach der des internus 
noch fortdauerte; bei anderen erfolgte dies erst später. 

Soll der M. troclilearis allein, ohne vorangegangene Tren- 
nung des adducens, durchschnitten werden, welches ich nicht 
wegen Schielens nach innen vorgenommen habe, da dieser 
Muskel zu schwach ist, um es allein hervorzubringen, sondern 
nur beim Nystagmus bulbi, so sind alle Vorbereitungen zur 
Operation wie bei der Durchschneidung des M. rcctus inter- 
nus. Die Conjunctivafalte wird nur etwas höher in dem inne- 
ren Augenwinkel gebildet, der Augapfel stark nach unten und 
aussen mittelst des einen Conjunctivahäkchcns gerollt, der 
Schnitt durch die Conjmictiva ^ Zoll gross gemacht und die 
mit dem Muskelhaken hervorgezogene Sehne dicht an der Scle- 
rotica getrennt. Ein Losschieben und Ablösen dieses Muskels 
ist wegen der Laxität des verbindenden Zellgewebes unnöthig. 
Die Operation kann sehr leicht, aber auch sehr schwer sein, 
und letzteres besonders durch einige Blutstropfen werden, da 
die Sehne dünn und leicht zu verkennen ist. Unmittelbar nach 
der Durchschneidung zieht sie sich in das Zellgewebe etwas 
zurück. 



Durchschneidung des Musculus rectus superior s. altollens 
ocuH, des oberen graden Augenmuskels. 

Dieser Muskel ist der dünnste und entspringt am oberen 
und äusseren Rande des Foramen opticum, von der äusseren 
Wurzel des Processus clinoideus anterior und von der Scheide 
des Sehnerven. Er läuft unter dem M. levator palpebrae su- 
perioris über den Augapfel hin und setzt sich, 3|- Linien vom 
oberen Rande der Hornhaut entfernt, an die Sclerotica. 

Die Durchschneidung dieses Muskels erfordert grosse Be- 
hutsamkeit, theils wegen seines weit nach hinten befindlichen 



46 

Ansatzpunktes, theils wegen der mögliclien Verletzung des 
M. levator palpebrae superioris und des obliquus superior. 

Nachdem die Augenlider, besonders das obere, durch Ha- 
ken weit zurückgezogen sind, setzt man das Conjunctivahäk- 
chen recht weit nach vorn ein, um nicht etwa blutreiches 
Zellgewebe mitzufassen. Das zweite Conjunctivahäkchen muss 
höher hinauf flach angesetzt und nur die transparente Binde- 
haut gefasst werden. Die durch das Anziehen beider Häk- 
chen, von denen das obere der Assistent, das untere der 
Operateur halt, gebildete Falte wird dicht am Bulbus durch- 
schnitten und dann die Wunde nach beiden Seiten hin noch 
vergrösser t. Je grösser die Wunde ist, um so weniger ist Ge- 
fahr einer Verletzung des trochlearis vorhanden. Jetzt zieht 
der Operateur den Augapfel immer weiter abwärts und durch- 
schneidet die sehnige Augapfelhülle, wobei er immer hart am 
Bulbus mit der Schecrenspitze bleibt, um keine Blutung zu 
veranlassen, welche hier sehr störend ist. Jetzt wird man die 
sehnige Ausbreitung des Muskels sehen. Liegt diese klar vor 
Augen, so schiebt man die Spitze der geschlossenen Scheere 
unter den Muskel, um ihn von der Sclerotica etwas zu lösen 
und die Einführung des stumpfen Hakens zu erleichtern. Ist 
dies geschehen, so wird der Muskelliaken beim linken Auge 
von aussen, beim rechten Auge von innen unter den Muskel 
durchgeführt, dieser stärker angezogen und mit der Scheere 
durchschnitten. War das Schielen nach oben sehr stark und 
zeigte der Muskel einen grossen Widerstand, so ist es um so 
nöthigcr, dass er gehörig gelöst und sämmtliche sehnige Fibern 
durchschnitten werden, weil sonst leicht ein Recidiv des Schie- 
lens entsteht. Nachdem die Blutung gehörig gestillt worden, 
schlägt man nach Entfernung der Conjunctivahäkchen die grosse 
gelöste Fläche der Bindehaut wieder über den Bulbus. 



47 



Durchschneidung des Musculus rectus inferior s. depri- 
mens, des unteren graden Augenmuskels. 

Die Durchschneidung des unleren graden Augenmuskels 
wegen Schielens allein habe ich nur einmal vorgenommen, da 
mir nur ein Fall von Schielen nach unten in Folge einer wider- 
natürlichen Verkürzung des unteren graden Augenmuskels, und 
zwar in neuester Zeit, vorgekommen ist; bei Nystagmus bulbi 
habe ich dieselbe mehrmals ausgeführt. 

Der M. rectus inferior ist etwas dicker als sein Opponent, 
der obere grade Muskel; er entspringt gemeinschaftlich mit 
dem äusseren und inneren graden Augenmuskel von einem 
platten , sehnigen Streifen an der Seitenfläche des Körpers des 
Keilbeins, welcher durch die Fissura orbitalis superior in die 
Augenhöhle hineinragt und in drei Zipfel sich spaltet. Er geht 
auf dem Boden der Augenhöhle von hinten nach vorn und 
setzt sich an den unteren und vorderen Theil des Bulbus an 
die Sclerotica. Dieser Punkt ist di-ei Linien vom Rande der 
Hornhaut entfernt. 

Die Vorbereitungen zur Operation sind dieselben, wie bei 
der Durchschneidung anderer Muskeln. Nachdem die Augen- 
lider durch die Augcnlidhalter auseinander gezogen worden, 
lehnt der Ki-anke den stark hintenüber gebogenen Kopf ge- 
gen die Brust des Assistenten. Die Gonjunctivafalte wird dann 
in der Mitte zwischen dem unteren Rande der Hornhaut und 
der Furche, wo sie sich an das untere Augenlid hinüber- 
schlägt, gebildet, und mit dem oberen Conjunctivahäkchen der 
Bulbus zugleich stark nach oben gerollt. Die dann mittelst der 
Scheere durchschnittene Gonjunctiva muss eine -i- Zoll lange 
V^^unde zeigen. Beim tieferen Eindringen mit der Scheere 
stösst man auf den M. obliquus inferior. Ist auch dieser der 
Sitz eines pathischen Zustandes, welcher die Durchschneidung 
iudicirt, so wird er mit dem Muskelhaken fixirt und durch- 
schnitten; w^o nicht, so wird er bei Seite gezogen, mit der 
Spitze der geschlossenen Scheere gelöst, der Augapfel noch 



4$ 

stärker nach oben rotirt, der reclus inferior mit einem zwei- 
ten stumpfen Häkchen hervorgezogen und mit der Scheere 
getrennt. 



Durchschneidung des Muscukis obhcjims inferior, des 
unteren schiefen Augenmuskels. 

Die Durchschneidung dieses Augenmuskels möchte wohl 
nicht für sich allein wegen Strabismus vorkommen ; nur gleich- 
zeitig mit der des M. obliquus superior wegen Nystagmus halje 
ich sie vorgenommen. Der M. obliquus inferior ist von den 
Augenmuskeln der kürzeste; er entspringt vom Unteraugen- 
höhlenrande zwischen dem unteren Ende der Fossa lacrima- 
lis und dem Canalis infraorbitalis, geht dann auf dem Boden 
der Augenhöhle entlang und liegt unter dem M. rectus infe- 
rior nach hinten und aussen; darauf wendet er sich zwischen 
dem Bull3us und dem M. rectus externus nach oben und setzt 
sich an die äussere Seite hinterwärts an den Bulbus an, in- 
dem seine hinteren Fasern horizontal über denselben empor- 
steigen. Die Insertionsstclle an den Bulbus ist 8 bis 8i Linien 
vom Rande der Hornhaut entfernt. 

Die Durchschneidung dieses Muskels geschieht auf folgende 
Weise: Die Stellung des Kranken, die Vorbereitung zur Ope- 
ration, das Auseinanderziehen der Augenlider u. s. w., haben 
nichts Besonderes. Man lässt nun den Kranken in die Höhe 
sehen, führt ein Conjmictivahäkchen flach durch die Gonjun- 
ctiva bulbi, behält den Stiel des Häkchens in der Hand, rollt 
den Augapfel dadurch noch stärker in die Höhe, setzt ein 
zweites Conjunctivahäkchen ein, und durchschneidet mit der 
Scheere die Bindehautfalte so, dass eine Wunde von i Zoll 
Länge entsteht. Entfernt man sich beim tieferen Eindringen 
mit der Scheere nicht zu weit vom Bulbus, so bleibt die Wunde 
klar, und man findet auch diesen Muskel bald, welchen man 
dann mit dem stumpfen Haken hervorzieht und an der Scle- 
rotica oder weiter hinterwärts durchschneidet. Nur bei ab- 



49 

weichender Richtung vom Bulbus gelangt man in sehr blut- 
reiches Zellgewebe, dessen Einschneiden die Operation durch 
Blutimg verzögern kami. 



lieber subcutane Durchsclmcidung des verkürzten 
Augenmuskels beim Schielen. 

Der grosse Vorzug der subcutanen Durchschneidung ver- 
kürzter Sehnen und Muskeln beim schiefen Halse , bei Contrac- 
turen an Armen und Beinen und vielen anderen Difformitaten 
vor der älteren Operationsmethode, die Haut vorher zu spalten 
und dann den Sehnen- oder Muskelschnitt vorzunehmen, mussto 
in mir, der ich einige tausend Mal die subcutane Durchschnei- 
dung von Sehnen und Muskeln gemacht habe, frühzeitig den 
Gedanken erwecken, ob es nicht möglich sei, diese Operations- 
methode auch auf das Auge zu übertragen, und beim Schie- 
len den verkürzten Augenmuskel, von einem kleinen Einstich- 
punkte aus, unter der Conjunctiva zu durchschneiden, wie 
GuERiN und Wolf empfohlen haben. Diese Operationsmethode 
ist aber aus wichtigen Gründen nicht empfehlenswerth. 

Wenn wir beim Klumpfuss die Achillessehne nach voran- 
gegangener Spaltung der Haut tremien, so entsteht profuse 
Eiterung, und die Heilung erfolgt erst nach geraumer Zeit mit 
Narbenbildung und Verschmelzung der Haut- und Sehnennarbe, 
daher behinderter Beweghchkeit des Theils. Wird die Seime 
subcutan durchschnitten, so entsteht keine Eiterung und die 
Wunde ist binnen einigen Tagen geheilt. Aus diesem Grunde 
ist die letzte Methode jetzt allein üblich. 

Verhält sich dies auch so am Auge? Entsteht nach Spaltung 
der Conjunctiva und dann vorgenommener Durchschneidung 
des Augenmuskels eme profuse Eiterung, welche Monate lang 
dauert und sich Gänge in das Zellgewebe der Orbita bahnt? 

Niemals. Bei keinem von 1200 von mir nach meiner Me- 
thode operirten schielenden Auge , w^obei niemals der Subcon- 
junctivalschnitt angewendet war, entstand je Eiterung und lang- 

4 



50 

same Heilun2 mit dichter verkürzender Narbe. Die Entstehunc; 
von profuser Eiterung kann also kein Einwurf gegen den Con- 
junctivaschuitt sein. 

Wie heilt denn der Conjunctivaschnitt? 

Immer durch schnelles Verkleben der Wundränder ohne 
Eiterung, wie ich vorhin bemerkt habe, also mit derselben 
Leichtigkeit, wie bei der äusseren Haut der Subcutanschnitt. 

Ist denn ein kleiner Einstich in die Bindehaut und die sub- 
cutane Durchschneidung des Muskels nicht schneller, leichter 
und sicherer auszuführen und der Erfolg der Operation nicht 
günstiger und gefahrloser? 

Was die Schnelligkeit und Leichtigkeit dieser Operations- 
methode betrifft, so wird der Geübte die eine wie die andere 
Methode mit gleicher Geschicklichkeit und Schnelligkeit aus- 
führen; denn die Zeit, welche der Conjunctivaschnitt sonst fort- 
nimmt, geht wieder beim tiefen Einsenken des schneidenden 
Instruments und bei der bedachtsamen, niu- durch das Ge- 
fülil geleiteten Unterführung desselben unter den Muskel und 
dessen Durchschneidung darauf. 

Ist diese Methode der unterhäutigen Muskeldurchschneidung 
beim Auge sicherer, als die nach vorangegangener Durch- 
schneidung der Conjunctiva? 

Dies bezweifle ich. Die Achillessehne und die Sehne des 
Sternocleidomastoideus sieht und fühlt man durch die Haut; man 
würde sie nach dem Gefühl mit verbundenen Augen eben so 
leicht durchschneiden; aber die Augenmuskeln sind klein, zart 
und oft von membranarliger Dünne, variiren mehr als andere 
Muskeln hinsichthch ihrer Grösse, Dicke, Breite und Anhef- 
tung, sind nicht sichtbar und höchstens nur bei grossen Glotz- 
augen etwas durch die klare Bindehaut durchscheinend. Wie 
leicht ist nicht hier Täuschung möglich! Man muss glauben, 
den Muskel durchschnitten zu haben, ohne dass er durchschnit- 
ten ist; man wird ihn oft anschneiden oder fast durchschnei- 
den, und ein Fäserchen, welches nicht getrennt worden, wird 
wieder Veranlassung zur unmittelbaren Verwachsung. Die oft 
nothwendige Lostrennung der hinteren Fläche des Muskels vom 



51 

Augapfel wird sich gewiss nur unvollkommen bewirken las- 
sen. Ein mächtiger Einwurf gegen diese Methode möchte wohl 
die oft ganz abweichende Lage des verkürzten Augenmuskels 
sein. Beim Schielen nach innen habe ich den M. rectus inter- 
nus häufig vergebens an der gewöhnlichen Stelle gesucht; er 
lag weit davon entfernt nach oben, dort wo sonst der M. ob- 
liquus superior sich ansetzt, und sein Bauch war ebenfalls nach 
oben um die Rundung des Augapfels herumgeschlagen. Durch- 
läuft nun also das schneidende Instrument unter der Haut die 
ganze Bahn, wo der Muskel liegt oder hegen kann, so muss 
die unterhäutige Verwundung sehr gross werden, während 
man dagegen bei der gewöhnlichen Methode den Augapfel mit- 
telst des Häkchens rotirend bewegt und so den versteckten 
Muskel zu Gesicht bringt, oder ihn mittelst eines stumpfen Häk- 
chens hervorzieht. Das einzige und doch oft trügerische Zei- 
chen, ob die Durchschneidung des Muskels nach dem Gefühl 
vollendet worden, wäre unter der Operation der aufgehobene 
Widerstand, wenn das Auge mit einem Häkchen auf die an- 
dere Seite gezogen würde, nach der Operation das Aufhören 
des Schielens. 

Gegen diese beiden Sätze hesse sich aber Folgendes ent- 
gegnen: Nicht bei allen schielenden Augen leistet der zu durch- 
schneidende Muskel Widerstand und ist starr und unnachgie- 
big ; er ist oft sehr leicht dehnbar und dem Muskelhaken leicht 
folgend. Aufhören des Schielens unmittelbar nach der Opera- 
tion ist durchaus kein Beweis , dass der Muskel wirklich durch- 
schnitten sei. Manche Personen, welche ihr ganzes Leben lang 
schielten, hören in Folge psychischer Einwirkung schon auf zu 
schielen, ehe sie noch operirt sind, oder wenn ein Ungeüb- 
ter nur einen Conjunctivaschnitt gemacht und den Muskel nicht 
durchschnitten hatte. Auf der anderen Seite sehen wir bei der 
gewöhnlichen Operationsmethode, wo wir den Muskel vor un- 
seren Augen durchschnitten hatten, das Schielen noch fortbe- 
stehen; wir wissen aber, dass der Antagonist später das Auge 
auf die entgegengesetzte Seite hinüber rollt. Wo hat man bei 
der subcutanen Operationsmethode, wenn das Schielen fort- 

4* 



52 

dauert, die Gewissheit, dass der Muskel wirklich durchschnit- 
ten worden? und wird man nicht eine sehr grosse subcutane 
Verwundung machen müssen, um sich die Gewissheit zu ver- 
schaffen, dass der Muskel wirkhch getrennt worden sei? 

Ich habe hier nur noch die Frage speciell zu beantworten: 
Ist eine neben den Augapfel eindringende Schnittwunde oder 
eine Stichwunde von grösserem Belang? Dass erstere Art von 
Wunden leicht und ohne Eiterung heilen, kann ich aus hun- 
derten von operirten schielenden Augen beantworten; letzte- 
res aber nur aus einigen mir vorgekommenen Stichwunden 
im inneren Augenwinkel. Ein Mal war es die Spitze eines Na- 
gels, ein anderes Mal die eines Federmessers oder eines 
Pfriems, welche zufällig oder beim Spiel der Kinder meistens 
in den inneren Augenwinkel neben dem Augapfel, ohne diesen 
zu verletzen, eingedrungen waren. In allen diesen Fällen, wo- 
bei kaum die Stichwunde der Gonjunctiva zu erkennen war, 
entstand eine heftige Entzündung des den Augapfel umgeben- 
den Zellgewebes; in der Beobachtung, wo ein Knabe den an- 
deren mit einem schmalen Federmesser in den inneren Augen- 
winkel gestochen hatte, starke Blutergiessung ins Zellgewebe, 
HerYore'edrän2;twerden des Bulbus und hefti2;e Entzanduns. 
Ging auch in keinem dieser Fälle bei einer streng antiphlogi- 
stischen Behandlung ein Auge verloren, so waren dieErschei-- 
nungen doch immer von heftiger Art, w'enigstens viel heftiger, 
als wenn ich grosse Operationen in der Nähe des Augapfels 
mit Entblössung desselben gemacht, grosse Theile der Orbita 
resecirt, oder fibröse oder Balg -Geschwülste neben oder hin- 
ter dem Augapfel aus der Augenhöhle exstirpirt hatte. 

GiERix rühmt endlich noch von seiner subcutanen Methode 
besonders, dass bei ihr niemals Wucherungen an der Opera- 
tionsstelle während der Heilung entständen, deren Entfernung 
eine neue Operation begehrte. Dieser Uebelstand ist indessen 
unbedeutend, nur bisweilen vorkommend und leicht zu ver- 
meiden, wenn der Conjuuctivasehnitt nur massig gross ge- 
macht und die Bänder der Bindehaut gehörig wieder aneinan- 
der gelegt werden. 

Wichtiger dagegen ist der Einwurf gegen die gewöhnhche 



53 

Methode, dass bei ihr bisweilen nach der Operation des Stra- 
bismus internus eine Furche neben dem Bulbus entstehe und 
derselbe starker prominire. Was zuvörderst die Furche be- 
triflft, so ist diese nur bisweilen deutlich und ihr späteres Ver- 
schwinden von mir in vielen Fallen beobachtet worden. Jene 
widernatürliche Prominenz des Augapfels aber ist häufig nur 
die Folge einer fehlerhaften Operation, indem der Operateur 
dem stark abgewichenen Auge sogleich eine völlig normale 
Stellung dadurch geben zu müssen glaubt, dass er die Binde- 
haut, das Zellgewebe und die Fascia des Augapfels bei Aus- 
führung des Muskelschnitts in einem sehr grossen Umfange 
trennt. Ein solcher Fehler kann aber einer Operationsmethode, 
welche sich mehr bew^ährt hat als der subcutane Muskclschnitt, 
nicht zum Vorwurf gemacht w^erden. 

Wenn die subcutane Durchschneidung der Augenmuskeln 
nach Guerin's Angabe Vorthcilc vor der gewöhnlichen ge- 
währte, so würden gewiss von den Tausenden von Chirur- 
gen, welche gegenwärtig in allen Ländern der Welt die letz- 
tere ausüben, einige Hunderte sich zu seiner subcutanen 
Methode bekennen; aber kein Einziger. Allen leuchten zu 
sehr die Vortheile ein, welche aus der vorangegangenen Tren- 
nung der Bindehaut entstehen; selbst bei Pariser Chirurgen 
hat jene Methode keinen Anklang gefunden. An den Glied- 
massen durchschneidet man die Sehnen unter der Haut, weil 
es Vortheile gewährt, und beim Schielen trennt man erst die 
Bindehaut, weil dies das Vortheilhafteste ist. So ungern ich 
widerlege, so halte ich es hier für meine Pflicht, weil es 
im Interesse der Wahrheit ist, und es können Hrn. Guerin's 
grosse Verdienste um die Wissenschaft durch diese Erörterun- 
gen nicht geschmälert werden. Der subcutanen Schielopera- 
tion bin ich eben so wenig zugethan, wie der von Gueri^ 
neuerdings dringend empfohlenen subcutanen Operation ein- 
geklemmter Brüche. Warum will man sich hier blindlings in 
grosse neue Gefahren begeben, da man mit sehenden Augen 
bei der Operation eines eingeklemmten Bruches schon genug 
zu bestehen hat. Wie kann es jemals ein Vortheil sein, das 
Messer unter der Haut dem eingeklemmten Darme nahe zu 



54 

bringen, um damit die Bruchpforte zu erweitern? Wie kann 
es jemals nützlich sein, den ganzen, vielleicht zusammenge- 
klebten Darmklumpen, wenn die Oeffnung glückhch dilatirt 
worden, in die Bauchhöhle zurück zu drängen, da sich hier- 
nach leicht eine innere Einklemmimg einstellt? Nach dem letz- 
ten von Glehin (Gaz. d. Höpitaux, 2. Oct. 1841.) mitgetheilten 
Falle von Einklemmung eines Inguinalbruches bei einem Manne 
zu urtheilen, hat diese Operation auch eher etwas Abschrek- 
kendes als Einladendes, denn sie dauerte 10 Minuten und der 
Kranke verlor dabei zwei Aderlassbecken voll Blut. Eine auf 
gewöhnliche Weise gemachte Bruchoperation pflegt bei weitem 
nicht so lange zu dauern mid die Ki'anken meistens nur einige 
Tropfen Blut dabei zu verlieren. Man verzeihe mir diese Epi- 
sode; nur wegen der Achnlichkeit dieser subcutanen Bruch- 
operation mit der Schieloperation habe ich dieselbe hier als 
nicht nachahmungswerth angeführt. Ein einziges unter der 
Haut durchschnittenes Auge oder Darmstück würde selbst viele 
glückliche Fälle in den Hintergrund drängen. 

Wenn ich also nach dem hier Angegebenen die subcutane 
Muskeldurchschneidung beim Schielen der Methode, wo der 
Muskel duixh einen grösseren Schnitt blossgelegt wird, nach- 
setzen muss, so giebt es doch eine Ausnahme von dieser Re- 
gel, wo ich eine der subcutanen Trennung sich nähernde Me- 
thode als nützlich erkenne. Dies ist nämlich dort der Fall , wo 
ein nur sehr geringer Grad von Schielen nach innen Statt fin- 
det, und wo die oben angegebenen Methoden, das Schie- 
len ohne Muskeldurchschneidung zu heben, nicht ausreichen. 
Wollte man bei einem sehr geringen Grade des Schielens nach 
innen, wobei der äussere Muskel seine volle Kräftigkeit hat, 
die Operation in ihrem ganzen Umfange machen, durch eine 
grosse Incisionswunde in der Conjuuctiva den imieren Muskel 
biossiegen, ihn dann von der Sclerotica trennen und hierauf 
durchschneiden, so würde man unfehlbar entweder unmittel- 
bar nach beendigter Operation, oder gewiss später den Aug- 
apfel völlig in den äusseren Augenwinkel treten sehen. 

Diese von der gewöhnlichen Operationsmethode nur durch 



55 

Kleinheit des Conjunclivaschnitts verschiedene, kann bisweilen 
nützhch sein. Die auseinander gezogenen Augenlider geslatlen 
die Anlegung der Conjunetivahäkchen im inneren Augenwinkel. 
Man hebt sie zeltförmig in die Höhe, sehneidet dazwischen ein, 
und vergrössert die Wunde bis auf 3 , höchstens -4 Linien. Schon 
das blosse Aufheben dieser Conjunctivafalle bringt bisweilen eine 
Lösung dersellDcn vom Augapfel hervor, so dass man in eine 
kleine, zeltförmige, trockene, von einzelnen haarfeinen, durch- 
sichtigen Zellgewebsfädchen , dem gesponnenen Glase ähnlich 
sehende, durchwebte Ca^^(ät hineinblickt, an deren seitlichem 
Grunde die Sehne des M. rectus internus sich ansetzt. Man führt 
dann einen sehr kleinen stumpfen Muskelhaken unter den Muskel 
hindurch und durchschneidet die Sehne oder den Muskel mit 
der Spitze der Scheere. Die Heilung erfolgt gewöhnhch sehr 
schnell. Nach diesem kleinen Maasstabe operirte ich mit gün- 
stigem Erfolge mehrere Personen, von denen ich hier einige 
Beispiele anführen will. Eine Gräfin aus der Fremde, eine 
schöne, zwanzigjährige Dame, schielte seit frühester Kindheit 
mit dem linken Auge stark nach innen, auch das rechte 
hatte ein wenig die nämliche Richtung; nur letzteres wurde 
zum Sehen benutzt, das andere war schwach. Da der äussere 
Muskel des stärker schielenden Auges dasselbe wie im gesun- 
den Zustande in den äusseren Augenwinkel rollen konnte, so 
musste ich nach einer grösseren Operation ein Schielen nach 
aussen fürchten. Die in kleinerem Maasstabe hier vollzogene 
Operation hatte den erwünschtesten Erfolg; die Entzündung 
war unbedeutend und das Auge trat vollkommen in die Mitte 
der Sehaxe. — Denselben Erfolg hatte die nämliche Operation 
bei dem schönen, siebzehnjährigen Fräulein v. H., mit blon- 
dem Haar imd blauen Augen. Das rechte Auge schielte sehr 
unbedeutend nach innen. Da es der sehnlichste Wunsch des 
jungen Mädchens war, von dem Uebel befreit zu werden, so 
Hess ich mich zur Operation bewegen und durchschnitt die 
Sehne des Muskels von einer kleinen Conjunctivav^Tinde aus. 
Das Auge stellte sich sogleich etwas grader, und nach der in 
wenigen Tagen erfolgten Heilung war jede Spur des Schielens 



56 

verschwunden. Kürzlich, es sind jetzt neun Monate seit der 
Operation verflossen, schrieb mir die Mutter des jungen Mäd- 
chens, dass die Stellung des Auges vortrefflich sei und dass 
sich die frühere Gesichlsschwäche ganz verloren habe. 

Bei einem anderen schönen, siebzehnjährigen Fräulein, mit 
braunem Haar und dunkelbraunen Augen, welches mit dem 
rechten Auge zu ihrem grossen Kummer höchst unbedeutend 
nach innen schielte, hatte die von einer kleinen Gonjunctiva- 
wunde aus unternommene Durchschneidung des inneren Augen- 
muskels ebenfalls den besten Erfolg. Das Schielen war so ge- 
ring, dass ich mich anfangs nicht zur Operation entschliessen 
konnte, doch Hess ich mich endlich durch vieles Bitten dazu 
bewegen. Nach länger als einem halben Jahre hatte das Auge 
eine ganz normale Stellung. Die Dame war aus Dessau. 

Bei einer Anzahl von zehn grösseren und kleineren Kindern 
habe ich seit der Zeit den Muskel von einer kleinen Conjun- 
ctivawunde aus durchschnitten; bei allen war das Schielen 
äusserst gjjring und aus diesem Grunde machte ich die Ope- 
ration nach einem kleinen Maasstabe. Vier von ihnen bekamen 
Recidive, doch wiederholte ich die Durchschneidung nicht, 
und hatte die Befriedigung, dass bei sorgfältiger Uebung die 
Stellung der Augen sich allmählig verbesserte. 



Unmittelbarer Einfluss der Muskeldurchschneidung auf 
die Stellung des Auges. 

In der Mehrzahl der Fälle nimmt der Augapfel nach der 
Durchschneidung des Muskels eine bessere oder ganz normale 
Stellung an; entweder geschieht dies im Augenbhck der Durch- 
schneidung plötzHch, oder während man noch mit dem Kran- 
ken beschäftigt ist. hi einigen Fällen tritt er, durch einen plötz- 
hch in dem Opponenten des getrennten Muskels eintretenden 
Krampf angezogen, sogar auf die entgegengesetzte Seite, doch 
kehrt er gewöhnlich binnen Kurzem von dort wieder zurück. 
Bleibt das Auge ganz in der primären schielenden Richtmig, 



57 

so untersucht man genau, ob nicht ein undurchschnittenes Mus- 
kelfäserchen, oder die derbere Sehnenscheide des Bulbus, oder 
verdichtetes Zellgewebe, oder auch die verkürzte und verdich- 
tete Conjunctiva dies veranlassen , und hebt diesen Uebelstand 
durch sorgfältiges Durchschneiden der unnachgiebigen Thcile. 
Diese Nachhülfe lässt sich durchaus nicht anders vornehmen, 
als wenn man die Augenlidhalter und Conjunctivahäkchen von 
Neuem ansetzt, die Wunde sorgfältig reinigt und mit dem Mus- 
kelhaken in die Tiefe der Wunde eingeht. Erkannte man so- 
gleich die Conjunctiva oder die Sehnenscheide als hemmend, 
so ist dies nicht nüthig. 

Fehlt es aber dem Opponenten an Kraft, das Auge in eine 
bessere Stellung zu bringen, so wartet man ruhig die Heilung 
ab, da derselbe, wenn er nicht mehr angespannt wird, oft 
an Stärke gewinnt, während der Heilung das Auge grade zu 
stellen. Ist dies aber nicht der Fall, so wendet man das früher 
näher beschriebene Verfahren, der Ausschneidung einer Binde- 
hautfalte an der anderen Seite des Augapfels an, durch welche 
eine verkürzende Narbe entsteht. 

Gewöhnhch kann der Operirte den Augapfel nach allen 
Richtungen hin bewegen, als wenn kein Muskel durchschnit- 
ten wäre. Beim starken Schielen nach innen mit Starrheit des 
Muskels begleitet, erhebt er sich gewöhnlich etwas mehr aus 
der Orbita; eine Erscheinung, welche wir aber viel Öfter erst 
in einer späteren Zeit beobachten. Ausführlicher wird über 
die veränderte Stellung des Auges nach der Operation, von 
dem Nichterfolge der Operation, von Recidiv des Schielens 
auf die nämliche oder die entgegengesetzte Seite, weiter un- 
ten gehandelt werden. 



Unmittelbare Einwirkung der Operation auf die Iris. 

Im AugenbHck der Durchschneidung des verkürzten Augen- 
muskels bemerkte ich in der Pupille eine wechselnde Erwei- 
terung und Verengerung, aber bei weitem nicht bei allen Pa- 



58 

tienten. Häufiger contrahirte sie sich im Moment des Schnitts, 
worauf sie sich dilatirte, als umgekehrt. Nach wenigen Se- 
cunden wm"de die Iris ruhig und die Pupille veränderte sich 
nicht schnell. Sie zeigte volle Empfindlichkeit gegen das Licht, 
und ihre Contraction war in den Fällen, wo die Cornea tief 
im inneren Augenwinkel versteckt gewesen war, also wenig 
Lichtstrahlen percipirt hatte, nach der Gradstellung des Bul- 
bus stärker, als in dem gesunden Auge; auch wurde das Licht 
als höchst unangenehm empfunden. 



Unmittelbarer Einfluss der Operation auf das Seh- 
vermögen. 

Häufig gerathen die Operirten immittelbar nach der Ope- 
ration in Angst, dass sie gar nicht sehen. Einige über die 
Cornea ergossene Tropfen Blut, ein dünnes, kaum bemerkba- 
res Fibrin- Cruor- Gerinnsel sind die Ursachen dieser Gesichts- 
störung; das Auswaschen des Auges hebt sogleich die Sorge. 
Fast constant habe ich die Erscheinung beobachtet, dass die 
Operirten sogleich klarer sahen und mit dem operirten Auge 
lesen konnten, wenn sie frülier nicht im Stande waren, damit 
Buchstaben zu erkennen. Mehrere , welche mit dem Auge gar 
nicht unterschieden hatten, vermochten dies nach der Opera- 
tion, und selbst noch stärkere amaurotische Erscheinungen wur- 
den dadurch plötzlich gehoben. Bei zwei schielenden Augen 
war es immer nur eins, welches einen so hohen Grad von 
Gesichtsstörung erUtten hatte. 

In manchen Fällen sehen die Kranken aber noch geraume Zeit 
nach der Operation viel schlechter als vorher, oder sie sehen 
doppelt u. s. w. Dies beruht jedoch auf Täuschung, da das 
vorher nicht gebrauchte Auge gar nicht sah und erst durch 
die veränderte Stellung zum Sehen genöthigt wird. 

Ueber Grösse, Ferne und Nähe der Gegenstände wurde 
unmittelbar nach der Operation richtig geurtheilt. In einigen 
Fällen erschienen die Gegenstände wie in einen leichten Ne- 



59 

bei eingehüllt; in anderen war ihre Gonlour nicht ganz scharf 
und klar. Einige Mal halten die Buchstaben blaue und einige 
Mal rothe Ränder; bei den letzteren Patienten war grosse 
Lichtscheu vorhanden. 



üeber den Thränenfluss wahrend der Operation des 
Schielens. 

Das gleichzeitige Auseinanderziehen des oberen und unle- 
ren Augenhdes zur Anlegung der Augenlidhalter erregt den 
M. orbicularis palpebrarum zu einer rebeUischen Widerspen- 
stigkeit. Es entsteht in demselben Augenblick ein höchst lästi- 
ges Gefühl von Kälte und Trockenlieit im Augapfel von der 
Berührung der Luft, wenn die Augenhder abgezogen werden. 
Das Einführen der Haken vermehrt diese unangenehme Em- 
pfindung noch bedeutend, und augenblicklich sieht man theils 
in Folge des Luftreizes, theils in Folge dieser mechanischen 
Insultation , die ganze Gonjunctiva feucht und bisweilen an der 
Gränze zwischen Bulbus und Lidern leicht injicirt werden. Die 
meisten Menschen beklagen sich mehr über die unangenehme 
Empfindung bei diesem Vorakt der Operation, als über den 
Schmerz beim Anhäkeln der Bindehaut und beim Schneiden. 
Bei einigen stellt sich unmittelbar nach der Retraclion der 
Augenhder schnell eine massige Exhalation auf der ganzen 
Oberfläche ein, bei anderen ausserdem noch ein Thränen- 
erguss. Kinder und hysterische Frauenzimmer brechen wohl 
mitten in der Operation in Thränen aus, der übrigen Wider- 
spenstigkeit nicht zu gedenken. Ein in kaltes Wasser getauch- 
ter Schwamm und das Ueberfliithen des Auges durch Aus- 
drücken desselben sind dann das beste Mittel. Ist die Opera- 
tion nun beendigt, so spüle man das Auge recht fleissig mit 
kaltem Wasser aus und wechsele die kalten Umschläge recht 
häufig, da das Eindringen der salzigen Thränen in die Wunde 
zu gefährlichen Entzündungen des Zellgewebes, welches den 
Augapfel umgiebt, Veranlassung geben kann. Die Thränen- 



CO 

feuchtigkeit wirkt auf Wunden fast eben so nachtheilig, wie 
der Urin, nämlich heftige Entzündung erregend und Nekrosi- 
rung des Zellgewebes herbeiführend. 

War die Operation auch unter Thronen beendet, so war 
mit ihrer Beendigung auch bei den unruhigsten Kindern der 
Thränenquell versiegt und niemals sah ich sie hinterher noch 
vor Schmerz weinen; nur eine geringe blutig -wässrige Exsu- 
dation stellte sich als unmittelbare Folge der Operation in der 
ersten Zeit nach ihr ein. 



Einfluss der Operation des Schielens auf das Nerven- 
system. 

So unbedeutend die Durchschneidung eines Augenmuskels 
auch an und für sich ist, wenn sie schnell und mit Geschick 
ausgeführt worden, so unangenehm und lästig ist bei einzel- 
nen Personen, welche sehr stark nach innen schielen und bei 
denen sich der Muskel weit nach hinten inserirt, der Akt der 
Operation, wenn mit dem stumpfen Haken der Augapfel etwas 
auf die entgegengesetzte Seite hinüber gezogen wird, um die 
Durchschneidung des Muskels vorzunehmen. Einige Personen 
klagten bei dem leisesten Anziehen des inneren graden Augen- 
muskels über einen heftigen Schmerz, andere über ein dum- 
pfes Ziehen, welches sich bis in das Gehirn fortsetzte, wieder 
andere über einen dumpfen Druck in der Stirn oder über 
Schmerz im Hinterhauple. Mehrere empfanden in dem Augen- 
blick Uebelkeit, ja starke Neigung zum Erbrechen, und einige 
erbrachen selbst unmittelbar nach der Operation; ein Zufall, 
welcher sich sogar bei mehreren noch am Tage der Opera- 
tion öfter wiederholte, in keinem einzigen Falle aber von ge- 
fährlichen früheren oder späteren Erscheinungen begleitet war. 
Einer meiner Freunde behauptete gegen mich, die Zufälle von 
Uebelkeit und Erbrechen hätten sich besonders bei denjeni- 
gen von meinen Patienten eingestellt, welche ich in den Nach- 
mittagsstunden operirt hätte. Ich will dies zwar nicht in Ab- 



Gl 

rede stellen, doch erinnere ich mich einiger hidividuen, welche 
ich am Vormittage operirte, und die nach der Operation über 
Uebelkeit klagten und selbst erbrachen. Dieser Zufall ereig- 
nete sich sowohl bei Kindern, als bei Erwachsenen, und be- 
sonders bei denen, welche stark nach innen schielten und wo 
der Muskel kurz und straff war, und deshalb vor dem Durch- 
schneiden etwas stärker angezogen werden musste. Nerven- 
zufalle stellten sich dagegen nach der Operation des Schiclens 
nach aussen oder nach oben niemals ein. 

In sehr seltenen Fällen ist die Operation von sehr heftigen 
örtlichen neuralgischen Schmerzen begleitet; einige wenige In- 
dividuen sahen im Augenblicke des Muskelschnitts einen lilitz- 
strahl vor dem Auge vorbeifahren, diese Erscheinung sich im- 
mittelbar darauf noch einige Mal wiederholen und dann aber 
für immer verschwinden. 

Zu den späteren Zufällen nach der Operation gehört, als 
höchst selten vorkommend, ein nervöser Kopfschmerz, vom 
hinteren Theile des Bulbus anfangend und sich von hier aus 
in die Schädelhöhle, seU3st bis in den Hinterkopf fortpflanzend. 
Er ist sehr selten und ich beobachtete ihn nicht allein für sich, 
sondern er hing immer mit einem entzündlichen Zustande des 
das Auge umgebenden Zellgewebes zusammen. 

Eine andere örtliche interessante dynamische Erscheinung 
ist die, dass unmittelbar nach der Durchschneidung des Augen- 
muskels das andere Auge, wenn es kaum bemerkbar schielte, 
augenblickUch stärker schielt, so dass ein Ueberspringen des 
Schielens von dem einen auf das andere Auge Statt findet. 
Wenn aber das zweite Auge vollkommen grade war, so ge- 
schah dies nie. Später verliert sich dies Schielen in der Re- 
gel wieder, bei einzelnen Individuen ist es aber bleibend und 
erfordert ebenfalls die Operation. In wenigen Fällen beobach- 
tete ich aber grade das Gegentheil. Die Operation des stär- 
ker schielenden Auges hob auch das Schielen auf dem schwä- 
cher schielenden, doch trat diese Erscheinung erst in späterer 
Zeit, nach vollendeter Heilung ein und war die Folge der Grad- 
richtung des anderen, wodurch zugleich die freiere Willkühr 
über beide gewonnen war. 



62 



Ueber Blutungen und Nachblutungen bei der Operation 
des Schielens. 

In der Regel wird bei der Operation des Schielens, be- 
sonders bei der von Strabismus convergens, kaum ein Tro- 
pfen Blut vergossen. Ich habe bei mehreren hundert Personen 
die Conjunctiva, das darunter hegende Zellgewebe und den 
Muskel durchschnitten, ohne ein Tröpfchen Blut gesehen zu 
haben; es verhielt sich also die Operation in dieser Beziehung 
vollkommen so als wie am Leichnam. Theils lag der Grund 
hiervon in der Individualität dieser Personen, welche blass und 
bleich waren und an deren Conjunctiva bulbi nicht das kleinste 
blutführende Gefäss sichtbar war; theils in der sorgfnltiticn 
Vermeidung des blutreichen Zellgewebes unter der Conjunctiva. 
Grade bei dieser Operation ist jede Blutung störend und die- 
selbe in die Länge ziehend. Bei Kindern, besonders wenn sie 
weinen, röthet sich die Bindehaut sogleich; auch bei Erwach- 
senen, wenn diese sich plötzHch bei der Einführung der Augen- 
lidhalter sträuben. Dringt man aus zarter Schonung des Bulbus 
etwas entfernter von diesem durch den rothscheinenden Theil der 
Bindehaut ein, so gelangt man in ein sehr blutreiches, locke- 
res Zellgewebe, die Schnittwunde füllt sich jeden Augenblick 
trotz alles Betupfens mit einem Schwämmchen, und der Un- 
geübte läuft Gefahr, den Muskel wegen der Blutung gar nicht 
zu Gesicht zu bekommen, sondern gleichsam im Dunkeln tap- 
pend, mit der Scheere in die Tiefe schnippelnd, den Muskel 
mehrmals anzuschneiden, ohne ihn völlig zu trennen, oder nur 
durch einen Glückszufall darunter zu kommen und ihn dann 
zu durchschneiden. Dem Ungeübten, der durch eine Blutimg 
an der Vollendung der Operation gehindert wird, rathe ich, 
von einem Gehülfen einen Wasserstrahl mit einer kleinen 
Wundspritze in die Wunde spritzen zu lassen und dabei die 
Trennung des Zellgewebes und die Durchschneidung des Mus- 
kels vorzunehmen. Niemals muss man fern vom Bulbus ein- 
dringen, weil es alsdann immer schwer ist, den Muskel we- 
gen der Blutung aufzufinden. 



C3 

In seltenen Fällen ereignet sich eine etwas stärkere Blu- 
tung, auch wenn man, hart am Augapfel bleibend, sichln die 
Tiefe einen Weg zum Muskel bahnt. Es sind mir indessen 
auch stärkere Blutungen sowohl bei der Durchschneidung des 
M. rectus internus, des M. rcctus externus, so wie ganz be- 
sonders bei der des M. rectus superior vorgekommen, welche 
die Operation zwar etwas aufhielten, ihre Beendigung indes- 
sen nie verhinderten. 

Mit der Operation hört die Blutung, wo sie eintrat, auf; 
kalte Umschläge beugen der Nachblutung um so leichter vor, 
als sie die Wundränder sehr schnell mit einander verkleben. 
Doch kann wirklich eine beträchtliche Nachblutung Statt ha- 
ben, wobei sich das Blut nach aussen ergiesst, oder zwischen 
Augenhdcr und Augapfel, oder im übleren Falle in das den 
Augapfel umgebende Zellgewebe, und dadurch eine Exoph- 
thalmie erzeugt, wobei der Augapfel so weit hervorgedrängt 
wird, dass ihn die Augenhdcr kaum bedecken. In keinem 
einzigen Falle hatte dies ungewölmliche Ereigniss üble Folgen. 
In den Fällen, wo das Blut nach aussen abfloss, hörte die 
Blutung bei fortgesetzten kalten Umschlägen auf; dort wo es 
unter die Augendeckel ergossen und schon zum Theil coagu- 
lirt war, stand die Blutung ebenfalls sogleich nach der Ent- 
fernung des Gerinnsels; und endlich wurde das in das Zell- 
gewebe um den Bulbus extravisirte Blut allemal bei der An- 
wendung einer streng äusseren und inneren antiphlogistischen 
Behandlung wieder resorbirt. 

Im Ganzen sind spätere Blutungen nach der Operation häu- 
figer bei kleinen Kindern, als bei Erwachsenen; ich sah sie 
besonders nur nach der Durchschneidung des M. rectus inter- 
nus und M. rectus superior, nach anderen Schieloperationen 
aber nicht; die Menge des ergossenen Blutes betrug selten mehr 
als einige Tropfen. Die gewöhnliche Ursache einer Nachblutung 
ist Vernachlässigung der kalten Umschläge. Von Seiten des 
Arztes ist besonders das Verkleben der Augenlider nach der 
Operation Schuld an einer Blutansammlung zwischen Augen- 
lidern und Augapfel. Stärker als gewöhnlich war die Blutung in 



64 

dem folgenden Falle: Marie W., 6 Jahr alt, schielte erst seit 
li Jahren nach überstandenen Masern mit dem linken Ange 
60 stark nach innen, dass der grösste Theil der Hornhaut bei 
der Drehung des Augapfels nach innen im Angulus internus 
verschwand. Das Sehvermögen war auf diesem Auge natür- 
lich sehr schwach. Unmittelbar nach der Durchschneidung des 
Muskels hüpfte das Auge in die normale Sehaxe. Die Blutung 
war aber bei der Operation so beträchthch, dass das Blut 
über die Wange herabfloss; kaltes Wasser machte sie indes- 
sen bald aufhören. Die Heilung erfolgte binnen Kurzem voll- 
kommen, so dass keine Spur vom Schielen zurückblieb. 

Eine stärkere Blutung stellte sich bei der Operation des 
an Strabismus internus seit seinem dritten Jahre leidenden 
Eduard W. ein. Der schöne, hellblonde Knabe war jetzt 6 Jahr 
alt. Das Auge stand stark nach innen, die Pupille war stets 
stark erweitert und das Gesicht schwach. Nach der Durch- 
schneidung der Conjunctiva im inneren Augenwinkel floss das 
Blut in grosser Menge , noch mehr aber beim tieferen Eindrin- 
gen und der Durchschneidung des Muskels. Das Auge stand 
vollkommen grade. Kalte Umschlage stillten die Blutung bald 
und die Heilung des Schielens gelang vollkommen. — Sehr 
beträchthch war die Blutung bei der Operation der Hjähri- 
gen Marie K., mit braunem Haar und grauen Augen, w^elche 
stark nach innen schielte. Die Schhessung des einen Auges 
veränderte die Stellung des anderen nicht. Erst wurde der 
M. rectus internus des linken und dann der des rechten Auges 
durchschnitten. Das Zellgewebe unter der Conjunctiva war so 
blutreich, dass die Blutung aus jedem Auge wohl einige Drach- 
men betrug; sie hörte aber unmittelbar nach der Operation 
bei der Anwendung des kalten Wassers auf. Dagegen erfolgte 
die Herstellung der Patientin, selbst ohne Röthung im inneren 
Augenwinkel, schon in wenigen Tagen. Doppelsehen, welches 
hier anfangs eintrat, hörte auch vollkommen auf. Die Augen 
zeigten auch geraume Zeit nach der Operation eine sehr gute 
Stellung. — Der nachfolgende Fall war diesem ähnlich. Der 
Handlungsdiener Louis W., mit grossen braunen Augen imd 



65 

stark gewölbter Ilornhaut, schielte seit frühester Kindheit nach 
einer üherstandonen Augenentzündung mit dem linken Au2;e 
stark nach innen. Das Sehvermögen war auf diesem Auge 
sehr schwach, indem nur die Contouren grösserer Gegenstände, 
und zwar undeutlich, erkannt wurden. Die Conjuncliva im 
inneren Augenwinkel und das darunter liegende Zellgewebe 
bluteten bei der Durchschneidung sehr stark. Nach der 
Trennung des inneren Augenmuskels nahm das Auge so- 
gleich eine natürliche Stellung an und das Sehen war deut- 
licher. Die Heilung erfolgte in kurzer Zeit vollständig, doch 
schien das Auge nach der gänzlichen Vernarbung der Binde- 
hautwunde wieder eine geringe Neigung nach innen anzuneh- 
men, welche sich dagegen später in ein leichtes Ilinüberstel- 
len des Augapfels auf die äussere Seite verwandelte. 

In seltenen Fällen tritt nach der Operation eine Blutergies- 
sung in das den Augapfel umgebende Zellgewebe ein, wodurch 
derselbe aus seiner Höhle hervorgedrängt werden kann. Diesen 
Fall habe ich einmal nach der Durchschneidung des M. rectus 
superior und einmal nach der des M. rectus internus beobachtet. 
Jener Kranke war ein ^fann von einigen zwanzig Jahren. Ich 
fand bei meinem Abendbesuch den Augapfel weit vorstehend 
und die ganze Conjuncliva mit Blut unterlaufen. Die Augen- 
lider bedeckten ihn nicht und er schien auf einem elastischen 
Polster zu schweben. Schmerzen oder Druck in der Augen- 
höhle waren nicht vorhanden und das Sehen ungestört. Nach 
einem Aderlass und anhaltend angewendeten kalten Umschlä- 
gen trat der Bulbus binnen 24 Stunden wieder in seine Höhle 
zurück und nach 8 Tagen war der Patient vollständig von sei- 
nem Schielen geheilt. 

Blulunlerlaufungcn der Conjunctiva stellen sich bisweilen 
in den ersten Tagen nach der Operation ein. Bald beschrän- 
ken sie sich auf den nächsten Umkreis der Wunde, bald sind 
sie weiter verbreitet, und in seltenen Fällen erstrecken sie 
sich über die ganze vordere sichtbare Fläche des Augapfels 
bis dicht um den äusseren Rand der Hornhaut. Sie haben 
einen venösen Charakter, sind von keinem Schmerz begleitet 

5 



CG 



und l)ei kalten Umschlägen verschwinden sie gewöhnlich in 
kurzer Zeit. Nach ihrem Aiifliören erscheint die Sclerotica noch 
einige Tage lang geUiUch tingirt. Oefter ist die Operations- 
wunde vollkommen geheilt und das Schielen gehoben, bevor 
die letzten Reste der Blutunterlaufung verschwunden sind. 



Behandlung nach der Operation des Schielens. 

Die Behandlung nach der Operation des Schielens ist ausser- 
ordentlich einfach und nicht wesentlich von der nach einer 
zuHilligen Verletzung des Auges verschieden. Nachdem das 
Blut durch öfteres Auswaschen mit kaltem Wasser und einem 
feinen Schwamm entfernt worden, wird das Auge mit Gom- 
pressen, welche in Eiswasser getaucht worden, bedeckt; ent- 
weder man verklebt dasselbe, oder überlässt dem Kranken 
die Schliessung. Das Verkleben der Augenlider, welches nur 
in der Absicht geschehen könnte, um die Luft von der Wunde 
abzuhalten, habe ich versuchsweise einige Mal vorgenommen. 
Dies Verfahren ist aber nicht zu empfehlen, denn es sammelt 
sich das Wundsekret zwiscjjcn Auge und Augenlidern an und 
bringt einen nachtheiligen Reiz hervor. Man lasse jeden Ope- 
rirten nach überstandener Operation sich ins Bett legen, ver- 
dunkle das Zimmer, erlaube ihm nur antiphlogistische Diät, 
und ermahne ihn, öfter die kalten Compressen zu wechseln. 

Wichtig ist auch die Lagerung des Patienten, die von der 
Neigung und Stellung, welche das Auge nach der Muskeldurch- 
schneidung angenommen hat, abhängt. Wenn die Neigung zum 
Schielen noch nicht ganz aufgehört hat, es ist z. B. das linke 
Auge wegen Strabismus internus operirt worden, so wird das 
Bett so gestellt, dass die linke Seite des Kranken die äussere 
ist und er mit der rechten an der Wand liegt; oder umge- 
kehrt, wenn das rechte Auge operirt worden. Diese Lagerung 
ist auch dann zu empfehlen, wenn das operirte Auge in die 
Mitte der Sehaxe getreten, da es dann durch die Vernarbung 
oft noch wieder in die falsche Stellung zurückgeführt wird. 



07 

Der Patient ist dadurch gezwungen, das operirte Auge richtig zu 
steilen, \velches durch ZuJjinden des gesunden noch erleiclilei-f 
wird. Sind beide Augen zugleich wegen Strabismus convergens 
operirt worden, so lasse man beide Seiten des Bettes frei und 
stelle es mit dem Kopfende gegen die Wand; steht ein Auge 
besser als das andere, so drehe man das Bett so, dass das 
schlechtere durch eine gezwungene Stellung in die normale 
Sehaxe trete. Dabei muss der Kranke sich bemühen, das Auge 
stets nicht bloss in der normalen Stellung zu erhalten, sondern 
über diese hinaus es zu wenden. Dieselben Regeln gelten auch 
für die anderen Arten des Schielens. Ist z. B. das Auge nach 
der Durchschneidung des M. rectus internus zu weit nach 
aussen getreten, so lagert man den Patienten so, dass er mit 
dem Auge über den Nasenrücken fortsehen muss. Es ist be- 
greiflich, dass die Richtung des Auges nach der Operation 
von grossem Einfluss für die spätere Stellung sei; theils wird 
dadurch der neue Anheftungspunkt des getrennten Muskels, 
theils die Verklebung der Conjunctiva mit dem Augapfel be- 
stimmt. "Wichtig ist es auch, bei der nicht völlig erlangten 
Gradestellung des operirten Auges, das gesunde zu verbin- 
den, w^eil, wie bekannt, dadurch die normale Stellung bei 
der Mehrzahl der Schielenden erlangt wird. 

Ausser der strengen Diät, welche der Operirte in den er- 
sten Tagen führen muss, sind Abführungen von Bitterwasser 
dringend nöthig. Es richtet sich die Strenge dieser Nachbe- 
handlung nach der Beschaffenheit der Kräfte und der ganzen 
Constitution des hidividuums. Ein bleiches, hysterisches Frauen- 
zimmer wird natürlich nicht so strenge behandelt werden, als 
ein kräftiger Holzhauer. 

Die hier angegebene Behandlung ist in der Regel hinrei- 
chend, jeder Augenentzüudung vorzubeugen, die Resorption 
des ergossenen Blutes zu bewerkstelligen, der starken Granu- 
lation zuvor zu kommen und Rückwirkungen vom Operations- 
orte auf das Sensorium zu verhindern. Sehr selten sind Blut- 
egel nöthig, noch seltener Aderlässe; wo aber örtliche oder 
allgemeine Blutentziehungen wegen eintretender Entzündung 

5* 



08 

des das Auge umgebenden Zellgewebes oder des Augapfels 
selbst nothw endig sind, müssen sie energisch bis zum gänz- 
lichen Nachlass der Symptome gemacht werden. Ausführlicher 
hiervon weiter unten. 

Einige Tage nach der Operation ist gewöhnhch keine Spur 
von Entzündung mehr vorhanden. Statt der anfangs sich stär- 
ker absondernden Thräncnfeuchtigkeit stellt sich ein schleimi- 
ges Sekret ein. Wiewohl man noch einige Tage mit den kal- 
ten Umschlägen fortfährt, so fängt man jetzt schon an, das 
Auge zweistündlich mit einem in laues Wasser getauchten 
Schwammstückchen auswaschen zu lassen; danach legt sich 
das unangenehme Jucken und die Kälte wirkt wieder wohl- 
thätiger. Nach dem vierten bis sechsten Tage muss man in 
der Regel mit den kalten Umschlägen aufliören, wenn man 
nicht eine ödematöse Anschwellung der Augenlider veranlas- 
sen will. Alan erhöht die Temperatur des Wassers allmählig 
und geht dann zum schwach lauwarmen Wasser über, dem 
man etwas Bleiwasser zusetzt. Die Quantität der Aqua satur- 
nina wird allmählig vermehrt; man darf es aber nie ganz rein 
anwenden, theils weil es dann Brennen verursacht , Iheils weil 
es durch seine zusammenschrumpfende und verdichtende Eigen- 
schaft die Conjuuctiva verkürzt und bei vorhandener Anlage 
zum Rückfall diesen begünstigt. Aus eben diesem Grunde ist 
es besonders da in reiner Form oder zum Pinseln als reines 
Extractum saturni zu empfehlen, wo der Augapfel sich auf 
die andere Seite hinüber wendet, oder wo die Conjunctiva 
sich w^ulstig erhebt, oder wo dicke Granulationen aus der 
Wunde hervorschiessen. 

Sind alle mit der Operation zusammenhängenden Erschei- 
nungen beseitigt, so darf man mit Sicherheit darauf rechnen, 
dass eine zurückbleibende Röthe sich nach der Anwendung 
eines lauen Fhederthees mit Extractum saturni verlieren und 
Granulationen durch Bestreichen mit Extractum saturni oder 
Lapis infernalis verschwinden werden, in grösserer Menge und 
Dicke aber mit der Scheere leicht abzutragen seien. Von allen 
diesen speciellen Ereignissen wird sogleich die Rede sein. 



C9 

Hier ist nur noch zu bemerken, dass nach vollkommener Hei- 
lung des Auges bei mangelhafter Stellung, fortgesetzte Uebung, 
anhaKondes Sehen und Richten des Augapfels auf die entge- 
gengesetzte Seite durch Zubinden des gesunden Auges unter- 
stützt, auch noch die Nachbehandlung vollkommene Heilung 
herbeiführen könne. Was die Maschine beim Klumpfuss nach 
vorangegangener Durchschneidung der Achillessehne bewirkt, 
leistet hier die Drehung des Augapfels, wodurch die verkür- 
zende Narbe verlängert wird, wie schon v. Ammon gezeigt hat. 



Von der Entzündung nach der Operation des Schielens. 

Nach der Operation dos Schielcns kann eine, das gewöhn- 
liche Maass überschreitende Entzündung der das Auge umge- 
benden Gebilde oder des Augapfels selbst Statt haben. In der 
Mohrzahl der Fälle ist dieselbe zwar sehr gering und be- 
schränkt sich nur auf eine geringe Röthung der Theile in der 
Nähe des Operationsortes. Es ist hier aber die Sugillation von 
der Entzündung zu unterscheiden. Die ganze Conjunctiva des 
opcrirtcn Auges kann mit Blut unterlaufen sein, ohne dass Ent- 
zündung vorhanden ist, und wiederum kann nur die Nachbar- 
schaft des Operationsortes durch heftige Entzündung geröthet 
sein, die Entzündung sich aber über das tiefer gelegene Zell- 
gewebe, über die Augenlider, oder selbst über die Häute des 
Augapfels verbreiten. 

Eine heftige Conjunctivitis beobachtete ich nach der Ope- 
ration des Herrn Otto v. G., eines Fähnrichs, 21 Jahr alt, mit 
helUjraunem Haar und Augen, welcher seit dem achten Jahre 
mit dem linken Auge nach innen schielte. Er war auf diesem 
Auge sehr schwachsichtig und sah oft doppelt. Unmittelbar 
nach der Operation waren beide Erscheinungen verschwunden. 
In den ersten Tagen war der Verlauf der Krankheit gewöhn- 
Uch, dann aber entstand eine heftige Entzündung im inneren 
Augenw^inkel , welche sich über einen Tlieil der Bindehaut fort- 
setzte , und nur durch die strengste kühlende Behandlung , sa- 



70 

linisclie Laxanzen, Blutegel, EisumschUige , bekämpft wurde. 
Die Heilung gelang vollkommen. 

Eine sich über den grössten Theil der Bindehaut verbrei- 
tende Entzündung nach der Operation des Strabismus inter- 
nus oculi dextri bei Adolph W., 10 Jahr alt, erforderte eben- 
falls, ausser der gewöhnlichen kühlenden Behandlung, wieder- 
holte Blulentziehungen. — Bei Hugo M. , dem 10jährigen Sohne 
eines Malers, welcher ebenfalls seit seinem dritten Jahre mit 
dem rechten Auge nach innen schielte, und bei dem die Eigcn- 
thümliclikeit vorhanden w-ar, dass das Schielen durch Schlies- 
sung des gesunden Auges verstärkt wurde, entstand eine hef- 
tige Entzündung nach der Operation, welche mehrere Wochen 
laug dem Auge Gefahr drohte. Im imieren Augenwinkel und 
im Umkreise des Augapfels auf der Bindehaut bildeten sich 
dicke granuhrende Massen und pclj-pöse Excrescenzen, und 
an anderen Stellen lag die Conjunctiva mit dicken Wülsten 
über die Hornhaut. Fortgesetzte kalte Behandlung, Blulentzie- 
hungen, Exstirpation der Wucherungen, austrocknende Mittel 
bcw irkten die Erhaltung des Auges. Die Heilung w^ar vollstän- 
dig luid beide Augen standen in normaler Sehaxe. 

Auch in dem folgenden Fall war die Entzündung nach der 
Operation von Schielen nach innen auf beiden Augen bedeu- 
tend. Emilie Z., 19 Jahr alt, von gedunsenem Angesicht, 
schielte mit ihren braunen Augen seit dem vierten Monate 
ihres Lebens. Die Operation hatte auch später den erwünsch- 
ten Erfolg und die Entzündung der Bindehaut wurde diu-ch 
eine kühlende Behandlung gehoben. 

Bisweilen tritt erst einige Tage nach der Operation, w'enn 
anfangs der Verlauf nach derselben nichts Bedenkliches zeigte, 
eine Entzündung ein, welche sich dann gewöhnlich viel langsa- 
mer verliert und weit hartnäckiger ist, als die bald nach der 
Operation sich einstellende. Dies sah ich z. B. beim 20jährigen 
Stud. ehem. L. aus der Schweiz, blond mit blauen Augen; er 
schielte seit seinem zweiten Jahre mit dem linken Auge stark 
nach innen. Die Durchschneidung des inneren graden Augen- 
muskels gab dem Auge sogleich die normale Stellung. Einige 



71 

Tage nach der Operation entstand eine heftige Augenentzün- 
dung, A\ eiche, vom Zellgewebe im Angulus internus ausge- 
hend, sich über die Gonjunctiva bulbi und palpebrarum ver- 
breitete und nur durch Eisumschläge, Salzlaxanzeu, einen iVder- 
lass und viele Blutegel bekämpft werden konnte. Später sich 
bildende Aufwulstungen der Gonjunctiva und granulircnde Mas- 
sen im inneren Augenwinkel wurden durch austrocknende und 
leicht adstringirende Augenwässer beseitigt. 

Bei weitem gefährlicher gestaltete sich die Augenentzün- 
dung der Dlle. V., einer hiesigen Putzmacherin, 25 Jahr alt. 
Sie schielte seit dem dritten Jahre mit dem linken Au2;e nach 
innen. Da sie von schöner Gesichlsbildung und daher eitel 
war, so hatte sie von Jugend auf sich alle erdenkliche Mühe 
gegeben, vom Schielen befreit zu werden, aber vergebens. 
Alle Schielbrillen und andere Vorrichtungen hatten ihren Zu- 
stand nicht einmal etwas gebessert. Bei der Operation ver- 
harrte das Auge nach der Durchschneidung des M. rectus in- 
ternus noch in seiner falschen Stellung; eben so nachdem ich 
die dicke verkürzte Bindehaut in einem grösseren Umkreise 
getrennt hatte; nur mit der Durchschneidung des trochlearis 
stellte es sich grade. Es wurde dann die gewöhnliche küh- 
lende Behandlung vorgeschrieben und allen Anordnungen von 
Seiten der Patientin aufs Sorgfältigste nachgekommen. Den- 
noch entwickelte sich am zweiten Tage nach der Operation 
eine gefährliche Augenentzündung, welche sich über das den 
Bulbus umgebende Zellgewebe fortpflanzte und ihn weiter aus 
der Augenhöhle hervordrängte, so dass die Prominenz schon 
bei verschlossenen Augenlidern beträchthch war. Zog man die 
Augenlidspalte auseinander, so sah man im inneren Augen- 
winkel feine rothe "Wülste und die ganze Gonjunctiva bulbi 
mit vielen injicirten Gefässen bedeckt; dabei starke Licht- 
scheu, Thränenfluss , lancinirende Schmerzen, dumpfer Kopf- 
schmerz, bisweilen bis zur tiefen Betäuljimg. Ich liess sogleich 
einen Aderlass bis zur Ohnmacht machen, die ganze Seite des 
Kopfes mit Eiscompressen bedecken, unaufliörhch durch Bit- 
terwasser abführen , der Kranken nur kaltes Wasser und dün- 



72 

nen kalten Haferschleim trinken, viele Blutegel ansetzen, und 
damit einige Tage lang, während welcher noch dreimal zur 
Ader gelassen, fortfahren. So durfte ich mir wenigstens nicht 
den Vorwurf machen, eine Unterlassungssünde begangen zu 
haben, wenn das junge Mädchen das Auge verlieren sollte. 
Die Entzündung konnte aber gegen dies Verfahren nicht Stand 
halten, sondern wich, und bald hatte ich es nur noch mit eini- 
gen imschuldigen Granulationen im inneren Augenwinkel zu 
thun, welche durch Bestreichen mit Extractum saturni ver- 
dichtet und zuletzt mit der Scheere entfernt wurden. Das Auge 
behielt kein Zeichen der Entzündung, erlangte vollkommene 
Sehkraft und die normale Stellung. 

Der folgende Fall unterschied sich besonders von allen übri- 
gen beobachteten dadurch, dass nach der Operation des Schie- 
lens beider Augen eine heftige Augenentzündung scrophulö- 
ser herpetischer Natur auf dem einen Auge entstand. Emi- 
lio B., mit hellblondem Haar und hellblauen Augen, litt in 
ihrem siebenten Jahre an einer scrophulüsen Augenentzündung, 
in Folge welcher ein Flecken auf der Hornhaut zurückblicb, 
der die Ursache des Schielens dieses Auges war. Dies Auge 
konnte besser als das andere in den äusseren Winkel bewegt 
werden. Das Sehen war auf beiden Augen schwach, aber 
weder Doppelsehen noch eine widernatürhche Erweiterung 
oder Verengerung der Pupillen fand Statt. Die beiden M. re- 
cti interni wurden durchschnitten, worauf sich die Stellung 
der Augen sogleich etwas verbesserte; aber schon nach eini- 
gen Tagen warf sich eine herpetische Eruption auf die Lider 
des rechten Auges, welche einen ganzen Monat anhielt, wo- 
gegen die Wunde am linken Auge schnell und ohne Wuche- 
rung heilte. An dem anderen Auge, welches stets mit einem 
schleimigen Eiter bedeckt war, entstanden grosse Wucherun- 
gen auf der Conjunctiva palpebrarum, welche mit der Scheere 
entfernt werden mussten. Das zweite Auge, welches nach 
der Operation fast zu weit nach innen gestanden hatte, wen- 
dete sich später fast mehr nach aussen. 

Dass eine heftige gefährliche Augenentzündung, welche mit 



73 

anhaltenden drückenden Schmerzen im Augapfel begleitet ist, 
nach der Operation die allersfrengstc antiphlogistische Behand- 
lung erfordere, um dem Verluste des Organs vorzubeugen, 
bedarf hier wohl keiner näheren Erörterung. Starke Aderlässe 
leisten hier gewöhnlich mehr als Blutegel, und bei stechenden 
Schmerzen im Auge zögere man nicht mit einer starken Venä- 
section, welcher man bald das Ansetzen der Blutegel folgen 
lassen muss. Bei Kindern beschränkt man sich auf Blutegel, 
doch setze man sie in gehöriger Zahl, bis 8 auf Einmal, und 
mache über die ganze Kopfhälfte Umschläge von Eiswasser. 
Das Auflegen von Eis halte ich für nachtheilig; die zu grosse 
Kälte wirkt weniger antiphlogistisch, als ein geringerer Grad; 
sie wirkt paralysirend auf die Cirkulation in den Capillargefäs- 
scn. Die durch Sekret zusammengeklebten Augenhder müssen 
öfter behutsam gelöst und mit einem feinen Schwämmchen und 
lauem Wasser ausgewaschen werden; kaltes Wasser nimmt 
das klebrige Sekret durchaus nicht fort. Dabei untersuche man 
täglich bei etwas gelüftetem Vorhang den Zustand des Auges, 
ohne jedoch die Augenlider stark von einander zu ziehen. 

Innerlich beschränkt man sich die ersten Tage auf salini- 
sche Laxanzen, und erlaubt dem Patienten kein anderes Ge- 
tränk als Wasser und keine andere Nahrung als Hafer- oder 
Gerstenschlcim. Nimmt die Entzündung einen mehr chronischen 
Charakter an, zeigt sich eine erwachende Scrophulosis oder 
eine andere Dyscrasie im Körper, so leisten Galomel und Rheura, 
mit denen man den Leib fortwährend offen hält, vortreffliche 
Dienste. Oertlich macht man dann Umschläge von verdünnter 
Aqua saturnina mit Kirschloi'bcerwasscr über die Augenlider, 
wendet die Fomentationen wieder kalt an und geht endlich zu 
laulichen über. Die Wiederholung der Blutegel ist auch noch 
jetzt angezeigt, doch in geringerer Zahl. Bei einer sich sclir 
in die Länge ziehenden, aber ihre Intensität mehr verlieren- 
den Augenentzündung legt man Vesicatoricn in den Nacken, 
macht laue FHcderumschläge mit einem kleinen Zusatz von 
Aqua opii, reibt Unguentum cinereum in die Schläfen ein 
u. s. w. 



74 

Zum Glück sind Augenentzündimgen, welche Blutentziehun- 
gen nöthig machen, nach der Schieloperation eine grosse Sel- 
tenheit. Kaum ist unter 50 Operirten einmal die Anwendung 
der Blutegel nöthig und die der Yenäsection einmal unter 150. 
Unter 1200 operirten Augen wurden nur bei 8 Patienten Venä- 
sectionen gemacht. Ich habe es für nützlich gehalten, einige 
dieser schweren Fälle hier anzuführen, aus denen der Verlauf 
der Augenentzündung ersichtlich wird. 

Eine höchst gefiihrhche Augenentzündung trat nach der 
Operation eines jungen Mannes ein, welcher an Strabismus 
convergens beider Augen htt und welche dem Leben selbst 
Gefahr drohte. Adolph R., 23 Jahr alt, ein kräftiger Schlosser, 
mit graublauen Augen, schielte seit frühester Kindheit mit bei- 
den Augen, besonders dem rechten, so stark, dass sich die 
linke Hornhaut zum grösseren Theil in den inneren Augenwin- 
kel hineinrollte; bei der verstärkten Drehung des Auges nach 
innen konnte er dieselbe so vollständig verschwinden machen, 
dass man nur die Sclerotica sah. Der Patient gebrauchte nur 
das linke Auge zum Sehen. Die Operation hatte nichts Beson- 
deres ; der Äluskel wurde durchschnitten und das Auge stellte 
sich sogleich grade. Bei einer kühlenden Behandlung trat eine 
nur höchst unbedeutende Entzündung ein, nach deren Besei- 
tigung das Auge seine vollkommene normale Stellung, welche 
es sogleich bei der Operation angenommen hatte, behielt. Hoch 
erfreut über diesen glücklichen Erfolg, wünschte der junge 
Mann einige Wochen später auch das andere, minder schie- 
lende Auge operirt. Ich liess die Operation von einem jungen 
fremden Arzte, welchem ich Gelegenheit zu seiner Ausbildung 
geben wollte, unter meinem Beistande vollziehen. Er beging 
dabei keinen Fehler, sondern trennte den Muskel ganz ge- 
schickt. Die Nachbehandlung, welche ich leitete, war die ge- 
wöhnhche, kalte Umschläge und Abführungen. Am Ende des 
zweiten Tages begann sich dessen migeachtet eine heftige Ent- 
zündung der Bindehaut des das Auge umgebenden Zellgewe- 
bes zu entwickeln, welche so schnell überhand nahm, dass 
die vordere Hälfte des Bulbus hervortrat und nicht mehr von 



75 

den Augenlidern bedeckt werden konnte. Der stiere Blick bei 
grader Stellung des Bulbus, das Toben des von wiithenden 
Kopfschmerzen gefolterten Patienten hätten, wenn dies der 
erste Versuch der Strabismusoperation gewesen wäre , mir die- 
selbe auf immer verleiden mögen. Eine Anzahl Blutegel hatte 
mein Assistent schon vor meiner Ankunft bei dem Patienten 
in die Schläfe gesetzt und Eisumschläge über den Kopf ma- 
chen lassen, dabei Mittelsalze gegeben. Nur von starken Ader- 
lässen schien hier etwas erwartet werden zu können, wes- 
halb ich dem Patienten sogleich einige Pfund Blut abliess, bis 
er in eine tiefe Ohnmacht verfiel. Zwei Tage lang wurden die 
Venen bald am rechten, bald am linken Arm abwechsehid ge- 
öfTnet und Blutegel in grosser Anzahl an den Kopf gesetzt, 
worauf alle Zufälle schnell nachlicssen, die Entzündung und 
Anschwellung verschwanden und der Augapfel wieder in seiner 
Höhle zurücktrat. Dann aber drohte eine heftige phlegmonöse 
Entzündung des rechten Arms, von einer der Aderlasswun- 
den ausgehend, durch Uebergang in Eiterung und Verjauchung 
des Zellgewebes des Vorderarms und der Hand, dem Leben 
ein Ende zu machen. Grosse Einschnitte und warme Kamillen- 
theeumschläge mit Bleiwasser, wochenlang angewendet, hoben 
auch dieses neue Leiden, und erst im dritten Monate wurde 
der Kranke vollkommen geheilt. Beide Augen waren jetzt voll- 
kommen normal und auch die Hand hatte ihre Brauchbarkeit 
nicht verloren, sie war nur für den Augenbhck etwas be- 
schränkt. Laue Bäder und Einreibungen von Klauenfett ga- 
ben ihr allmählig ihre Geschmeidigkeit wieder. 

Ich habe diesen so äusserst lehrreichen Fall ausführlicher 
mitgetheiit, um jungen Aerzten absichtUch auch die Schatten- 
seiten der interessanten Operation des Strabismus zu zeigen. 
Am peinlichsten waren mir bei meinen Besuchen des Patien- 
ten das laute Jammern und Klagen der Eltern, welche mir 
unaufhörlich vorwarfen, dass ich iliren Sohn von emem jun- 
gen Arzte habe operiren lassen, um sich daran zu üben; es 
müsse die Ait und Weise doch daran Schuld sein, da das 
erste, von mir selljst operirte Auge so schnell wieder besser 



76 

geworden sei. Der glückliche Erfolg versöhnte sie indessen 
bald ^yieder und ich selbst fühlte mich ausserordentlich be- 
glückt. Ich kann es nicht unerwähnt lassen, dass der Dr. Be- 
bend mich bei der mühvollen Nachbehandlung thätig unter- 
stützte; dass aber nicht er, sondern ein fremder junger Arzt 
die Operation gemacht hatte. 

So leicht wir in der Regel auch nach der Operation alle 
Zufälle verschwinden sehen, so zeigen doch die wenigen hier 
so eben mitgethcilten Beobachtungen, dass sich dieselben un- 
ter gewissen Umständen zu einer bedenklichen Höhe steigern 
können, so dass der Verlust des operirten Auges dringend zu 
fürchten ist. In der That muss man sich aber darüber wun- 
dern, dass dergleichen Zufälle sich nicht Öfter ereignen und 
dass nicht selbst öfter ein Auge verloren geht. Bei der gros- 
sen Anzahl der von mir oft zu zehn bis zwanzig in einer 
Stimde Operirten geschah es nicht selten, dass die Wohnun- 
gen der Kranken unbestimmt angegeben worden waren und 
dass man dieselben nicht aufzufinden im Stande w-ar; ohne 
Behandlung und ohne Zufälle genasen sie und stellten sich 
später geheilt w^ieder ein. Ich fand operirte Gassenbuben in 
der Strenge des Winters oder bei glühender Sommerhitze am 
Tage nach der Operation auf der Strasse umherlaufen, Schmiede- 
burschen ihr Geschäft nach der Operation fortsetzen, trinken 
und Tabak rauchen, so leben, als wären sie nicht operirt wor- 
den, kurz Hunderte von Menschen alles Mögliche nach der 
Operation unternehmen, dass man nicht ohne Schrecken an 
das mögliche hieraus entstehende Unglück denken konnte — 
und dennoch ging kein Auge verloren. 

Wer wollte aber die Unmöglichkeit des Verlustes des Auges 
nach der Operation des Schielens bei der strengsten und sorg- 
fälligsten Nachbehandlung, bei constitutionellen Einflüssen und 
unverzeihhcher Nachlässigkeit von Seiten des Patienten in Ab- 
rede stellen? Leider ist die Möglichkeit dazu nicht bloss vor- 
handen, sondern ich selbst habe die traurige Erfahrung ge- 
macht. So komme ich denn hier zu der Erzählung eines Uu- 



77 

glucks, welches der Schieloperalion eine traurige Berühmtheit 
verliehen hat. 

Eine Dame, einige 30 Jahr alt, von zartem blonden Teint, 
blondem Haar und blauen Augen, schielte seit frühester Kind- 
heit abv.echselnd, in sjJäteren Jahren fast ausschliesslich mit 
dem linken Auge nach innen. Ausser einer scrophulösen An- 
lage, einer grossen Reizbarkeit und hysterischen Krampfanräl- 
len war die Dame gesund. Das Schielen war nicht zu allen 
Zeilen gleich stark, bisweilen aber das linke Auge mit der 
Hornhaut tief in den inneren Augenwinkel hineingerollt. Beim 
Schliessen des rechten verbesserte sich die Stellung nur we- 
nig; das linke sah dann die Gegenstande ein wenig matter. 
Kein Bedenken konnte hier gegen die Operation Statt haben, 
welcher sich die Patientin nach ihrem eigenen dringenden 
Wunsche unterzog. Im Beisein zweier genauer Freundinnen 
der Dame, von einigen Aerzten, den Doctoren Thümmel, Boom 
und IIoLTUOFF unterstützt, machte ich die Operation. Sie war 
leicht und nicht durch den kleinsten Zufall gestört, dauerte 
daher auch nur einige Augenblicke. Nach dem ersten Con- 
junctivaschnitt lag der ungewülmlich hellrothe, rundlich ge- 
formte M. rectus internus klar vor Augen; das ihn seillich be- 
gränzonde und befestigende Zellgewebe war transparent und 
lax. Ein kleiner Scheerenschnitt bahnte dem stumpfen Haken 
leicht einen Weg unter den Muskel, der von seiner unteren 
Fläche nur wenig vom Bulbus gelöst werden durfte. Die grosse 
Nachgiebigkeit des Muskels und die kraftige Wirksamkeit des 
M. rectus externus, welcher das Auge, wie bemerkt, ganz 
nach aussen zu wenden im Stande war, machte ein solches 
Verfahren, durch welches ein späteres Schielen nach aussen 
vermieden wurde, hier nothwendig. Hierauf rollte ich den 
Augapfel mittelst des Muskelhakens etwas über die Mitte hin- 
aus und durchschnitt den M. rectus internus etwa i Linien 
von seiner Sehne entfernt. 

Die unmittelbare Folge dieses Schnitts war die vollkom- 
mene Gradstellung des Augapfels, Das Auge wurde hierauf 



78 

mit kaltem Wasser ausgespült und die Ränder der kleinen 
ßindehaul\A=Tinde wie gewöhnlich sorgfältig einander genähert, 
um die Wunde zu schliessen und das Eindringen der Luft 
von der tieferen Wunde, dem entblösst gewesenen Bulbus, 
abzuhalten. 

Die Kranke wurde dann auf ihr Lager gebracht, das Zim- 
mer gehörig verdunkelt, kalte Umschläge über die Augenlider 
gelegt, innerlich Bitterwasser und eine antiphlogistische Diät 
empfolilen. Genug es wurde nichts unterlassen, um den Er- 
folg zu sichern, dem eigenen Bewusstsein zu genügen, und 
eine launenhafte, reizbare Patientin zu beruhigen und zufrie- 
den zu stellen. 

So verliess ich die Kranke im sicheren Vertrauen, dass sie 
alle meine Verordnungen auf das sorgfältigste befolgen würde. 
Sie zeigte dazu die grösste Willfährigkeit, wiewohl eine ge- 
wisse verhaltene innere Aufregung, welche ich nur auf die 
Operation schob, mich mit Bangigkeit über zu befürchtende 
spätere leidenschaftliche Ausbrüche erfüllte. Der Tag der Ope- 
ration verstrich indessen, ohne dass mir Ereignisse der Art 
bekannt geworden wären. Mit Schrecken erfuhr ich indessen 
am folgenden Morgen, dass die Patientin einen Theil der Nacht 
mit Beantwortung eines, ihr Gemüth tief erschütternden Brie- 
fes, in welchem sie beschworen wurde, sich nicht operiren 
zu lassen, und anhaltendem Weinen zugebracht hätte. Die lei- 
denschaftliche Frau hatte sich den heftigsten Ausbrüchen von 
Schmerz und Reue über die Operation, welche sie schriftlich 
imd mündlich gewünscht hatte, überlassen. Die Folgen dieser 
Ereignisse blieben nicht aus. Es stellte sich in den nächsten 
Tagen grosse Lichtscheu, von einem Thräuenfluss begleitet, ein, 
und bei Aufhebung des oberen Augenlides zeigte sich das Auge, 
besonders im inneren Augenwinkel, geröthet. 

Die vorgeschriebene antiphlogistische Behandlung wurde 
nun sogleich noch strenger gehandhabt, starke Salzlaxanzen 
gegeben, Blutegel in beträchtlicher Anzahl in die Schläfen- 
gegend gesetzt und über die Diät auf das Strengste gewacht. 
Die Patientin unterzog sich pünktlich allen diesen Anordnun- 



70 

gen und ich kann mich nicht über Unfolgsamkeit beklagen. 
Ihr Geniülh war indessen tief erschüflert luid fortwährend 
niit einem gewissen verhaltenen Ingrimm gegen mich erfüllt; 
ich erhielt auf meine Fragen nur lakonische Antworten, wo- 
bei die Patientin immer mit fest verschlossenen Augen, eine 
krampfliafte Erscheinung, da lag. 

Ungeachtet einer fortgesetzten kühlenden und abieilenden 
Behandlung und der wiederholten örtlichen Blutentziehungen, 
dauerte der entzündliche Zustand in dem operirlen, fortwäh- 
rend geschlossenen Auge fort. Dabei klagte die Patientin nie 
über anhaltende Schmerzen, und die mitunter sich einstellen- 
den verschwanden bald nach stärkeren Ausleerungen und Blut- 
egeln. Alli^emeine fieberhafte Bewec:una;en waren nicht be- 
merkbar, der Puls war stets klein, nervös und schwach, und 
an eine Yenäsection niemals zu denken. 

Mit dem Nachlass der wässrigen Secretion des operirten 
Bulbus und dem Ausfluss eines schleimigen Secrets, wurde 
die örtliche Kälte mit lauer Wärme verlauscht, die Augenlid- 
ränder Öfter mit Fhederlhee und schwachen narkotischen Infu- 
sis gebähet, über die Augenlider und Schläfe ähnliche Fomente 
mit Bleiwasser umgeschlagen, und statt der Salztränke Calomel- 
laxanzen gegeben. Dr. Holthoff, welcher mit mir die Kranke 
besuchte, widmete derselben ausser mir die grösste Aufmerk- 
samkeit. 

Die Untersuchung des Auges, dessen Lider in Folge der 
an die Schläfen angesetzten Blutegel erysipelatös entzündet wa- 
ren, machte grosse Schwierigkeit. Die Blutegelstiche hatten 
Geschwürsform. Das angeschwollene starre und zugleich durch 
den Krampf herabgezogene obere Augenlid liess sich schwer 
auch nur etwas in die Höhe ziehen, um den Augapfel zu se- 
hen. Die Röthe im unteren Theile der Bindehaut war blässer ge- 
worden und die Hornhaut vollkommen klar; aus der Gegend des 
inneren Augenwinkels drangen einige Tropfen einer klebrigen 
Feuchtigkeit hervor. Nur zu deutlich liess sich erkennen, dass 
eine scrophulösc Dyscrasie geweckt, zum Verderben der Kran- 
ken nicht so leicht wieder zum Schweigen zu brin2;en war. 



so 

So Morden denn nach einander, und zwar mit gehöriger 
Conseqiienz, die unter diesen Umständen wirksamsten äusse- 
ren und inneren Mittel angewendet, narkotische Umschläge, 
Einreibungen, Ableitungen, innerhch das Zitlmann'sche De- 
coct, — aber Alles ohne wesenthche Verbesserung des Zu- 
standes. Die über Augenlider imd Schläfe weit ausgedehnte 
rosenartige Entzündung dauerte bei feuchter und bei trocke- 
ner Wärme fort, und die scrophulöse Augenentzündung machte 
keine Fortschritte zur Besserung. 

Willkommen war mir denn die Zuziehung des Gehclm- 
Raths HoRN, welcher die Kranke in früheren Zeiten behandelt 
hatte. Unser grosse Augenarzt Jüxgken befand sich leider auf 
Reisen. Der Rath jenes erfahrenen Arztes gab der Patientin 
zwar einige Seelenruhe, doch die gemeinsame Behandlung 
verbesserte den Zustand ebenfalls nicht. Trotz aller Mittel, 
trotz der angestrengtesten Aufmerksamkeit in der Wartung 
und Pflege der Patientin durch eine edle, aufopfernde, be- 
freundete Hand, dauerte die Entzündung des Auges, so wie 
die Rose in den äusseren Theilen fort. Der Augendeckel Hess 
sich nur noch so weit in die Höhe heben, um das leise Bä- 
hen mit einem milden narcotischen Infusum vornehmen zu 
können. 

So verstrich ein Tag nach dem anderen und eine Woche 
nach der anderen. Wir halten keinen grösseren Wunsch , als das 
Sehvermögen zu retten, aber die Krankheit war hartnäckiger, 
als unsere Mittel. Das Auge war durchaus nicht mehr sichtbar, 
die harte Geschwulst des oberen AugenHdes Hess jetzt nur 
noch die Besichtigung durch eine kleine Spalte zu, durch das 
geschwollene Lid fühlte sich der Bulbus etwas mehr promini- 
rcnd an. Ableitungen in den Nacken und auflösende abfüh- 
rende Mittel, Einreibungen von Unguentum mercuriale mit 
Narcoticis ausser dem Bereich des Erysipelas, machten den 
Beschluss einer sechswöchentlichen, für Patientin und Acrzte 
gleich qualvollen Behandlung. Das Erysipelas fing nun an sich 
zu vermindern, und es war mir seit längerer Zeit zum ersten 
Mal wieder mögheb, die noch geröthete Gonjunctiva und ein 



$1 

kleines Segment vom unteren Rande der Hornhaut zu über- 
sehen. Letzteres erschien etwas opalfarben. 

So unglücklich auch dieser Erfolg war, so tröstete es 
mich dennoch, dass kein Hypopion und Collapsus des Aug- 
apfels erfolgte. Die Kranke verliess Berlin, um sich einem 
fremden berühmten Augenarzte anzuvertrauen, und noch spä- 
ter erfuhr ich, dass eine partielle Trübung der Hornhaut nach 
der Wiederherstellung zurückgeblieben sei. 

Der traurige Ausgang dieser Operation gehört zu den un- 
erhörten Ereignissen, und ist theils der Aufregung der Kranken 
in der ersten Nacht nach der Operation, theils und vielleicht 
noch mehr ihrer scrophulösenr Anlage zuzuschreiben, da bei ge- 
sunden Individuen die gröbsten Excesse ohne üble Folgen vor- 
übergingen. Mir ward während sechs langer Wochen das nicht 
bcneidcnswerthe Loos zu Theil, vergebens ein constilutionclles 
Leiden zu bekämpfen und eine Kranke zu sehen, welche statt 
eines ergebenen, vertrauensvollen Entgegenkommens, mit vor- 
nehmer Kälte meine Besuche empfing. Zum Glück gehören der- 
gleichen Naturen zu den Seltenheiten, denn Verstandesgabcn 
allein sind dürftiger Ersatz für Mangel der Milde, besonders beim 
Weibe. So hat denn die edle Patientin noch jüngst darin eine 
Befriedigung gefunden, in ihrem letzthin erschienenen Roman, 
dieTrübung ihres einenAuges, allein der fahrlässigen ärztli 
chen Behandlung nach der Operation zuzuschreiben. Ist 
diese herzlose, schneidende Anklage ihr eine Genugthuung, so 
beneide ich sie wenigstens nicht um diese Art der Tröstung; ver- 
sichern kann ich übrigens, dass unter vielen tausend Menschen, 
welche ich in meinem Leben operirt und behandelt liabe, un- 
ter denen sich mehrere der grössten Geister der Welt befan- 
den, kein Charakter mir vorgekommen ist, welcher mich auf 
eine so widerwärtige Weise berührt hat als diese Patientin, 
welche doch manche andere Menschen durch die Gaben ihres 
Geistes erfreut hat. 

Man verzeihe mir diese weitläuftige Erzählung; doch war 
ich der Wahrheit die Auseinandersetzung dieses unglücklichen 
Ereignisses schuldig, welches die meisten europäischen Blät- 

ö 



82 

ter durchwandert hat, und jetzt wieder durch die Herausgabe 
der neuesten romantischen Reise der Patientin, die abermahge 
Aufmerksamkeit auf sich gezogen und gerechte Tlieihiahme er- 
regt hat. 

Ucbcr Wucherungen der Wunde nach der Operation 
des Schiclens. 

Zu den bisweilen vorkommenden Ereignissen nach der Ope- 
ration des Schielens, besonders nach der Durchschneidung des 
M. rectus internus , gehört, dass sich von der Wunde aus eine 
dicke, bald schwammige, bald mehr derbe granuhrende Masse 
erhebt, welche sich selbst bis zum Rande der Hornhaut hinüber- 
lagert und das Schliessen des inneren Augenwinkels hindert. 
Arn äusseren Augenwinkel und nach der Operation des Schie- 
lens nach oben, ist die Granulation immer lockerer und schwam- 
miger, selten aber so fest, wie die im inneren Augenwin- 
kel sich bildende. Diese Masse ist zum Theil caro luxurians, 
welche besonders stark im inneren Augenwinkel sich bildet. 
Sie nimmt ihren Ursprung von drei Seiten her, nämlich von 
den Rändern der Bindehautwunde, von dem zwischen Con- 
junctiva und Sclcrotica liegenden Zellgewebe, und von dem 
durchschnittenen Muskel, Entweder bilden alle drei gemein- 
schaftlich eine dicke Wulst, oder vorzugsweise einer der 
gedachten Theile allein. In der ersten Zeit hat diese Masse 
ein blutrothes Ansehen, allmähhg wird sie blässer, fester und 
schrumpft zuletzt zu einem runden Knöpfchen von röthlich- 
weisser Farbe zusammen; bisweilen bildet sie ein perlfarbencs 
hartes Knöpfchen, wenn sie nicht entfernt worden. 

Grossen Antheil an die Entstehimg dieser fremdartigen 
Masse, welche sich, wie bemerkt, besonders nach der Ope- 
ration von Strabismus convergens im inneren Augenwinkel bil- 
det, hat die Operationsmethode. Ist nämlich der Muskel nui* 
eine Linie oder etwas darüber vom Augapfel durchschnitten 
worden, und entfernte sich der zurückgebliebene kleine Stumpf 
durch die verbesserte Stellung des Auges so weit von dem 



83 

hinteren Theile des Muskels, dass beide Tlieile nicht durch 
Zwischenmasse vereinigt werden konnten, so bildet jener, in- 
dem er anfangs sich aul'i)lähef, den .Mittelpunkt jener Granu- 
lation, gleichsam ihren festeren Kern. Ist dagegen die Sehne 
des Muskels hart an der Sclerotica abgetrennt, so zieht sich 
dieser Theil ebenfalls zurück, und man findet niemals in Sj);i- 
terer Zeit in der Mitte der Granulation dieses härtliche Knöt- 
chen. Während diese ihn umgebende lockere Masse durch 
aufgelegtes ]}leiwasscr, durch bestreichen mit Extractum sa- 
turni und endlich durch Berühren mit Lapis infernalis alimäh- 
lig verschwindet, wird dadurch jene perlfönnige luid perlfar- 
bene Erhöhung nicht zum Weichen gebracht, sondern noch 
mehr verdichtet. Es ist daher rathsam, theils der Unbcquem- 
Hchkeit, theils der kleinen Entstellung wegen, welche dadurch 
hervorgebracht wird, sie zu entfernen. Dies kann zu jeder 
Zeit geschehen, nachdem die Operationswunde fast geheilt ist, 
die Granulation mag noch blutroth oder schon zusammenge- 
schrumpft sein. 

So leicht nun auch das Abtragen dieser Aufwulstung ist, 
so darf man sich doch nicht schmeicheln, sie durch einen 
Scheerenschnitt, ohne dass ein Assistent die AugenUder aus- 
einander zieht, zu entfernen. Man bedient sich dazu einer 
kleinen, auf der Fläche gebogenen Augenscheere, wie sie zur 
Operation des Schielens gebraucht wird; wiUirend dort die 
concave Seite der Scheere dem Auge zugewendet war, ist es 
hier die convexe. Mit leicht geölTneten J3ranchen nähert man 
sich der zu entfernenden Wulst und erfasst den günstigen 
Moment des Stillestandes des Auges, um mit einem Schnitt 
die Masse abzutrennen. Bei sehr unruhigen und ängstlichen 
Kranken, besonders wenn die Wulst bereits zum festen blut- 
leeren Knötchen verhärtet ist, geht man sicherer, wenn man 
nach gehöriger Fixirung der Augenlider das Knötchen mit einer 
Hakenpincette fasst und dann mit einem Scheerenschnitt abträgt. 

Je nachdem die Masse blutreich oder blutarm ist, wird die 
Wunde entweder einige Tropfen Blut geben, oder nur ein we- 
nig blutiges Serum ausschwitzen. Reaction, welche eine stren- 

6* 



84 

gere Nachbehandlung erforderte, habe ich niemals eintreten 
sehen; das blosse Waschen mit kaltem Wasser war hinrei- 
chend, ihr vorzubeugen. Selten stellte sich nach dem Abtra- 
gen der Wucherung eine neue ein, welche eine abermalige 
Entfernung derselben nöthig machte. Güerin's Furcht vor die- 
sen Wucherungen ist unbegründet, da sie theils selten vor- 
kommen, wenn nur der Conjunctivaschnitt nicht übermässig 
gross gemacht wird, theils kein Nachtheil dadurch herbeige- 
führt wird. In einigen Fällen erwuchs aus ihnen sogar ein be- 
deutender Vortheil. Wenn z. B. nach der Durchschneidung des 
M. rectus internus, der äussere grade Augenmuskel gleich so 
stark zu wirken anfing, dass der Augapfel sich etwas nach 
aussen drehte, so vermittelte die Wucherung im inneren Augen- 
winkel die Zurückführung des Auges nach innen, theils durch 
organischen Zusammenhang mit dem hinteren Theile des Mus- 
kels, theils durch Bildung einer contrahirenden Narbenmasse. 
In Fällen dieser Art darf das Abtragen der Wucherung nicht 
frühe unternommen werden, weil man dadurch dem äusseren 
Muskel noch mehr das Uebergewicht verschafft und die an- 
ziehende Narbe die Verbindung mit dem hinteren Theile des 
Muskels verhört. Das Bestreichen mitExtractum saturni, oder 
bei derberer Masse mit Lapis infernalis, ist hier das beste 
Verfahren. 

Ich werde nun einige Fälle von ungewöhnlich starker Wu- 
cherung nach der Operation anführen. 

Sehr starke Wucherungen im inneren Augenwinkel ent- 
standen nach der Operation von Strabismus internus bei der 
Henriette S., welcher ich beide Augen operirt hatte. Es wa- 
ren die inneren graden Augenmuskeln einige Linien hinter der 
Sehne abgeschnitten. Die Stellung der Augen war darauf na- 
türhch. — Eben so bei Franz S., aus Böhmen, 25 Jahr alt, 
mit graublauen Augen, von denen das rechte nach innen 
schielte und sehr schwachsichtig war. Oft fand Doppelsehen 
Statt. Da der Muskel einige Linien von der Sclerotica entfernt 
abgeschnitten worden war, so entstand auch hier eine starke 
Granulation, welche mit der Scheere entfernt wurde. Das 



85 

Schielen hatte ganz aufgehört. — Der Kaufmann B., oO Jahr 
alt, mit blaugrauen x\ugen, schielte seit frühester Kindheit mit 
dem linken stark nach innen; das Sehvermügon war auf die- 
semi Auge sehr schwach. Es wurde der Muskel einige Linien 
von der Sclerotica entfernt durchschnitten und die sich spä- 
ter bildende Granulation mit der Scheere entfernt. Die Stel- 
lung des Auges war vollkommen normal. — Bei Friedrike U., 
12 Jahr alt, mit blauen Augen und starkem Schielen des lin- 
ken nach innen, entstand nach der Operation eine so starke 
schwammige Wucherung im inneren Augenwinkel, dass da- 
durch ein Theil der Cornea bedeckt und das Schliessen der 
Augenlider erschwert wurde; das übrige Auge zeigte keine 
Sjiur von Röthe. Das Abtragen der Wucherung war von einer 
ziemlich starken Blutung begleitet. Es wurde kaltes Wasser 
aufgelegt und in wenigen Tagen war die Heilung vollkom- 
men. — Bei Fräulein Friedrike G., 20 Jahr alt, entstand nach 
der Operation von Strabismus cxternus auf dem rechten Auge, 
eine sehr üppige Wucherung von dem Umfange und der Farbe 
einer kleinen breitgedrückten Felderdbeere; das übrige Auge 
zeigte kein einziges injicirtes Gefüss. Die schwammige Gra- 
nulation wurde abgetragen und anfangs kaltes Wasser ange- 
wendet, später verdünnte Aqua saturnina. Keine Spur von 
einer Statt gehabten Operation war an dem Auge sichtbar. — 
Nur zweimal kam mir der folgende Fall vor: Herr F., 20 Jahr 
alt, von scrophulösera Habitus, wurde von mir wegen Stra- 
bismus internus des linken Auges mit dem besten Erfolge 
opcrirt. Bald aber entwickelte sich aus dem inneren Augen- 
winkel eine bedeutende Excrescenz von schwammiger Beschaf- 
fenheit, die zu Blutungen geneigt war; dazu gesellte sich nach 
einigen Tagen eine ödeniatöse Anschwellung der Conjun- 
ctiva, so dass diese Membran als grosse Wulste sich hervor- 
drängte. Der Augapfel stand vollkommen grade in der Mitte. 
Ich exstirpirte nicht bloss die fungöse Masse, sondern auch 
die Wulste der Bindehaut mittelst der Scheere. Danach ent- 
stand eine vvohlthätige Blutung; kalte Umschläge und Abfüh- 
rungen verhinderten den Eintritt der Entzündung, und die Hei 



86 

hing war binnen 14 Tagen so vollkommen, dass man dem Auge 
keine vorgenommene Operation ansehen konnte. 

Von den späteren Merkmalen, welche nach der Operation 
des Schielens am Auge wahrgenommen werden. 

Der innere Augenwinkel gestattet noch längere Zeit nach 
erfolgter Heilung der Operationswunde genaue Beobachtungen 
über die leisen Veränderungen anzustellen, welche an diesem 
Orte später geschehen. Nach der Durchschneidung anderer 
Muskeln des Augapfels ist diese Beobachtung unvollkommen, 
da der Operationsort von den Augenlidern bedeckt wird. 

Die Spuren der Operation des Schielens nach innen sind 
bei jungen gesunden Personen im günstigsten Fall nach 8, 
höchstens nach 14 Tagen gänzlich verschwunden. Die genaue 
lineare Verwachsung der Conjunctivaränder ist dazu nöthig. 

In anderen Fällen ist zwar die Wunde vollkommen geheilt, 
aber es zeigt sich noch mehrere Wochen lang eine Röthe im 
inneren Augenwinkel und die Conjunctiva erscheint im näch- 
sten Umkreise injicirt. Es ist oft ein Zeitraum von mehreren 
W^ochen bis zum gänzlichen Verschwinden dieser Rüthe er- 
forderlich, gegen welche Bleiwasser mit Kirschlorbeerwasser 
die besten Dienste leisten. 

Wenn Granulationen im inneren Augenwinkel entstehen — 
ein Beweis, dass die Conjunctivawundc nicht durch die erste 
Vereinigung geheilt ist — so bleibt nach deren Verschrumpfen 
oder nach der Abtragung noch längere Zeit eine röthliche, 
feste, nicht den Glanz der Conjunctiva zeigende Stelle zurück, 
welche dann später ebenfalls weiss und glänzend wird. 

Sind Monate nach der Operation verstrichen, ist die Röthe 
im inneren Augenwinkel verschwunden, es mag die Wunde 
durch unmittelbare Verwachsung der Conjunctivaränder oder 
durch Granulation geschlossen sein, so zeigen sich an man- 
chen Augen bei vollkommen normaler Stellung und Beweg- 
lichkeit einige Merkmale, welche dem Kemier sogleich die Statt 
gehabte Schieloperation anzeigen. 



87 

Es findet sich nämlich bisweilen an der Stelle, wo die 
Bindehaut den Bulbus verlässt, eine Furche von mehreren 
Linien Länge, die von oben nacli unten verläuft, liei der Wen- 
dung des Auges nach innen tiefer und schmäler wird, so dass 
ihre Wände sich fast berühren, bei der Drehung des Auges 
nach aussen sich aber durch die Dehnung der Gonjunctiva ab- 
flacht. Diese Furche befindet sich an dem früheren Operations- 
orte und wird durch die verkürzende Narbensubstanz des tie- 
fer hegenden Zellgewebes hervorgebracht. Mit der Länge der 
Zeit wird sie undeutlicher und verschwindet wohl bisweilen 
ganz; bei einigen Personen habe ich sie indessen noch zwei 
Jahre nach der Operation unterscheiden können. In den Fäl- 
len, wo ein späteres Schielen auf die entgegengesetzte Seite 
eintritt, zeigt sich statt der Furcihe eine glatte Spannung der 
zum Bulbus hinübergehenden Gonjunctiva. 

Von der stärkeren Prominenz und beschränkten Beweglich- 
keit des Augapfels nach der Operation des Sclüelens. 

Der Augapfel erscheint in einzelnen Fällen nach der Durch- 
schneidung eines oder mehrerer Augenmuskeln, besonders 
nach der Durchschneidung des M. reclus internus, grösser und 
convexer. Bald ist damit normale Stellung und vollkommene 
Beweglichkeit, bald ein Schielen auf die entgegengesetzte Seite 
mit eingeschränkter Beweglichkeit verbunden. Diese Erschei- 
nung kommt besonders bei grosser StrafHieit des Muskels, 
oder bei grossen gewölbten Augen mit laxer Muskulatur un- 
mittelbar nach der Durchschneidung des Muskels vor; bald 
bildet sie sich erst später aus. Besonders wird dieser Uebel- 
stand noch dadurch mit begünstigt, dass die Operationswimde 
zu gross gemacht, der Augapfel in einem zu weiten Umkreise 
gelöst und seine Sehnenscheide zu weit durchschnitten wurde. 
Wenn der Augapfel unmittelbar nach iler Operation stärker 
prominirt, so ist die Scliliessung der Augenlider und ein dm'ch 
einen Charpieballen und einen breiten Pflasterstreifen anzubrin- 
gender Druck das beste Mittel, der Zunahme des Uebels vor- 



zubeugen, ja sogar das Auge in normaler Stellung zu erhal- 
ten. Mehrere Personen habe ich auf diese Weise mit Erfolg 
behandelt. Es ist aber nöthig, dass mehrmals am Tage der 
innere Augenwinkel gelüftet und das Auge ausgewaschen wer- 
den. Bei der sich später imd allmählig einstellenden Hervor- 
ragung des Augapfels ist die öfter zu wiederholende Excision 
kleiner Bindehautfalten, durch welche eine Verkürzung dieser 
Membran und Verdichtung des unter ihr liegenden Zellgewe- 
bes entsteht, zu empfehlen. Ich habe mehrmals vergrössert 
scheinende Augen fast zu ihrem Normalansehen zurückgeführt. 
Die Excision einer Falte im inneren Augenwinkel allein ist un- 
genügend, sondern die Faltenausschnitte müssen den ganzen 
inneren Halbkreis des Bulbus nach und nach umschreiben. 
Etwa alle 8 Tage wird die Operation wiederholt, eine meh- 
rere Linien grosse Conjunctivafalte mit einer feinen Hakenpin- 
cette gefasst und mit einer feinen flach - convexen Scheere ab- 
geschnitten. Nach geschehener Vernarbung werden die Stellen 
mit Lapis infernalis bestrichen, um die Membran noch mehr 
zu verdichten. In leichteren Fällen zeigte sich die Anwen- 
dung des Höllensteins allein, ohne Ausschneiden der Binde- 
haut, nützlich. 

Was nun das eingeschränkte Bewegungsvermögen des Aug- 
apfels nach der Operation des Schielens betrifft, so findet sich 
dasselbe nur bisweilen nach der Durchschneidung des M. re- 
ctus internus , wenn der Augapfel eine stärkere Prominenz an- 
genommen, besonders w-enn er nach aussen abgewichen ist. 
Ragt der Bulbus nur etwas weiter hervor, so ist die Bewe- 
gung in dem inneren Augenwinkel nur etwas unfreier, sie geht 
gleichsam etwas langsamer und mit einer Art von Anstrengung 
vor sich; besonders kann der Augapfel nicht etwas in den An- 
gulus internus versenkt und der Hornhautrand nicht der Thrä- 
nencarunkel nahe gebracht werden, sondern es bleibt zwischen 
beiden Theilen, selbst bei der grössten Anstrengung, ein ziem- 
lich breites Scleroticafeld sichtbar. Bei dieser etwas verringer- 
ten Beweglichkeit des Augapfels, welche übrigens nur dem 
Sachkenner bemerkbar wird, ist anzimehmen, dass die Augen- 



89 

bewegungen nach innen llieils durch den M. obhquus superior, 
Iheils durch den M. rcetus internus bewirkt werden, dass letz- 
lerer aber an seiner Durchschnittsstelle entweder durch eine 
dürftige Zwischenmasse wieder vereinigt worden sei, oder 
dass sich das hintere Ende des Muskels allein, ohne mit dem 
vorderen wieder in Verbindung getreten zu sein, ungünstig 
an die Sclerotica angesetzt habe. 

Die Verwandlung der nach innen schielenden Augen durch 
die Operation in nach aussen schielenden Glotzaugen, ist im- 
mer ein beklagenswerthes Ereigniss, dass nicht bloss mit gros- 
ser Entstellung und Störung des Bewegungsvermögens des Aug- 
apfels nach innen, sondern auch mit der des Gesichts verbun- 
den ist. Stehen beide Augen nach aussen, so sieht der Patient 
nur mit dem einen, welches er durch Drehung des Kopfes 
dem Gegenstande zukehrt. Wenn das Auge stark in den äusse- 
ren Winkel getreten ist, so kann es selten viel w'eiter als in 
die Mitte gebracht werden, mit grosser Anstrengung wohl noch 
etwas weiter nach innen; zwischen dem Hornhautrandc und 
der Thränencarunkel bleibt bei der grössten Bemühung noch 
ein grosses Scleroticafeld mit stark gespannter Conjunctiva, 
ohne Spur von natürlicher oder erworbener Gonjunctivafiu-che, 
sichtbar. Durch das Schliessen des anderen Auges wird die 
Stellung etwas verbessert und dem Kranken eine etwas günsti- 
gere Stellung des Bulbus möglich. Diese gestörte BewegHchkeit 
des Auges nach innen ist Folge, dass der durchschnittene Mus- 
kel entweder gar nicht wieder mit dem Augapfel in Verbindung 
getreten ist, oder sich höchst unvortheilhaft weit nach hinten 
inserirt habe. Die schwachen Bewegungen nach innen w^erden 
hier allein durch den M. obliquus superior bewirkt, welcher 
aber durch den M. reclus externus nach und nach überwältigt 
wird, daher allmählige Zunahme des Schielens nach aussen. 

Durch die oben angegebene Excision von Conjunctivafaltcn 
an dem inneren Halbkreise des Bulbus und durch Aetzen die- 
ser Gegend, wird mit der sich verbessernden Stellung des 
Augapfels auch wieder grösseres Bcwegmigsvermögcn herbei- 
geführt. Der M. obhquus superior fühlt sich dann durch die 



90 

haltenden Narbenmassen der Conjimctiva und des Zellgewebes 
unterstützt, und der un vereinigte M. rectus internus Iritt durch 
die Verdichtung des Zellgewebes, mit dem das Wundende ver- 
klebt war, wieder in einige indirecte Verbindung mit dem 
Augapfel, dessen Wälzung nach innen er nun wieder zu un- 
terstützen vermag. 

Von dem Verhalten der durchschnittenen Augenmuskeln und 
dem W^erthe der verschiedenen Operationsmethoden. 

Die experimentirende Physiologie lehrt uns, dass die En- 
den der quer durchschnittenen Muskeln von einander weichen, 
so dass zwischen ilmen ein leerer Raum entsteht. Diese Re- 
traction ist im Augenbhck der Trennung am stärksten, daher 
die Entfernung am grösslen, und zwar nach der Seite hin, 
wo sich der längere und dickere Theil des Muskels befindet. 
Sie ist grossentheils spasmodisch und die retrahirtcn Muskel- 
cnden zeigen sich fest zusammengeballt. Bald lässt dieser 
Krampf etwas nach, die Enden treten durch Schlafferwerden 
der Muskelfasern wieder einander näher und der Zwischen- 
raum füllt sich mit ergossenem Blute an; aus der Wundflächc 
des Muskels und der benachbarten Umgebung schwitzt plasti- 
sche Lymphe aus, das Fibrin- Cruorgerinnsel wird organisch, 
verschmilzt mit der erstarrten Lymphe und organisirt sich zu 
einer derberen zellgewebigen Mittelsubstanz, welche die ge- 
trennten Muskelenden oft wieder in sehr nahe Berührung mit 
einander bringt, worauf der Muskel, wenn auch bisweilen ein 
wenig gestört, seine alten Functionen zu verrichten im Stande 
ist. Wird ein Muskel von seiner InsertionsstcUe getrennt, so 
kann er sich nur nach einer Seite hinziehen; die Retraction 
ist dann verhältnissmässig geringer, als wenn er in der Mitte 
durchschnitten wurde, da er hier nicht in seinem Innersten 
eine Störung erlitt. Einige Zeit nach der Verletzung erschlafft 
er nun wieder, so dass das getremite Ende sich wieder dem 
Punkte, an dem es inserirte, näherte. 

Diese Erscheinungen, welche wir nun bei allen zufälligen 



91 

oder absichtlichen Durclischnci(hmgen der Miiskehi l^cohach- 
ten, "WOZU uns in den letzten Jahren unzähUge orthopädische 
Operationen Gelegenheit gegeben haben, wiederholen sich auch 
bei der Durchschneidung der Augenmuskeln im Kleinen. Im 
Augenblick der Durchsclmeidung eines Augenmuskels sehen 
wir die Enden an der Trennungsstclle wie durch einen elek- 
trischen Schlag auseinander fahren. Die Ilauptveranlassung zu 
diesem schnellen, starken Auseinanderweichen ist besonders 
die, dass der Muskel sich in dem AugenbHcke der Durch- 
schneidung, durch das gewaltsame Rollen des Augapfels auf 
die andere Seite, im höchst angespannten Zustande befand. 
Betrachtet man die Wundllächen, so erscheinen diese, wenn 
es z. B. ein innerer grader Augenmuskel war, etwas schräge, so 
dass der Spalt zwischen den Enden vorn weiter als an der 
Sclerotica ist. Der Grund hiervon ist nicht schwer einzusehen. 
Hart an der Sclerotica können sich die Muskelenden nicht 
so stark zurückziehen als an der Oberfläche, da sie dort durch 
Zellgewebe an die Sclerotica zum Thcil festgehalten werden. 

Anders verhält es sich, wenn nach der Blosslegung des 
Muskels dieser durch Abschieben mit einem stumpfen Instru- 
ment von der Sclerotica gelöst wird, so dass er einen freien, 
nur vorn am Augapfel und hinten an einer Orbitalwand befe- 
stigten Strang bildet. Hier ist das Auseinanderweichen der 
Enden weit beträchtlicher, oft mehrere Linien, und die Wun- 
den der freien Muskelenden bilden zwei ganz grade kleine 
Flächen. 

y\m\ aus dem contrahirten Muskel gar ein Stück heraus- 
geschnitten, so wird die Entfernung der Enden dann noch um 
so viel weiter von einander erfolgen, als das Stück gross war. 
Diese Operationsmclhode möchte bei Muskelverkürzungen wohl 
nicht zu empfelilen sein. Nur aus einem entgegengesetzten 
Grunde bei Verlängermig eines Augenmuskels. Hier kann ein 
Stück aus dein paralysirten Muskel excidirt und dami der con- 
trahirte Opponent durchschnitten werden. Nach der Durch- 
schneidung eines gelähmten Augenmuskels ist die Zurückzie- 
hung der Enden sehr unbedeutend. 



92 

Endlich was die Durchschneidung des Augenmuskels oder 
vielmehr seiner Sehne, mit welcher er sich an die Sclerotica 
ansetzt, betrifft, so sehen wir nach der Trennung den Muskel 
sammt dem sehnigen Ende sich in den Grund der Wunde zu- 
rückziehen, viel stärker dann, wenn die vorherige Lösung des 
Muskels von der Sclerotica vorgenommen worden war. War 
die äussere Wunde nur klein, so verschwindet das sehnige 
Muskelende, indem es sich zurückzieht, vollständig. 

Den in seiner Substanz durchschnittenen oder an seiner 
Sehne vom Augapfel getrennten Muskel sehen wir nach 
dem, allen durchschnittenen Muskeln eigenen Gesetze, sich 
wieder nähern, verbinden, anheften oder getrennt bleiben, 
je nachdem die Umstände das eine oder das andere her- 
beiführten. Von der ersten Blutergiessung an, bis zur Aus- 
schwitzung der plastischen Lymphe und der organischen aus 
ihr und dem ergossenen Blute sich bildenden interstitiären 
Masse, ist nur ein Zeitraum von wenigen Tagen erforder- 
lich, da alle diese Processe in der Nähe des Augapfels mit 
unendlicher Schnelligkeit verlaufen. In der Regel bildet diese 
Zwischensubstanz eine dicke Wulst, welche mit den benach- 
barten Theilen zusammenhängt, in späterer Zeit bisweilen eine 
Furche, und bei grosser Entfernung der Muskelenden von ein- 
ander oft nur einen dünnen Streifen. Allemal war die Zwi- 
schensubstanz, zu deren Untersuchung viele wegen Recidiv 
zu allen Zeiten unternommene Operationen Gelegenheit gaben, 
in den ersten Wochen blutreich, in späterer Zeit derb, bleich 
und narbenartig, fest mit der Sclerotica zusammenhängend. 

Mancherlei Verschiedenheiten des Verwachsens der JMuskcl 
enden oder des Anwachsens an die Sclerotica kommen nun 
vor, wie ich dieselben bei der Wiederholung der Operation 
beobachtete. 

Der getrennte Muskel verwächst unmittelbar durch eine 
sehr schmale Zwischensubstanz. 

Oder diese ist stärker, oder noch bedeutender, oder end- 
lich lang, dünn und unvollkommen. 

Oder es bildet sich gar keine Zwischensubstanz, weil die 



93 

Enden wegen stärkerer Wendung des Auges auf die andere 
Seite hin sich nicht wiederfinden konnten. 

Jedes Muskelende verwächst mit der Sclerotica. 

Das vordere Ende, wenn es klein war, tritt oft an die 
äussere Oberfläche, wegen Umwälzung des Auges, und ver- 
schrumpft. 

Der in der Sehne durchschnittene Muskel zieht sich weiter 
nach hinten zurück und inserirt sich dann weiter nach hinten 
au den Bulbus in der graden horizontalen Richtung. 

Der vorn oder weiter nach hinten durchschnittene Muskel 
setzt sich bisweilen mit dem Ende weiter nach oben gleitend, 
häufiger aber weiter unter- und hinterwärts an die Sclerotica. 
In grader Linie treffen dann die Muskelenden nicht aufeinan- 
der, sondern im seitlichen Knie. 

Endlich das hintere Muskelende oder die am Bulbus abge- 
schnittene Sehne vereinigen sich gar wieder nicht mit dem Bul- 
bus, sondern verkleben nur mit dem benachbarten Zellgewebe 
oder mit ihm imd der inneren Fläche der Conjunctiva, so dass 
der Muskel bei seiner Zusammenziehung den Augapfel nicht 
direkt anzieht, sondern nur die fester an den Bulbus anlie- 
gende Conjunctiva, und durch diese wieder den Augapfel. 
Dieser Fall kommt öfter vor, als man glauben sollte, und fin- 
det sich besonders da, wo später nach der Operation ein 
starkes Schielen auf die entgegengesetzte Seite eintritt. 

Aus diesen physiologischen Untersuchungen über das Ver- 
halten der nach den drei möglichen Trennungsarten verkürz- 
ten Augenmuskeln, noch mehr aber aus allen meinen Beob- 
achtungen, ergiebt sich Folgendes für die Bestimmung des 
Werthes der drei Hauptmethoden der Operation des Stra- 
bismus. 

1) Die Excision eines Stückes aus dem, das Schielen durch 
übermässige Contraction bewirkenden Muskel, sei es durch 
doppelte Quertrennung aus der Muskelsubstanz entnommen, 
oder sei das vordere Ende des Muskels nach vorangegange- 
ner Durchschneidung dicht am Bulbus abgetragen, giebt die 
schlechtesten Erfolge , besonders wenn es beim Strabismus in- 



94 

ternus angewendet wird. Nach dieser Operationsart dreht sich 
das Auge später am häufigsten auf die entgegengesetzte Seite, 
besonders wenn die untere Fläche des Muskels weit nach hin- 
ten abgelöst wurde. Es treten bei dieser Operationsmethodo 
die Muskelenden entweder gar nicht wieder mit einander in 
Verbindung, weil sich keine gehörige Zvvischenraasse bildet, 
oder dieselbe ist schwach und dünn und wird später durch 
die Wirkung des Antagonisten fadenförmig ausgedehnt. Der 
überraschende Erfolg dieser Methode unmittelbar nach der Ope- 
ration beim stärksten Schielen nach innen, kann zu ihrer An- 
wendung verleiten, die spätere üble Erscheinung aber davon 
abhalten. Ich habe dies in erster Zeit öfter ausgeübte Verfah- 
ren längst wieder verworfen und es nur noch zur Verkür- 
zung eines übermässig verlängerten paralysirten Muskels an- 
gewendet. 

2) Die Tenotomie des Augenmuskels gewährt bei ihrer Aus- 
übung den Vortheil, dass sie am leichtesten ist, da die Sehne 
den vordersten Punkt des Muskels bildet, und dass der Tendo 
des Muskels glatt, hart am Bulbus mit einem Scheerensclmitt 
getrennt werden kann. In dem Verlaufe des Heilungsproccs- 
ses gewährt sie den Vortheil, dass die V^^unde viel leichter 
als nach den anderen Operationsmethoden heilt, indem sich 
nicht das vordere, mit dem Augapfel durch die Sehne in Ver- 
bindung gcbliel)ene Muskelstück durch das Umrollen des Aug- 
apfels herausschlägt. Es entsteht nach dieser Operalionsart 
keine wuchernde, granulirende Wulst am inneren Augenvsan- 
kel, nur sehr selten einige kleine Granulationspünktchen an 
den Wundrändern der Conjunctiva. Dagegen tritt nach dieser 
Methode ebenfalls die Gefahr ein, dass sich der nach hinten 
zurückziehende Muskel entweder ungünstig oder gar nicht wie- 
der an den Bulbus ansetzt, besonders da die durchschnittene 
Sehne nicht grosse Disposition zeigt, an eine Fläche der Scle- 
rotica, welche nicht eigentliche Wundfläche bildet, anzukleben. 

3) Die einfache Durchschneidung des Augenmuskels 4 bis 
5 Linien von der Sehne entfernt, giebt die günstigsten Resul- 
tate, da die Muskelenden sich durch interstitiäre Masse wie- 



95 

der verbinden, auch selbst im Fall einer Auswärtsdrehung des 
vorderen Mnskelsegments durch Entzündung, Auflockerung und 
Wuciicrung wieder aneinander gebracht werden. Nach der 
Anwendung dieser Methode erfolgt zwar bisweilen ein Rccidiv 
auf die nämliche Seite, wo die Muskelenden per primam inten- 
tionem wieder mit einander verwaciisen sind, doch hört es mit 
Erweichung der Narbe auf. Der Muskel wird auch schon zum 
Tlieil dadurch verlängert, dass er durch seine Durchschnei- 
dimg einen Theil seiner Contraclionskraft verloren hat, wie 
dies b(M allen anderen durchschnittenen Sehnen und Muskeln 
der Fall ist. Die Orthopädie leistet hier besonders viel. 

Von der Eigcnthümlichkcit der Conjunctiva beim 
Schielen. 

Die Bindehaut zeigt nur bei dem höheren Grade von Stra- 
bismus convergens und divergens bisweilen einige Abweichun- 
gen; bei allen anderen Arten des Schiclens habe ich sie voll- 
kommen normal, dünn, durchsichtig und weder laxer noch 
derber als bei ganz gesunden Augen angetroffen. 

Beim starken Schielen nach innen lag der umgedrehte Aug- 
apfel der Caruncula lacrymalis oft so nahe, dass er diese be- 
rührte. Die Conjunctiva zeigte hier und in der nächsten Umge- 
imng keine lockere, faltige BeschalTenheit, so dass sie mit einem 
Häkchen leicht in die Höhe zu heben war, sondern sie erstreckte 
sich, vom Bulbus faltenlos in den inneren Augenwinkel hin- 
übergehend, fast zu den Thränenpunkten fort. Mit einem Häk- 
chen gefasst und angezogen setzte sie, deuthch fühlbar, beim 
Versuch zum Ilinüberrollen des Bulbus auf die andere Seite, 
grösseren Widerstand entgegen, als der verkürzte Muskel, 
welcher bei diesem Anziehen noch gar nicht in Anspruch ge- 
nommen wurde. Ihrer Farbe nach war sie weiss und tran- 
sparent, meistens jedoch weniger als die übrige Conjunctiva, 
bisweilen perlmutterfarben, mitunter midurchsichtig, fast kreide- 
farben; diese auffallenden Veränderungen der Bindehaut fan- 
den sich nur beim Schielen nach iimen. 



9G 

Beim Durchschneiden dieser veränderten Bindehaut zeigte 
dieselbe eine bedeutende Derbheit und Festigkeit; unter dem 
Scheerenschnitt gab sie fast das Gefühl, als wenn man eine Cor- 
nea durchschneidet. Ihre untere Fläche hing fest mit dem dar- 
unter Hegenden Zellgewebe zusammen, welches ebenfalls star- 
rer, dichter und weniger elastisch war, als das glasklare, dem 
Zellgewebe der Amphibien ähnliche Zellgewebe zwischen Con- 
junctiva und Bulbus bei Säugethieren und Menschen. Dies 
dichte Zellgewebe lagerte oft in ziemlich weiter Ausbreitung 
im ganzen inneren Augenwinkel unter der Bindehaut und setzte 
sich nach mehreren Seiten hin als Stränge fort, welche sich 
nach dem Augenhöhlenrande, dem Bulbus und dem graden 
Augenmuskel erstreckten. 

Unbedingt glaube ich, dass diese Verkürzung und Verdich- 
tung der Gonjunctiva nicht Ursache, aber Folge des Schielens 
war, und dass der ungewöhnlich verkürzte und contrahirte 
Muskel zu jener Umwandlung des Gewebes Veranlassung ge- 
geben hatte. 

Abnormer Zustand der Augenmuskeln beim Schielen. 

Wenn wir beim Schielen das Auge falsch gestellt und sich 
falsch bewegen sehen, so werden wir immer darauf zurück- 
kommen, dass die das Auge bewegenden Muskeln die Ilaupt- 
vcranlassung dieses Zustandes sind. Bei jeder Art und jeder 
Form des Schielens sind demnach die Muskeln entweder die 
Ursache des Strabismus, oder erzeugte ihn ein anderes Lei- 
den, so ist wiederum die Wirkung der Muskeln alterirt und 
ihre Aktion bei veränderter Stellung des Auges anders, als 
im normalen Zustande. Während früher auf hypothetischem 
Wege manche Einsichten in den Bewegungsapparat des Auges 
gewonnen vmrden, so hat uns erst die Operation des Schie- 
lens in das innerste Gebiet der Physiologie des Bewegungs- 
apparates des Auges eingeführt und uns hier einen Schatz von 
neuen Kenntnissen aufgeschlossen. 



97 



Mangelhafte Entwickelung der Augenmuskeln und 
Mikrophthalmus. 

Als Hemmungsbildung des Auges finden wir die Augenmus- 
keln bisweilen nicht gehörig entwickelt, mitunter auch ganz 
fehlend. Im Ganzen gehören diese Beobachtungen aber zu den 
grössten Seltenheiten; denn selbst Augen, bei denen edlere 
Theile mangelhaft entwickelt waren, zeigten noch eine voll- 
ständige Ausbildung sammthcher Augenmuskeln. Man sah sie 
selbst dort noch vollständig, wo der N. opticus fehlte. Seiler 
fand bei der anatomischen Untersuchung eines Mikrophthalmus, 
dass der M. rectus superior und der M. rectus inferior des rech- 
ten Auges und der M. obliquus inferior des linken Auges fehl- 
ten. Bei vollkommener Entwickelung beider Augen fand er 
rechts keine M. obhqui, links keinen M, rectus superior und 
ebenfalls keine obhqui (Baumgarten, über das Schielen und 
dessen operative Behandlung. Leipzig, 1841.). 

Der gänzhche Mangel eines Augenmuskels ist mir noch nie 
aufgestossen, wolil aber ungewöhnliche Dünne und Kleinheit, 
jedoch immer mit Rigidität gepaart; dabei w^aren grade diese 
unentwickelt scheinenden Muskeln die activen, welche das 
Schielen veranlassten. In zwei Fällen von Mikrophthalmus, de- 
ren weiter unten bei Nystagmus ausführlicher Erwähnung ge- 
schehen wird, fanden sich, imgeachtet der dürftigen Entwicke- 
lung der Augen, die Augenmuskeln so vollkommen und kräftig 
entwickelt, wie bei normal gebildeten Sehorganen. 

Fehlt ein Augenmuskel ganz, so wird der der leeren Stelle 
gegenüberliegende Muskel das Auge auf das widernatürlichste 
an seiner Seite permanent festhalten. Dieser Muskel ist zu 
durchschneiden, an der Seite des fehlenden Muskels ein be- 
trächtliches Stück Bindehaut mit dem darunter liegenden Zell- 
gewebe zu excidiren, und den Augapfel während der Hei- 
lung nach dieser Seite hin mittelst eines Fadens gerichtet zu 
erhalten. 



98 



Bifurcation der Augenmuskeln. 

Ueberzählige Augenmuskeln sind niemals gesehen worden, 
die Bifurcation dagegen gehört nach dem hier Anzuführenden 
zu den höchst seltenen Ereignissen. 

Eine merkwürdige Bifurcation des M. rectus internus be- 
obachtete ich. Bei der Operation eines jungen Mannes, welcher 
an Strabismus convergens des linken Auges mit geringer Be- 
we2;hchkeit nach aussen seit seiner Geburt htt, fand ich, dass 
der innere grade Augenmuskel sich in der Tiefe der Or- 
bita in zwei gleich starke Bäuche spaltete, welche 4 Linien 
von einander entfernt, sich jeder mit einem Tendo an den 
Augapfel ansetzten. Beim stärkeren Anziehen mit einem stum- 
pfen Haken zeigten sich die Muskelfasern schon weit nach 
hinten etwas divergirend. Nachdem die Sehnen beider Bäuche 
durchschnitten worden waren, zogen sie sich einander nähernd 
zurück und der Augapfel stellte sich grade. Die Heilung er- 
folgte bald. Es war nicht bloss das Schielen, sondern auch 
ein hoher Grad von Aniljlyopie durch die Operation gehoben 
worden. 

Dies ist der einzige Fall von wahrer Bifurcation eines Augen- 
muskels, welcher mir vorgekommen ist. Phillips in seiner 
Schrift erwähnt dagegen, dieselbe sehr oft gesehen zu haben; 
wahrscheinlich hat er aber die membranenartige Ausbreitung 
des M. rectus externus, bei welcher einzelne Muskclbündel 
von einander abweichen, auch hierher gezählt. 



Abnormer Ansatz der Muskeln an den Augapfel. 

Die abnorme Anheftimg der Augenmuskeln an den Bulbus 
ist eine häufige Ursache des Schielens, und in dieser Bezie- 
hung habe ich mannichfache Abweichungen gesehen, sowohl 
in Bezug auf weiter nach vorn und hinten, als auch in der 
seitlichen Richtung, wodm*ch ausser der einfachen Abweichung 



99 

von der Sehaxe, noch eine falsche rotirendo Ijewlrkt wurde. 
Am häufigsten fand sich der M. rectus internus beinalie hinten 
an die Scierotica angesetzt, wodurch immer ein hoher Grad 
des Schielens herbeigeführt wurde; er war dann gleichzeitig 
verkürzt und rigider, der M. externus dagegen ausgedehnt. 
Diese zu weit nach hinten gelegene falsche Muskelinsertion 
kommt besonders bei kleinen, sehr tief hegenden Augen vor; 
sie ist als Fehler der ersten Bildung zu betrachten, da sie un- 
möglich nach der Geburt entstanden sein kann. 

Der günstige Erfolg der Durchschneidung des zu weit nach 
hinten sich inserirenden Muskels ist nicht immer zuverlässig; 
denn da dieser Zustand meistens bei kleinen, tiefliegenden 
Augen vorkommt, welche durch Trennung eines Muskels sich 
nicht bedeutend in der Stellung ändern, so kommt öfter ein 
Rccidiv vor, wiewohl man eher eine Drehung des Augapfels 
auf die entgegengesetzte Seite erwarten sollte. Diese habe ich 
aber hier nie eintreten sehen. Wo der M. rectus externus sich 
zu weit nach hinten zu inseriren schien, wie mir dies in frü- 
herer Zeit mehrmals vorkam, da beruhte dies auf der Erschei- 
nung, dass der grade äussere Augenmuskel sich nicht so deut- 
lich mit einem schmalen, kurzen Sehnenbande an die Scierotica 
ansetzt, sondern oft als eine sich nach vorn breit ausdehnende, 
transparente Haut allmähüg in die Scierotica verliert. Ich kann 
daher keinen Fall anführen, in dem ich eine wirkliche falsche, 
zu weit nach hinten Hegende deuthche hasertion dieses Mus- 
kels erkannt hätte, wiewohl sie gewiss auch vorkommt. 

Dagegen waren die Beobachtungen von einer zu weit nach 
hinten befindlichen Insertion des M. rectus internus um so häu- 
figer; einige Beispiele hiervon sind der Mitlheilung werth: 
Dlle. E., 32 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte mit dem lin- 
ken Auge nach innen. Das Auge konnte nur wenig nach aussen 
gewendet werden. Nach der Durchschneidung des Muskels, 
welcher sich weit nach hinten iaserirte, trat keine bedeutende 
Besserung des Schielens ein. — Juwelier R., 21 Jahr alt, 
schielte seit frühester Kindheit sehr stark nach innen, beson- 
ders mit dem linken Auge. Der M. rectus internus insei'irte 



100 

sich sehr weit nach hinten , war dabei sehnig und unnachgie- 
big, so dass das Auge durch den Muskelhaken wenig aus sei- 
ner Lage gebracht werden konnte. Die Operation hatte eine 
bedeutende Besserung, aber keine gänzUche Hebung des Schie- 
lens zur Folge, da wenigstens in der ersten Zeit noch eine 
kleine Convergenz des Augapfels zurückblieb. — Das auffal- 
lendste Beispiel von zu weit nach hinten gelegener Insertion 
des M. rectus internus gab Fräulein v. U., 20 Jahr alt, mit 
braunen Augen. Das linke schielte im höchsten Grade nach 
innen. Der Muskel hatte die Beschaffenheit eines kurzen, straf- 
fen, sehnigen Bandes, welches sich weit nach hinten an die 
Sclerotica ansetzte. Die Durchschneidung half wenig. Eine 
spätere wiederholte Trennung und Entfernung einer Hautfalte 
aus dem äusseren Augenwinkel hatte einen befriedigenden 
Erfolg. 

Die abnorme, zu weit nach vorn gelegene Insertionsstelle 
der Augenmuskeln haben wir ebenfalls nur Gelegenheit ge- 
habt beim M. rectus internus und extcrnus zu beobachten. So 
wie der zu weit nach hinten gelegene kleine Muskelansatz bei 
kleinen, tiefliegenden Augen vorkommt und mit Straffheit ver- 
bunden ist, so findet sich die zu weite Insertion nach vorn 
nur bei grossen Glotzaugen, und gewöhnlich am inneren und 
äusseren Augenmuskel beider Augen zugleich. Er ist mit Ver- 
längerung und Laxität verbunden. Die Muskeln sind hier schon 
bisweilen durch die Conjunctiva deutlich zu sehen. Der das 
Schielen veranlassende Muskel ist mehr durch permanenten 
Krampf contrahirt, als durch parenchymatöse Starrheit. Einige 
auffallende, hierher gehörige Beispiele mögen das Obige con- 
statiren: Richard G., Vi Jahr alt, mit blauen Augen, schielte 
von der Geburt an mit dem linken Auge stark nach innen. 
Als ich bei dem neugebornen Kinde einer Hernia congenita 
wegen um Rath gefragt wurde und man mich auch auf das 
Schielen aufmerksam machte, ahnete ich nicht, dass dies mir 
später zu einer Operation an dem Kinde Gelegenheit geben 
würde. Das Auge war tief in den inneren Augenwinkel hin- 
eingezogen und das Gesicht sehr schwach. Die Operation war < 



101 

sehr schwierig, da die Augenlidspalte eng und der kleine Bul- 
bus tief in der Augenhöhle versteckt war. Nachdem ich durch 
einen grossen halbmondförmigen Schnitt die Conjunctiva ge- 
spalten und den Bulbus an seiner inneren Seite in einem be- 
trächtlichen Umfange entblösst hatte, erschien endlich in un- 
gewöhnlicher Entfernung vom Hornhautrande die Sehne des 
graden inneren Muskels. Beim Hervorziehen mit dem Muskel- 
haken zeigte sich der Muskel selbst dünn, bandartig und so 
unnachgiebig, dass der Augapfel nur wenig umgedreht wer- 
den konnte; dabei stellten sich dumpfe, bis in das Gehirn 
fortsetzende Schmerzen und Uebelkeit ein. Mit der Durch- 
schneidung hörten die Zufälle sogleich auf und das Auge nahm 
eine bessere Stellung an. Die Heilung erfolgte bald und ge- 
hört zu den günstigsten. — Marie W., 20 Jahr alt, mit grauen 
Augen, schielte seit frühester Kindheit stark nach innen. Bei 
der Operation fanden sich die M. recti interni abnorm weit 
nach hinten angesetzt. Die Muskel zeigten eine tendinöse Be- 
schaffenheit. Die Heilung des Schielens war vollständig. 

Die falsche seithche Insertion kommt besonders nur beim 
M. reclus internus vor und befindet sich häufiger mehr nach 
oben als nach unten. Das Auge wird dadurch in eine zwie- 
fach falsche Stellung gebracht, nämlich ausser der zu starken 
Wendung auf die Seite, noch in eine seitlich rotirte, so dass 
der Bulbus, wenn sich dieser Zustand beim M. rectus internus 
findet, nach innen und oben gerollt ist bei der zu hohen seit- 
lichen Insertion, und nach innen und unten bei der zu tie- 
fen. Diesen Zustand sah ich vor der Operation nur als die 
vereinte Wirkung zweier Muskehi an, doch zeigte sich bei 
der Durchschneidung z. B. des inneren, dass sich das Auge 
danach sogleich grade stellte. Immer findet sich bei dieser 
Abnormität eine seitliche Umlagerung des Muskels um den 
Augapfel, weshalb man bei der Operation den Muskelbauch 
gewöhnlich viel weiter nach oben liegen findet, nach unten 
aber viel seltener. Der Muskel ist hier dick, starr und wenig 
nachgiebig. — Fräulein L., stets gesund, 40 Jahr alt, mit brau- 
nen Augen, schielte seit frühester Kindheit mit dem linken 



102 

stark nach innen und oben. Auch das andere Auge zeigte 
einen leisen Anflug von Schielen nach innen. Nach der Durch- 
schneidung der Conjunctiva fand ich den Muskel erst nach 
einigem Suchen, da sich seine Insertion wenigstens um drei 
Linien weiter nach oben am Bulbus befand. Der Muskelbauch 
nahm eine Richtung nach oben und innen, er war rigid und 
zeigte beim Anziehen nur eine geringe Nachgiebigkeit. Un- 
mittelbar nach seiner Durchschneidung nahm das Auge eine 
natürliche Stellung an, welche es auch behielt, und jetzt, ein 
Jahr nach der Operation, zeigt es dieselbe noch. Das Sehver- 
mögen ist normal geworden, wogegen es früher sehr schwach 
war. — Dieselbe regelwidrige Insertion des M. rectus inter- 
nus fand sich bei dem 30jährigen Fräulein D., aus Paris, welches 
mit dem rechten Auge stark nach innen und oben schielte. 
Der Muskel hatte eine höhere seitliche Insertion und der Bauch 
kam in schräger Richtung von hinten, innen und oben her. 
Die Durchschneidung des Muskels war von dem günstigsten 
Erfolge begleitet. — Herr v. Ch,, russischer Rittmeister, 33 Jahr 
alt, von kräftiger Constitution, schielte mit dem rechten Auge 
nach innen und etwas nach oben. Auch hier setzte sich der 
Muskel seitlich zu weit nach oben an. Die Durchschneidung 
hob das Schielen vollständig. 

Zu weit nach unten bei normaler Entfernung vom Iloni- 
hautrande inserirlen sich beide M, recti interni bei Fräulein N., 
aus Mecklenburg, mit braunen Augen, Die nach innen schie- 
lenden Augen hatten zugleich eine Richtung nach unten. Die 
Operation war von dem günstigsten Erfolge begleitet. Das 
linke Auge behielt anfangs eine geringe Neigung nach innen. — • 
G., 20 Jahr alt, schielte mit dem rechten Auge nach innen 
und etwas nach unten. Bei der Operation fand ich die Lage 
und Insertion des Muskels zu weit nach unten. Die Heilimg 
war vollständie;. 



103 



Zu grosse Kürze und Länge der Augenmuskeln beim 
Schielen. 

Die zu grosse Kürze und Länge der Augenmuskeln kann 
auch ohne falsche Insertion, bei normaler Anheftung an den 
Bulbus Statt finden. Jene finden sich bald bei normaler Mus- 
kelsubstanz, bald ist der Muskel dicht, fest, fibrös und gerin- 
ger Ausdehnung fähig. Diese Eigenthümliclikcit des Muskels 
ist die bei weitem häufigste Ursache des Schielens, und es 
verhalten sich gegen sie alle anderen pathischen Zustände der 
Augenmuskeln, wodurch Schielen herbeigeführt wird, wie Aus- 
nahmen. Der verlängerte Muskel zeigt dagegen gewöhnlich 
einen höheren Grad von Nachgiebigkeit und keine seimige Um- 
wandlung; er kann aber niemals activ das Schielen bewirken. 
Zweierlei kann hier Statt haben. Die Muskclverlängerung ist 
Folge des anhaltenden Uebergewichts des Opponenten, oder 
das Schielen ist Folge der Paralyse eines Muskels, wobei der 
gelähmte durch die Wirkung des gesunden überwunden und 
anhaltend ausgedehnt wird. Der Zustand findet sich öfter an 
allen vier graden Augenmuskeln zugleich, wo das Auge weit 
vorliegt und gleichsam durch ein zu starkes Polster hinter ihm 
vorgedrängt wird. Der verkürzte Muskel, gewöhnlich ist es 
wieder der innere, ist meist tendinös und rigid. Diese Erschei- 
nung ist übrigens eine der gewöhnlichsten beim starken Schie- 
len nach innen, doch will ich wenigstens einige Beispiele an- 
führen: Wilhelms., 37 Jahr alt, schielte seit frühester Kindheit 
mit dem hnken Auge stark nach innen; dies nahm noch zu, 
wenn der Patient in die Ferne sehen wollte. Das Auge konnte 
nur wenig nach der Mitte zu gedreht werden. Bei der Durch- 
schneidung des M. rectus internus zeigte sich dieser kurz , ten- 
dinös und fest an den Bulbus angewachsen, weshalb er mit 
der Scheere hinten abgetrennt werden musste. Die Heilung 
des Schielens gelang; eine chronische Bindehautentzündung 
machte indessen eine längere Naclibehandlung nothwendig. — 
Sehr kurz, aber nicht rigid, sondern von normaler Muskel- 



104 

textur, fand sich der M. rectus internus bei dem 26jährigen 
Kaufmann St., welcher stark nach innen schielte. Die Opera- 
tion hob das Schielen. Durch die Ausschneidung einer Con- 
junctivafalte aus dem äusseren Augenwinkel beabsichtigte ich 
die IncHnation des Augapfels nach aussen zu vermehren. — 
Zu lang fand ich die Augenmuskeln bei normaler Insertion bei 
Fräulein M., 17 Jahr alt, welche stark nach innen schielte. 
Beide Augen prominirten stark. Die Durchschneidung beider 
M. recti interni hob das Schielen, doch nahm das linke Auge 
später eine zu weite Stellung nach aussen ein. Aehnliche Be- 
obachtungen könnte ich noch viele anführen. 



Verschiedenheit der Augenmuskeln beim Schielen in 
Hinsicht auf ihre Stärke. 

Die Augenmuskeln sind auch in Hinsicht auf Stärke, 
Schwäche und Form verschieden. Während der M. rectus in- 
ternus bisweilen eine rundliche Schnurform hatte, bildete der 
schon von Natur vorn breitere und dünnere M. rectus exter- 
nus, so weit er bei der Operation zu Gesicht kam, ein brei- 
tes, durchsichtiges, aponeurotisches Band. In anderen Fällen 
zeigt sich der Muskel bei gehöriger Dicke starr, fibrös, blut- 
arm und sehr wenig nachgiebig. Bald ist dieser Zustand wohl 
Ursache des Schielens, bald Folge der geringen Thätigkeit des 
Muskels. Man findet ihn daher selten bei Kindern, gewöhn- 
lich nur bei Erwachsenen und am häufigsten bei älteren Per- 
sonen. — Als eine dünne, runde Schnur fand ich den M. re- 
ctus internus bei der 13jährigen blauäugigen Marie G., welche 
seit dem dritten Jahre nach innen schielte. Nach der Heilung 
stand das Auge noch ein wenig zu weit nach innen; später 
nahm es eine bessere Richtung an. — Sehr schmal und band- 
artig fand sich der innere grade Augenmuskel bei der 32jäh- 
rigen Madame N., welche mit dem rechten Auge stark nach 
innen schielte. Rechts sah sie die Gegenstände doppelt und 
links einfach; oft kam dies umgekehrt vor. Schon am dritten 



105 

Tage nach der Operation war die Heilung so gut wie vollen- 
det und die Stellung des Auges natürlich. Das Sehvermögen 
verbesserte sich ebenfalls sehr schnell. 

Von ungewöhnlicher Breite, aber grösserer Dünnheit findet 
sich häufig der M. rectus cxternus, von grosser Breite und 
Stärke dagegen Öfter der M. rectus internus. — Carl W., An- 
halt - Dessauischer Jäger, 21 Jahr alt, mit braunen Augen, 
schielte seit seinem vierten Jahre mit dem rechten Auge nach 
innen. Der M. rectus internus fand sich von ungemeiner Breite 
und Festigkeit, dabei fest mit dem Bulbus verwachsen. Der 
Erfolg der Operation war günstig. — Bei dem 10jährigen S., 
welcher mit beiden Augen stark nach innen schielte, zeigten 
die M. recti interni eine bedeutende Breite. Längere Zeit nach 
der Operation entstand Strabismus divergens, weshalb die 
M. recti extcrni durchschnitten und die Stellung der Augen 
verbessert wurde. 



Widernatüriiche Entwickelung der Augenmuskebi beim 
Schielen. 

Die widernatürliche Entwickelung eines Augenmuskels als 
Ursache des Schielens scheint nicht selten vorzukommen, und 
ich habe dieselbe in jedem Lebensalter unter zwei Hauptfor- 
men gesehen, aber immer nur beim M. rectus internus. Der 
widernatürlich entwickelte Muskel zeigte entweder eine voll- 
kommen normale Textur, oder eine schwammige hypertrophi- 
sche Veränderung. Im ersteren Fall hatte er ein frisches dun- 
kelrothes Ansehen und besass überhaupt alle die Eigenthüm- 
lichkeiten eines kräftigen, gesunden Muskels; er liess sich 
leicht von dem transparenten umgebenden Zellgewebe tren- 
nen und zeigte einen hohen Grad von Contractionsvermögen 
ohne fibröse Starrheit und Unnachgiebigkeit; bei der Berüh- 
rung kräuselte sich seine Oberfläche und beim Anziehen gab 
er vermöge seiner Elasticität nach. Bei der Durchschneidung 
zogen sich die Enden stark zurück, und bei der Trennung der 



100 

Sehne entwich der ganze Muskel oft ungewöhnlich weit nach 
hinten, kam aber dann bald wieder etwas hervor. Dieser oft 
das Doppelte der Dicke des gesunden Muskels betragende 
Massenreichthum findet sich nur bei kräftigen Subjekten, nie- 
mals habe ich diesen Zustand bei schwächlichen Kindern an- 
getroffen. 

Eine ganz ungewÖhnHche Entwickelung des M. rectus in- 
ternus, welche wenigstens das Doppelte des Umfanges betrug, 
fand ich bei der Operation des Hauptmamis R., welcher seit 
frühester Kindheit mit dem hnken Auge stark nach innen 
schielte. Da nach der Heilung der Wunde der Augapfel noch 
ein wenig nach innen gerichtet stand, so verbesserte ich den 
Zustand durch Ausschneiden einer Conjunctivafalte aus dem 
äusseren Augenwinkel. — Friedrich S., 28 Jahr alt, schielte 
seit frühester Kindheit mit dem linken Auge stark nach innen. 
Auch hier zeigte der M. rectus internus bei normaler Beschaf- 
fenheit der Muskelfaser eine seltene Dicke. Die Stellung des 
Auges war nach der Heilung vollkommen normal und das 
schwache Sehvermögen desseDien besserte sich allmählig. — 
Den M. rectus internus fand ich sehr dick und fleischig, fast 
ohne Tendo an die Sclerotica sich ansetzend, bei der 25jäh- 
rigen Emiiie St. Die Farbe der Augen war braun und das 
Schielen entstand in frühester Kindheit nach einer scrophulö- 
sen Augenentzündung. Bisweilen sah die Patientin doppelt; 
das linke, stärker schielende Auge war besonders schwach. 
Durch die Operation wurde das Schielen vollkommen geho- 
ben. — Sehr dick und fleischig fanden sich ebenfalls die inne- 
ren Augenmuskeln bei dem 22jährigen braunäugigen W., wel- 
cher seit frühester Kindheit stark nach innen schielte. Die Ope- 
ration hob die falsche Stellung der Augen vollkommen und 
auch längere Zeit nach derselben zeigten sie eine durchaus 
normale Stellung. — Die nämhche Dicke der inneren Augen- 
muskeln fand sich bei Fräulein R., 20 Jahr alt, welche seit 
ihrer Kindheit mit beiden Augen stark nach innen schielte. 
Die Operation hob das Schielen vollständig. — Fräulein S., 
aus Mecklenburg, 22 Jahr alt, schielte mit beiden Augen stark 



107 

nach innen. Beide innere Augenmuskeln fanden sich dick und 
fleischig. Die Durchschneidung hob das Schielen vollkom- 
men. — Julius S., Glaser in Berlin, schielte mit dem linken 
Auge so stark nach innen, dass der grösste Theil der Horn- 
haut im Angulus internus versteckt war. Der M. rectus inter- 
nus zeigte eine ungemeine Dicke und Kürze, da sonst bei be- 
deutender Kürze die Textur gewöhnlich fest und tendinös 
ist. — Victor S., aus Petersburg, 20 Jahr alt, schielte seit frü- 
hester Kindheit mit dem linken Auge nach innen. Der M. re- 
ctus internus war sehr fleischig. Das Schielen wurde vollkom- 
men gehoben. Starke Wucherungen der Conjunctiva, welche 
sich einige Wochen nach der Operation bildeten, mussten spä- 
ter entfernt werden. 



Hypertrophie der Augenmuskeln beim Schielen. 

Krankhafte h\qiertro])hische Entwickelung eines Augenmus- 
kels, welcher Ursache des Schielens ist, kommt weit seltener 
vor, als die ungewöhnliche Ausbildung eines gesunden Augen- 
muskels. Wirkliche Entartungen der Muskelsubstanz habe ich 
nur bei Krebsgeschwüren, welche von den Augenlidern aus 
in die Orbita eindrangen und die Augenmuskeln in Mitleiden- 
schaft zogen, gesehen. Hatte der Krebs nach Verdickung und 
Degeneration des Augenmuskels die Sclerotica angegriffen, so 
entstanden sehr bald Metamorphosen im Innern des Auges. 
In anderen Fällen erhielten sich die Augenmuskeki nach Zer- 
störung der Augenlider, wo dann der Augapfel frei da lag, 
noch lange ihre Integrität und rollten den Bulbus frei nach 
allen Seiten hin; erst mit der Verdickung und Erstarrung eines 
oder mehrerer Augenmuskeln wurde das Auge bald in gra- 
der, bald in schielender Stellung unbeweglich. — Schwam- 
mige Auflockerung der Augenmuskeln ohne eigentliche Dege- 
neration habe ich mehrmals bei der Operation des Schielens 
gefunden. Auch hier war es immer der M. rectus internus, 
der diese Abweichung zeigte. Er war wolil doppelt so dick 



108 

als im normalen Zustande, der Farbe nach bleich, der Textur 
nach gedunsen, mit vielem schlaffen Zellgewebe umhüllt, von 
dem sich Streifen und Schichten zwischen die Muskelfasern 
erstreckten. Besonders auffallend war die Blutleere des Mus- 
kels, welche auch alle umgebenden Theile, das Zellgewebe 
und die Conjunctiva zeigten, so dass bei der Operation oft 
kaum ein Tropfen Blut floss. Dieser Zustand des Muskels hing 
gewöhnlich mit allgemeiner constitutioneller Störung zusam- 
men und wurde von mir nur bei schwammigen, scrophulösen 
Subjekten angetroffen. Häufiger kam dieser Zustand bei halb 
erwachsenen Kindern, als in früheren oder späteren Jahren 
vor. Ich fand diese krankhafte Auflockerung nur beim M. re- 
ctus internus, wenn er das Schielen nach innen veranlasste. 

Sehr dick, bleich und schwammig aufgewulstet fand sich 
der M. rectus internus bei dem 14 Jahre alten Kindermädchen 
Louise K., welche mit beiden Augen nach innen schielte. Durch 
die Operation gewann das rechte eine normale Stellung, das 
linke wich dagegen etwas nach aussen ab. — Das älteste In- 
dividuum mit Auflockerung und Hj^^ertrophie der inneren 
Augenmuskeln war die 2i jährige Amalie L., welche mit bei- 
den Augen, besonders dem Unken, stark nach innen schielte. 
Die Stellung der Augen wai' anfänglich nach vollendeter Hei- 
lung normal; nach Verlauf von drei Monaten hatte sich das 
linke aber etwas zu weit nach aussen gekehrt. — Wulstig 
und bleich fanden sich die M. recti intcrni bei dem 1 ajähri- 
gen R., welcher seit frühester Kindheit an Strabismus inter- 
nus duplex htt. Der Erfolg der Operation war befriedigend. — 
Margarethe G., ein liebenswürdiges 11 jähriges Mädchen, von 
blasser Gesichtsfarbe, schielte seit frühester Kindheit mit bei- 
den Augen nach innen. Bei der Operation fanden sich die 
M. recti interni bleich und wulstig. Der anfangs günstige Er- 
folg der Myotomie wurde später durch ein Recidiv des Schie- 
lens auf dem linken Auge nach aussen wieder vereitelt. Ich 
durchschnitt deshalb an dem linken Auge den M. rectus ex- 
ternus, w'elcher eine normale Beschaffenheit zeigte, und fixirte 
den Augapfel während der Heilung mittelst eines Fadens im 



109 

inneren Augenwinkel, Es wurde dadurch, wenn auch nicht 
völlige Beseitigung, doch Verbesserung des Zustandes er- 
reicht. — Bleich und schwammig, von vielem Zellgewebe 
durchwebt, fand sich der M. rectus internus bei Wilhelm S., 
13 Jahr alt, welcher seit frühester Kindheit mit dem linken 
Auge nach innen schielte. Auch der Vater war mit demsel- 
ben Fehler behaftet. Die Operation hatte einen sehr günstigen 
Erfolg. 



Veränderungen der Augenmuskeln durch Entzündungen. 

Die in Folge von Verletzungen des Auges entstandene Mus- 
kelentzündung hat öfter eine Verdichtung und Starrheit des 
Muskelparenchyms zur Folge; der Muskel erscheint dann ge- 
wöhnlich in späterer Zeit, wenn er in seiner Function gestört 
und die Erscheinungen der Entzündung seit lange aufgehört 
haben, blässer und fast mit den umgebenden Theilen und dem 
Bulbus zusammenhängend. Fast die nämlichen Erscheinungen 
bemerkt man in Folge rheumatischer Muskelentzündungen, 
welche sich bald in ihnen allein entwickeln, bald mit rheu- 
matischer Affektion der Sclerotica verbunden sind. Ich habe 
einen einzigen Fall beobachtet, wo die rheumatische Affection 
sämmthche Augenmuskeln dergestalt verkürzte, dass das linke 
Auge, durch stärkeres Zurückgezogensein in die Orbita, klei- 
ner erschien, womit verminderte Beweglichkeit des Augapfels 
verbunden w'ar. Die Entstehung von Strabismus internus be- 
obachtete ich nach einer rheumatischen Entzündung des inne- 
ren graden Augenmuskels bei der 29jährigen Auguste R. Bis 
vor einem Jahre standen beide Augen normal; in Folge jener 
Entzündung entstand das Schielen, von einem hohen Grade 
von Amblyopie begleitet. Der Muskel zeigte bei der Durch- 
schneidung eine feste, unnachgiebige Beschaffenheit. Die Stel- 
lung des Auges wurde normal und das Sehvermögen zugleich 
gebessert. 



110 



Zustand der Augenmuskeln bei Krampf und Llihmung. 

Der Zustand der Augenmuskeln ist beim spastischen Schie- 
len ein ganz eigenthümlicher. Während das Auge in der Re- 
gel nur massig von der Sehaxe abgewiclien ist, wird es zu 
anderen Zeiten durch spastische Zusammenziehung der Mus- 
keln in die verscliiedensten Stellungen gebracht. Diese Con- 
tractionen werden selbst unter der Operation deutlich sicht- 
bar, wie ich dies öfter beobachtete. Fräulein Caroline K., 
20 Jahr alt, htt seit frühester Zeit an convulsivischem Schielen 
des rechten Auges. Die gewöhnliche Stellung des Bulbus im 
ruhigen Zustande war die des zweiten Grades nach iniun. 
Bei der geringsten Gemüthsbewegimg gerieth der Augapfel in 
die gewaltigste Aufregung und rollte in die verschiedensten 
Richtungen. Am stärksten war die Verdrehung nach innen, 
wobei sich die ganze Hornhaut bisweilen tief in den inneren 
Augenwinkel versteckte. Ich beschloss hier anfangs, den M. ro- 
ctus internus zu durchschneiden. Nach Blosslegung des Mus- 
kels, der hier sehr klar und rein, ohne von einem Tröpfchen 
Blut bedeckt zu sein, vor Augen lag, zog sich dieser in lei- 
nen krausen Querfalten zusammen und der Augapfel rollte so- 
gleich stark nach innen. Nach der Durchführung des Muskel- 
hakens und gelindem Anspannen des Muskels verschwanden 
die Fältchen, die spastische Zusammenziehung erfolgte aber 
sogleich wieder, wenn der Haken nachgelassen wurde. Nach 
der Durchschneidung des Muskels rollte der Augapfel stark 
auf die entgegengesetzte Seite, worauf er in schwingende Be- 
wegungen gerieth. Kaltes Wasser beruhigte diese Zufälle. Die 
Heilung der Wunde erfolgte in wenigen Tagen, und nach 14 Ta- 
gen war die Stellung des Augapfels durchaus normal und sein 
Ansehen von dem des gesunden Auges nicht zu unterscheiden. 

Ich könnte eine ganze Reihe ähnlicher Fälle anführen, wenn 
es Interesse gewährte; die Erscheinungen in den krampfhaft 
afficirten Muskeln waren immer dieselben. Bei dem Fräulein 
Friedrike v. H., welches am convulsivischen Schielen beider 



111 

Augen mit Strabismus intermis im Zustande der Ruhe litt, 
durchschnitt ich beide M. recti interni. Die Zusammenzichung 
der Muskeln bei der Operation war höchst auffallend, und 
nach angelegtem Muskclhaken erfolgte so starke Zusamnien- 
ziehung, dass es eines ziemlicli kräftigen Anziehens bedurfte, 
um den Widerstand zu überwinden. Es wurde hier die Vor- 
sicht gebraucht, nirgend das Zellgewebe vorher zu lösen, son- 
dern den Muskel nur einfach zu durchschneiden. Nach der 
Operation rollten die Augen heftig umher und der Krampf be- 
ruhigte sich erst nach etwa 10 Minuten. Die Heilung war eine 
der vollkommensten und das schwache Sehvermögen zugleich 
dadurch gehoben. 



ücber die Operation des Schielens im früheren 
Lebensalter. 

Die Operation des Schielens vom ersten bis zum fünften 
Lebensjahre unternommen, möchte wohl eben so wenig zur 
allgemeinen Nachahmung zu empfehlen sein, als die im höhe- 
ren Lebensalter. Was der Operation bei zarten Kindern be- 
sonders im Wege steht, ist nicht eben die Schwierigkeit der 
Operation, sondern die Möglichkeit, dass man ein Uebel, ge- 
waltsam der Natur vorgreifend, hebe, welches sie selber bis- 
weilen allmählig beseitigt. Es giebt zahlreiche Beobachtungen, 
wo bei kleinen Kindern das Schielen in allgemeinen constitu- 
tionellen Verhältnissen seinen Grund hatte, in Cerebral- oder 
UnterleibsafFektionen, Würmern u. s. w. Ich selbst habe es 
mehrmals nach einer allgemeinen Behandlung bei scrophulösen 
kleinen Kindern, nach dem langen Gebrauche des Leberthrans, 
allmählig verschwinden gesehen. 

Die Operation im zartesten Lebensalter zu unternehmen, 
hat, wenn wir auch eine wirkliche organische Verkürzung des 
das Schielen herbeiführenden Muskels erkennen, doch manche 
Bedenklichkeiten, unter welchen besonders die nicht ungegrün- 
dete Furcht, dass der Opponent des durchschnittenen Muskels 



112 

allmählig das Uebergewicht bekommen und ein Schielen nach 
der entgegengesetzten Seite hin entstehen werde, nicht die 
kleinste ist. Würde die Operation sich mit dem zunehmenden 
Alter als schwerer und seltener erfolgreich zeigen, so wäre 
ein frühes Operiren öfter nützhch, doch ist dies nicht der Fall, 
und der Umstand, dass das Sehvermögen des schielenden 
Auges in dem Grade gestört ist, als es lange geschielt hat, 
berichtigt die Erfahrung dahin, dass auch bei Erwachsenen 
ein hoher Grad von Amblyopie sich nach der Gradstellung des 
Auges verliert. 

Die Beschaffenheit der Augenmuskeln bei kleinen Kindern 
zeigte sich in mancher Beziehung anders als bei Erwachsenen; 
sie waren verhältnissmässig dick, aufgewulstet, hellroth und 
von vielem schwammigen, mit ihnen zusammenhängenden Zell- 
gewebe umgeben; dasselbe zeigte nicht die Durchsichtigkeit 
und Klarheit, wie sie sich gewöhnlich beim Zellgewebe Er- 
wachsener finden. Die Muskelsubstanz war hellroth, nicht so 
braun wie die Muskeln der Erwachsenen und sehr blutreich. . 

Ausnahmsweise ist jedoch die Operation bei kleinen Kin- 
dern zu unternehmen, doch muss man überzeugt sein, dass 
das Uebel nicht mit allgemeinen Krankheitszuständen zusammen- 
hängt, sondern rein aus örtlichen Ursachen entstanden ist, z. B. 
in Folge partieller Verdunkelungen der Hornhaut, Cataracta 
centralis u. s. w. Hier verringert sich das eingetretene Schie- 
len nicht, sondern nimmt vielmehr allmählig zu, und dauert 
selbst fort, wenn die örtliche Ursache sich gebessert hat. 

Das jüngste Kind, welches in Folge einer Ophthalmia neo- 
natorum, welche partielle Trübungen der Hornhaut hinterlas- 
sen hatte und mit beiden Augen stark nach innen schielte, 
war ein Knabe von li Jahren, dem ich beide M. recti interni 
durchschnitt. Da ich nur eine kleine Oeffnung in die Conjun- 
ctiva machte und den Muskel ausser dem Durchschnitt nicht 
weiter löste, so war die Stellung der Augen nur um ein Ge- 
ringes verbessert. Erst nach einem Monate zeigte sich ein gün- 
stiger Erfolg, indem der M. rectus internus immer mehr Kraft 
bekam. Die Stellung der Augen war ein halbes Jahr später 



113 

normal. — Adolph B., 5 Jahr alt, schielte seit dem ersten 
Jahre mit beiden Augen, mit dem linken aber am stär-ksten, 
nach innen. Die Pupillen waren gleich weit und das Sehen 
auf beiden Augen gleich gut; die Farbe derselben war blau. 
Die Heilung erfolgte nach der Operation beider Augen binnen 
Kurzem, und war so vollständig, dass man später nicht unter- 
scheiden konnte, dass das Kind geschielt hatte. — Marie S., 
5 Jahr alt, ein zartes rothwangiges Kind, mit hellblauen Augen, 
schieile plötzlich aus unbekannter Ursache mit dem rechten 
Auge stark nach innen. Das Sehvermögen war sehr geschwächt 
und nur grosse Gegenstände w^irden erkannt. Die Durchschnei- 
dung des Muskels, welcher blass und zart erschien, bewirkte 
sogleich die grade Stellung des Auges. Der Erfolg der Ope- 
ration war sehr günstig und die Heilung erfolgte ungemein 
schnell. — Henriette S., ein Tjähriges zartes Mädchen, mit 
hollblauen Augen, schielte seit ihrem dritten Jahre mit dem 
rechten Auge stark nach innen. Die Durchschneidung des ver- 
kürzten Muskels hob das Schielen sogleich vollständig und bei 
einer strengen antiphlogistischen Behandlung erfolgte binnen 
acht Tagen vollkonmiene Heilung. Eine kleine Aufwulstung im 
inneren Augenwinkel verschwand nach dem Bepinseln mit Ex- 
tractum saturni. Es ist nicht möglich zu unterscheiden, wel- 
ches Auge das schielende gewesen ist. 



Ueber die Operation des Schielens im späteren 
Lebensalter. 

Die Resultate der im höheren Lebensalter von mir unter- 
nommenen Operation des Schielens, waren wider alles Erwar- 
ten eben so günstig, als bei jugendlichen Personen. Selbst 
das auf dem schielenden Auge geschwächte Sehvermögen bes- 
serte sich und ^\^lrde selbst bei einigen alten Individuen noch 
völlig beseitigt. 

Im höheren Lebensalter unternommene Operationen des 
Schielens zeigen eine rigidere Beschaffenheit aller zu durch- 

8 



114 

schneidenden Tlieile. Die Conjunctiva ist dicker, fester und 
weniger elastisch. Das Zellgewebe starr und weniger ausdehn- 
bar, fest mit dem verkürzten Augenmuskel zusammenhängend. 
Der Muskel selbst fast sehnig, wenig nachgebend wenn er 
mit dem Haken angezogen wird, und bei der Durchschneidung 
fühlt man ihn härter und widerstehend. Der Opponent hat oft 
in der langen Lebensdauer von 50 bis 60 Jahren seine Elasti- 
cität behalten, so dass er das Auge nach der Durchschneidung 
des verkürzten Muskels in die grade Stellung zu ziehen ver- 
mag. Sehr selten kam bei älteren Personen nach der Opera- 
tion von Strabismus internus ein Schielen nach aussen vor. 
Madame N., 40 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte seit frü- 
hester Kindheit mit dem linken Auge stark nach innen. Der 
innere grade Augenmuskel zeigte sich hart und sehnig. Die 
Operation hatte den erwünschten Erfolg. — Herr B., 41 Jahr 
alt, schielte seit seinem ersten Jahre mit dem rechten Auge 
nach innen. Der Muskel war sehnig. Die Durchschneidung hob 
das Schielen. — Frau G., 43 Jahr alt, schielte seit frühester 
Kindheit mit beiden Augen stark nach innen. Die Operation 
hob das Schielen in der ersten Zeit vollständig; 6 Monate spä- 
ter dagegen stellte sich ein starkes Schielen nach aussen ein. 
Die Durchschneidung des M. rectus externus und Excision einer 
Haulfalte aus dem inneren Augenwinkel hob dieses wieder. 
Der Erfolg dieser Operation war ein so vollkommener, dass jede 
Spur des Statt gehabten Schielens verschwunden ist. — Herr 
R., 45 Jahr alt, schielte mit dem rechten Auge sehr stark nach 
innen. Die Operation hob das Schielen. — Frau S., 50 Jahr 
alt, schielte mit dem rechten Auge nach innen. Vollkommene 
Heilung. — FrauW., 52 Jahr alt, schielte mit dem linken Auge 
stark nach innen und oben. Seitliche Lagerung und Verkür- 
zung des Muskels. Vollkommene Heilung. — Carl S., 60 Jahr 
alt, schielte seit frühester Kindheit mit dem linken Auge stark 
nach innen. Das Auge w-ar sehr schwach. Die Operation hatte 
einen günstigen Erfolg; auch besserte sich das Sehen unge- 
achtet des hohen Alters. — Friedrich S., 63 Jahr alt, schielte 
ebenfalls mit dem linken Auge stark nach innen. Der rüstige 



115 

Alte wünschte sehnlichst die Operation, welche auch einen 
vollkommen iiünstigen Erfolg hatte. 

Ich könnte eine noch grössere Zahl von Personen höheren 
AHers, welche ich am Schielen operirte, anführen, doch scheint 
mir dies überflüssig. Hier will ich nur noch erwähnen, dass 
ich einem COjährigcn Manne, welcher stark nach aussen schielte, 
nicht bloss den M. rectus externus durchscimitt, sondern aus 
dem paralysirten M. internus ein beträchtliches Stück sammt 
einer grossen Parthie der Bindehaut excidirte. Dies hatte den 
Erfolg, dass sich während der Heilung das Auge immer mehr 
nach innen drehte und allmählig grade zu stehen kam. — 
Ganz neuerdings habe ich einen Mann von 65 Jahren, welcher 
seit seiner frühesten Kindheit mit dem linken Auge stark nach 
innen schielte, operirt. Es war der zweite Grad des Schie- 
Icns, und das Auge so schwach, dass die Gegenstände alle 
höchst undeutlich und wie durch einen dicken Nebel gesehen 
wurden. Der Augapfel konnte nur einige Linien weit nach 
aussen gedreht werden, wozu es einer starken Anstrengung 
bedurfte. Nicht des Schielens, sondern der von ihm gefürch- 
teten Blindheit wegen, wünschte er meine Hülfe. Ich operirte 
ihn, weil ich mir davon eine Verbesserung des Sehvermö- 
gens versprach, denn das andere Auge sah so scharf, wie das 
eines jungen Menschen. Bei der Durchschneidung der Binde- 
haut fand ich diese dick und pergamentartig, der Muskel glich 
ganz einer Sehne und zeigte nur weiter nach hinten eine 
braune Faserung. Es war hier nothwendig, den Muskel weit 
nach hinten vom Bulbus zu lösen, ehe er durchschnitten wurde. 
Bevor dies geschah, zog ich stark mit dem Haken, und war 
im Stande, das Auge weit nach aussen zu rollen. Dann trennte 
ich den Muskel 5 Linien von der Seime entfernt. Nachdem 
die Instrumente bei Seite gelegt und der Augapfel abgewa- 
schen worden war, zeigte sich die Stellung um 3 Linien gün- 
stiger. Doch konnte der Bulbus durch den M. externus nur bis 
zur Mille der Sehaxe gedreht werden. Durch zweckmässige 
Lagerung des Patienten während der Nachbehandlung, indem 
er mit der linken Körperhälfte am äusseren Bettrande lag, wäh- 

8^ 



116 

rend die rechte der Wand zugekehrt war, erreichte ich eine 
\'ölhge Gradstellung des Auges und bedeutende Verbesserung 
des Gesichts. 

Es ist gewiss von grossem Interesse, zu sehen, dass das 
länger als ein halbes Jahrhundert gestörte Gleichgewicht der 
Augenmuskeln durch die Operation wieder hergestellt und 
selbst das geschwächte Sehvermögen gebessert werden kann. 
Besonders langsam entwickelte sich aber ein deutlicheres Sehen 
bei älteren Personen nach der Operation. Doch erlebte ich 
bei mehreren dieser Individuen, welche auf dem gesunden 
Auge an Amblyopia senilis litten, dass das operirte schielende 
Auge später deutUcher sah, als das nicht operirte. 



Ueber die Anzeigen, ob beim Schielen beider Augen die 

Operation zugleich oder zu verschiedenen Zeiten 

verrichtet werden soll. 

Es ist eine alte, meiner Meinung nach noch immer niclit 
erledigte Frage , ob man beim grauen Staar erst ein Auge und 
später das andere, oder beide zugleich operiren soll. Jetzt 
redet man wenig mehr davon, und während dieser Augen- 
arzt immer beide Operationen zugleich vornimmt und sich da- 
bei auf seine glücklichen Erfahrungen beruft, citirt ein ande- 
rer die schönen Resultate, welche ihm die zu verschiedenen 
Zeiten gemachten Operationen gewährt haben. Dieselbe Diffe- 
renz muss nun auch wieder bei der Schieloperation Statt fin- 
den; wie könnte das auch bei einem paarigen Organ anders 
sein. Findet sich doch schon überall Meinungsverschiedenheit, 
W'cnn es sich nur um eine einfache Operation handelt. 

Es gewährt Vortheile, wenn man beide schielende Augen 
zugleich operirt, aber es sind auch allerlei Nachtheile dabei. 
Es gewährt Vortheile, wenn man zu verschiedenen Zeiten ope- 
rirt und die Operation des zweiten Auges nach der vollständi- 
gen Heilung des ersten vornimmt. Die Entwickelungsgeschichte 
dieser einzeitigen oder zweizeitigen Operation wird bei den 



117 

meisten Wundiirzten die nämliche sein. Jeder wird lesen und 
hören m;ks die Andern gesagt haben, aber besonnen und vor- 
sichtig wird er in der ersten Zeit nur ein Auge operiren, dann 
wird er, durch den Erfolg muthig gemacht, sagen, ich kann 
ja die Beschwerden der doppelten Nachbehandlung dem Pa- 
tienten ersparen und die Operation auf beiden Augen gleich- 
zeitig vornehmen; und hat er diese eine Zeit lang geübt, so 
glaube ich, wird er bisweilen dahin zurückkehren, von wo 
er ausging, nämhch erst ein Auge und später das andere zu 
operiren. Ich will versuchen, die Vortheile und Nachtheile 
beider Verfahrungsweisen hier anzugeben. 

Die Vortheile der Operation beider Augen zugleich (es ist 
hier besonders vom Strabismus internus die Rede) möchten 
besonders folgende sein: Man erspart dem Kranken gleichsam 
die doppelte Operation und die doppelte Nachbehandlung; was 
aber wichtiger ist, es wird durch die einzeitige Operation das 
Uebcrspringen und stärkere Schielen auf dem anderen Auge 
verhindert, welches eine P'olge der gesteigerten Thäligkeit des 
N. oculomotorius ist; denn unmittelbar nach der Durchschnei- 
dung des M. rectus internus des einen Auges sieht man das 
andere schielende wie durch ein unsichtbares Band in den 
inneren Augenwinkel hineingezogen werden; doch giebt es 
auch sehr seltene Ausnahmen, wo grade das Entgegengesetzte 
Statt findet. Beim doppelten Schielen nach aussen ist es vor- 
theilhaft, beide Augen zugleich zu operiren, weil hier kein 
Recidiv von innerem Schielen zu besorgen ist. Die Entzün- 
dung ist auch gewöhnlich nach dieser Operation noch gerin- 
ger, als nach der Operation des Strabismus internus. 

Die Nachtheile der gleichzeitigen Operation möchten nun 
wohl folgende und zum The il sehr gewichtige sein: Der mög- 
liche Verlust der Augen steht oben an. W^ird ein Gataractöser 
auf beiden Augen operirt und hatte er das Unglück, beide 
zu verlieren, so ist das Unglück gross, doch er war blind. 
Wer steht uns aber dafür, dass nach der gleichzeitigen Schiel- 
operation, durch irgend eine scrophulöse, vorher nicht er- 
kennbare Dyskrasie, der Verlust beider Augen herbeigeführt 



118 

werde. Wer steht uns für alle die unvermeidlichen kleinen 
und grossen nachtheiligen Einwü^kungen während der Entzün- 
dungsepoche, wodurch diese bei einer scrophulösen Constitu- 
tion dergestalt gesteigert werden kann, dass ein Erblinden 
möglich ist. Hätte ich jene fi-üher erwähnte Dame an beiden 
Augen operirt, so wäre sie wahrscheinlich auf beiden erblin- 
det. — Die vortheilhafte Einwirkung der Augengymnastik, 
um dadurch die Stellung des Auges nach der Operation zu 
reguliren, ist, wenn auch nicht ganz aufgehoben, doch durch 
die gleichzeitige Operation sehr beschränkt. Die Lagerung des 
Kranken und die Stellung der Bettstelle sind hier schwierig 
und nicht vortheilhaft zu ordnen, da die dem einen Auge nütz- 
liche Lagerung, dem anderen nachtheihg ist. Es wäre dann 
ein lästiges Umbetten oder Hin- und Herrücken des Bettes 
nöthig, wozu ich sehr oft veranlasst war, wenn ich die Ope- 
ration an beiden Augen zu derselben Zeit vorgenommen hatte. 
Die Vortheile, die Operation des Schielens zu verschiede- 
nen Zeiten vorzunehmen, glaube ich, wiegen die der gleichzei- 
tigen Operation auf. Seit geraumer Zeil habe ich öfter nur ein 
Auge operirt, und das zweite, wenn dieses geheilt war; nicht 
bloss aus Gründen der Vorsicht, sondern um die zweite Ope- 
ration nach dem Erfolge der ersten modificiren und rectitici- 
ren zu können. Es ist zwar nicht zu widerlegen, dass nach 
der Operation eines Auges das Schielen auf dem anderen zu- 
nehme, ja was noch mehr ist, es bildet sich bisweilen ein 
Schielen in einem fast grade stehenden Auge nach der Ope- 
ration von Strabismus monocularis internus aus; bei anderen 
Schielarten ist mir dies nicht vorgekommen. Diese Zunahme 
des Schielens in dem zweiten Auge ist gewöhnlich unmittelbar 
nach der Operation des ersten am stärksten, verringert sich 
später immer, ja ^erschwindet in den meisten Fällen ganz. 
Dies scheint eine physiologische Unrichtigkeit zu sein, aber 
ich berufe mich auf das, was ich gesehen habe. Mehrmals 
war aber auch die Durchsclmeidung des inneren Augenmus- 
kels, wodurch das Schielen dieses Auges beseitigt wurde, ein 
Hülfsmittel, durch Augengymnastik das Schielen des anderen 



119 

zu heben, nicht bloss beim Strabismus concomitans, bei dem 
bisweilen die Operation eines Auges beide heilt, sondern auch 
beim gewöhnhchen Strabismus internus; es war, als wenn das 
unsichtbare sympathische Band beider Augen durch die Diu-ch- 
schneidung eines inneren graden Augenmuskels, beiden Augen 
die normale Richtung verschaflle. 

Ich habe vorhin bemerkt, dass die gleichzeitige Operation 
beider nach innen schielender Augen, uns die Regulirung des 
Standes bei der Nachbehandlung erschwere, und dies um so 
mehr, als gewöhnlich ein Auge etwas stärker schielt, als das 
andere. Wir sind durch die gleichzeitige Operation mehr einem 
gewissen Zufall in der Stellung der Augen ausgesetzt, und 
können selbst bei einer sich auf hunderte von eigenen Beob- 
achtungen stützenden Erfahrung dennoch nicht vorhersagen, ob 
in Folge unserer Durchschneidung des inneren graden Augen- 
muskels eine vollständige Heilung erfolgen, oder ein Recidiv 
von Schielen nach innen, oder gar nach aussen spater sich 
einstellen werde. Sehen wir nun bei sorgfältiger Beurtheilung 
der Stellung des Auges, das Vermögen, dasselbe mehr oder 
weniger in den äusseren Augenwinkel zu drehen, aus der 
BeschafTenheit der Conjunctiva, dem darunter liegenden Zell- 
gewebe, der Insertion des Muskels, dem Grade seiner Rigi- 
dität, während wir die Operation vollführen, dass diese im 
grösseren oder kleineren Maasstabe gemacht werden müsse, 
so werden wir doch erst durch die Heilung vollständig be- 
lehrt, ob unsere Methode ganz dem Fall entsprach. Die eigen- 
willige Stellung, welche der Augapfel nach der Operation an- 
nimmt, kann uns besonders eine Instruction sein, wie wir bei 
dem zweiten Auge zu verfahren haben. Nimmt jenes die nor- 
male Stellung an, so werden wir, wenn beide Augen gleich 
stark schielten, die zweite Operation ganz wie die erste ma- 
chen, ohne die Zunahme des Schielens des zweiten Auges, 
welches keine Vergrösserung der Operation begehrt, in An- 
schlag zu bringen. Zieht sich das erstoperirle Auge wieder 
etwas in den inneren Winkel hinem, so giebt uns dies ein 
Zeichen, die Operation des zweiten etwas umfänglicher zu 



\ 



120 



.machen, d. h. die Bindehaut breiter zu durchschneiden, den 
'Muskel etwas mehr von der Sclerotica zu lösen u. s. w. Weicht 
das erste Auge während oder nach der Heilung allmählig nach 
aussen, so muss man die Operation des zweiten verkleinern, 
um nicht in den schlimmsten Fall zu gerathen, ein Doppel- 
schielen nach innen in ein Doppelschielen nach aussen zu ver- 
wandeln. 

Dies sind Grundsätze, welche ich mir nicht am Anfange, 
sondern in der Mitte meiner Erfahrungen gebildet habe; es 
sind keine Speculationen oder Vermuthungen, sondern die Er- 
fahrung hat sie mir aufgedrungen. Haben andere Aerztc in 
dieser Beziehung andere Ansichten, so bin ich weit entfernt, 
sie für irrig zu halten; im Gegentheil übe ich noch häufig 
bei gesunden, blühenden Individuen beim höchsten Grade des 
Schielcns, besonders wenn der Strabismus fast gleich auf bei- 
den Augen ist, die gleichzeitige Operation aus. 

Ich könnte das hier Bemerkte durch eine grosse Menge 
von Krankheitsgeschichten noch bestüttigen, wenn es eines 
solchen Beweises bedürfte. 



Das Schielen nach innen (Strabismus convergcns s. in- 
ternus). 

Unter allen Arten des Schielens ist das Schielen nach innen 
am häufigsten; es übertrifft sogar alle übrigen Formen von 
Strabismus vielfach an Häufigkeit. Beim Strabismus internus 
ist der Augapfel von der normalen Sehaxe abgewichen und 
dem inneren Augenwinkel mehr genähert, theils durch nähe- 
res Hinanrücken, theils durch Rotation. Entweder schielt nur 
ein Auge oder es schielen beide. Das linke schielt bei wei- 
tem häufiger als das rechte; auch ist das Schielen dieses 
Auges gewöhnhch das stärkere. In Bezug auf das Sehver- 
mögen finden sich die mannigfachsten Abstufungen , von einer 
unbedeutenden Störung an, bis zur beinalic völligen Blindheit, 
nur durch das Schielen begründet. Rücksichtlich des Grades 



121 

der Abweichung von der Seha\e findet sich bald eine sejir 
geringe, bald eine fast totale Umdrehung des Augapfels. In 
Bezug auf Bewegung, eine freie, eine etwas gehinderte, auf- 
gehobene, correspondirende , übereinstimmende, parallele oder 
concomitirende Bewegung u. s. w. 

Die überwiegende Gonvergenz der Augen zur Verschmel- 
zung der Gesichtseindrücke, die grossere Stärke der inneren 
graden Augenmuskeln und des N. oculi motorius über den ab- 
ducens, dispouiren besonders zum Schielen nach innen; dazu 
kommt noch die Wirkung des M. obliquus superior, welcher 
den M. rectus internus unterstützt. In der Mehrzahl der Fälle 
bringt daher ein undurchsichtiger Punkt in der Milte der Horn- 
haut, der Linsenkapsel oder der Linse ein Schielen nach innen 
hervor, indem die Retina das Licht sucht und der stärkste 
Augenmuskel das Auge dazu am bequemsten stellt. 

Die optischen Veränderungen nach der Operation sind sehr 
mannigfach und zum Theil oben berührt worden. Beim Stra- 
bismus monocularis sieht das Auge in der Mehrzahl der Fälle 
die Gegenstände unmittelbar nach der Operation oft viel deut- 
hcher, weil die Lichtsfrahlen auf richtigem Wege ohne Ilin- 
derniss zur Netzhaut gelangen. Seilen geschieht das Umge- 
kehrte. Das operirte Auge sieht einige Zeit lang schwächer. 
Der Grund hiervon ist wohl der, dass der früher im Schatten 
befindliche Theil der Retina träger geworden ist und das Licht 
nicht sogleich vollständig percipirt. Doppelsehen tritt biswei- 
len nach der Operation ein, wenn sich das operirte Auge dem 
gesunden gleich stellte, und grade dann, wenn das Schielen 
sehr stark war. Hatte dies Auge früher wenig Antheil am Se- 
hen gehabt, so sah der Kranke jetzt auch mit diesem die Ge- 
genstände für sich. Erst später verschmelzen die Gesichts- 
'cindrücke zu einem Bilde. Nach der Operation des Schiclens 
beider Augen nach innen ist das Doppelsehen selten, nur dann 
häufiger, wenn die Sehaxe beider Augen nicht vollkommen 
gleich geworden ist. Mit ihrer späteren Ausgleichung verliert 
(s sich aber. 

Das Schielen mit dem linken Auce nach innen ist fast luu 



122 

ein Drittheil häufiger als das mit dem rechten; auch ist es 
meistens stärker als das mit dem rechten, und auch gewöhn- 
hch dann, wenn beide Augen schielen. Der Grimd liegt wohl 
besonders in der vorwaltenden Entwickelung der rechten Kör- 
perhälfte vor der linken. Schon bei Gesunden ist das rechte 
Auge meistens das stärkere und wird von dem grössten 
Theile der Menschen vorzugsweise zum Sehen, wenigstens 
zum schärferen Sehen, benutzt. Beim Gebrauche der Mikro- 
skope und Fernröhre bedienen sich die Meisten nur des rech- 
ten Auges. 

Ein Schielen nach innen oder nach aussen stellt sich, wie 
schon früher berührt worden, bisweilen als Folge mechani- 
scher Verletzungen ein. 

Verletzungen des Augapfels oder seiner Umgebung haben 
bisweilen Schielen zur Folge. Dies Schielen ist entweder ein. 
Schielen nach der verletzten Seite hin durch contrahirende 
und attrahirende Narbensubstanz, oder ein paralytisches Schie- 
len von Erschütterung des äusseren oder inneren graden Augen- 
muskels, welche Lähmung und ein Hinüberweichen des Aug- 
apfels auf die entgegengesetzte Seite zur Folge hat. 

Was nun die erstere Art dieses Schielens anlangt, so ent- 
steht sie nach starken Quetschungen und gerissenen Wunden, 
welchen heftige Entzündung und Eiterung folgt. Die sich bil- 
dende Narbe zieht den Augapfel auf dieselbe Seite hinüber 
und heftet ihn wohl an irgend einer Stelle der Augenlider an, 
wodurch zugleich ein partielles Symblepharon entsteht. Einen 
hierher gehörigen Fall beobachtete ich bei einem jungen Manne, 
welcher in emem Streite eine, durch das imtere Augenhd in 
den inneren Augenwinkel eindringende Wunde mit der Messer- 
spitze bekommen hatte. Das Auge war nach innen schielend 
geworden. Die Exstirpation der Nai'be und die neue Vereini- 
gung der Wunde hoben das Schielen vollkommen. 

Operati ons-^Tmden durch Exstirpation von Krebsgeschwü- 
ren, welche in den inneren oder den äusseren Augenwinkel 
eindringen, geben ebenfalls bisweilen zu einer schiefen Stel- 
lung des Augapfels Veranlassung; das Schielen tritt aber erst 



123 

mit der Vernarbung ein. Fülle der Art habe ich mehrere be- 
obachtet. Die Erweichung der Narbensubstanz hob das Schie- 
len bisweilen wieder. Der Tischler F. schielte in Folge eines 
carcinomatösen Geschwürs am rechten äusseren Augenwinkel. 
Die Exstirpation des Krankhaften und die sorgfältige Vereini- 
gung der Wunde heilte das Schielen vollkommen und stellte 
das Sehvermögen wieder her. 

Geschwülste in der Orbita, fibröse und Balg- Geschwülste, 
Exostosen, fungöse Entartungen des Knochens u. s. w., drän- 
gen den Augapfel bisweilen auf die entgegengesetzte Seite, 
und wenn sie von beträchthchem Umfange sind, das Auge 
aus der Orbitalhöhle heraus. Werden diese Geschwülste mit 
Glück exstirpirt, so nimmt das Auge gewöhnlich seine nor- 
male Stellmig wieder an und erhält die freie Beweglichkeit 
wieder. In anderen Fällen dagegen wird durch die sich bil- 
dende Narbe der Augapfel nach dieser Seite hin verzogen und 
dadurch ein Schielen bewirkt. Während das Auge früher nach 
aussen schielte, schielt es jetzt nach innen, oder auch umge- 
kehrt. Einem 50jährigen Manne exstirpirte ich aus der inne- 
ren Seite der Orbita eine Balggeschwulst von der Grösse einer 
Meinen Wallnuss, welche den Augapfel nach aussen drängte. 
Der grade innere Augenmuskel kam dabei zu Gesicht und lag 
präparirt da; bei der Berührung zog er sich zusammen und 
drehte das Auge nach imien. Einige Wochen nach der Ope- 
ration behielt das Auge die Stellung nach aussen, doch mit 
der vollständigen Vernarbung drehte es sich nach innen und 
lag tiefer als das andere Auge. 

Ein Schielen nach innen sah ich bei einer älthchen Frau 
eintreten, welcher ich einen Theil des linken Oberkiefers mit 
Erhaltung der Weichgebilde exstirpirte. Eine Parthie des knö- 
chernen Gerüstes der linken Seite der Nase und des unteren 
Orbitalrandes war mit fortgenommen worden. Nach vollende- 
ter Heilung, welche ohne grosse Entstellung erfolgte, schielte 
das Auge nach innen. 

Verbrennungen und Aetzungen, wodurch Verkürzung der 
Maut und der Conjunctiva, auch partielles Symblepharon enl- 



124 

steht, haben ebenfalls ein leichtes Schielen nach der verletz- 
ten Seite hin zur Folge. 

Seltener als das durch Narbenbildung herbeigeführte Schie- 
len ist der durch Lähmung in Folge einer Erschütterung, mei- 
stens eines Stosses oder Schlages, des äusseren Augenwinkels 
entstandene Strabismus internus. Ein hierher gehöriger Fall 
ist mir besonders auffallend gewesen. Ein Mann von 32 .Jah- 
ren, gesund und kräftig, erhielt vor 6 Jahren einen Schlag 
mit einem Stock gegen den äusseren Augenwinkel. Nachdem 
die Sugillation durch kalte Umschläge gehoben worden war, 
trat ein Schielen nach innen ein. Das Auge konnte indessen 
etwas gegen die Mitte hin bewegt werden, so dass der Mus- 
kel nicht für völlig gelähmt zu halten war. Die Durchschnei- 
dung des M. rectus internus verbesserte die Stellung des Auges 
ein wenig. Das Ausschneiden einer Conjunctivafalte aus dem 
äusseren Augenwinkel trug wahrscheinlich besonders dazu bei, 
dass nach geschehener Vernarbung der Wunde nur ein selir 
geringer Grad von Schielen zurückblieb. 

Dass in Folge von Erschütterungen nicht bloss aus allge- 
meinen Ursachen Lähmungen sämmtlicher Augenmuskeln ent- 
stehen können, welche ein Hervortreten des Augapfels veran- 
lassen, ist bekannt, doch gehört dieser Zustand nicht hierher, 
man müsste ihn denn als eine neue Schielart, das Schielen 
nach vorn, betrachten. 

In dem folgenden Fall, welcher streng genommen nicht hier- 
her gehört, den ich aber seiner Merkwürdigkeit wegen hier an- 
führe, da er unser Gebiet wenigstens berührt, stellte sich nach 
der Operation ein Schielen nach aussen ein. Herr Grüner, aus 
Frankfurt a. d. 0., ein kräftiger Mann von 22 Jahren, war auf 
eine Weise im Gesicht entstellt, dass er sich nicht mehr un- 
ter Menschen zeigen konnte. Die linke Seite ragte in der Ge- 
stalt einer grossen ovalen Halbkugel hervor und hatte die Nase 
und die andere Gesichtshälfte weit auf die entgegengesetzte 
rechte hinüber gedrängt. Das Auge war durch eine zweite 
Geschwulst in der Orbita heraus gedrängt, auf deren oberster 
Spitze es aufsass. Die Hornhaut war etwas mehr nach innen 



125 

als nacli aussen iicwcndet. Die Aiigcnlidspalle hatte das Aus- 
sehen tirosser, slark gerötheter, weibhcher Genitahen. Die 
ausgedehnten, nach aussen umgestülpten AugenUder umgaben 
die Geschwulst, welche noch '^ bis 4 Zoll aus ihnen hervor- 
ragte. Unterwärts des unleren Augenlides verlief eine tiefe 
Querfurche, und von dieser abwärts erhob sich jene erste 
grosse Geschwulst. Der junge Mann konnte mit dem Auge 
noch das Licht percipiren und grosse Umrisse erkennen, auch 
kleine Drehungen mit demselben vornehmen. 

Viele und berühmte Wundärzte hatten den Patienten be- 
handelt; doch ungeachtet derselbe die grosse Inunctionscur 
durchgemacht und 200 Flaschen des Zittmannschen Decocts 
getnmken hatte, war eine allmählige Vergrösserung der Ge- 
schwülste erfolgt. 

Dann wandte er sich an mich. Da ich die Geschwülste 
für fibröse hielt, so stand ich nicht an, sie zu operiren. Ich 
führte zuerst einen Schnitt, welcher vom äusseren Augenwin- 
kel anfing, abwärts steigend über die Höhe der unteren grös- 
seren Geschwulst, bis zum Rande des Unterkiefers fort, löste 
die Weichgebilde, woduixh ein grosser Lappen gebildet wurde, 
welcher aus der halben Nase, dem unteren Augenlide, der 
Wange und der Hälfte des Mundes bestand. Mit starken Mes- 
sern und Scheeren verfolgte ich zuerst den unteren Tumor 
unter dem stark hervorgetriebenen Joclibogen und Jochbein, 
von wo er sich um den Oberkiefer fortsetzte und die Basis 
cranii externa erreichte, von w^elcher er abgetrennt wurde. 
Einzelne Stränge trennte ich von der Nasenhöhle aus, welche 
hier sich ausgebreitet und das Gaumengewölbe so stark herab- 
gedrängt hatten, dass dasselbe, vom Munde aus gesehen, con- 
vex erschien. 

Hierauf begann ich die Exstirpation der Augenhöhlenge- 
schwulst, welche wieder durch Stränge, die durch die Kno- 
chenplatten der Orbitalwände hindurch gingen, mit der unte- 
ren Geschwulst zusammenhing. Es war schwer, den Bulbus 
zu erhalten, und dies nur dadurch möglich, dass ich den Tu- 
mor an der Seite hinterwärts des Bulbus spaltete und den 



126 

N. opticus heraiispräparirte. Diese Procecliir wurde bis in die 
Tiefe der Orbila fortgesetzt und die Geschwulst zugleich ringsum 
von ihren Wandungen gelöst. Auch dies hatte seine Schwie- 
rigkeiten, denn überall gingen von dem Tumor Stränge aus, 
welche durch die auseinander getriebenen Orbitalwände sich 
Bahn gebrochen hatten. Diese Stränge hingen wiederum mit 
denen in der Nasenhöhle und der unteren grossen Geschwulst 
zusammen. 

Der Augapfel, dessen Muskeln durch Zerrung und Druck 
ganz verschwunden zu sein schienen, hing nun als eine Kugel 
an einer Schnur mehrere Zoll lang aus der Orbita heraus. Wenn 
das andere Auge geschlossen wurde und man den Augapfel 
zwischen die Finger nahm und auf einen Gegenstand richtete, 
so konnte der Patient Alles deutlich erkennen, Personen un- 
terscheiden und die Farbe ihrer Kleidung angeben. Ein leises 
Zusammendrücken des um die Hälfte verdünnten N. opticus 
erzeugte sogleich Blitze. Es war mir besonders erfreulich, 
dass mein Freund Romberg der vorzüglichste Bürge der Wahr- 
heit dieser fast unglaublichen Erscheinung ist, denn er stellte 
einige dieser Versuche selbst an. 

Es fand nun ein grosses Missverhältniss zwischen dem Aug- 
apfel und der enorm vergrösserten und völlig ausgeräumten 
Orbila Statt, welche keine Spur von Fett enthielt, da dasselbe 
durch den Druck des Tumors resorbirt war; sechs solcher 
Augen hätten darin bequem Platz gehabt. Ich lagerte deshalb 
den Bulbus auf den Grund der Orbita, nachdem ich zuvor 
den N. opticus spiralförmig darunter gelegt hatte, und suchte 
die Leere der Orbita dadurch etwas auszufüllen , dass ich die 
Augenlider tief in die Höhle hineindrängte, von dessen unte- 
rem zuvor ein grösserer Theil entfernt war. Obenauf wurde 
ein grosser Charpieballen mit Heflpflasterstreifen befestigt imd 
die Gesichtswunde durch viele Nähte vereinigt. 

Bei einer strengen kühlenden Behandlung gelang nicht bloss 
die vollständige Genesung des Kranken , sondern sogar die Er- 
haltung des Auges und die Wiederherstellung des Sehvermö- 
gens. Jetzt, vier Jahre nach der Operation, habe ich den jun- 



127 

gen Mann wiedergesehen; nur einige Schieflieit der Wange 
ist zurückgeblieben. Der Bulbus ragt el)en so weit wie der 
andere hervor, ist nach aussen gedreht und kann durch die 
Wirkung des M. orbicularis und .AL Icvator palpebrae superio- 
ris einige Linien weit hin- und hergerückt werden. Ich rielh 
dem jungen Manne, sich jetzt den Augapfel grade richten zu 
lassen, doch versicherte er mich, dass er keine weitere Nei- 
gung zu chirurgischen Operationen au sich, verspüre. 



Das Schielen des rechten Auges nach innen. 

Aus der grossen Anzahl der mir vorliegenden Krankheifs- 
geschichten w^erde ich hier einige Falle von Schielen mit dem 
rechten Auge mittheilen. Bei den bei weitem grösseren Theile 
dieser Patienten konnte kein ursächhches Moment mit Bestimmt- 
heit angegeben werden. 

Dr. V., aus Brügge, begann im 14ten Jahre mit dem rech- 
ten Auge stark nach innen zu schielen, ohne dass irgend eine 
bekannte Ursache vorhanden gewesen wäre. Er wurde durch 
die Operation vollkommen geheilt. — Eben so die 13jährige 
Auguste T., deren rechtes Auge sich seit einigen Jahren ohne 
bekannte Ursache nach innen gedreht hatte. — Marie IL, 
5 Jahr alt, schielte seit 3 Jahren im dritten Grade nach innen. 
Die Operation hatte günstigen Erfolg. Einige Granulationen aus 
dem inneren Augenwinkel mussten später entfernt werden. — 
Bei Marie T. verschwand fast die ganze Cornea im inneren 
Augenwinkel. Das Kind war 11 Jahr alt und das Schielen seit 
G Jahren entstanden. Die Operation war erfolgreich und das 
operirte Auge später von dem gesunden nicht zu unterschei- 
den. — Emma G., 6 Jahr alt, schielte seit 3 Jahren nach innen. 
Die Operation hatte auch hier einen günstigen Erfolg. — Franz 
B., 12 Jahr alt, schielte seit seinem 2ten Jahre mit dem rech- 
ten Auge stark nach innen. Er sah fast fortwährend doppelt; 
selbst wenn das gesunde Auge geschlossen wTirde, sah er 
grosse oder kleine Gegenstände mit dem schielenden Auge 



128 

allein doppelt; Nähe oder Ferne veränderten diese Erschei- 
nung nicht. Die Pupille des schielenden Auges war weiter als 
die des gesunden und weniger beweglich. Die Durchschnei- 
dung des Muskels hob das Schielen vollkommen, und damit 
das Doppelsehen, welches niemals wiederkehrte. — Marie G., 
17 Jahr alt, schielte stark nach innen und wurde durch die 
Operation vollkommen geheilt. — Victor S., aus St. Petersburg, 
20 Jahr alt, schielte mit dem rechten Auge im dritten Grade, 
nach innen. Die Pupille war sehr weit und träge, das Auge 
sehr schwach. Der Erfolg der Operation war günstig, nur 
mussten später einige Granulationen entfernt werden. — Fräu- 
lein Auguste P., 21 Jahr alt, eine der von mir vor 2 .Jahren 
zuerst Operirten, schielte im höchsten Grade nach innen. Die. 
Operation war erfolgreich, und als ich das Mädchen kürzlich 
wiedersah, konnte ich keinen Unterschied zwischen dem ope- 
rirten rechten und dem anderen Auge auffinden. — Carl W., 
Soldat, schielte mit dem rechten blauen Auge nach innen, das 
gesunde linke hatte eine dunkelbraune Farbe. Der M. rectus 
internus hatte eine bedeutende Stärke. Die Operation hatte 
einen vollkommen günstigen Erfolg. — Herr v. G., 33 Jahr alt, 
russischer Offizier, sah mit dem rechten schielenden Auge sehr 
schlecht. Die Operation hob beide Uebelstände vollkommen. — 
Caroline R., 9 Jahr alt, half die Operation vollkommen. — Bei 
Gustav K., 13 Jahr alt, war das Schielen nach der Heilung 
noch eben so stark, als vor der Operation, indessen verbes- 
serte sich die Stellung des Auges später etwas. — Wilhelmine 
E., 22 Jahr alt, schielte nach der Operation noch bedeutend, 
jedoch verbesserte sich auch hier der Zustand später etwas. — 
August R., ein schöner Garde -Unteroffizier, schielte seit sei- 
nem 3tcn Jahre auf dem rechten Auge, dessen Kraft bedeu- 
tend vermindert war. Der Erfolg der Operation war höchst 
erfreulich und der Mann nach 8 Tagen aus der Behandlung 
entlassen. — Friedrike W. und Marie G., 11 Jahr alt, schiel- 
ten beide im zweiten Grade und wurden völlig geheilt. — 
Adolph K., 15 Jahr alt, mit stark erweiterter Pupille des schie- 
lenden Auges und schwachem Gesichts vermögen, wurde eben- 



120 

falls durch die Operation von beiden Uebeln befreit. — Albert 
W., 16, Carl W., 19, und Carl T., 20 Jahr alt, schieKen siimmt- 
lich seit dem 3ten Lebensjahre ohne bekannte Ursache mit dem 
rechten Auge nach innen. Die Operation hatte bei allen dreien 
einen vollkommen günstigen Erfolg. Bei der Operation des 
Letzteren war der Herr Staats -Rath Marcus aus Petersbui'H 
anwesend. 

So wenig auch bei allen diesen Personen eine Ursache des 
Schielens zu ermitteln war, so wahrscheinlich ist es doch, dass 
viele von ihnen in Folge von Augenentzündungen schielend 
wurden. Plötzlich wurden folgende zw'ei Personen mit dem 
rechten Auge nach innen schielend, ohne dass etwa der 
M. rectus externus gelähmt worden wäre: Heinrich B., 9 Jahr 
alt, schielte seit 3 Jahren nach innen. Es schien zuerst ein 
Krampfanfall des inneren graden Muskels gewesen zu sein, denn 
das Auge rotirte oft in der Orbita umher. Die Operation hatte 
einen vollkommen günstigen Erfolg. — Louis M., S Jahr alt, 
hatte bis zu seinem 8ten Jahre nicht geschielt und kam dann 
eines Tages mit stark schielendem rechten Auge aus der Schule. 
Weder Krampf noch Paralyse waren jetzt an den Augenmus- 
keln wahrnehmbar. Die Durchschneidung des M. rectus inter- 
nus, welcher dick und sehnig erschien, hob das Schielen voll- 
ständig. 

In Folge von Com-ulsionen stellte sich in früheren Jahren 
das Schielen bei Friedrich M., 24 Jahr alt, plötzlich ein. Der 
falsche Stand des rechten Auges hatte bereits 8 Jahre gedauert; 
die Operation beseitigte ihn vollständig. 

Nach einer heftigen Augenentzündung stellte sich das 
Schielen bei Charlotte IL, 24 Jahr alt, ein; man unterschied 
noch die Spuren feiner Narben auf der Hornhaut. Die Ope- 
ration hatte den günstigsten Erfolg. — Bei Herrn C, 40 Jahr 
alt, entstand das Schielen nach einer heftigen scrophulösen 
Augenentzündung; das Schielen war nicht sehr bedeutend, 
wohl aber die Gesichtsschwäche. Die Operation verbesserte 
beide Uebel etwas, hob sie aber nicht ganz. — Madame N., 
32 Jahr alt, durch anhaltendes Doppelsehen gequält, unterwarf 

9 



130 

sich der Operation, welche den günstigsten Erfolg hatte, und 
nach welcher auch die Diplopie völlig aufhörte. — Carl S., 
mit kleinen, dunklen, lebhaften Augen, schielte nach einer Oph- 
thalmie in den ersten Lebensmonaten; jetzt war er 19 Jahr alt. 
Das Gesicht war schwach. Die Operation gelang vollkommen. 

Durch anhaltendes Sehen nach einer Ulir, welche neben 
dem Bette des Kindes stand, bildete sich Schielen des rech- 
ten Auges nach innen bei Wilhelm S. aus. Jetzt war er 37 Jahr 
alt und das schielende Auge schwach. Die Operation hatte 
den gehofften Erfolg. — Durch fortwährendes Blicken nach 
einer Kopfbedeckung entstand Schielen bei Eduard S. in frühe- 
ren Jahren; jetzt war er 22 Jahr alt. Die Operation heilte ihn. 

Nachahmung des Schielens einer schielenden Freundin war 
die Veranlassung, dass Fräulein S., aus Paris, 30 Jahr alt, mit 
dem rechten Auge schielend wurde. Die Operation gelang voll- 
kommen. 

Nach einem nervösen Fieber schielte Auguste M., 23 Jahr 
alt; sie war damals 6 Jahr alt. Das Auge war sehr schwach, 
die Pupille weit und der Bulbus stark nach innen gekehrt. 
Die Operation hatte in jeder Beziehung einen höchst günsti- 
gen Erfolg und schon am vierten Tage nach derselben konnte 
die Patientin ausgehen. — Eben so nach einem Nervenfieber 
im 4ten Lebensalter schielte Emilie W. Das Gesicht war sehr 
schwach und die Patientin konnte nur wenig sehen. Die Ope- 
ration verbesserte den Zustand bedeutend. 



Das Schielen mit dem linken Auge. 

Das Schielen mit dem Hnken Auge ist bei weitem häufiger, 
als das mit dem rechten, und beim Doppelschielen schielt das. 
linke gewöhnlich am stärksten. Als Ursache dieser Erschei- 
nung ist die stärkere Entwickelung der rechten Körperhälfte 
vor der linken angegeben worden, indem an jener auch an- 
dere Bildungsfehler gewöhnlich seltener und in einem schwä- 
cheren Grade, als an der linken, vorkommen. 



131 

Die Ursachen des Scliielens des linken Auges allein sind 
von den gewöhnlichen nicht verschieden, indem es meistens 
eine Folge des gestörten Gleichgewichts zwischen dem inne- 
ren und äusseren graden Augenmuskel ist. Das entschiedene 
Uebergewicht des ersteren über den letzteren ist auch hier 
die gewöhnliche Erscheinung; seltener aber ist dies Ueberge- 
wicht Folge einer Schwäche des äusseren, sondern gewöhn- 
lich einer zu starken Entwickelung oder falschen Insertion des 
inneren graden Augenmuskels, wodurch der äussere überwun- 
den wird. 

Die Gelegenheitsursachcn sind auch hier mannigfach. 

Nach einem entzündlichen Fieber stellte sich das Schielen 
im Knabenalter bei Friedrich L., 33 Jahr alt, ein; dabei war 
grosse Gesichtsschwäche vorhanden. Der Kranke wurde ope- 
rirt und ein Jahr nach der Operation war der Erfolg noch 
^ollkommen glücklich. — Aus derselben Ursache entwickelte 
sich das Schielen bei Leopold H. , 27 Jahr alt. Das Auge stand 
tief im inneren Augenwinkel und sah wenig. Unmittelbar nach 
der Operation sah der Patient ganz scharf. Die Heilung war in 
acht Tagen beendet und l)eide Augen einander völlig aleich. 

Nach den Masern schielten Pauline R., 11 Jahr alt, und 
August IL, 26 Jahr alt, seit früherer Kindheit. Der Erfolg war 
bei Beiden günstig. 

Nach einem Wechselfieber Fräulein Caroline T. Die Ope- 
riilion hatte einen guten Erfolg. 

Nach einem Nervenfieber schielte links Rosamunde N., 
10 Jahr alt. Nach der Operation hatte eine blutige SufTusion 
der Conjunctiva Statt. Der Erfolg war vollkommen günstig. — 
Ebenfalls nach einem Nervenfieber Carl L., 32 Jahr alt. Der 
Erfolg der Operation war günstig. 

Nach äusseren Verletzungen schielten plötzlich Waldemar 
S., 15 Jahr alt, nach einem Fall vor mehreren Jahren, und 
Friedrich K., 6 Jahr alt, nach einem erschütternden Schlage. 
Die Operation heilte bei Beiden das Schielen. 

In Folge scrophulüser Augenentzündungen in früherer Kind- 
heit trat Schielen des linkenAuges ein bei Antonie P., 8 Jahr, 

9* 



132 

Philippine Z., 10 Jahr, Auguste S., 12 Jahr, Laura M., 17 Jahr, 
Friedrike S. und Caroline S., 19 Jahr, und Emihe G., 22 Jahr 
alt. Die Operation hatte bei Allen einen günstigen Erfolg. 

Ohne bekannte Ursache schielten mit dem linken Auge bald 
im höheren, bald im niederen Grade nach innen, und wurden 
sämmtlich mit dem günstigsten Erfolge operirt: Emma B., 9 Jahr 
alt, seit dem 2ten Jahre, Therese H., 13 Jahr, Joseph L., Ida 
M., Louise T. und Pauhne S., 16 Jahr, Albertine L., Bertha J. 
und Adele L., aus Neufchatel, 20 Jahr, Wilhelm A., 20 Jahr, 
Ludwig S., Soldat, 21 Jahr, Amahe R. und Auguste F., 22 Jahr, 
Sophie H. und Louis M., 26 Jahr, Albertine G. und Friedrich 
L., 28 Jahr, Julius S. und Adolph F., 30 Jahr, Emihe F., 31 Jahr, 
und Emilie B., 33 Jahr alt. Es ist überflüssig, hier noch mehr 
Fälle anzuführen. 



Das Schielen mit beiden Augen nach innen (Strabismus 
internus duplex s. binocularis internus). 

Beim doppelten Schielen ist das linke Auge gewöhnlich das 
stärker schielende; besonders ist dieser Zustand bei Erwach- 
senen auffallend, bei Kindern weniger. Es scheint demnach, 
als wenn das stärkere Schielen mit dem linken Auge sich im 
Leben erst ausbilde. Die Anlage zum Öfteren und stärkeren 
links Schielen findet sich indessen schon im kindlichen Alter. 
Wenn kleine Kinder anfangs mit beiden Augen gleich schie- 
len, so bildet sich das Schielen auf dem linken Auge bald 
stärker aus. 

Der Strabismus binocularis internus beruht, wie oben be- 
merkt, meist auf einer Abnormität der inneren graden Augen- 
muskeln, als: falscher Insertion, organischer Verkürzmig u. s. w., 
selten ist das Uebel rein dynamisch. Beim stärker schielen- 
den Auge ist dieser Zustand des Muskels natürhch deutlicher, 
als bei dem minder schielenden. Beim Schielen dieser Art sind 
die Pupillen beider Augen einander näher zugekehrt, als beim 
normalen Sehen. Die Sehaxen beider Augen sind einander zu 



133 

nahe; das Sehen geschieht vorzugsweise immer nur mit einem 
und demselben Auge ; niaimt das nach innen abgewichene daran 
Antheil, so entsteht Doppelsehen. Beim Strabismus concomi- 
tans höheren Grades sieht der Kranke zwar auch nur mit einem 
Auge, aber nicht immer mit demselben, sondern er wechselt 
damit. Oefter hat jedes Auge für sich die volle Sehkraft; in 
anderen Fällen wird nur das eine Auge vorzugsweise zum Se- 
hen benutzt, wie es aber scheint, vorzüglich nur in Folge von 
Angewöhnung. 

Sind beide Augen so stark von der Sehaxe abgewichen, 
dass beide operirt werden müssen, so ist es in der Regel 
vorzuziehen, das stärker schielende zuerst zu operiren und 
später das andere, theils um nach dem Erfolge der ersten 
Operation die zweite zu reguliren, theils um besonders bei 
scrophulösen Subjekten die Gefahr der Operation zu ver- 
ringern. 

Ich könnte viele hundert Fälle von Doppelschielen anfüh- 
ren, in denen ich die Operation bald mit grösserem, bald mit 
geringerem Glücke vollzog, doch begnüge ich mich mit der 
Miltheilung einer geringen Anzahl derselben, um den Umfang 
dieser kleinen Schrift nicht zu sehr auszudehnen. 

Ich habe schon früher bemerkt, dass nach der Operation 
des stärker schielenden Auges das minder schielende bald 
vorübergehend, bald dauernd schiele; dass in anderen Fällen 
die Stellung des operirten Auges sich durch die Operation 
des ersteren nicht verändere; und endhch, was freilich selten 
ist, dass das minder schielende Auge nach der Operation des 
stärker schielenden eine bessere Richtung annehme , eine Mus- 
keldurchschneidung hier also nicht nöthig werde. 

Julie IL, 24 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte seit frü- 
hester Kindheit mit dem linken Auge stark nach innen; auch 
das rechte hatte eine geringe Richtung nach innen. Die Ope- 
ration des einen Auges wirkte günstig auf die Stellung des 
anderen. — Denselben Erfolg beobachtete ich bei Henriette 
A., 20 Jahr alt, mit schwarzgrauen Augen, welche seit frühe- 
ster Kindheit mit dem linken so stark nach innen schielte, 



134 

dass fast die ixanze Hornhaut sich in dem inneren Ausenwin- 
kel verstecken konnte. Das rechte Auge war nur wenig ab- 
gewichen. — Herr Georg L., 41 Jahr alt, mit grauen Augen, 
schielte mit dem linken im höclisten Grade nach innen. Das 
rechte war nur wenig abgewichen. Die Operation des erste- 
ren hob auch nach vollendeter Heilung die des anderen. — 
Carl E., 35 Jahr alt, mit grauen Augen, schielte in Folge klei- 
ner Hornhautflecken mit dem hnken Auge stark nach innen. 
Die Operation dieses Auges machte auch die geringe falsche 
Stellung des anderen verschwinden. — Einen höchst günsti- 
gen Erfolg hatte die Operation an beiden Augen bei Louise R., 
22 Jahr alt, mit hellbraunen Augen. Das Schielen war nach 
einem Scharlachfieber entstanden, und das stärker schielende 
rechte Auge, dessen Hornhaut bisweilen sich tief in den inne- 
ren Augenwinkel hinabsenkte, das kräftigste. Die inneren 
Augenmuskeln waren äusserst dünn. Die Heilung war in acht 
Tagen vollendet. — Bei Albert W., 22 Jahr alt, mit graublauen 
Augen, war das linke, am stärksten schielende Auge, eben- 
falls das am besten sehende. Die Heilung war auch hier voll- 
kommen und nur durch eine Granulation im inneren Augen- 
winkel etwas gestört. Nachdem diese entfernt war, erfolgte 
die Heilung einige Tage später. — Louise L., 7 Jahr alt, schielte 
mit dem linken Auge am stärksten. Die zu verschiedenen Zei- 
ten unternommene Operation bewirkte vollkommene Heilung. — 
Fräulein W., 24 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte seit dem 
3ten Jahre, und zwar mit dem linken Auge so stark nach in- 
nen, dass die Hornhaut über ihre Mitte hinaus sich öfter im 
inneren Augenwinkel verbarg. Das Gesicht auf diesem Auge 
war so schwach, dass selbst grosse Buchstaben nicht erkannt 
werden konnten. Ich operirte zuerst das linke und 14 Tage 
später das rechte Auge. Der Erfolg war sehr günstig. — Herr 
Simon L., 21 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte mit bei- 
den nach innen. Das linke war weit- und das rechte kurz- 
sichtig; beide Pupillen zeigten gleiche Weite. Nach der Ope- 
ration waren einigemal Blutegel nöthig. Der Erfolg der Ope- 
ration war einer der günstigsten. — Louise W. , 20 Jahr alt, 



135 

schielte erst seit dem 12ten Jahre ohne bekannte Ursache und 
zwar mit dem hnken Auge am stärksten. Das Schliessen des 
einen Auges verbesserte die Stellung des anderen nicht. Die 
Insertion des linken M. rectus internus war weiter nach hin- 
ten als gewöhnlich und er war dabei tendinös; der rechte 
Muskel war normal lang und dabei röther und dicker. Der 
Erfolg w'ar vollkommen günstig. — Adolph G. schielte mit bei- 
den Augen, besonders dem linken, stark nach innen. Die 
M. recti interni waren ungewöhnlich dick, welk und bleich. 
Der Erfolg war vollkommen günstig. — Herr v. R., aus Böh- 
men, schielte seit frühester Kindheit, besonders mit dem lin- 
ken Auge, stark nach innen. Die Operation hatte den günstig- 
sten Erfolg. 

Ich erwähnte schon früher, dass beim Strabismus con- 
comitans, dem wechselnden Schielen, wobei die Augen 
in den entgegengesetzten Augenwinkel gerollt werden können, 
die Operation des einen Auges auch dem anderen öfter eine na- 
türliche Stellung verschafft. Immer ist bei der Operation dieser 
Art des Schielcns nur die einfache Durchschneidung des Mus- 
kels, i bis 5 Linien von der Sehne, ohne vorangegangene Lösung 
des Zellgewebes, vorzunehmen, weil sonst unfehlbar das Auge 
nach aussen schielend wird. Marie W., 10 Jahr alt, schielte 
in Folge einer scrophulösen Augenentzündung. Das linke Auge 
war das stärker schielende. Beide Augen wurden abwechselnd 
zum Sehen gebraucht. Die Durchschneidung des M. rectus in- 
ternus des linken Auges hob das Schielen beider Augen so 
vollkommen, dass man später keine Spur der früheren Krank- 
heit entdecken konnte. — Herr B., 26 Jahr alt, schielte eben- 
falls abwechsehid, mit dem linken Auge aber am stärksten. 
Die Operation an diesem Auge hatte denselben günstigen Er- 
folg für beide. — Fräulein Franziska H., 18 Jahr alt, schielte 
abw^echselnd , mit dem rechten Auge aber am stärksten. Dies 
Auge wurde operirt und der Erfolg war für beide gleich gün- 
stig. — In vielen anderen Fällen hatte die an einem Auge un- 
ternommene Operation ganz denselben günstigen Erfolg. 

Herr v. N., aus Dänemark, 40 Jahr alt, schielte abwech- 



136 

selnd mit beiden Augen so stark nach innen, dass wenn ein 
Auge grade gestellt wurde , das andere sich mit einem grossen 
Theil der Hornhaut im inneren Augenwinkel versteckte. Jedes 
Auge konnte in die normale Sehaxe gebracht und deutlich und 
scharf damit gesehen werden. Ich operirte zuerst das rechte 
Auge, worauf das linke noch stärker schielend wurde, als es 
vor der Operation das rechte war. Nach der Operation entstand 
emige Aufwulstung der Gonjunctiva; auch behielt der Bulbus 
noch anfangs eine geringe Neigung nach innen, wiewohl der 
Muskel vollkommen durchschnitten w^ar. Schon früher hatte 
sich der Patient an einem anderen Orte von einer geübten 
Hand zweimal ohne Erfolg operiren lassen. Durch Zubinden 
des linken Auges und Drehung des operirten nach aussen, ge- 
wann es binnen 14 Tagen eine vollkommen gute Stellung, 
worauf ich auch das linke operirte. Auch hier war der Er- 
folg eben so günstig. — Louise K., 18 Jahr alt, mit blauen 
Augen und weiter Pupille, schielte abwechsehid mit bei- 
den Augen. Die gleichzeitig unternommene Durchschneidung 
der inneren Augenmuskeln hob das Schielen vollständig und 
dauernd. — Franz L., 9 Jahr alt, mit bUmcn Glotzaugen, litt 
am höchsten Grade des Strabismus concomitans ; ein Auge floh 
vor dem anderen, und während das eine Auge im höchsten 
Grade nach innen schielte, war dasselbe mit dem anderen 
nach aussen der Fall, und wieder umgekehrt; wurde ein Auge 
geschlossen, so stellte sich das andere natürhch. Der Patient 
konnte mit beiden Augen einzeln vollkommen gut sehen, nur 
war er kurzsichtig. Die Durchschneidung des rechten inneren 
Augenmuskels stellte das Auge sogleich grade; auf das linke 
äusserte die Operation gar keinen Einfluss; als ob auch hier 
der Muskel getrennt wäre, so correspondirlcn beide Augen 
in vollkommen natürlicher Stellung mit einander. Die Heilung 
erfolgte in wenigen Tagen und der Erfolg der Operation war 
überaus günstig. — Die Durchschneidung des M. rectus inter- 
nus des linken Auges heilte den Strabismus concomitans bei- 
der Augen bei dem 15jährigen August B. Das Schielen war 
in frühester Kindheit nach Krämpfen entstanden. — Bei der 



137 

8jährigen Amalic B., welche an Strabismus concomilans mit 
Nystagmus, beide im höchsten Grade ausgebildet, lill, woliei 
grosse Gesichtsschwäche vorhanden war, erfolgte die Heilung 
aller dieser krankhaften Zustände nach der Durclischneidung 
der inneren graden Augenmuskeln. — Adelheid S., mit Stra- 
bismus concomitans höheren Grades , wurde durch die Durch- 
schneidung der inneren Augenmuskeln binnen 8 Tagen voll- 
kommen geheilt. — Ein abwechselndes Schielen beider Augen 
wurde bei dem 6jährigen Carl T. durch die Operation des 
Unken, stärker verdrehten Auges, vollkommen geheilt. — Fräu- 
lein Emma C, 18 Jahr alt, schielte mit beiden Augen nach 
innen , am meisten mit dem linken , welches auch am schwäch- 
sten sah. Der Operation folgte eine ziemlich starke Röthung 
der Bindehaut, mit deren Beseitigung die Heilung erfolgte. — 
Emihe S., 20 Jahr alt, von leukophlegmatischcr Constitution, 
schielte seit früher Zeit abwechselnd mit beiden Augen. Die 
Sehweite war die mittlere. Die Schliessung des einen Auges 
verbesserte die Stellung des anderen nicht. Das rechte Auge 
wurde zuerst operirt, später das linke. Die Heilung erfolgte 
sehr schnell mit vollkommen grader Stellung der Augen. Einige 
Tage später fiel die etwas gestörte Beweglichkeit des rech- 
ten Auges bei der Wendung desselben nach aussen auf, 
und es ergab sich, dass eine kleine Fläche des oberen Augen- 
hdes, mit der Operationswunde verwachsen, mit dessen Narbe 
zusammenhing. Nach vorgenommener Trennung und angera- 
thenem starken Sehen nach aussen, erfolgte die Heilung ohne 
Rückfall. — Amalie T., 26 Jahr alt, mit blauen Augen, eben- 
falls an Strabismus concomitans leidend, schielte seit ihrem 
6ten Jahre und wurde vollkommen durch die Durchschneidung 
der inneren Augenmuskeln geheilt. — Fräulein R., 20 Jahr 
alt, welcher ich beide Augen gleichzeitig operirte, ebenfalls. — 
Louise R., 16 Jahr alt, mit grossen blauen, weitsichtigen Augen. 
Es zeigten sich bei diesem Individuum einige abweichende 
Erscheinungen. Wurde das rechte Auge geschlossen, so wen- 
dete sich das linke noch stärker nach innen; wurde das linke 
gesclilossen, so nahm das rechte eine normale Stellung an. 



138 

Unmittelbar nach der Operation standen die Augen vollkom- 
men grade und die Patientin sah sogleich mit dem linken deut- 
licher. Die Heilung erfolgte in kurzer Zeit. — Friedrich L., 
12 Jahr alt, mit grossen blauen Augen, schielte wechselnd im 
höchsten Grade, so dass die Augen sich bald im inneren, bald 
im äusseren Augenwinkel versenkten. Die Operation, welche 
an beiden Augen zugleich unternommen wurde , hatte den gün- 
stigsten Erfolg. — Es scheint mir überflüssig, hier noch mehr 
Krankengeschichten vom Strabismus internus fixus und Stra- 
bismus concomitans beider Augen anzuführen; die hunderte 
von mir vorhegenden Ki^ankengeschichten zeigen die grösste 
Aehnlichkeit der Fälle untereinander. 



Vom Rückfall des Schielens nach der Operation. 

Einen Rückfall des Schielens nach derselben Seite habe ich 
verhältnissmässig am häufigsten nach der Operation des Stra- 
bismus divergens gesehen; indessen ereignete er sich auch 
oft nach der Operation des Schielens nach innen, wo ich den 
M. rectus internus, und selbst dort einmal, wo zugleich auch 
der M. obliquus superior durchschnitten worden war. Den 
Grund der häufigen Klagen anderer Aerzte über die Rückfälle 
des Schielens nach der Operation glaube ich am besten aus 
eigenen früheren Erfahrungen erklären zu können. Das Schie- 
len kehrt wieder: 

1) Wenn der Muskel nicht gehörig durchschnitten, sondern 
nur theilweise getrennt worden, oder wenn nur ein Fäserchen 
nicht durchschnitten worden. 

2) Wenn die Conjunctivawundc bei Verdickung der Binde- 
haut nicht in einem gehörigen Umfange gelöst worden. 

3) Wenn bei rigider Beschaffenlieit des Zellgewebes dies 
nicht in einem gehörigen Umfange durchschnitten worden. 

4) Wenn die Sehnenscheide des Bulbus nicht gehörig weit 
durchschnitten worden. 

5) Wenn bei Rigidität des Muskels dieser nicht gehörig von 



139 

der Scierolica gelöst worden, wo dann die Enden sich nicht 
von einander entfernen. 

6) Wenn der Opponent des durchschnittenen Muskels nicht 
Kraft genug hatte, bei gehöriger Lagerung des Kranken den 
Bulbus auf die andere Seite hinüber zu ziehen, oder wenn 
dieser sogar gelähmt war. 

7) Wenn in den ersten Tagen nach der Operation der Pa- 
tient eine solche Lage oder Stellung annahm, dass das Auge 
seiner alten Richtung zugewendet wurde, so dass die Tren- 
nungsflächen wieder mit einander verwachsen konnten; also 
Vernachlässigung der Orthopädie, worauf v. Ammon mit Recht 
einen so grossen Werlh legt. 

Der Process der Vernarbung in der Conjunctiva ist es, wel- 
cher in vielen Fällen das Auge wieder in die falsche Stellung 
zurückfuhrt; es wird mechanisch auf den alten gewohnten Ort 
zurückgeführt. Die bekannte Erfahrung, dass die Narbe kür- 
zer als die Wundspalte ist, bewährt hier seine volle Rich- 
tigkeit. 

Dies Recidiv des Schielens hat auch häufig seinen Grund 
in einer vernachlässigten Sorge für den Patienten, bei Unter- 
lassung einer streng antiphlogistischen Nachbehandlung durch 
fortwährende Kaltwasserumschläge und sahnische Abführungen. 
Besonders sind bei kräftigen Individuen die plastischen Pro- 
cesse hier so thätig, dass immer durch die zu hoch gestei- 
gerte Entzündung, Anschwellung, Verklebung und Verdichtung 
aller Theile an dem Operationsorte und dessen Umgebung ge- 
schehen, das Auge also bald nach der Operation in die alte 
Lage zm-ückgeführt wird. In der ersten Zeit nach der Opera- 
tion kann also der plastische Entzündungsprocess den Rück- 
fall herbeiführen, später ist es die wirkliche Vernarbung. Bald 
sieht man nach dem Blässerwerden und Einschrumpfen der 
Entzündungsgeschwulst an dem Operationsorte ungleiche Er- 
habenheiten, aber nicht jene weisshche Prominenz, welche 
der Ort oder das Rudiment des von der Sclerotica abgesclmit- 
tenen Tendo ist, denn diese kann nur dort sichtbar sein, wo 
das Auge die normale Stellung nach der Operation angenom- 



140 

men hat, oder gar auf die andere Seite hinübergetreten ist. 
Beim Recidiv auf dieselbe Seite kann diese Stelle, an welcher 
die Sehne durchschnitten worden, schon deshalb nicht sicht- 
bar werden, weil sie sich wieder bei der neuen Inwärtskeh- 
rung des Augapfels in der Tiefe versteckt hat. 

In den folgenden Fällen von Strabismus convergens half die 
Operation entweder gar nicht, oder die Stellung des Auges 
wurde nur etwas gebessert, oder es blieb noch ein Anflug 
von Schielen. Entweder dauerte das Schielen sogleich nach 
der Operation fort, oder es entstand während der plastischen 
Conglutination, oder es bildete sich erst bei der vollkomme- 
nen Vernarbmig aus. 



Beobachtungen vom Fortdauern des Schielens nach der 
Operation des Strabismus convergens, nach Durchschnei- 
dung des Musculus rectus internus. 

Die Fortdauer des Schielens unmittelbar nach der Durch- 
schneidung des M. rectus internus kann nun, wie schon be- 
merkt, entweder in noch haltenden Fäserchen des Muskels 
oder Zellgewebes, oder in der Bindehaut, oder in einer stär- 
keren Wirkung des M. obUquus superior, oder endlich in 
einem Lähmungszustande des M. rectus externus liegen. In 
folgenden Fällen war das Schielen nach der Operation beson- 
ders auffallend, überhaupt dort, wo keine der angegebenen 
Ursachen Statt fand. Louise S., 5 Jahr alt, blauäugig, schielte 
seit dem 3ten Jahre mit dem Unken Auge stark nach innen; 
die Pupille w^ar sehr weit und das Sehen schwach. Ungeach- 
tet aller Sorgfalt bei der Operation verbesserte sich die Stel- 
lung des Auges wenig nach derselben. — Louis N., 14 Jahr 
alt, mit braunen Augen, schielte seit dem 3ten Jahre stark 
nach innen; ausserdem litt derselbe fortwährend an einer scro- 
phulösen Augenentzündung. Die Operation hatte zwar Verbes- 
serung derselben auf diesem Auge, aber keine Heilung des 
Schielens zur Folge. — Theodor M., 12 Jahr alt, mit braunen 



141 

Aiiaon, schielte seit frühester Kindheit stnrk nach innen. Die 
Stellung der Augen blieb nach der Operation fast die näm- 
liche. — Marie P., aus Stettin, 9 Jahr alt, schielte seit ihrem 
3ten Jahre mit dem linken Auge stark nach innen, dabei war 
ein hoher Grad von Schwachsichtigkeit vorhanden; auch das 
andere Auge zeigte einen kleinen Anflug von Schielen nach 
innen. Nach der Operation stellte sich das Auge nur ein we- 
nig besser und der Erfolg war höchst unbedeutend. — Sieg- 
mund B., 15 Jahr alt, mit grauen Augen, schielte seit dem 
2ten .Tahre mit dem linken Auge stark nach innen. Die Ope- 
ration blieb ohne allen Erfolg. — Georg A., 26 Jahr alt, mit 
braunen Augen, schielte seit dem 6t en Jahre mit beiden Augen, 
und zwar mit dem rechten so stark nach innen, dass biswei- 
len die Hornhaut ganz verschwand; dabei war das Auge fast 
blind. Die Operation war erfolglos. — Theodor S., 14 Jahr 
alt, schielte seit dem 4ten Jahre mit beiden braunen Augen, 
mit dem linken jedoch am stärksten. Die Operation des rech- 
ten Auges hatte einen vollkommenen, die des linken gar kei- 
nen Erfolg. — Eduard K., Buchbinder, 20 Jahr alt, mit brau- 
nen Augen, schielte seit dem Sten Jahre mit dem linken Auge 
nach innen. Die Muskeldurchschneidung halte einen sehr ge- 
ringen Erfolg. — Wilhelm S., 20 Jahr alt, an Strabismus con- 
comitans beider Augen leidend, unterzog sich zuerst nur der 
Operation des stärker schielenden linken Auges ohne Erfolg. — 
Gustav K., 13 Jahr alt, mit graublauen Augen, schielte seit 
frühester Kindheit mit dem rechten Auge nach innen. Nach 
der Durchschneidung des M. rectus internus hörte das Schie- 
len auf, am 7ten Tage zeigte sich kaum noch eine Röthe im 
Augenwinkel, das Auge schielte aber wieder. — Carl B., 
17 Jahr alt, mit grauen Augen, schielte mit dem linken nach 
innen. Die Durchschneidung des Muskels besserte die Stel- 
lung des Auges sehr wenig. — Heinrich S., 24 Jahr alt, mit 
blauen Augen, schielte seit dem 6ten Jahre mit dem hnken 
nach innen. Die Entzündung nach der Operation war ziem- 
lich heftig, der Erfolg der Operation jedoch unbedeutend. — 
Andere Schielende, bei denen die Durchschneidung des ver- 



142 

kürzten Muskels keine wesentliche Verbesserung im Stande 
der Augen bewirkte, wurden durch eine wiederholte Opera- 
tion geheilt. 

Noch mehr Fälle anzuführen, in denen die Operation nicht 
den gewünschten Erfolg hatte, scheint mir überflüssig. 



Von der Verbesserung der Stellung der Augen nach der an- 
scheinend erfolglosen Durchschneidung des Muskels. 

Die anscheinend vergebUche Operation des Strabismus ist 
bisweilen dennoch früher oder später von einem günstigen 
Erfolge begleitet. Dies ist besonders beim Schielen nach innen 
der Fall. Häufig sah ich das Auge in seiner alten falschen Stel- 
lung verharren. Früher beruhigte ich mich nicht dabei, son- 
dern löste den Augapfel in einem weiteren Umfange und er- 
reichte dadurch in der Regel sogleich eine bessere Stellung. 
Diese so durchgeführten Operationen, dieser gleichsam gewalt- 
sam erzwungene Erfolg war öfter von einem späteren Schie- 
len nach aussen begleitet. Ich sah dagegen in vielen Fällen 
anscheinend erfolglos operirte Augen, nach dem Schlafiferwer- 
den der Narben, sich allmähhg bessern, und selbst noch nach 
Monaten in die normale Sehaxe treten, wenn Seh- und Bewe- 
gungsübungen mit anhaltender Richtung nach der entgegenge- 
setzten Seite hin gemacht wurden. 

Beim Strabismus divergens darf man sich, wenn die Ope- 
ration nicht sogleich das Schielen verbesserte oder völüg hob, 
nicht schmeicheln, dass die Stellung des Auges sich später 
verbessern werde, im Gegentheil verschlechtert sie sich so- 
gar noch eher. 

Carl G., 25 Jahr alt, mit hellbraunen, stark prominirenden 
Augen, schielte seit seinem 4ten Jahre mit dem linken Auge 
nach innen, und zwar so stark, dass bei der Drehung des 
Bulbus nach dem inneren Augenwinkel, nur ein kleiner Rand 
der Hornhaut sichtbar war. Dass das Sehvermögen auf die- 
sem Auge sehr geschwächt war, bedarf keiner Erwähnung. 



143 

Nach der Operation war das Schielen fast eben so stark, doch 
konnte das Auge ganz nach aussen gewendet werden. Von 
einer Woche zur anderen wurde der Stand des Auges gra- 
der und zeigt jetzt kaum noch eine Abweiclmng. — Marie M., 
20 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte seit dem 2ten Jahre 
in Folge einer Augenentzündung. Der Erfolg der Operation 
war unmittelbar nach der Myotomie fast keiner, später wen- 
dete sich das Auge allmUhlig mehr der Mitte zu. — Louise P., 
8 Jahr alt, schielte seit frühester Kindheit in Folge einer Er- 
kältung mit beiden braunen Augen stark nach innen. Zuerst 
wurde sie auf dem rechten und 14 Tage später auf dem lin- 
ken Auge operirt. Anfangs standen die Augen schlecht, spä- 
ter aber nahmen sie eine normale Stellung an. — Adolph K., 
14 Jahr alt, schielte seit dem 7ten Jahre nach innen, und zwar 
so stark, dass nur ein kleiner Theil der blauen Iris sichtbar 
war. Anfangs schien die Operation wenig geholfen zu haben, 
doch nach 2 Monaten war bei fortgesetzter Uebung die Stel- 
lung des Auges so vollkommen normal, dass man nicht unter- 
scheiden konnte, welches Auge operirt sei. In Folge der Ope- 
ration verlor sich auch die kleine Convergenz des anderen. 
Das operirte Auge, welches früher nur die Umrisse grösserer 
Gegenstände unterschied, hatte so an Sehkraft gewonnen, dass 
der Knabe damit allein feine Druckschrift mit Leichtigkeit lesen 
konnte. — ThereseK., 8 Jahr alt, schielte seit dem Sten Jahre 
mit beiden graublauen Augen, besonders dem hnken, nach 
innen. Die anfangs erfolglos gemachte Operation hatte eine 
sich allmählig bessernde Stellung des Augapfels zur Folge. — 
Mariane H., 20 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte seit dem 
6ten .Jahre mit beiden Augen nach innen und zwar am stärk- 
sten mit dem rechten. Die Durchschneidung beider inneren 
graden Augenmuskeln schien anfangs einen nur geringen Er- 
folg gehabt zu haben, aber allmählig nahmen die Augen die 
normale Stellung an imd der Erfolg der Operation war voll- 
kommen günstig. -— Emma G., 11 Jahr alt, mit braunen Augen, 
schielte seit ihrem 4ten Monate in Folge der Masern mit dem 
linken Auge nach innen. Nach der Myotomie blieb das Auge 



144 

in der alten Stellung und erst allmählig verbesserte sich die- 
selbe bei fortgesetzter Uebung. — Louis L., 10 Jahr alt, mit 
braunen Augen, schielte seit frühester Kindheit stark nach 
innen. Beide Pupillen waren sehr erweitert und fortwährend 
Doppelsehen vorhanden. Die Schliessimg des einen Auges ver- 
Ijesserte die Stellung des anderen kaum etwas. Unmittelbar 
nach der Operation hatte sich die Stellung der Augen nur we- 
nig geändert, doch schon am folgenden Tage war dieselbe 
etwas verbessert, und nach 2 Monaten konnte man nicht mehr 
erkennen, dass der Knabe geschielt hatte. — Herr T., Maler, 
40 Jahr alt, mit grauen Augen, schielte seit dem 5ten Jahre 
in Folge eines Nervenfiebers mit dem rechten Auge nach innen; 
auch das linke zeigte eine leichte Neigung gegen die Nase zu. 
Die anfänglich wenig hülfreich geschienene Operation hatte den- 
noch später einen vollkommenen Erfolg. — Marie A., 14 Jahr 
alt, mit grauen Augen, schielte mit beiden nach innen. Beide 
wurden gleichzeitig operirt, behielten aber die ersten 3 Tage 
ihre falsche Stellung. Mit dem Nachlass der ziemlich heftigen 
Entzündung traten die Augen allmählig mehr aus dem inneren 
Augenwinkel heraus, und 4 Wochen später hatten sie eine so 
vollkommen normale Stellung angenommen, dass man kaum 
an eine Statt gehabte Operation denken konnte. — Ferdinand 
W., 23 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte seit dem 4ten Jahre 
in Folge der Masern besonders mit dem rechten Auge stark 
nach innen. Das Sehen war gewöhnhch doppelt, doch sah der 
Patient auch mit dem schielenden Auge sehr scharf. Die Stel- 
lung des operirten Auges verbesserte sich nicht sogleich, son- 
dern nahm erst nach mehreren Wochen und Monaten allmählig 
zu. — Sehr günstigen Erfolg hatte die Operation besonders in 
dem folgenden Fall, wo sie zuerst fehlgeschlagen zu sein schien. 
Fräulein Auguste N. , deren Muller ebenfalls schielte, mit brau- 
nen Augen, jetzt 24 Jahr alt, halte seit dem 4ten Jahre eine 
falsche Richtung der Augen bekommen. Diese lagen sehr tief 
und konnten wenig nach aussen bewegt werden. Die Durch- 
schneidung der inneren graden Muskeln brachte eine nur ge- 
ringe Veränderung im Stande der Augen hervor; später ver- 



145 

besserte sich dieser aber allmählig so, dass jede Spur des 
Schielcns versclnvunden war. — Bei Friedrike G., 23 Jahr alt, 
mit blauen Augen, sehr stark nach innen schielend, blieb das 
Auge nach der Durchschneidung des M, rectus internus be- 
deutend nach innen gerichtet und wurde noch mehr in die 
Höhe gezogen. Der Augapfel trat aber schon nach einigen 
Tagen weiter nach aussen und 14 Tage später war jede Spur 
des Schielens verschwunden. — Carl G., 20 Jahr alt, mit grau- 
blauen Augen, schielte seit frühester Kindheit mit beiden Augen 
nach innen und zwar mit dem rechten am stärksten. Anfangs 
dauerte das Schielen nach der Operation fort, verbesserte sich 
aber allmählig und verschwand erst nach S Wochen ganz. — 
Heinrich S., 20 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte seit sei- 
nem 6ten Jahre, besonders mit dem linken Auge, nach innen; 
auch das rechte zeigte eine geringe Abweichung. Wie bei den 
meisten Schielenden, war die Verdrehung der Augen zu ge- 
wissen Zeiten und unter gewissen Umständen stärker, als zu 
anderen. Die Durchschneidung der inneren graden Augenmus- 
keln an beiden Augen hatte nur einen vollständigen Erfolg ])ei 
dem weniger schielenden Auge; das andere stellte sich nach 
vollkommener Yernarbung wieder falsch. Unausgesetzte Uebung 
hob indessen binnen einigen Monaten diese neue Abweichung 
vollkommen. — Eben so erfolgreich wirkte die Zeit und sorg- 
same Uebung, das Auge aus der schielenden Richtung heraus 
zu bringen, in dem folgenden Fall : Adolph P., 15 Jahr alt, mit 
braunen Augen , schielte mit beiden, mit dem linken aber am 
stärksten, nach innen, ohne dass eine Ursache davon aufzu- 
finden war. Die Pupillen waren sehr eng; nur das rechte 
Auge wurde zum Sehen benutzt, das Hnke war halb blind. 
Durch die Muskeldurchschneidung wurden die Augen sogleich 
grade gestellt. Anfangs hielten sie sich auch grade, mit ein- 
tretender Vernarbung fingen sie aber wieder zu schielen an. 
Uebung und laue Wasserumschläge hoben den Rückfall so voll- 
ständig, dass die Heilung dieses Knaben zu den besten ge- 
hört. — Viel schneller dagegen wurde ein anfänglicher Rück- 
fall bei Emilie K., 13 Jahr alt, mit blauen Augen, gehoben. 

10 



14G 

Das Kind schielte nach innen und oben. Mit der Heilung der 
Operationswunde verschlimmerte sich die Stellung des Auges 
wieder; nach der Entfernung einer granulirenden Wulst im 
inneren Augenwinkel, von welcher ein Narbenstrang zur Con- 
junctiva hinübcrlief, stellte sich das Auge wieder grade und 
vollkommene Heilung war das Resultat dieser Operation. 



Von der Wiederholung der Operation wegen Recidiv 
des Schielens. 

Die Wiederholung der Operation nach einem Rückfall des 
Strabismus wird in der Hauptsache ganz auf die nämliche 
Weise vorgenommen wie das erste Mal, es mag nun das 
Auge nach dieser oder jener Seite hin schielen. Die Vorbe- 
reitungen sind dieselben und die Fixirung der Augenlider 
durch Augenlidhalter geschieht ganz auf die nämliche Weise 
wie bei der ersten Operation (siehe oben die Operation). 
Sie unterscheidet sich von dieser in drei Stücken aber we- 
sentlich, nämlich dadurch, dass sie: 1) schwieriger, 2) weni- 
ger schmerzhaft und 3) in der Regel von weit geringer Reac- 
tion begleitet ist, sie mag wenige Tage oder Wochen nach der 
ersten vorgenommen werden. 

Die grössere Schwierigkeit der zu wiederholenden Opera- 
tion liegt besonders in der imiigen Verklebung und Verschmel- 
zung aller Theile an dem Orte, wo schon operirt worden, und 
wodurch Conjuncliva, Zellgewebe, Sclerotica und der wieder 
verwachsene Muskel mit einander verbunden sind. An dieser 
Stelle finden sich auswendig röthere oder blassere Erhaben- 
heiten und in der Mitte Öfter eine kleine Furche als Marke 
des früheren Einschnitts. Die Conjunctiva kann mit einem Häk- 
chen nicht locker gefasst, fixirt und mit Hülfe eines zweiten 
in einer Falte aufgehoben werden. Ist die Vernarbung noch 
nicht ganz sohd und keine Granulation vorhanden, so reisst 
das erste Häkchen aus, wenigstens dann, wenn man es an- 
zieht, um den Augapfel etwas umzurollen. Lässt man dage- 



147 

gegen den ganzen früheren Operationsort unangetastet und 
wählt hinterwärts desselben eine natürhch beschaffene Stelle 
der Bindehaut, welche sich als Falte auflieben lässt, so ent- 
fernt man sich zu weit vom Muskel und muss in schräger 
Richtung durch ein blutreiches Zellgewebe sich einen Weg 
bahnen, so dass mit grosser Schwierigkeit der Muskelhaken 
durchzuführen ist. Die zweifach gemachte Operation hinter- 
lässt nach vollendeter Heilung mitunter die doppelten Spu- 
ren als zwei neben einander Hegende Streifen in der Binde- 
haut, von denen der vordere etwas flacher als der hintere ist. 

Am grössten sind die Schwierigkeiten bei der Wiederho- 
lung der Operation von Strabismus convergens, weshalb ich 
diese als Norm hier anführe. 

Hat sich also das nach innen schielende Auge nach der 
ersten Operation wieder in die alte falsche Richtung gestellt, 
und sind alle Hebungen vergebens gewesen, dasselbe nach 
aussen zu gewöhnen, so warte man wenigstens einige Wo- 
chen, bis die Auflockerung der Conjunctiva sich verloren und 
die Röthc im inneren Augenwinkel sich verringert hat. Nach- 
dem nun die Augenlider auseinander gezogen worden, wird 
das Conjunctivahäkchen flach vor dem Narbenstreifen, wo 
früher eingeschnitten worden, durchgeführt, oder wenn es 
die Theilc nicht gehörig festhalten soUte, ein feines Doppel- 
häkchen angelegt und das Auge etwas umgerollt; ein zweites 
einfaches Häkchen fasst dann die Conjunctiva weiter am inne- 
ren Augenwinkel. Da sich niemals die Falte so frei auflieben 
lässt, wie bei der ersten Operation, so lässt man die Spitzen 
meiner, auf der Fläche gebogenen Scheere unmittelbar hinter 
der Narbe gegen die anliegende Bindehaut wirken, löst sie 
von der Sclerotica, lässt den zweiten Gonjunctivahaken ent- 
fernen und mit ihm den Wunch-and anziehen, während man 
selbst den Haken, welcher den Bulbus dirigirt, in der Hand 
behält und leise anzieht. Die etwa 4 Linien lange Wunde lässt 
uns dann den mit den benachbarten Theilen verklebten, an 
der Operationsstelle durch plastisches Exsudat verdichteten 
Muskel sehen, unter dessen Bauch der Muskelhaken weiter 

10* 



148 

nach hinten durchgeführt wird, da er an seinem vorderen Theil 
fest mit dem Augapfel zusammenhängt. Das Auge wird dann 
weiter nach aussen gerollt, der Muskel mit der geschlossenen 
Scheere gelöst, und derselbe hinter der früheren Durchschnitts- 
stelle getrennt. Es ist bei der wiederholten Operation noch 
nöthiger, die Conjunctiva, das Zellgewebe und die Fascia des 
Bulbus in einem grösseren Umkreise zu durchschneiden, als bei 
der ersten Operalion, damit der Augapfel an dieser Seite frei 
werde. Verdickungen und Wucherungen der Conjunctiva als 
Folgen der ersten Operation werden mit einer feinen Haken- 
pincette gefasst und mit der Scheere abgetragen. Beharrt der 
Augapfel in der falschen Stellung, so wird noch der M. obli- 
quus superior durchschnitten; und wenn dies auch schon frü- 
her geschehen war, so wird es auf die nämliche Weise wie 
das erste Mal vorgenommen, wenn man nicht etwa, welches 
ich in neuerer Zeit nützlicher gefunden habe, eine Conjun- 
ctivafalte aus der entgegengesetzten Seite des Augapfels aus- 
schneidet. 

Eine nähere Angabe einer zweiten Operation des Schielens 
nach dem Fehlschlagen der ersten beim Strabismus nach aus- 
sen, oben U.S.W, ist wohl überflüssig; eben so die Nothwen- 
digkeit der Stillung der Blutung, wenn diese sich ereignen 
sollte u. s. w. 

Die Nachbehandlung ist ganz dieselbe, als wenn das Auge 
zum ersten Mal operirt worden wäre. In der Regel ist die 
Entzündung noch bei weitem geringer, wie das erste Mal, 
selbst dann, wenn der Heilungsprocess noch nicht ganz ver- 
laufen und noch einige Röthe und Aufwulstung an dem Ope- 
rationsorte vorhanden war. Heftige Augenentzündungen nach 
der zweiten Operation habe ich niemals bemerkt und die voll- 
kommene Heilung erfolgte hier immer viel früher. 

Es ist nicht unmöglich, dass das Auge selbst nach einer 
zweiten Operation wieder auf die nämhche Seite schielend 
werden kann. Die Ursachen sind dieselben, wie beim ersten 
Rückfall. Verdichtetes Zellgewebe in grösserem Umkreise, 
dichtere Beschaffenheit der Bindehaut nach zweimalieer Ver- 



1 



149 

wundung und fortdauernde Unthätigkeit des gegenüberliegen- 
den 3Iuskels sind Öfter Ursache dieses unangenehmen Ereig- 
nisses. Auch zum dritten Mal habe ich die Operation, welche 
zwei Mal gescheitert war, mit günstigem Erfolge wiederholt, 
und in einigen Fällen erst dann den Augapfel in grade Rich- 
tung gebracht, wenn ich aus dem gegenüberliegenden Augen- 
winkel ein beträchtliches Stück der Conjunctiva herausschnitt, 
oder die Bindehaut mehrmals stark ätzte, wie ich dies oben 
angegeben habe. Die diese Haut verkürzende Narbe war als- 
dann im Stande, den unter ihr liegenden Muskel zu unter- 
stützen und den Bulbus im Gleichgewicht zu erhalten. 

Ich kann aber nicht genug vor der zu frühzeitigen Wieder- 
holung der Operation warnen. Je früher sie nach der ersten 
unternommen wird, je schwieriger und desto weniger wirk- 
sam ist sie. Spät, nach Monaten oder nach noch längerer Zeit 
ausgeführt, wird sie der erstmaligen ahnhcher und dadurch 
leichter und sicherer. 

Emilie S., mit schwarzem Haar und braunen Augen, schielte 
seit frühester Kindheit ohne bekannte Veranlassung mit bei- 
den Augen, und zwar mit dem rechten sehr stark, nach innen. 
Ich operirte zuerst nur dies Auge, da das Schielen des ande- 
ren nur unbedeutend war. Unmittelbar nach der Operation 
trat das Auge in die normale Sehaxe. Die sich am folgenden 
Tage einstellende entzündhche Reaction wurde durch kalte 
Umschläge, Blutegel und Bitterwasser beseitigt. Bis zum 5ten 
Tage stand das Auge vollkommen grade, aber noch vor der 
erfolgten Vernarbung schielte es wieder wie früher. Vier Wo- 
chen nach der ersten Operation wiederholte ich dieselbe. Der 
Schnitt durchlief dichteres Gewebe, der Muskel war vollkom- 
men wieder verwachsen und kaum noch eine Spur der frü- 
heren Durchschneidung wahrzunehmen. Unmittelbar darauf 
operirte ich auch das linke, weniger schielende, früher nicht 
operirte Auge, so dass beide Augen in ihrer Stellung einan- 
der vollkommen entsprachen. Die Reaction, welche sich nach 
der Operation einstellte, war in dem früher operirten Auge 
weit schwächer, als in dem noch nicht operirten. Kleine Wu- 



130 

cherungen, welche sich später bildeten, wurden durch Extra- 
ctum saturni beseitigt. Ein halbes Jahr später stand das rechte 
Auge ein wenig mehr nach aussen, als das linke. — Carl E., 
mit dunkelblondem Haar und braunen Augen, schielte seit 
frühester Kindheit mit beiden Augen stark nach innen. Da3 
rechte, etwas mehr verdrehte Auge sah nur die Contouren 
grösserer Gegenstände, und zwar undeuthch, oft doppelt. Bei 
der Operation zeigten sich beide M. recti interni sehr weit 
nach hinten inserirt, dabei dünn, aber straff angespannt. An- 
fangs hatten beide Augen eine normale Stellung, aber schon 
vor dem 7ten Tage begann das rechte Auge wieder zu schie- 
len. Nach Verlauf von einigen Wochen wiederholte ich daher 
die Operation an diesem Auge. Die Conjunctiva war schon 
wieder ziemlich locker. Der Muskel zeigte sich durch eine 
dicke Zwischensubstanz wieder verwachsen und von Neuem 
weiter nach hinten mit dem Bulbus verklebt. Eine neue Lö- 
sung und Durchschneidung, verbunden mit einer weiter aus- 
gedehnten Tremiung der Bindehaut, stellten das Auge grade. 
Dies Mal hatte die Operation einen dauernden Erfolg. Das 
Schielen war verschwunden und das Sehvermögen bildete sich 
später vollständig aus. — Louis R., Kaufmann aus Hamburg, 
25 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte seit früher Kindheit 
mit dem linken Auge stark nach innen; auch das rechte hatte 
eine leichte Abweichung von der normalen Sehaxe. Nach der 
Durchschneidung des rechten graden Augenmuskels veränderte 
das Auge seine falsche Stellung sehr wenig, ungeachtet ich 
die Bindehaut und das Zellgewebe in einem weiten Umfange 
trennte. Auch die sorgfältige Nachbehandlung verbesserte die 
Stellung sehr wenig. Vierzehn Tage später wurde daher die 
Operation wiederholt und gleichzeitig ein beträchtUch grosses 
Stück aus der Bindehaut im äusseren Augenwinkel ausgeschnit- 
ten. Die Nachbehandlung war eben so sorgfältig als das erste 
Mal, und die Heilung erfolgte, wenn auch nicht sogleich ganz 
nach Wunsch, doch mit bedeutender Verbesserung des Schie- 
Icns. — Frau H., 54 Jahr alt, mit grauem Haar und grauen 
Augen, schielte seit dem 6ten Monate ihres Lebens mit dem 



151 

rechten Auge stark nach innen. Beide Pupillen waren gleich 
weit und nie Doppelsehen vorhanden gewesen. Nach der 
Durchschneidung des Muskels war das Sehen sogleich weit 
klarer. Die Heilung erfolgte ohne Zufälle, jedoch hatte mit der 
völligen Vernarbung das Auge wieder die falsche Stellung an- 
genommen. Vierzehn Tage nach der ersten Operation wieder- 
holte ich dieselbe. Die vernarbte Stelle der Bindehaut zeigte 
eine röthhch speckige Masse, welche alle durchschnittenen 
Theilc wieder mit einander verband. Hinter dieser wurde der 
Muskel von Neuem vom Bulbus gelöst und durchschnitten. 
Der Erfolg der Operation war diesmal vollkommen günstig. 
Das Auge stellte sich sogleich völlig grade und blieb auch in 
dieser Stellung. — Carl G., 20 Jahr alt, mit graugrünen Augen, 
schielte seit frühester Kindheit mit beiden nach innen und zwar 
am stärksten mit dem rechten. Die Operation an beiden Augen 
in der nämhchen Zeit unternommen, erfüllte ihren Zweck auf 
dem linken vollkommen, das rechte dagegen schien dadurch 
nur etwas verbessert. An diesem wurde daher nochmals der 
M. rectus internus durchschnitten und dadurch die Entstellung 
gehoben. — Herr U., aus München, welcher seit frühester 
Kindheit mit beiden Augen nach innen geschielt halte, war 
von einem sehr geschickten Arzte daselbst schon operirt wor- 
den. Nur das linke Auge hatte die normale Stellung angenom- 
men, das rechte war dagegen wieder nach iimen abgewichen. 
Der sehr besorgte Patient kam deshalb mit einem Schreiben 
des Arztes zu mir, welches die näheren Angaben in Betrefl' 
der Statt gehabten Operation, welche nach meiner Methode 
vollzogen war, enthielt. Unmittelbar nach der Operation hat- 
ten sich beide Augen normal gestellt. In den nächsten Tagen 
zeigten sich heftige Lichtscheu, Diplopie und eine ausgebrei- 
tete Sugillation der Bindehaut. Einige Tage später hatte das 
rechte Auge eine leichte Neigung nach aussen, das linke nach 
innen. Die Entzündung verminderte sich bei der fortgesetzten 
kühlenden Behandlung schnell, und die Heilung erfolgte doch 
so, dass das linke Auge vollkommen in der Mitte der Sehaxe 
stand und das rechte wieder in den inneren Augenwinkel ge- 



152 / 

treten war. Ich wiederholte einige Tage nach der Ankunft des 
Patienten in Berhn die Operation an dem rechten Auge. Die 
Conjunctiva zeigte im inneren Winkel noch einige Röthe. Der 
Augapfel konnte weit nach aussen gedreht werden, hüpfte 
aber sogleich wieder zurück, wenn der Patient nicht forcirt 
nach aussen sah. Die Bindehaut hing noch fest mit dem Bul- 
bus und dem durchschnittenen Muskel zusammen; an dieser 
Stelle fand sich eine feste röthliche Wulst, hinter welcher ich 
den Muskel nochmals durchschnitt. Sogleich trat das Auge 
weit nach aussen. Der Operation folgte fast gar keine Reac- 
tion mid nach vollendeter Heilung behielt das Auge seine nor- 
male Stellung. — Fräulein V., 28 Jahr alt, mit braimen Augen, 
schielte seit dem dritten Jahre mit beiden Augen stark nach 
innen ; Öfteres Doppelsehen war der Patientin sehr lästig. Das 
linke Auge war mit der Hornliaut so tief im inneren Augen- 
winkel versteckt, dass es zum Sehen nicht benutzt wurde; 
beim Wenden auf die andere Seite trat dann sogleich das 
Doppelsehen ein. Dies Auge wurde zuerst operirt, ohne dass 
sich eine bedeutende Verbesserung einstellte. Zehn Tage spä- 
ter durchschnitt ich den Muskel nochmals und auch nach die- 
ser Operation trat erst eine allmälilige Verbesserung des Zuslan- 
des ein. — Entscheidend war der Erfolg der drei Mal wieder- 
holten Durchschneidung des inneren graden Augenmuskels bei 
dem 16jährigen Wilhelm L., welcher seit dem 3ten Jahre mit 
dem rechten Auge stark nach innen schielte. Das Auge sah 
nur grössere Gegenstände und zwar sehr imdeutlich. Als nach 
der ersten Operation das Schielen in dem nämlichen Grade 
fortdauerte, durchschnitt ich den Muskel nach 3 Wochen wie- 
derum, und 4 Wochen später noch einmal. 



Vom Schielen nach aussen (Strabismus divergens s. ex- 

ternus). 

Das Schielen nach aussen ist diejenige falsche Stellung eines 
oder beider Augen, wo eine Abweichung von der Sehaxe nach 



153 

aussen Statt findet. Zwischen dem inneren Augenwinkel und 
dem Rande der Hornhaut präsentirt sich die Sclerotica als ein 
grosses weisses Feld, während die Ilornliaut nach aussen ge- 
kehrt ist. Das Uebel hat drei verschiedene Grade: 

Im ersten ist das Auge nur etwas von der normalen Seh- 
axe nach aussen abgewichen. 

Im zweiten berührt der äussere Hornhautrand den Angu- 
lus externus. 

Im dritten verbirgt sich der äussere Rand der Hornhaut 
unter der äusseren Commissur der Augenlider. 

Der Strabismus externus ist weit seltener, als der Strabis- 
mus internus. Man kann annehmen, dass auf fünfzehn nach 
innen Schielenden nur ein Strabismus divergens vorkommt. 
Das Schielen kann sowohl auf einem, als auf beiden Augen 
Statt finden. Als Folge der Operation von Strabismus internus 
wird es ebenfalls bisweilen beobachtet. 

Der Grad der wiUkührlichen Drehung der Augen nach innen 
ist verschieden. Während beim geringeren Grade der Aug- 
apfel vollständig nach innen gerollt werden kann, ist dies bei 
dem höheren nur unvollkommen der Fall, in seltenen Fällen 
ganz unmöglich; das Auge steht fest, ein Zustand den man 
Luscitas genannt und als eine eigenthümliche Krankheitsform 
bezeichnet hat. Die unwillkührliche Wendung des Auges in 
die normale Sehaxe, welche durch Schliessung des gesunden 
oder des einen kranken Auges herbeigeführt wird, erfolgt 
hier eben so, wie beim Strabismus convergens. Doch finden 
sich hier einige Unterschiede. Schielt nur das eine Auge nach 
aussen, so nimmt dies bei der Schliessung des gesunden eine 
bessere Stellung an, als wenn beide schielten und eins ge 
schlössen wurde. Ist das Schielen nicht sehr bedeutend, so 
wird durch das angegebene Manöver die Stellung des Auges 
vollkommen normal; ist es sehr bedeutend, so wird sie nur 
verbessert, und bei vollkommener Unbeweglichkeit bleibt es 
bei der Schhessung des anderen im äusseren Augenwinkel 
stehen. 

Die Pupille zeigt eine grosse Verschiedenheit; ihre Weite 



154 

ist bald grösser, bald geringer, unabhängig von dem höheren - 
oder niederen Grade des Schielens; die Bewegungen der Iris 
scheinen träger von Statten zu gehen, besonders wenn das 
Auge stark nach aussen gewendet ist. Das Sehvermögen ist 
eben so wie beim Strabismus internus geschwächt, gewöhn- 
lich aber auf beiden schielenden Augen gleich schwach, wo- 
gegen beim Schielen nach innen ein Auge das entschieden 
stumpfere ist. Der Kranke benutzt nur das bessere zum Se- 
hen, beim Strabismus externus im geringeren Grade gebraucht 
er dagegen beide Augen zugleich, im höheren bald das eine, 
bald das andere, indem er durch eine kleine seitHche Dre- 
hung des Kopfes die Gegenstände in den richtigen Focus bringt. 
Gesichtstäuschungen sind hier selten, Doppelsehen ist unge- 
wöhnlich, wolil aber kommt öfter getheiltes Sehen vor, wenn 
der Kranke in grader Stellung des Kopfes seinen Blick auf 
einen ihm vorliegenden Gegenstand wendet, er sieht dann nur 
die äussere Seite desselben. 

Als angebornes Ucbel habe ich den Strabismus externus 
nicht gesehen, auch in den Jahren der Kindheit unter keiner 
anderen als der spastischen Form. CarlH., 8 Jahr alt, schielte 
seit den Masern mit beiden Augen nach aussen, aber öfter 
auch nach innen, wobei die Augen convulsivisch umher rollten. 
Die Durchschneidung der äusseren Augenmuskeln heilte ihn 
vollständig. — Agathe K., 12 Jahr alt, htt seit der Geburt am 
spasmodischen Schielen mit vorwaltender Neigung der Augen 
nach aussen; oft schielte ein Auge nach aussen, das andere 
nach innen. Sie wurde vollständig dadurch geheilt, dass ich 
zuerst beide M. recti externi und später beide M. recti interni 
durchschnitt. 

Alle am paralytischen Schielen Leidende, welche ich gese- 
hen habe, waren Erwachsene oder doch fast erwachsen, wie- 
wohl es gewiss auch schon früher vorkommt. Cataracta cen- 
tralis oder Flecken und Narben der Hornhaut erzeugen diese 
Art zu schielen weit seltener, als der Strabismus internus, da- 
gegen ist das Uebel gewölmlich Folge einer Schwächung oder 
Lähmung des M. rectus internus. 



155 

Vergleicht man den äusseren und inneren graden Augen- 
muskel mit einander, so wird man sich sehr leicht überzeu- 
gen, dass der schwache äussere keine Anlage zur Ueberwäl- 
tigung des starken inneren habe ; dass aber ein geringes Ueber- 
gcwicht des Contractionsvermögens des letzteren sehr oft ein 
Schielen nach innen zur Folge haben müsse. Ungewöhnlich 
starke Entwickelung imd Verdickung des M. rectus cxternus 
ist mir niemals vorgekommen, wie sie beim internus doch so 
häufig ist. 

Als gewöhnlichste Ursache des Schielens nach aussen ist 
daher die Aufliebung des Gleichgewichts zwischen den beiden 
Opponenten durch einen paralytischen Zustand des M. rectus 
internus anzusehen, dessen vollständige Lähmung das völlige 
Feststehen des Augapfels im äusseren Augenwinkel zur Folge 
hat. Dasselbe geschieht in verschiedenen Abstufungen und 
Graden, daher auch bisweilen nach der Durchschneidung des 
inneren graden Muskels beim Strabismus internus. Ein Zufall, 
welcher in jeder Beziehung sich dem durch Lähmung des Mus- 
kels herbeigeführten Schielen nach aussen gleich verhält, und 
bald von einer nicht erfolgten Wiederanhcftung des durch- 
schnittenen Muskels, bald von einer falschen Anheftung, und 
bald von einer zu sehr ausgedehnten und verlängerten Narbe 
des Muskels herrührt. 

Die Annahme, dass beim Schielen nach aussen der äussere 
Augenmuskel der gesunde, der innere der gelähmte oder ge- 
schwächte sei, erhält besonders dadurch die Bestättigung, 
dass selbst nach der Durchschneidimg des ersteren der Aug- 
apfel selten sogleich und vollkommen in den inneren Augen- 
winkel rollt. Beim Strabismus internus sehen wir dagegen das 
Auge nach der Operation sich gewöhnlich sogleich normal stel- 
len, leicht eine zu starke Drehung nach aussen erfolgen. Da- 
gegen ist es mir nur ein einziges Mal vorgekommen, dass 
nach der Durchschneidung der beiden äusseren graden Augen- 
muskeln ein Schielen nach innen entstand; niemals aber sah 
ich, dass wenn ich an einem nach aussen schielenden Auge 
den äusseren Muskel durchschnitten hatte, das Schielen auf 



156 

das andere gesunde übersprang, oder dass wenn es auch 
schielte, durch die an jenem verrichtete Operation sich noch 
mehr nach aussen gewendet hätte; im Gegentheil zeigte das 
andere Auge bisweilen unmittelbar darauf eine etwas günsti- 
gere Stellung. 

Ein geringer Grad des Schielens nach aussen ist biswei- 
len durch wiederholtes kräftiges Berühren der Conjunctiva des 
inneren Augenwinkels, oder durch Unterbindung einer Parthie 
der Bindehaut im inneren Augenwinkel, oder durch Ausschnei- 
den einer beträchtlich grossen Falte aus dieser Membran, wo- 
von an einem anderen Orte ausführlicher die Rede ist, zu he- 
ben. Die dadurch bewirkte Verdichtung und Verkürzung der 
Bindehaut, und die besonders durch das Aetzen herbeigeführte 
Reizung des geschwächten Muskels, können das nur wenig 
nach aussen abgewichene Auge wieder in den inneren Augen- 
winkel zurückführen. 

Die Bindehaut, welche beim starken Schielen nach innen 
häufig dick und pergamentartig gefunden wird, zeigt hier keine 
solche Beschaffenheit; dagegen fand ich sie beim höchsten 
Grade von Strabismus externus im inneren Augenwinkel durch 
Ausdehnung ungemein verdünnt und das unter ihr liegende 
Zellgewebe weich und blutleer. Bisweilen bildete die Conjun- 
ctiva streifige Falten, welche einige Aehnlichkeit mit dem Pte- 
rygium hatten. 

Diese hier angegebene Operationsmethode erreicht ihren 
Zweck bei massigen Graden des Schielens nach aussen, und 
überall dort, wo der M, rectus internus nicht zu sehr erschlafft 
ist, um das Auge nach der Durchschneidung desselben in den 
inneren Augenwinkel ziehen zu können. Bei den höchsten Gra- 
den von Strabismus divergens, wobei das Auge wenig oder 
gar nicht nach innen bewegt werden kann, das Uebel mag 
nun ohne bekannte Ursache oder nach der Operation des Schie- 
lens nach innen entstanden sein, ist zu der angegebenen Ope- 
rationsmethode noch ein anderes Verfahren hinzuzufügen, von 
dem das Nähere weiter unten bei der Behandlung des Stra- 



157 

bismiis (livergens, welcher nach der Durchschneidung des 
M. rcclus internus eingetreten ist. 

Der einzige mir vorgekommene Fall, in welchem nach der 
Operation von Strabismus divergens ein Schielen nach innen 
entstand, ist der folgende: Bertha P. schielte seit frühester 
Kindiieit mit beiden Augen nach aussen, am stärksten jedoch 
mit dem linken, dessen Hornhautrand von der äusseren Augen- 
lidcommissur bedeckt war. Die grossen blauen Augen zeigten 
leichte Wolken und eine sehr erweiterte, wenig bewegliche 
Pupille. Das Sehvermögen, besonders das des linken Auges, 
war schwach. An beiden Augen wurden die M. recti externi 
durchschnitten, worauf dieselben sich sogleich völlig grade 
stellten. Das Gesicht verbesserte sich dadurch bedeutend und 
die Heilung der Wunde erfolgte sehr schnell. Schon während 
der Vernarbung nahmen die Augen eine Richtun" nach innen 
an, welche einen Strabismus internus darstellte, der später 
durch die Operation der M. recti inlerni gehoben wurde. 

Alle übrigen von mir operirten, nach aussen schielenden 
Augen erreichten höchstens die normale Stellung in der Mitte, 
oder blieben noch etwas nach aussen gerichtet. 

Vollkommen gelang die Operation bei Friedrich N., welcher 
besonders stark mit dem linken Auge nach aussen schielte. 
Die Augen waren blau mid das Sehen gut. Die Durchschnei- 
dung des M. reclus externus beseitigte das Schielen vollkom- 
men; auch stellte sich kein Recidiv ein. — Waldemar S., 
15 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte mit dem linken Auge 
nach aussen. Das Sehvermögen war auf diesem Auge sehr 
geschwächt und der Kranke konnte nur grössere Gegenstände 
in ihren Umrissen erkennen. Die Durchschneidung des äusse- 
ren Muskels hob das Schielen vollkommen und verbesserte 
das Sehvermögen sogleich. — Beate S., 28 Jahr alt, schielte 
besonders mit dem linken Auge stark nach aussen. Die Ope- 
ration hatte den vortheilhaftesten Einfluss auf Stellung und 
Sehvermögen des Auges. — Barbara F., 36 Jahr alt, schielte 
in Folge der Masern mit dem linken Auge stark nach aussen. 



158 

Die Diirchschneidung des M. rectiis externus , welche zwei Mal 
vorgenommen wurde, weil die erste das Uebel nur verbes- 
serte, stellte die normale Richtung des Auges vollkommen 
her. — Henriette E. , 25 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte 
seit dem 4ten Jahre in Folge einer Augenentzündung mit dem 
linken Auge nach aussen. Das Sehvermögen war auf diesem 
Auge sehr schwach; dabei fand Doppelsehen Statt. Die Ope- 
ration hob das Schielen vollkommen; auch das Sehvermögen 
besserte sich darnach. Das Auge konnte eben so stark in den 
inneren als äusseren Augenwinkel bewegt werden. — Herr G. , 
20 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte seit dem 3ten Jahre 
in Folge einer Augenentzündung, von der man noch die Spu- 
ren in Hornhautflecken sah, mit dem rechten Auge nach aussen. 
Nach der Operation trat eine Verbesserung in der Stellung des 
Auges ein, welche besonders durch die Bemühung, das Auge 
stets nach innen zurichten, noch mehr zunahm. — Johann B., 
24 Jahr alt, mit blauen Augen, schielte in Folge einer Augen- 
entzündung mit beiden Augen, am stärksten jedoch mit dem 
linken, nach aussen. Der äussere Muskel zeigte bei der Ope- 
ration eine ungewöhnliche Breite und nach seiner Durchschnei- 
dung trat der Bulbus sogleich in die normale Sehaxe. Die 
Reaction nach der Operation war nicht sehr bedeutend und 
es bedurfte nur einer massigen antiphlogistischen Nachbehand- 
lung. Der Erfolg war, wie man ihn nur wünschen konnte: 
normale Stellung und völlig freie Beweglichkeit des Bulbus 
und verbessertes Sehvermögen. — Antonie G., 25 Jahr alt, 
mit blauen Augen, schielte stark nach aussen. Die Patientin 
gestattete die Operation des linken, am meisten nach aussen 
abgewichenen Auges. Der Erfolg war vollkommen günstig und 
auch das geschwächte Sehvermögen wurde dadurch sehr ver- 
bessert. 

Eine heftige Augenentzündung , welche nach der Operation 
des Strabismus externus seltener, als nach der des internus 
ist, stellte sich bei dem August W., 25 Jahr alt, mit blauen 
Augen, ein, dem ich das rechte Auge operirte. Aderlässe, 
Blutegel, kalte Umschläge, kühlende Laxanzen waren zur Be- 



159 

kämpfung der Augenentzündimg nöthig. Später bildeten sich 
starke Wuclierungen im äusseren Winkel, welche durch La- 
pis infernalis allmählig zerstört wurden. Die Stellung des 
Auges und das Sehvermögen waren nach der Operation ganz 
erwünscht. 

Völlig erfolglos war die Operation bei Marie F. . mit blauen 
Augen, von denen das hnkc seit frühester Zeit nach aussen 
schielte. Nach der Durchschneidung des äusseren Muskels bes- 
serte sich die Stellung zwar etwas, doch nach der Heihmg 
stand das Auge wieder nach aussen. Die Wiederholung der 
Operation verweigerte die Person. — Fast eben so ungünstig 
war die folgende Operation, welche noch ausserdem von einer 
gefährlichen Augenentzündung begleitet war: Herr N., mit 
graublauen Augen, schielte in Folge einer Ophthalmia neona- 
torum stark nach aussen, stärker mit dem rechten, als mit 
dem linken Auge. Nach der Operation jenes Auges trat eme 
sehr heftige Entzündung ein, welche nur durch Aderlässe, 
Blutegel, kalte Umschläge u. s. w. gehoben werden konnte. 
Nach völliger Heilung erschien die Stellung des Auges wenig 
gebessert, doch konnte der junge Mann dasselbe etwas wei- 
ter in den inneren Augenwinkel drehen . durch welche Uebimg 
er allmählig einige Vortheile erreichte. 

Ich operirte die 24jährige Amalie L., mit blauen Augen, 
welche stark nach aussen schielte. Beide M. recti externi wur- 
den durchschnitten. Schon nach 5 Tagen war die Heilung bei 
einer kühlenden Behandlung, welche Herr Dr. Fischer zu über- 
nehmen die Güte hatte, vollendet: derselbe meldete mir auch, 
dass die Stellung der Augen jetzt vollkommen normal und das 
Sehvermögen gebessert sei. — Fräulein C, 30 Jahr alt, mit 
blauen Augen, welche mit beiden stark nach aussen schielte, 
erfuhr dagegen durch die Operation keine Heilung ; erst nach- 
dem ich ihr 4 Wochen später eine Conjimctivafalte aus dem 
inneren Augenwinkel excidirte, verbesserte sich die Stellung 
der Augen beträchthch. 

Es würde ermüdend sein, wenn ich hier noch mehr Kran- 
ken- und Operationsgeschichlen vom Strabismus extemus, 



160 

welche bald von einem grösseren, bald geringeren, bald von 
gar keinem Erfolge begleitet w^aren, anführen wollte; alle hat- 
ten so viele Aehnlichkeit mit einander, dass ich nur noch be- 
merken will, dass die Reaction immer höchst unbedeutend 
war und fast sämmtliche Augen blaue waren. Mehrere der 
früher erfolglos Operirten habe ich in neuerer Zeit durch Be- 
tupfen des inneren Augenwinkels mit Lapis infernalis vollkom- 
men geheilt. Zwei Fälle verdienen hier noch wegen hohen 
Grades von Schielen nach aussen mit fast unverrückbarer Stel- 
lung der Augen im äusseren Augenwinkel eine etwas detail- 
lirtere Beschreibung. Es war dies die Form von Schielen, 
welche man früher als Luscitas bezeichnete und ein höchst 
abschreckendes Aussehen giebt. Die blosse Durchschneidung 
des äusseren gradcn Augenmuskels würde, wie auch bei der 
Operation zu bemerken war, die Stellung des Auges nicht 
verbessert haben, weshalb ich hier mein bei einem hohen 
Grade von Schielen nach aussen, nach der Operation von Stra- 
bismus internus, übliches Verfahren anwendete. 

Den ersten Fall beobachtete ich bei dem russischen CoUe- 
gien-Rath v. I. Derselbe schielte seit frühester Kindheit mit 
dem linken Auge sehr stark nach aussen, so dass ein Drit- 
theil der Hornhaut stets von der äusseren Augenlidcommis- 
sur bedeckt war. Beim Schhessen des rechten Auges verän- 
derte das linke seine Stelle nicht, mid nur bei sehr grosser 
Anstrengung gelang es dem Patienten, das Auge vielleicht 
eine Linie weit aus seinem Versteck hervor zu drehen. Zum 
Sehen wurde das Auge gar nicht benutzt, und wenn der Pa- 
tient das rechte schloss, so erschienen die Gegenstände völlig 
unklar. Die Farbe der Augen war graublau. Es fand hier un- 
verkennbar eine Lähmung des M. rectus internus Statt. Nach- 
dem ich die Augenlider durch Haken hatte auseinander zie- 
hen lassen, die Conjunctiva durchschnitten und den blossge- 
legten M. rectus externus mit dem stumpfen Haken jetzt anzog, 
zeigte sich dieser starr und unnachgiebig. Er wurde dann weit 
nach hinten von der Sclerotica gelöst und 4 Linien von sei- 
ner vorderen hisertion entfernt, durchschnitten. Dennoch ver- 



IGl 

änderte sich die Stellung des Auges nicht. Ich excidirte hier- 
auf ein vier Linien grosses Gonjunctivastück aus dem inneren 
Augenwinkel, knüpfte um den am Augapfel noch zurückgelas- 
senen Stumpf des M, rectus externus einen feinen seidenen 
Faden, rollte damit den Augapfel stark nach innen, und befe- 
stigte das andere Ende des Fadens mit einem durclilöcherten 
Pflasterstück auf der rechten Seite der Nase. Bei einer stren- 
gen Behandlung trat sehr geringe Entzündung im Auge ein; 
külilendc Abführungen und Umschläge von Eiswasser unter- 
drückten jede stärkere Beaction. Acht Tage lang lag der Fa- 
den und immer noch bheb er gespannt. Das Auge stand, als 
ich denselben dann entfernte, etwas mehr nach innen als nach 
aussen gerichtet. Bald war die Wunde im äusseren Augen- 
winkel geschlossen. Eine scrophulöse Augenhdentzündung, an 
welcher der Patient oft gelitten hatte und welche sich wieder 
einstellte, machte eine mehrwöchentliche Behandlung nöthig. 
Die Heilung dieses Kranken gehört zu den erfreulichsten, da 
der Fall einer der schwierigsten war. Beide Augen stehen 
vollkommen gleich; das operirte kann nach allen Bichtungen 
hin bewegt werden, da auch der gelähmte innere Muskel 
die normale Kraft bekommen hat. Auch das fast erloschene 
Sehvermögen erwachte in dem Auge und der Patient machte 
mit jedem Tage Fortschritte im Sehen. 

Sehr ähnlich der vorigen Beobachtung ist die folgende: 
Fräulein v. IL, 21 Jahr alt, gross, schlank und mager, mit 
blauen Augen und blondem Haar, schielte seit frühester Kind- 
heit mit dem linken Auge so stark nach aussen, dass ein be- 
trächtlicher Theil des äusseren Ilornhautrandes im Angulus 
externus verborgen blieb. Das Auge kormte weder durch Will- 
kühr, noch durch Schliessen des anderen unwillkührlicli in 
eine bessere Stellung gebracht werden, es behielt immer fest 
die alte. Der Anblick des jungen Mädchens war zum Erschrek- 
ken. Schon früher hatte ein geschickter Arzt die Durchschnei- 
dung des M. rectus externus vorgenommen, doch war die 
kleine Verbesserung, welche unmittelbar auf die Operation 
folgte, durch die Vernarbung wieder aufgehoben. Das Auge 

11 



162 

stand ganz unbeweglich im äusseren Augenwinkel. Ich ver- 
fuhr hier ganz eben so, wie in dem vorigen Fall; grosser halb- 
mondförmiger Conjunctivaschnilt, Trennung des Zellgewebes in 
weiter Ausdehnung an der äusseren Seite des Bulbus, Los- 
trennung des M. rectus externus von der Sclerotica, Durch- 
schneidung dieses Muskels eine Linie von seiner Insertion 
entfernt und Umschlingung des kurzen Stumpfes mit einem 
Faden, Excision einer grossen Bindehautfalte aus dem inneren 
Augenwinkel, Rollen des Augapfels durch den Faden nach 
innen, und Befestigung desselben auf dem Rücken der Nase; 
das war das Procedere bei dieser Operation, welche eben- 
falls ein sehr günstiges Resultat gab, indem die Stellung des 
Auges ganz normal wurde und sich von der des anderen 
nur bei genauer Aufmerksamkeit sehr gering unterschied. Der 
Faden löste sich am fünften Tage, bis dahin waren kalte um- 
schlüge angewendet worden. Wenige Tage darauf konnte die 
Patientin zum ersten Mal wieder ausgehen und das Theater 
besuchen, welches sie früher bei ihrem auffallenden Aussehen 
niemals gewagt hatte. 



Strabismus divergens und Ptosis des oberen Augen- 

Udes. ^ 

Die Complication von Schielen mit Schwäche und wirkli- 
cher Lähmung des oberen Augenlides begleitet, ist beim Stra- 
bismus divergens eine höchst seltene Erscheinung, welche ich 
nur einige Mal beobachtet habe. Dagegen kommt dieselbe häu- 
figer, wie oben bemerkt worden, beim Strabismus internus, 
und am häufigsten beim Schielen nach oben vor. Die Ptosis 
ist gewöhnlich eine Folge des Schielens, und entsteht erst 
später ganz allmählig; sie ist ein Zeichen des verringerten 
Sehvermögens auf dem Auge, denn da dieses wenig sah, 
zog sich der obere Augendeckel nur schwach in die Höhe. 
Schliessung des gesunden Auges hatte die Wirkung, dass das 
kranke Auge in dem zweiten hier anzugebenden Falle bedeu- 



1G3 

tend weiter geöffnet werden konnte, obgleich der Bulbus seine 
Stellung nicht verbesserte. 

Die Operation ist in diesen Fällen eine doppelte, nämhch 
die Durchschneidung des M. rectus externus zur Hebung des 
Schielcns, imd die der Ptosis, entweder durch Ausschneiden 
eines Stücks aus dem Augenhde, um dasselbe zu verkürzen, 
oder die von mir angegebene Methode von Durchsclmeidung 
des M. orbicularis palpebrarum, dessen widernatürliche Con- 
traction den M. levator palpebrae superioris überwunden hat. 
Die Durchschneidung des Kreismuskels der Augenlider stellt 
das natürliche Gleichgewicht zwischen beiden Muskeln wieder 
her. Wo die Lähmung des M. levator palpebrae superioris voll- 
kommen ist, wird man daher ein Stück aus dem oberen Augen- 
lide herausnehmen, um das Augenlid zu verkürzen; wo aber 
nur eine ungleiche "Wirkung zwischen beiden Muskeln Statt 
findet, wird man den M. orbiculis unter der Haut durchschnei- 
den. Jene Operationsmethode vollführt man am leichtesten, 
wenn man ein gewölbtes, mit einem Stiel versehenes Brett- 
chen unter das obere Augenlid schiebt, seinen vorderen Band 
gegen den Oberaugenhohlcnrand andrängen lässt, und hierauf 
ein liegendes Ovalstück mittelst einer kleinen, seithch geboge- 
nen Scheere, deren äusseres Blatt zuerst das Augenlid durch- 
sticht, aus der ganzen Dicke des Lides ausschneidet. Hierauf 
wird die Wunde mit umschlungenen Insektennadeln vereinigt. 
Neuerdings habe ich diese Verkürzung des Augenhdes in eini- 
gen Fällen ohne Strabismus auch subcutan gemacht. Ich kehrte 
das ganze obere AugenHd mittelst eines grösseren scharfen 
Doppclhakens nach aussen um, fasstc mit einem kleineren 
scharfen Doppelhaken die ganze Dicke des Augenlides ober- 
halb des Tarsalknorpels , ohne indess die äussere Haut mit 
anzuhäkeln, und schnitt dann eine 3 bis 4 Linien breite Quer- 
falte aus dem Augenlide. Zwei feine, von der inneren Seite 
der Wunde nach aussen durchgeführte Fäden wurden auf der 
äusseren Haut auf einem kleinen Leinwandcylinder zusammen- 
geknüpft. Der Erfolg war so günstig, dass diese Operations- 
methode vor der bisher bekannten Vorzüge zu haben scheint. 

11* 



164 

Die Durchschneiduiig des M. orbicularis palpebranira ge 
schielit an drei Stellen. Es wird ein concaves Bretlchen un- 
ter das obere Augenlid geschoben, um den Bulbus zu schützen, 
und dann mit einem feinen Messerchen das obere Augenlid 
an cbei Stellen, in der Richtung von unten nach oben, durch- 
schnitten. Der mittlere Schnitt erstreckt sich von dem inne- 
ren Rande des M. orbicularis anfangend, bis über den Arcus 
supraorbitalis; die beiden anderen steigen vom äusseren und 
inneren Augenwinkel beginnend, schräg nach oben und aussen 
divergirend, hinauf. Durch fest angelegte lange Pflasterstrcifen 
wird einer Blutansammlung unter der Haut vorgebeugt. 

Es wiire gewiss fehlerhaft, wenn man bei der Gomplica- 
tion von Strabismus und Ptosis zuerst die Ptosis durch Ope- 
ration helfen und dann das Schielen operiren wollte. Da ich 
häufig nach der Operation des Strabismus geringere Grade der 
Ptosis habe von selbst verschwinden sehen, wenn das Auge 
in Thätigkeit trat, so muss man auch bei höheren Graden die- 
ses Uebels eine Verbesserung erst aljwarten, ehe man sich 
zu dieser zweiten Operation entschhesst. 

■ Dies geschah z. B. in dem hier milzutheilenden Fall: Carl 
P., 19 Jahr alt, schielte seit seinem Tten Jahre mit dem rech- 
ten Auge so stark nach aussen, dass dasselbe fast gar nicht 
zum Sehen benutzt wurde. Die Pupille war stark erweitert 
und zur Hälfte von dem herabhängenden Augenhde bedeckt. 
Nach der Durchschneidung des M. rectus externus verbesserte 
sich die Stellung des Bulbus nur sehr wenig, weshalb ich um 
die Sehne einen Faden legte, welchen ich nach vorangegan- 
gener Excision eines Bindehautstücks aus dem inneren Augen- 
winkel mit Pflasterstückchen auf der Nasenspitze befestigte. 
Die Heilung war binnen 8 Tagen vollendet und das Auge voll- 
kommen in die normale Sehaxe gebracht. Von dieser Zeit an 
gewann das obere AugenUd durch Verbesserung des Sehver- 
mögens immer mehr Kraft, und schon nach einigen Monaten 
konnte es so hoch gehoben werden, dass die Pupille völlig 
frei war. 

Der folgende Fall ist einer der interessantesten, welchen 



105 

ich beobachtete, besonders da das Schielen beider Augen nach 
aussen durch meine beiden ganz entgegengesetzten Methoden 
geheih \Mjrde. Caroline IL, ein fremdes, 20jühriges Mädchen, 
von angenehmen Gesichtszügen, mit blondem Haar und blauen 
Augen, schielte seit früheren Jahren mit beiden Augen stark 
nach aussen; besonders war das linke weit nach aussen ge- 
dreht, das rechte etwas weniger. Das Sehvermögen war auf 
jenem Auge sehr geschwächt. Die Durchschneidung des äusse- 
ren Muskels, verbunden mit einer Trennung weit nach hinten, 
hob das Schielen vollkommen, da der M. rectus internus hier 
viel Kraft zeigte. Nach vollendeter Heilung beschloss ich, ehe 
ich auch hier zur Muskeldurchschneidung schritt, einen vorläu- 
figen Versuch mit der Cauterisation des rechten inneren Augen- 
winkels zu machen. Der Erfolg übertraf jede meiner Erwar- 
tungen; nach zweimaliger Anwendung des Lapis infernalis, in 
Zwischenräumen von 8 Tagen, stand das linke Auge so grade, 
wie das andere. Die Patientin wurde von mir im Clinicum 
vorgestellt; sie erregte durch den normalen Stand ihrer Augen 
und durch vollkommen normales Sehvermögen das grösste 
Interesse. 

Fräulein Auguste D., 21 Jahr all, (ing im 5ten Jahre 
ohne bekannte Ursache mit dem linken Auge nach aussen zu 
schielen an; alhnählig wurde das Uebel immer stärker, bis 
das Auge zuletzt ganz in den äusseren Winkel trat, zu wel- 
chem Uebelstande sich seit 4 Jahren noch der gesellte, dass 
das obere, stark herabhängende Augenlid den Augapfel fast 
vollkommen bedeckte. Beim Aufheben des oberen Augenhdes 
sah man den Augapfel so stark nach aussen gedreht, dass ein 
Theil der Cornea vom äusseren Winkel bedeckt wurde. Der 
Augapfel war vollkommen unbeweglich, die Pupille stark er- 
weitert und das Gesicht sehr kurz und undeutlich. Nur grös- 
sere Gegenstände konnten, wenn das andere Auge geschlos- 
sen wurde, wie durch einen dichten Nebel gesehen werden. 
Nachdem ich die Vorbereitungen zur Operation getroffen, 
zeigte sich der Augapfel nach Anlegung des Conjunctivahäk- 
chens sehr unnachgiebig. Der blossgelegte M. rectus externus 



166 

zeigte bei beträchtlicher Breite eine ungewöhnliche Dicke, Fe- 
stigkeit und Starrheit. Der Muskelhaken zog das Auge etwas 
mehr hervor, wobei die Patientin über Kopfschmerz klagte. 
Der Muskel wurde weit nach hinten gelöst und 3 Linien von 
seiner vorderen Insertion entfernt, durchschnitten. Da die 
Stellung des Auges sich jedoch nicht verbesserte, so wurde 
dasselbe mittelst eines um die Sehne des Muskels befestigten 
Fadens nach innen gerollt, nachdem hier zuvor ein Stück der 
Conjunctiva entfernt worden war. Nach erfolgter Heilung wurde 
die noch immer fehlerhafte Stellung des Bulbus durch Öfteres 
Ausschneiden von Falten aus dem inneren Augenwinkel geho- 
ben, und die Ptosis durch die vorhin beschriebene Durchschnei- 
dung des M. orbicularis palpebrarum vöDig beseitigt. 



üeber das Scliielen nach der Operation auf die entgegen- 
gesetzte Seite. 

Zu den unangenehmsten Ereignissen nach der Operation 
des Schielens gehört ohne Zweifel das Schielen auf die ent- 
gegengesetzte Seite. Während man noch überall klagt, die 
Operation des Schielens sei unwirksam, es contrahire sich der 
durchschnittene Muskel wieder und führe das Auge in die alte 
falsche Stellung zurück, mochte ich klagen, dass die Opera- 
tion oft zu viel leiste und das Auge sich auf die entgegen- 
gesetzte Seite wende. Die Erfahrungen der meisten Aerzte, 
welche das Schielen operirt haben, sind noch zu jung, um 
jenes ärgerliche Ereigniss schon oft beobachtet zu haben. Mir, 
der ich es nun schon so vielfältig gesehen, sei es erlaubt, die- 
sen Umstand hier etwas weitläuftiger abzuhandeln, und alles 
dasjenige mitzutheilen, was in dieser Beziehung wichtig und 
interessant ist. 

Alle Beispiele von Schielen nach der Operation auf die ent- 
gegengesetzte Seite kamen nach der Durchschneidung des 
M. rectus internus vor. Eine einzige merkwürdige Ausnahme, 
wo nach der Durchschneidung der äusseren graden Augen- 



167 

muskeln weisen Strabismus divcrgcns ein Strabismus conver- 
gcns sich einstellte, welches Falls ich schon früher erwähnt habe. 
Die Patientin war ein löjähriges Mädchen, mit braunen Augen, 
welches mit beiden stark nach aussen schielte. Nach Durch- 
schneidung der gradcn äusseren Augenmuskeln nahmen die- 
selben eine normale Stellung an. Später stellte sich ailmählig 
Schielen nach innen ein. Dies wurde wieder durch die Durch- 
schneidung der inneren Augenmuskeln vollkommen beseitigt. 

Dies nicht Öftere Vorkommen von Schielen nach innen, 
wenn der M. rectus cxternus wegen falscher Richtung der 
Augen nach aussen, durchschnitten worden, scheint mir evi- 
dent für die mehrmals von mir angedeutete Ansicht zu spre- 
chen, dass der Strabismus divergens selten von widernatür- 
licher Contraction des M. rectus externus herrühre, sondern 
gewohnlich von einem paralytischen, bald höheren, bald niede- 
ren Zustande dieses Muskels. 

Das Schielen nach aussen in Folge der Operation des Schie- 
lens nach innen kann nun unmittelbar nach der Durchschnei- 
dung des M. rectus internus, oder etwas später nacli der so 
eben beendeten Heilung, oder viel später, nach Monaten, ganz 
ailmählig eintreten. Entweder hatte das Auge schon gleich nach 
dem üperationsakte eine kleine Neigung mehr nach aussen, 
welche ailmählig zunahm, oder es war durch die erste Ope- 
ration in die normale Sehaxe gebracht worden und drehte 
sich ailmählig mehr nach aussen, indem der äussere grade 
Augenmuskel mehr das Uebergewicht bekam. 

Die Folgen dieses Schielens nach aussen, statt des früheren 
nach innen, sind für das Gesicht störender, als die ursprüng- 
Uche Krankheit. Schielte z. B. Jemand stark mit dem einen 
Auge nach innen, so sieht er mit diesem Auge gewohnlich 
schlecht. Die Durchschneidung des inneren graden Augen- 
muskels beseitigt das Schielen; jetzt sieht er vollkommen gut. 
AUniähhg wendet sich der Augapfel weiter nach aussen, das 
Gesicht verschlechtert sich wieder, und bei einer noch grösse- 
ren Wendung des Augapfels verringert sich das Sehen noch 
mehr. 



16S 

Ich habe sorgfältig den Fällen nachgeforscht und den Be- 
dingungen, unter welchen das Schielen nach aussen eintrat. 
Es kam am öftersten dort vor: 
1) wo der äussere Muskel so viel Kraft hatte, dass der 
Augapfel ganz in den äusseren Augenwinkel gedreht w-erden 
konnte, z. B. beim Strabismus concomitans; 

2] bei grossen Glotzaugen, welche gleichsam auf ihrer 
lockeren Zellgewebs- und Fett -Unterlage schwimmen und de- 
ren Muskeln sich sehr weit nach vorn inseriren; 

3) bei übermässig grosser Conjunctivawunde ; 

4) bei ausgedehnter Durchschneidung der Fascia bulbi 
und des Zellgewebes; 

5) nach der zu weiten Losung des Muskels vom Bulbus; 

6) nach der Tenotomie; 

7) nach der Durchschneidung des Muskels in seinem vor- 
dersten Theile, besonders wenn bei beiden der Muskel vorher 
gelöst war; 

8) vorzüglich nach der Excision eines Muskelstücks; 

9) bei zu lange fortgesetzter Uebung nach der Operation, 
den Augapfel nach aussen zu wenden, um ein Recidiv nach 
innen zu verhüten. 

Diese Drehung des Augapfels nach aussen, sie mag sich 
bald nach der Operation, oder später einstellen, ist für den 
Operirlen und Arzt gleich peinlich, welche dadurch ihre Hoff- 
nungen vereitelt finden. Die Kranken sehen dann von vom 
die Gegenstände mit beiden Augen nur halb, oder sie wen- 
den den Kopf etwas zur Seite, um nur ein Auge grade dar- 
auf zu richten. Mit nicht geringer Bekümmerniss habe ich 
mehrere der schönsten Heilungen, wo die Augen vollkommen 
grade standen, wo nicht eine Spur von Schielen, weder in 
alter noch in neuer Richtung Statt fand, nach einem halben 
Jahre mit einem nach aussen zunehmenden Schielen wieder- 
gesehen. 

Sehr wichtig ist es, alles dasjenige kennen zulernen, wo- 
durch man dem alhiiähligen Fortschreiten des Uebels, wenn 
es sich zu entwickeln anfängt, vorbeugen kann. Noch sind 



IGO 

die Bewegungen des Auges nach allen Seiten hin frei und un- 
gehindert, doch ist eine kleine Neigung nach aussen vorwal- 
tend. Man lasse das gesunde Auge zubinden, und den Kran- 
ken sich fortwährend üben, das operirte Auge in den inneren 
Augenwinkel hinein zu wenden. Dies Wochen lang fortgesetzt, 
ist der Erfolg schon bisweilen günstig. Bessert sich der Stand 
des Auges nicht, so bestreicht man die Conjunctiva im inne- 
ren Augenwinkel täglich einige Mal mit Extractum safurni, 
welches man mit einem kleinen Pinsel auftragt und wodurch 
eine Verdichtung und Verkürzung der Conjunctiva entsteht. 
Bleibt aucli dies fruchtlos, so leistet das öftere Betupfen des 
inneren Augenwinkels mit Lapis infernalis bis zur Gränze des 
Bulbus öfter die erwünschten Dienste. Wo dies sich aber auch 
nicht erfolgreich zeigt, exstirpire man ein Bindehautstück von 
3 Linien im Durchmesser an der Gränze des Bulbus und zum 
Theil von ihm selber, und lasse während der Heilung das an- 
dere Auge verbinden, damit sich der Augapfel normal stelle 
lind die Vernarbung mit einer möglichen Verkürzung der Con- 
junctiva erfolge. 

Ob nun aber diese Verkürzung oder Verdichtung des Binde- 
liautblättchens im inneren Augenwinkel eine dauerhafte Siche- 
rung gegen eine neue Wendung der Augen nach aussen ge- 
\\ähren wird, möchte ich nicht behaupten, vielmehr ist zu 
besorgen, dass mit der ErschlafTung der Narbensubstanz wie- 
der ein Uebergewicht des graden äusseren Augenmuskels ein- 
treten wird. Niemals aber vertraue man den hier angegebe- 
nen Behandlungsweisen bei stärkerer secundärer Drehung nach 
aussen, hier hilft sie gar nichts oder nur sehr wenig; dage- 
gen habe ich sie bei schwachen Abweichungen des Bulbus 
nach aussen vielfältig mit Nutzen angewendet. 

Wer uns nun bei so misslichen Umständen den wohlmei- 
nenden Rath gäbe , den äusseren Augenmuskel zu durchschnei- 
den, um das stark nach aussen gedrehte Auge wieder nach 
innen zu richten, dem müssen wir mit Bedauern entgegnen, 
dass dies allein selten etwas wirkt. Wie schön wäre es und 
wie leicht abgemacht, wenn wir durch eine zweite Opera- 



170 

tion, also durch die einfache Durchschneidung des Musculus 
rectus externus, das Auge wieder nach innen wenden könn- 
ten. Das gehngt aber fast niemals, und nur da, wenn das 
Auge erst seit Kurzem, und zwar nicht stark, nach aussen 
getreten ist. Hier operirt man ganz so, wie beim primären 
Schielen nach aussen. Die Augenlider werden durch Lidhal- 
ter auseinander gezogen, die Conjunctivafalte im äusseren 
Augenwinkel durch zwei Häkchen aufgehoben und mit einer 
Scheere durchschnitten, der Muskel durch den untergeführten 
stumpfen Haken angezogen, mit der geschlossenen Scheero 
weit nach hinten vom Bulbus gelöst und mit der Scheere dicht 
an seiner Inserlionsslelle abgetrennt. Man muss durchaus keine 
Verbindung nach vorn zwischen Muskel und Sclerotica lassen, 
weil dadurch der Erfolg der Operation ganz vereitelt wird. 

Ist das Schielen schon etwas stärker und kann der Kranke 
den Augapfel nicht mehr ganz frei in den inneren Augenwin- 
kel bewegen, so nützt die Durchschneidung des äusseren Mus- 
kels nicht mehr. Stellt sich auch unmittelbar nach der Ope- 
ration das Auge grade, so wird es durch die Vernarbung wie- 
der nach aussen gezogen. Hier habe ich meine Operations- 
methode des paralytischen Schiclens nach aussen, angewen- 
det. Ich excidire zuerst aus dem inneren Augenwinkel, halb 
vom Bulbus, halb neben ihm, ein Stück der Bindehaut mit 
einer starken Schicht des unter ihr liegenden Zellgewebes. 
Die Falte wird mit der Hakenpincette gefasst und mit der 
auf der Fläche gebogenen Augenscheere, deren Convexität 
dem Bulbus zugewendet ist, abgeschnitten. Erst dann wird 
der äussere Augenmuskel nach den angegebenen Regeln bloss- 
gelegt, gelöst und durchschnitten. Der Vernarbung im äusse- 
ren Augenwinkel, durch welche das Auge wieder in seiner 
alten falschen Richtung verzogen werden könnte, wird durch 
die Vernarbung der Conjunctiva im inneren Augenwinkel die 
Stange gehalten, und das normale Gleichgewicht der Stellung 
des Auges zwischen dem zu weit nach aussen und zu weit 
nach innen gehalten. 



171 

Der höchste Grad des Schielens nach aussen in Folge der 
Durchschneidung dos inneren graden Augenmuskels pflegt sich 
erst geraume Zeit nach der Operation, selten plötzlich, son- 
dern aus den geringeren Graden allmählig zu entwickeln. Das 
operirto Auge, oder wenn beide operirt worden sind, stehen 
beide, oder nur das eine, stark nach aussen gewendet, so 
dass selbst der Hornhaulrand die äussere AugenUdcommissur 
berühren kann. Die Sclerotica wölbt sich an der inneren Seite 
stark hervor vmd ist hier oft mit blutfiilirenden Gefüssen der 
Conjunctiva bedeckt. Als einen matteren, weniger polirten 
Fleck unterscheidet man die frühere Insertionsstelle der Sehne 
des M. rectus internus, und die weiter nach hinten den aus 
der Tiefe der Orbita hervorgetretenen Augapfel iiberkleidende, 
aus lockerem transparenten Zellgewebe neugebildete Conjun- 
ctiva, welche eine Fortsetzung der ausgedehnten und verlän- 
gerten Bindehaut bildet. 

Die Bewegungen der Augen nach innen sind sehr beschränkt 
und gleichzeitiges Sehen mit beiden unmöglich. Dieser höchst 
lästige Zustand ist beinahe eben so übel, als eine fast voll- 
kommene Lähmung des inneren graden Augenmuskels. Hier 
leisten selbst die noch bei den geringeren Graden dieses Uebels 
angegebenen Operationsmethoden, das Durchschneiden des 
äusseren Muskels und dessen Trennung, verbunden mit der 
Abtragung einer grösseren Conjunctivafalte im inneren Augen- 
winkel, gar nichts, denn da sich der Augapfel schon zu sehr 
an die Stellung nach aussen gewöhnt hat, so verbessert sich 
seine Richtung nach dieser neuen Operation gewöhnlich nur 
um ein Geringes, und die Vernarbung der Wunde im äusse- 
ren Augenwinkel zieht ihn wieder nach aussen. 

Unter diesen Umständen giebt es nach meinen Erfahrun- 
gen und Beobachtungen nur ein Mittel, dessen ich schon an 
mehreren Stellen dieser Schrift Erwähnung gethan habe, und 
dies ist die Drehung der Augen mittelst Fäden in den inneren 
Augenwinkel. Es hört sich zwar ganz possirlich an, die Aug- 
äpfel selbst festzubinden, und es ist denen, welche darüber 



172 

spötteln, gern verziehen; wir würden ihnen aber grossen Dank 
wissen, wenn sie uns eine leichtere und bessere Abhülfe die- 
ses unangenehmen Ereignisses möchten kemien lehren. 

Die Untersuchung des früheren Operationsortes zeigt, dass 
beim starken secundären Schielen nach aussen der durchschnit- 
tene innere Muskel sich nicht bloss zu weit nach hinten wieder 
an die Sclerotica angesetzt, sondern diese spater wieder verlo- 
ren habe. Seine Verklebung w^ar vielleicht nur schwach, we- 
nig haltbar, und der früher bis zur höheren Schwächung aus- 
gedehnte, jetzt aber wieder kräftig gewordene grade äussere 
Muskel zerrte den inneren Muskel von der Sclerotica ab, so 
dass er nur im Zellgewebe hängen blieb und nicht mehr auf 
das Auge agiren kann. Der M. obhquus superior ist aber nicht 
kräftig genug, um allein den gehörigen Antagonismus gegen 
den äusseren halten zu können. 

Die Operation wird auf folgende Weise gemacht: Nachdem 
nach den bekannten Regeln die Augenlidhalter angelegt wor- 
den, schneidet man mittelst der auf der Fläche gebogenen 
Scheere ein wenigstens 3 bis 4 Linien grosses Gonjunctiva- 
slück mit dem unter ihm liegenden Zellgewebe aus dem inne- 
ren Augenwinkel aus. Dann rollt man mittelst eines, durch 
die Conjunctiva des äusseren Augenwinkels eingeführten Häk- 
chens das Auge nach innen, setzt das zweite Häkchen ein, 
schneidet zwischen beiden die Bindehaut durch, entblösst den 
Muskel, zieht ihn mit dem stumpfen Haken an, und trennt ihn 
stumpf, so weit es irgend raöghch ist, an seiner hinteren Fläche 
von der Sclerotica und auch an seiner vorderen und Seiten- 
fläche vom Zellgewebe mittelst kleiner Scheerenschnitte. Er 
bildet jetzt ein freies Band, welches hinten an die Orbital- 
wand und vorn an den Bulbus angeheftet ist. Hierauf durch- 
schneidet man den Muskel mit der Scheere einige Linien von 
der Sclerotica entfernt. Kaum wird der Augapfel darnach etwas 
aus seiner falschen Stellung weichen. Dieser kleine isolirte 
Sehnenstumpf, an dem man kaum einige Muskelfäscrchen wahr- 
nimmt, wird nun mit einer feinen Hakenpincette gefasst, in 
grader Richtung leise angezogen, und von einem Assistenten, 



173 

-^velchcr eine recht leichte Hand hat, mit einem gewichsten 
feinen seidenen Faden umschlungen. Wer von lerne dieser ihm 
unbekannten Procedur zusähe, würde glauben, man habe eine 
durchschnittene Arterie mit der Pincette gefasst und der Ge- 
hülfe unterbände diese. Der Faden muss etwas weniger fest 
wie bei der Arterienunterbindung um die Sehne des 3Iuskels 
geknüpft werden und dicht an der Sclerotica liegen. Wird der 
Knoten fest geknüpft, so durchschneidet der Faden die Sehne 
zu früh und das Auge rollt wieder nach aussen. Ein Ende der 
Ligatur wird kurz abgeschnitten, und das andere, indem man 
durch Anziehen den Augapfel stark in den inneren Augenwin- 
kel rollt, so dass ein Schielen nach innen entsteht, durch einen 
in der Mitte zwei Mal eingekerbten Pflasterstreifen gezogen; 
dieser Pflasterstreifen \md an die entgegengesetzte Seite des 
oberen Nasenrückens fest angeklebt. Man zieht nun den Fa- 
den, welcher durch den Doppeleinschnilt in der Mitte des Pfla- 
sterstreifens hinlauft, noch stärker an, und befestigt das Ende 
durch Umschlingen der seilförmig angespannten Ligatur. 

Sind beide Augen in Folge der Operation des Schielens 
nach innen operirt worden und sehr weit nach aussen getre- 
ten, so wird die nämliche Operation, wie sie hier eben be- 
schrieben worden, zugleich an beiden Augen gemacht. Man 
logt dann ein länglich -viereckiges Stück gut klebenden Heft- 
pflasters auf die Mitte des Rückens der Nase, zieht die 
Enden der Ligaturen durch den Doppelspalt des Pflasters, 
und knüpft sie, indem man vorher beide Augen stark nach 
innen rollt, auf dem Pflaster zusammen; auf den zusammen- 
gebundenen Theil der Fäden legt man zum Schutz ein kleine- 
res Stück Pflaster. Durch die Drehung der Augen in den 
inneren Winkel und die straffe Anspannung der Fäden berüh- 
ren letztere nirgends die Hornhaut. Ihre Richtung nach der 
Nase hin muss eine solche sein, dass sie genau der Augen- 
lidspalte entspricht und die Schliessung der Augenlider nicht 
verhindert wird. Hat der Kranke zum Unglück eine breite 
Sattelnase, so muss man ihren Rücken durch einen Aufbau 
von Pflasterstückchen erhöhen und auf dieser Erhöhung die 



174 

Fäden befestigen, sonst würden sie die Cornea berühren und 
diese heftig reizen. 

Die Nachbehandlung ist die närahche, wie bei der Opera- 
tion des Schielens überhaupt, nur etwas weniger kühlend; 
man begnügt sich mehr mit dem Öfteren Auswaschen des 
Wundsecrets und hält die plastischen Processe nicht durch 
Umschläge von Eiswasser zurück. Es ist ein unangenehmes 
Ereigniss, wenn schon in den ersten Tagen nach der Opera- 
tion der Faden die Sehne des M. externus durchschneidet; 
die Stellung des Auges wird dann freilich schon gebessert 
sein, aber es wird der Augapfel doch wieder etwas zu weit 
nach aussen zu stehen kommen. Bei einigen Individuen hiel- 
ten sich die Fäden bis zum 5ten, 6ten, ja in einem Falle bis 
zum Sten Tage. Werden die Fäden schon in den ersten Ta- 
gen etw^as lockerer, indem sie sich an der Stelle, w'o sie an- 
geklebt waren, etwas gelöst hatten, so zieht man sie behut- 
sam wieder an. Sind die Fäden abgefallen und der Augapfel 
hat etwas mehr die Richtung nach innen als nach aussen, so 
darf man sich ein glänzendes Resultat versprechen, und die 
Heilung ist eben so vollkommen, als nach der glückhchstcn 
Operation ohne Recidiv von Schielen auf die entgegengesetzte 
Seite. Ausser diesen günstigen Erscheinungen kann auch der 
Bulbus vollkommen frei nach allen Seiten hin bewegt werden. 

Selten hat man nöthig, die Fäden vom Sehnenstumpf ab- 
zuschneiden, welches nach Auseinanderziehen der Augenlider 
und durch Anspannung des Fadens, mit einer Scheere ge- 
macht wird; jedoch darf dies nicht vor dem Sten Tage gesche- 
hen, ausgenommen wenn sich eine Entzündung der Bindehaut 
einstellen sollte. 

Da nichts vollkommen ist, so ist es diese Methode auch 
nicht. Die Fäden durchschneiden bisweilen schon am 2ten 
oder Sten Tage den Tendo, und das Auge kehrt mit eintre- 
tender Vernarbung fast eben so weit wie vor der Operation 
in den äusseren Augenwinkel zurück. Waren die Patienten 
entschlossen genug, so habe ich die Operation zum zweiten, 
ja zum dritten Mal, und dann meistens mit Erfolg wiederholt. 



175 

In so verzweifelten Füllen begnügte ich mich nicht bloss mit 
der Excision eines Bindchautstücks aus dem inneren Augen- 
winkel, sondern da ich annehmen durfte, dass der früher 
durchschnittene M. rectus internus keine Verbindung mit dem 
Augapfel wieder eingegangen sei, so drang ich tief in den 
inneren Augenwinkel mit der Scheere ein, suchte den retra- 
hirten Muskel von seinen falschen Adhiirenzpunktcn zu Uisen, 
worauf ich ihn an den durch den Faden nach innen gerollten 
Bulbus wieder anlehnte, oder nach Wundmachung seiner Bän- 
der mittelst einer feinen Sutur wieder vereinigle. Der gün- 
stige Erfolg einiger auf diese Weise verrichteter Operationen 
hat mich bestimmt, dies Verfahren bei schweren Fällen öfter 
anzuwenden. 

Alle Personen, welche in Folge der Operation von Strabis- 
mus internus nach aussen schielend wurden, habe ich, wenn 
sie sich dazu verstehen wollten, auf die eine oder die andere 
Weise nochmals operirt. Während bei einigen der Erfolg we- 
gen zu frühen Durchschneidens der Fäden weniger günstig 
war, übertraf er bei anderen jede Erwartung. Fräulein N., 
24 Jahr alt, mit lebhaften braunen Augen, schielte seit ihrem 
3ten Jahre mit beiden Augen, besonders aber mit dem linken, 
so stark nach innen, dass sich zwei ürittheile der Hornhaut 
öfter im inneren Augenwinkel versteckten. Die Operation wurde 
von mir damals noch in der Art gemacht, dass ich die Mus- 
keln dicht an der Sehne fibschnitt. Die Heilung erfolgte ohne 
Schwierigkeit und die Patientin war über die schöne Slelhmg 
ihrer Augen und über ihr verbessertes Sehvermögen sehr er- 
freut; mir missfiel indessen eine leichte Richtung der Augen 
nach aussen. Allmählig nahm diese Richtung dergestalt zu, 
dass beide Augen mit ihrem äusseren Hornhautrande unter 
die äussere Augenlidcommissur traten. Das Sehen war sehr 
gestört und das Mädchen in Verzweiflung. Excision von Binde- 
haut und tiefliegendem Zellgewebe in den Angulis internis, 
Durchschneidung der äusseren graden Muskeln und Richtung 
der Augen nach innen durch Fäden, hoben dies zweite Schie- 
len so vollständig, dass keine Spur von der primären oder 



17G 

secundären Vercireliung der Augen zurückblieb und diese nach 
jeder Richtung hin l)cwegt ^Yerden konnten. — Weniger er- 
folgreich ^yar die Operation beim Fraulein v. M., 18 Jahr alt, 
welche stark nach innen und in Folge der Operation nach 
aussen schielte. Besonders war das linke Auge divergirend. 
Die Operation verbesserte die Stellung desselben wenig, weil 
der Faden die Sehne des M. externus schon nach einigen Ta- 
gen durchschnitt. — Nur mit geringer Verbesserimg machte 
ich dieselbe Operation bei einem 17jährigen Menschen, wel- 
cher nach der Operation von Strabismus convergens stark nach 
aussen schielte. — Bei einem anderen 18 jährigen Menschen 
von scrophulösem Habitus erfolgte eine heftige scrophulöse 
Avigenentzündung nach der Operation. Später schielten die 
Augen nach aussen. Durch die Durchschneidung der äusse- 
ren graden Augenmuskeln wurde das Schielen zwar geheilt, 
jedoch in Folge einer neuen scrophulösen Augenentzündung 
bildete sich ein kleines Geschwür auf dem äusseren Rande 
der Hornhaut, welches eine Narbe zurückhess. — Dagegen 
zeigte sich die Operation wieder von dem erfreuhchsten Er- 
folge bei 10 anderen Individuen begleitet, von denen 6 mit 
einem Auge und \ mit beiden Augen stark nach aussen schiel- 
ten. Es hatte sich der Strabismus binnen 2 bis 6 Monaten nach 
der Operation ausgebildet. Bei allen diesen Individuen wur- 
den grosse Bindehaut- und Zcllgewcbs-Parthien aus dem inne- 
ren Augenwinkel excidirt, die M. recti externi durchschnitten 
und die Augen mit Fäden nach innen gerollt. Bei Friedrich F., 
17 Jahr alt, auf dem linken, und bei Carl IL, 20 Jahr alt, auf 
dem rechten Auge operirt, Beide später stark nach aussen 
schielend, nahm ich eine Bindehautfalte im inneren Augen- 
winkel fort, entblösste den zurückgezogenen, nur mit dem 
Zellgewebe verklebten inneren Augenmuskel, machte ihn und 
das vordere verschrumpfte Ende wund, verband die Enden 
durch eine Sutur, durchschnitt den äusseren Augenmuskel, 
rollte das Auge durch Fäden nach innen, und hatte die Freude, 
einen vollkommenen Erfolg nach dieser Operation zu beobach- 
ten. — Kürzlich besuchte mich die 20jährige Tochter eines 



177 

Gärtners in Potsdam, welche ich vor 2 Jahren am Strabismus 
internus des höchsten Grades operirt hatte. Sechs Monate spa- 
ter schielte sie eben so stark nach aussen, als früher nach 
innen. Excision der Conjunctiva im inneren Augenwinkel, 
Durchschneidung der M. recti externi, Rollen der Augen durch 
Fäden nach innen. Vollständige Heilung in 8 Tagen. Seit die- 
ser Operation sind 1-^- Jahre verstrichen. Die Augen stehen 
und bewegen sich völlig normal, keine Spur einer Statt ge- 
habten Operation ist sichtbar und die Patientin hoch erfreut. 
Ich wiederhole hier, was ich schon bei Gelegenheit der 
verschiedenen Arten des Muskelschnitts bemerkt habe, dass 
die Excision eines Muskelstücks die häufigsten und schwer- 
sten Formen von Strabismus auf die entgegengesetzte Seite 
gicbt, eben so die Tenotomie, und endlich dass die einfiiche 
Durchschneidung des Muskels weit nach hinten, ohne ausge- 
dehnte Lösung desselben, sie am wenigsten vorkommen lässt. 
Seitdem ich mich beim Strabismus internus an dieser meiner 
Erfahrung gehalten habe, ist mir weiter kein Fall vorgekom- 
men, wo sich die Augen später nach aussen gedreht hätten. 

Das Schielen nach innen und oben (Strabismus internus 
superior). 

Eine nicht sehr seltene Schielart, vielleicht fast so oft wie 
der Strabismus divergens vorkonunend, ist das Schielen nach 
innen und oben. Man findet es nicht bloss, wenn nur ein 
Auge schielt, sondern auch beim Strabismus bilateralis. Sehr 
selten schielen beide Augen in dieser Richtimg, denn während 
das eine, häufiger ist es das linke, in den inneren Augenwin- 
kel und unter das obere Augenlid hinaufgezogen ist, steht das 
andere nur nach innen gerichtet. 

Die gewöhnliche Ursache dieser Art zu schielen liegt in 
einer widernatürlichen Contraction oder Insertion des M. troch- 
learis, oder dieses Muskels und des M. rectus internus zugleich. 
Bisweilen ist es, wie ich beobachtet habe, der grade innere 
Augenmuskel ganz allein, welcher durch falsche Insertion, häu- 

12 



178 

figer aber noch durch eine Umlagerung seines Bauches, mehr 
in der Richtung nach oben das Schielen bewirkt. Die alleinige 
Durchschneidung dieses Muskels reiclit daher in den meisten 
Fällen schon hin, das Auge in die normale Stellung zurück zu 
führen. Selten ist Nystagmus damit complicirt, wohl aus dem 
einfachen Grunde, weil der Augapfel durch die Wirkung zweier 
Muskeln nach einer Richtung hin gezogen wird. Die Ursachen 
der Entstehung dieser Art des Schielens sind ganz dieselben, 
wie die der anderen Arten von Strabismus, meistens Flecken 
der Hornhaut, seltener Cataracta centralis. Das Uebel ist als 
eine höhere Ausbildung des Strabismus internus zu betrach- 
ten, welcher ihm Jahre lang vorangehen kann, worauf sich 
das Auge allmählig nach oben hin verdreht. 

Das Sehvermögen wird durch diese doppelle Abweichung 
von der Sehaxe beträchthch gestört; öfter wird das Auge gar 
nicht oder nur sehr wenig benutzt, oder tritt es mit in Thä- 
tigkeit, so pflegen sogleich Doppelbilder zu entstehen. Die Pu- 
pille ist hier öfter verengert als erweitert, und scheint gegen 
die Einwirkung des Lichts nicht immer sehr empfindlicL 

An der Sehne des M. trochlearis, so weit diese Behufs der 
Durchschneidung blossgelegt werden musste, habe ich eben 
keine auffallende Verschiedenheiten rücksichtlich der grösse- 
ren oder geringeren Stärke, ihrer Derbheit oder Schlaffheit 
wahrgenommen. Was aber die Wirkung des M. trochlearis 
anlangt, so ist davon an einem anderen Orte die Rede; denn 
während die Mehrzahl der berühmten Anatomen und Physio- 
logen ihm die Eigenschaft zuschreiben, das Auge nach unten 
und aussen zu drehen, geben Andere ihm eine Wirkung nach 
innen und oben. Aus den von mir bei nach innen und oben 
schielenden Augen unternommenen Durchschneidungen des 
M. trochlearis geht hervor, dass der Augapfel entweder so- 
gleich oder später eine günstige Stellung annahm, dass dies 
aber nicht immer der Fall war, sondern das Auge, wenn es 
sehr stark nach innen und oben schielte, auch nach der Durch- 
schneidung des M. trochlearis und des M. rectus internus sich 
öfter nicht sogleich aus der falschen Stellung bewegte. Aber 



179 

auch in diesen Fällen trat gewöhnlich in späterer Zeit, wenn 
der M. rectus externus Kraft gewonnen hatte, Aufhiiren des 
Sclüelens ein. 

Die Fälle, in denen das Schielen nach innen und oben durch 
die alleinige Wirkung des M. rectus internus, welcher mehr 
nach oben am Bulbus lag, hervorgebracht wurde, sind selir 
zaldreich. Erst während der Operation, bei der Blosslegung 
dieses ]\ruskels, erkannte ich, dass nur er allein und nicht der 
M. obliquus superior diese Art des Schielens veranlasse. Dies 
war z. B. der Fall bei Fräulein Auguste P., 21 Jahr alt, mit 
blauen Augen, welches seit früliester Kindheit mit dem linken 
Auge nach innen und oben schielte. Der M. rectus internus 
im sehr weit nach innen und oben, und nach seiner Durch- 
schneidung nahm das Auge sogleich eine normale Stellung an. 
Die Heilung erfolgte in wenigen Tagen und das Auge blieb 
völlig normal gerichtet. — Franz B., 12 Jahr alt, mit grauen 
Augen, schielte seit seinem 2ten .Jahre mit dem linken nach 
innen und etwas nach oben. Auch hier war die höhere Lage 
(He Ursache dieser doppelten Abweichung. Die Durchschnei- 
dung des Muskels beseitigte das Schielen vollständig. — Stär- 
ker noch abweichend in nämlicher Richtung war das linke 
Auge des Herrn F., 30 Jahr alt. Das Schielen wurde durch 
die alleinige Durchschneidung des M. rectus internus geho- 
ben. — Sehr stark war die Abweichung des linken Auges 
nach innen und oben, so dass ein grosser Theil der Hornhaut 
sich hier verbarg, bei dem 21jährigen Ludwig S., Herzoglich 
Dessauischem Jäger. Die Farbe der Augen war blau und das 
schielende fast blind. Der M. rectus internus lag weit nach 
oben; unmittelbar nach seiner Durchschneidung behielt das 
Auge noch die falsche Stellung; erst nachdem ich die ver- 
kürzte und verdickte Gonjunctiva weiter nach oben gespalten 
hatte, trat das Auge aus dem Winkel heraus. Nach vollende- 
ter Heilung behielt es jedoch immer noch einige Richtimg nach 
oben. — Marie G., ein schönes, 17 jähriges, braunäugiges Mäd- 
chen, schielte seit dem 4ten Jahre mit dem rechten Auge nach 
innen und oben. Nach der Durchschneidung des inneren Mus- 

12 * 



ISO 

kels stellte sich das Auge sogleich vollkommen grade und der 
spätere Erfolg bewährte das Gelingen der Operation. 

Ein schwaches Schielen nach innen und oben, von leichten 
Schwankungen begleitet, sah ich nur selten, und da ich den 
M. oblicpius superior für die alleinige Ursache dieses abnor- 
men Zustandes ansah, so durchschnitt ich die Sehne dieses 
Muskels. Der erste Fall war bei Auguste K., 15 Jahr alt. Un- 
mittelbar nach der Operation stellte sich das Auge grade. Der 
zweite Fall bei Friedrich S., 17 Jahr alt. Beide Kranke waren 
in wenigen Tagen ohne alle Reaction geheilt. 

Oefter dagegen war wegen starken Schielens nach innen 
und oben die gleichzeitige Dmxhschneidung des M. rectus in- 
ternus und des M. obliquus superior nöthig, wovon hier einige 
Beispiele folgen. Adolph K., der Sohn eines berühmten chirur- 
gischen Instrumentenmachers, 18 Jahr alt, mit dunkclgraucn 
Augen, schielte seit frühester Kindheit mit dem linken Auge 
so stark nach innen und oben , dass zwei Drittheile der Horn- 
haut versteckt waren. Das Sehvermögen war grossentheils er 
loschen. Durch die Durchschneidung des M. rectus internus 
und M. obliquus superior wurde das Schielen gehoben, doch 
behielt das Auge wenigstens noch einige Zeit nach der Ope- 
ration eine geringe Neigung nach innen und unten. Eine hef- 
tige, in den ersten Tagen nach der Operation eingetretene 
Entzündung machte eine strenge antiphlogistische Behandlung 
notliwcndig. — Bei dem 18jährigen August S. standen beide 
Augen nach innen und oben. Da nach der Durchschneidung 
der M. rccti intcrni das Schielen sich gleich blieb, so wurden 
auch die M. obliqui superiores durchschnitten. Anfangs schien 
die Operation wenig gefruchtet zu haben, doch allmählig stell- 
ten sich die Augen grade, wachen jedoch später so w-eitnach 
aussen ab, dass ich die M. recti externi durchschneiden und 
eine Falte aus dem inneren Augenwinkel excidiren musste. 
Durch Fäden wurden die Augen in den ersten Tagen nach 
innen gezogen. Die Heilung erfolgte nach Wunsch. — Wilhelm 
K., 24 Jahr alt, mit braunen Augen, schielte seit seiner frü- 
hesten Kindheit mit dem rechten Auge nach innen und oben. 



181 

Durchschneidung des M. rectus internus und M. obliquus su- 
perior. Anfongs behielt das Auge die falsche Stcikmg, alhuählig 
stellte es sich dann normal. — Bei Agathe S., 10 Jahr alt, mit 
blondem Haar und blauen Augen, welche mit dem rechten 
stark nach innen, mit dem linken auch nach oben schielte, 
durchschnitt ich auf jenem Auge den M. rectus internus, an 
diesem den M. rectus internus und den M. obliquus superior. 
Der anfänglich günstige Erfolg der Operation wurde si)ütcr 
durch eine Neigung der Augen nach aussen wieder aufgeho- 
ben; die Durchsclmeidung der äusseren graden Augenmuskeln 
werde ich nächstens unternehmen. 

Noch mehr Fälle von Durchschneidung des M. rectus in- 
ternus und M. obliquus superior hier anzuführen, würde er- 
müdend sein. In neuerer Zeit habe ich es vorthcilhafter ge- 
funden, niemals beide Muskeln zugleich zu durchschneiden, 
sondern nur den M. internus, oder den M. obliquus nachträg- 
heh, oder letzteren allein. Seitdem ist kein Fall von Schielen 
nach aussen in Folge dieser doppelten Durchschneidung vor- 
izi'kommen, und die Augen haben nicht bloss die Richtung 
nach innen, sondern auch die nach oben verloren. 

Die Durchschneidung des M. obliquus bei einem geringen 
Schielen nach innen und oben nahm ich bei der 17jährigen 
Clara L. auf dem linken Auge vor. Das Schielen war nicht 
bedeutend und die Operation hatte einen erwünschten Er- 
folg. — Carl H., 15 Jahr alt, wurde wegen eines schwachen 
Schielens des rechten Auges der M. obliquus superior mit 
eben dem günstigen Erfolge dmxhschnitten. — Friedrich S., 
18 Jahr alt, schielte seit frühester Kindheit mit beiden Augen 
nach innen, mit dem linken zugleich nach oben. Es wurden 
der M. rectus internus des rechten und der M. rectus inter- 
nus des linken Auges durchschnitten; beide Augen nahmen 
darnach eine vollkommen normale Stellung an. — Wilhclmine 
V., 24 Jahr alt, schielte seit früher Kindheit mit dem linken 
Auge nach innen und oben. Dieselbe Operation stellte das 
Auge völlig grade. — Bei Friedrich IL, welcher mit dem hn- 
ken Auge nach innen und oben schielte, blieb das Auge nach 



182 

der Durclischneidung des M. rectus internus und M. obliquus 
superior in seiner alten Stellung, welche es auch nach der 
Heilung der Wunde behielt; nach zwei Monaten wav keine 
Spur von Schielen mehr sichtbar. In mehreren anderen Fäl- 
len geschah dies ebenfalls. 

Vor Kurzem habe ich auch beim geringen Schielen nach 
innen und oben die Conjunctiva an ihrem äusseren und mite- 
ren Rande mit Lapis infernalis cauterisirt und durch diese Be- 
handlungsweise das Schielen beseitigt. 



Das Schielen nach oben (Strabismus sursum vergens 
s. superior). 

Das Schielen nach oben ist eine der selteneren Arten von 
Strabismus, und kommt bald an einem, bald an beiden Augen 
vor. Jenes ist das häufigere. Auf 50 Fälle von Schielen nach 
innen kommt kaum einmal Schielen nach oben vor. Das zum 
Himmel gerichtete Auge giebt dem Blick etwas Gebenedeites. 
Wäiirend der obere Theil der Hornhaut zum Theil vom obe- 
ren Augenlide bedeckt ist, erscheint zwischen dem unteren 
Hornhautrande und dem unteren Augenhde ein breites Scle- 
roticafeld. 

Diese interessante Art von Schielen ist bald eine aktive 
von Verkürzung oder abnormer Contraction des M. rectus su- 
perior, oder eine passive von lähmungsartiger Schwäche des 
M. rectus inferior. Dieser Muskel ist dann durch die normale 
Kraft des oberen graden überwältigt und das Auge fortwäh- 
rend nach oben gerollt. Wenn wir nun das Schielen nach 
innen fast nur als ein aktives, das Schielen nach aussen fast 
nur als ein passives sehen, so bildet das Schielen nach oben 
gleichsam die Mittelstufe zwischen diesen beiden anderen For- 
men; in gewisser Beziehung nähert es sich dem Schielen nach 
aussen und in anderer dem nach innen, im Ganzen aber trägt 
es doch mehr den passiven Charakter des Schielens nach aus- 
sen. Als spastisches oder concomitirendes Schielen habe ich 



183 

es nicht beobachtet, und eben so wenig mit krampfhaften 
Pendelschwingungen oder Nystagmus complicirt gesehen. Mei- 
stens dagegen kam es in Verbindung mit lähmungsartigem 
Herabhängen des oberen Augenlides (Ptosis) vor, mid grade 
hier hatte das Schielen, was man am wenigsten erwarten 
sollte, einen entschieden aktiven Charakter, denn der obere 
grade Augenmuskel war widernatürlich contrahirt, der untere 
dagegen nicht geschwächt, und das Auge durch die abnorme 
Lebergewalt des oberen Muskels nach oben gerollt und die 
Hornhaut grossentheils von dem oberen Augenlide bedeckt. 
Die widernatürliche Verkürzimg oder Anspannung des oberen 
Augenmuskels findet sich gewöhnlich nur bei kleinen tieflie- 
genden Augen; die andere, von Schwäche oder Lähmung des 
unteren gra den Augenmuskels herrührende, bei grossen stark 
gewölbten Augen. Bei ihnen erscheint die untere Hälfte des 
Augapfels gleichsam aus der Augenhöhle hervorgewälzt zu 
sein, und besonders zeigt sich dies bei einer geringeren An- 
näherung der Augenlider aneinander. 

Diese Art des aktiven oder passiven Schielens nach oben 
sieht in keiner Beziehung zum Schielen nach innen und oben, 
welches nur durch die gemeinsame Wirkung des M. rectus 
internus und M. trochlearis, oder durch letzteren allein, be- 
wirkt wird. Jene Schielart setzt sich mit der unsrigen nicht 
zusammen, welche meist ganz rein und höchstens mit einer 
seitlichen Abweichung des Augapfels nach aussen complicirt 
sein kann, wie ich dies auch nur einige Mal gesehen habe. 

Symptomatisch kommt das Schielen nach oben in Folge orga- 
nischer Gehirnkrankheiten vor. Blut- und Wasserergiessungen 
in das Gehirn haben häufiger ein Schielen nach oben, als nach 
anderen Richtungen hin zur Folge. Beim Akt des Sterbens er- 
folgt immer ein Schielen nach oben, als Zeichen der noch be- 
stehenden Lebenslhätigkeit des oberen graden Augenmuskels, 
während der Tod selbst mit Prävalenz des unteren graden 
erfolgt. 

Der Seltenheit dieser Schielart wegen, will ich einige der 
mir vorgekommenen Fälle hier mittheilen. In einigen war das 



184 

Schielen ein aktives, in anderen ein passives. Der erste Fall 
von aktivem Schielen beider Augen kam bei dem 12jährigen 
August N., mit blondem Haar und dunkelblauen Augen, vor. 
In Folge einer in frühester Kindheit überstandenen Ophthal- 
mie war ein Schielen beider Augen nach oben entstanden; 
das rechte Auge stand dabei ein wenig mehr nach innen, als 
das linke. Beide Pupillen waren erweitert, das Gesicht kurz 
und auf dem hnken Auge am schwächsten, so dass der Pa- 
tient damit nur die Umrisse grösserer Gegenstände erkennen 
konnte. Es -«"urdon die oberen graden Augenmuskeln beider 
Augen durchschnitten, worauf die Stellung sogleich natürlich 
wurde. Die Heilung erfolgte sehr bald; eine Auflockerung der 
Conjunctiva wurde mit der Scheere entfernt. Das Sehvermö- 
gen ist durch die normale Stellung der Augen so verbessert, 
dass der Knabe ohne Hinderniss lesen kann, welches vor der 
Operation nicht möglich war. — Bemerkenswerth ist beson- 
ders der nächste Fall; beide Augen schielten nach oben und 
auf dem einen w ar zugleich Ptosis des oberen Augenlides vor- 
handen: Amalie S., 17 Jahr alt, mit dunkelbraunen Haaren 
und Augen, schielte seit ihrem 3ten Jahre in Folge einer scro- 
phulösen Augenentzündung mit beiden Augen stark nach oben. 
Der Ausdruck des Mädchens war ein schwärmerisch -frommer. 
Das rechte Auge war sehr kurzsichtig, doch sah sie damit die 
Umrisse der Gegenstände in grosser Nähe sehr scharf. Die 
Hornhaut des rechten Auges wurde bis zur Hälfte von dem 
herabhängenden oberen Augenlide bedeckt. Doppclschcn oder 
andere Gesichtstäuschungen waren nie vorhanden gewesen. 
An beiden Augen wurden die graden oberen Augenmuskeln 
durchschnitten. An dem rechten Auge, dessen oberes Augen- 
lid weit herabhing, zeigte sich eine, über eine Linie breite 
Verwachsung des Lides und des Bulbus, wodurch die Opera- 
tion etwas erschwert wurde. Unmittelbar nach der Operation 
traten die Augen weiter nach unten und das rechte obere 
Augenhd konnte stärker elevirt werden. Die Heilung erfolgte 
sehr schnell ohne weitere Zufälle, das Gesicht hatte dadm*ch 
bedeutend gewonnen und auch die Ptosis war grossentheils 



185 

gehoben. — Der folgende Fall war ebenfalls mit Ptosis com- 
plicirt: Ludwig K., 21 Jahr alt, mit dunkelblondem Haar und 
dunkelblauen Augen, von kräftiger Constitution, schielte seit 
frühester Kindlieit mit dem linken Auge nach oben; gleichzei- 
tig hing das obere Augenlid herab, wodurch fast die Iliilfte 
der Cornea bedeckt wurde; dagegen war ein grosser Theil 
der Sclerotica unterhalb des unteren Randes der Hornhaut 
sichtbar und durch ])lendendc Weisse auffallend. Beide Augen 
hatten ein mattes Aussehen. Das gesunde Auge war km-zstch- 
lig, aber scharf; das schielende dagegen war schwachsichtig, 
konnte zwar das Gepräge von Geld miterscheidcn, Farben je- 
doch nur mühsam und Buchstaben gar nicht. Die Durchschnei- 
dung des oberen Augenmuskels war bei diesem empfindlichon 
Kranken äusserst schwierig Schon bei der Einführung der 
Ilaken schrie er über Gewaltthätigkeit, er sterbe u. s. w.; da 
er aber wenig Gehör fand, vollführte ich die Durchschneidung 
des Muskels glücklich. Unmittelbar nach der Operation wur- 
den einige Sehversuche angestellt, welche uns die Ueberzeu- 
gimg gaben, dass die Operation sogleich das Gesicht verbes- 
sert habe, denn der Patient, welcher vor derselben keinen 
Buchstaben mit dem Auge erkennen konnte, war jetzt im 
Stande, damit zu lesen. Die Heilung erfolgte mit natürlicher 
Stellung des Auges, das Augenlid hing indessen noch ein we- 
nig herab. — Ein junger Soldat, mit dunklem Haar und brau- 
nen Augen, schielte seit frühester Kindheit mit dem rechten 
Auge nach oben ; gleichzeitig war auch hier Ptosis vorhanden. 
Das Gesicht war schwach imd die Augen klein und tiefliegend. 
Die Durchschneidung des oberen graden Augenmuskels hatte 
die Hebung des Schielens und eine bedeutende Verbesserung 
der Ptosis zur Folge. 

Es kommt auch vor, dass wenn ein Auge nach oben schielt, 
das zweite in einer anderen Richtung von der normalen Seh- 
axe abgewichen ist, wie der folgende Fall zeigt: Emüic W., 
17 Jahr alt, mit dunklem Haar und hellbraunen Augen, schielte 
seit ihrem 7ten Jahre mit dem rechten Auge grade nach oben, 
mit dem linken nach oben und innen. Das Sehvermögen bei- 



186 

der Augen war nicht sehr geschwächt. Auf dem einfach nach 
oben schielenden Auge wurde der M. reclus superior, und an 
dem anderen, welches durch den M. trochlearis und M. rectus 
internus nach innen und oben gezogen war, diese beiden Mus- 
keln durchschnitten. Der Erfolg dieser Operation war über- 
aus günstig. — Der folgende, diesem ahnliche Fall bietet eben- 
falls einiges Interessante: Marie L., ein wohlgebildetes, blas- 
ses, 11 jähriges Mädchen, mit dunklem Haar und braunen 
Augen, schielte seit frühester Kindheit mit beiden Augen, mit 
dem rechten nach oben mid mit dem linken nach innen; letz- 
teres zeigte eine grössere Gesichtsschwäche als ersteres und 
konnte die Buchstaben nicht erkennen. Die Durchschneidunu 
des M. rectus superior des rechten Auges bewirkte sogleich 
die normale Stellung. Hierauf wurde an dem linken Auge der 
M. rectus internus durchschnitten. Darnach verbesserte sich 
die Stellung bedeutend. Nach der Zeit aber nahm das Auge 
allmählig eine Richtung nach oben an, so dass sich ein be- 
deutender Strabismus superior ausbildete. Ich durchschnitt 
deshalb auch an diesem Auge den M. rectus superior, wo- 
durch sich die Stellung des Auges sogleich verbesserte. In 
Folge der Operation entstand aber eine heftige entzündliche 
Anschwellung der AugenUder, nach deren Beseitigung das 
Auge eine Richtung nach aussen annahm, zugleich aber wie- 
der etwas nach oben wich, so dass der untere Rand der Iris 
etwa anderthalb Linien vom unteren Tarsalrande entfernt stand, 
während diese Theile an dem anderen Auge sich zu berüh- 
ren schienen. Eine dritte Operation hatte die Abweichung des 
linken Auges, obgleich der M. rectus superior gänzlich durch- 
schnitten und gelöst war, nicht gehoben, und die Iris steht 
auf diesem Auge noch höher als auf dem anderen. In den 
Bewegungen der Augen beobachtet man noch, dass der M. re- 
ctus externus des hnken Auges unthätig ist, so dass bei den 
Bewegungen des rechten Auges nach innen, die Iris des lin- 
ken unbeweglich in der Mitte stehen bleibt. 

Die hier angegebenen Fälle von Strabismus superior hat- 
ten alle mehr den Charakter eines aktiven Schielens ; bei dem 



187 

nächsten aljcr beruhte der Strabismus auf einer lühmungsarli- 
<^on Schwache des M. rectus inferior, welche ein Atifiieben 
des normalen Antagonismus zwischen dem graden oberen und 
unteren Muskel zur Folge hat, und in Folge dessen der letz- 
tere, durch die normale Conlraction des oberen überwal(i"t. 
den Augapfel stark nach oben rollt. Die blosse Durchschnei- 
dung des graden oberen Augenmuskels hilft hier in der Re- 
gel eben so wenig, wie die beim Strabismus externus unter- 
nommene Trennung des äusseren graden Muskels. Ich habe 
deshalb auch in den zuletzt mir vorgekommenen Fällen die- 
ser Art, dieselbe Behandlung wie beim Strabismus externus 
angewendet, und bald eine Conjunctivafalte an dem unteren 
Theile des Bulbus ausgeschnitten, bald eine Aetzung mit Lapis 
infernalis vorgenommen. — Auguste IL, 34 Jahr alt, mit blon- 
dem Haar und blauen Augen, schielte mit dem linken nach 
oben; das Auge hatte zugleich eine geringe Richtung nach 
aussen. Das gesunde Auge war sehr kräftig, das schielende 
dagegen unterschied nur Licht von Dunkelheit, vermochte aber 
die Gegenstände nicht zu erkennen. Das Schliessen des ge- 
sunden Auges verbesserte die Stellung des schielenden etwas, 
aber nicht ganz. Doppelsehen war nie vorlianden. Es wurde 
der M. rectus superior durchschnitten, die völlige Heilung der 
Wunde war am 6ten Tage vollendet, das Schielen aber nicht 
Gebessert. 



Das Schielen nach unten (Strabismus deorsum vergens 
s. inferior). 

Das Schielen nach unten ist eine sehr seltene Schielart. 
Der Augapfel ist nach unten gewendet und der untere Iloni- 
hautrand zum Thcil von dem unteren Augenlide bedeckt. Diese 
abweichende Stellung giebt einen höchst sonderbaren, eigen- 
thümlichen Anblick. Das Schielen nach unten ist mit densel- 
ben Störungen des Gesichts verbunden, wie die anderen Arten 
des Schielens. Unter der grossen Zalil der Schielenden hal)c 



188 

ich nur einen einzigen Fall von Strabismus inferior, und zwar 
erst kürzlich, beobachtet. Ein Offizier, aus einer Stadt am 
Rhein, etwa 30 Jahr alt, mit blondem Haar und blauen Augen, 
schielte mit dem linken Auge stark nach unten. Beide Pupil- 
len waren gleich w^eit und zeigten einen gleichen Grad von 
Beweglichkeit. Das Sehen auf dem schielenden Auge war 
schwächer als auf dem gesunden. Die seitlichen Bewegungen 
des Augapfels waren nicht ganz frei; nach oben konnte der- 
selbe gar nicht bewegt werden, sondern er schien nach un- 
ten fest angewachsen. Das untere Augenlid bedeckte die Horn- 
haut bis an die Pupille. Die Operation wurde vom Patienten 
dringend gewünscht und an ihm vollzogen. Nach der Durcli- 
schneidung der Conjimctiva und der Blosslegung des M. re- 
ctus inferior, erschien dieser von fester tendinöser Beschaffen- 
heit, und nach Anlegung des stumpfen Muskelliakens so un- 
nachgiebig, dass der Augapfel auch nicht eine Linie weit nach 
oben gerollt werden konnte. Nachdem ich hierauf den Muskel 
weiter nach hinten blossgelegt und ihn von der Sclerolica ge- 
löst hatte, durchschnitt ich denselben etwa 4 Linien von sei- 
ner vorderen Insertion entfernt. Sogleich konnte das Auge 
willkührlich nach oben gerollt werden. Bei der Operation flös- 
sen kaum einige Tropfen Blut; die Ränder der Bindehautwundc 
wurden dann aneinander gelegt und die gewöhnliche kühlende 
Behandlung eingeleitet. Es folgte nach der Operation eine un- 
bedeutende Röthung der Conjunctiva. Der Kranke musste das 
Auge oft nach oben wenden und er vermochte dies mit der 
grössten Leichtigkeit. Nach 14 Tagen war die Wunde vollkom- 
men geheilt, die Rölhe verschwunden, das Auge dem ande- 
ren gleichstehend, die Beweghchkeit völlig frei und das Seh- 
vermögen natürüch. 

Das Schielen nach unten und aussen (Strabismus inferior 
et externus). 

Das Schielen nach imten und aussen habe ich nur als Com- 
pUcation mit Strabismus divergens gesehen. Die Heilung des 



189 

Schielens nach aussen durch die Durchsclineidung des M. re- 
ctus internus liob diese falsche AugenslelUmg. Falle, wo ich 
den M. obliquus inferior, als dies Schielen veranlassend, hätte 
durchschneiden können, sind mir nicht vorgekommen. 



Die Operation bei grossen Ccntralleukomen. 

Bei grossen Ccntralleukomen ist das Schielen seltener, als 
bei kleineren Verdunkelungen der Hornhaut. Bei letzteren ist 
die Operation des Schiclens häufiger angezeigt, als bei den 
ersteren. Bei grossen Centralleukomen würde durch die Grad- 
richlung des Auges die Pupille durch das Leukom völlig be- 
deckt werden, und das Hinderniss des Lichteinfalls, welches 
der Augapfel durch veränderte Stellung von der Pupille zu 
entfernen suchte, grade vor diese wieder hingerückt werden. 
In manchen Fällen hat sich der Rand des Leukoms allmählig 
dergestalt wieder aufgehellt, dass auch bei besserer Richtimg 
des Auges die Lichtstrahlen zur Retina gelangen können. Bis- 
weilen hellt sich das Leukom grade an der abgewendeten Seite 
auf, so dass es nützlich ist, diesen klar gewordenen Theil 
der Cornea, der Pupille gegenüber zu bringen. Das ist durch 
die Durchschneidimg des Muskels, welcher das Schielen ver- 
anlasst, zu bewirken. Einige Fälle der Art, in denen ich diese 
Operation machte, führe ich hier an. 

Henriette M., Tänzerin, 21 Jahr alt, mit grossem Leukom 
der Hornhaut in Folge der Ophthalmia neonatorum und einer 
Cataracta centralis auf dem linken Auge, ward um so mehr 
entstellt, als die dimklen Augen besonders glänzend und leben- 
dig waren. Das Auge schielte stark nach innen und das Licht 
fiel von aussen in die Pupille, obgleich die Hornhaut an der 
inneren Seite eine grössere durchsichtige Stelle zeigte. Die 
Durchschneidung des inneren Augenmuskels be\\irkte völlige 
Heilung des Schielens und eine bedeutende Verbesserung des 
Sehvermögens. — Fast der nämliche Zustand fand sich bei 
Caroline G., ebenfalls mit einem Crossen Leukom des rechten 



Sil 

k 



190 

Anaes, welches auch stark nach innen schielte. Die Operation 
hob das Schielen vollständig und verbesserte auch hier das 
Sehvermögen. — Charlotte N., 14 Jalir alt, schielte in Folge 
eines grossen Leukoms, welches durch eine im 2ten Lebens- 
jahre überstandene Augenentzündung veranlasst war, stark 
nach innen. Pupille stark erweitert, Doppelsehen, Unempfind- 
Hchkeit gegen das Licht. Der Operation folgte unmittelbares 
Aufhören des Doppelsehens, und mit dem späteren Aufliören 
des Schielens, Verbesserung des Gesichts. — Mathilde A. . 
12 Jahr alt, litt in frühester Kindheit lange an einer Augen- 
entz-ündung. Die Hornhaut beider Augen wurde durchbrochen 
und die Iris fiel vor und verwuchs. Darnach stellte sich ein 
Schielen mit beiden Augen nach innen ein. Die Operation hob 
das Schielen und verbesserte das Gesicht. — CarlG., 44 Jahr 
alt schielte in Folge eines durch die Blattern entstandenen 
grossen Leukoms mit dem rechten Auge so stark nach innen, 
dass sich die Hornhaut bisweilen drei Viertheile weit im inne- 
ren Augenwinkel versteckte. Da ihr innerer Rand eine grös- 
sere durchsichtige Fläche zeigte, so hoffte ich von der Ope- 
ration wenigstens einigen Erfolg, und dies um so mehr, als 
das Auge gar nicht gebraucht werden konnte. Die Durch- 
schneidung des Muskels war von dem günstigsten Erfolge be- 
gleitet, und durch die Heilung des Schielens die grosse Ent- 
stellung vermindert imd einiges Sehvermögen auf dem Auge 
hergestellt. — Friedrike F., 20 Jahr alt, mit grossem Leukom 
der Hornhaut des linken Auges, schielte seit frühester Kind- 
heit nach innen. Auch hier war die Operation von einem gün- 
stigen Erfolge begleitet. — August B., 30 Jahr alt, mit einem 
grossen Leukom des rechten und einem kleineren des linken 
Auges, schielte mit beiden Augen stark nach innen. An die- 
ser Seile war die Ilornliaut am klarsten. Die Operation hob 
die falsche Stellung der Augen und machte den fast Erbhnde- 
ten durch verbessertes Sehvermögen äusserst glücklich. 

Eine grössere Anzalil ganz ähnlicher Fälle hier noch anzu- 
führen, ist unnöthig; nur einige Fälle von Strabismus diver- 
gens in Folge grosser Leukome mögen noch eine Stelle finden : 



191 

Friedrich L., 25 Jahr alt, schielte in Folge eines Leukoms auf 
(lein rechten Auge nach aussen. An dieser Seite war die Cor- 
nea am klarsten. Die Durchschneidung des M. rectus externus 
hob das Schielen und verbesserte das Sehvermögen. — Carl 
B., 28 Jahr alt, schielte mit beiden Augen nach aussen. Leu- 
kome der Hornhaut haften diesen Zustand liervorgebrachL Der 
Kranke sah besonders mit dem linken Auge sehr wenig. Die 
an beiden Augen unternommene Durchschneidung der ]\r. recli 
oxterni hob das Schielen und verbesserte tias Gesicht. — Wil- 
helm S., mit grossen Flecken beider Augen und starkem Schie- 
len nach aussen, wurde an beiden Augen mit dem nämlichen 
Erfolge operirt. 



Die Operation des Schiclcns bei grossen Leukomen der 
Hornhaut und früherer kiinsthchcr Pupillenbildung. 

Ich habe so eben bemerkt, dass das Auge bei partiellen 
h^ukomatösen Verdunkelungen der Hornhaut, welche Ursache 
des Strabismus sind, diejenige Stellung einnehme, bei welcher 
die Lichtstrahlen am leichtesten von der äusseren oder inne- 
ren Seite her zwischen der Narbe und der Iris zur Netzhaut 
gelangen können. Durch die Anlegung einer künstlichen Pu- 
pille wird das höchst unvollkommene Sehvermögen oft um 
Vieles verbessert. Die Gradstellung des Auges durch die Schiel- 
opcration könnte in manchen FäUen den durch die künstliche 
Pupille erlangten Vortheil nur verkleinem, in anderen aber 
kann derselbe nur vergrössert werden, wie die hier angeführ- 
ten Fälle zeigen. 

Charlotte B., 29 Jahr alt, von starkem, kräftigem Körper- 
bau, mit dunkelgrauen Augen , schielte seit frühester Kindheit 
nach innen; eine vorangegangene Augenentzündung war die 
Ursache. Im 17ten Jahre bekam sie in Folge emer neuen hef- 
tigen Augenentzündung ein Staphyloma corneae partiale auf 
dem rechten Auge, und auf dem linken eine linsengrosse weiss- 
liclie Trübunc der Hornhaut. Nach dieser neuen Verdunkelung 



192 

wurde das Sehvermögen, besonders auf dem rechten Auge, 
sehr verringert. Es war auf diesem Auge vor Jahren die Bil- 
dung einer künsthchen Pupille am äusseren Rande der Iris 
vorgenommen worden, welche sich rein mid gehörig gross 
erhalten hatte. Das Sehvermögen beider Augen war schwach 
und nur grössere Gegenstände konnten in seitlicher Richtung 
erkannt werden. Ich operirte nur das rechte, stärker schie- 
lende Auge, indem ich durch die Durchschneidung des inne- 
ren graden Augenmuskels und diu^ch Gradstellung des Auges 
den Lichteinfall durch die künstliche Pupille zu erleichtern 
hoflte. Der Erfolg übertraf noch meine Erwartung, nicht bloss 
dass das widerhche Schielen des leukomatösen Auges völlig 
beseitigt wnirde, sondern es hatte die Operation auch auf die 
Verbesserung des Sehvermögens den günstigsten Einfluss. 

Diesem Falle ist der folgende sehr ähnhch: Gustav S., 
Handlungsdiener, 30 Jahr alt, wurde bald nach der Geburt 
von einer Ophthalmia neonatorum befallen, in deren Folge sich 
auf dem rechten Auge, in der Mitte der Cornea, ein grosses 
Centralleukom bildete, welches den Kranken nicht Tag und 
Nacht von einander unterscheiden Hess. Geringere Trübungen 
der Hornhaut zeigte auch das andere Auge. In Folge dieser 
Trübungen bildete sich ein Strabismus des rechten Auges aus. 
Die künstliche Pupillenbildung am rechten Auge wurde vor 
8 Jahren gemacht, indem aus der Iris, in der Gegend des 
inneren Augenwinkels, ein beträchtlich grosses Stück entfernt 
wui'de. Die Pupille hat sich gross und schön erhalten und ge- 
währt einen bedeutenden Grad des Sehens. Von ihr aus er- 
kennt man noch eine Cataracta centralis und beide Augen lei- 
den am Nystagmus. Da das leukomatöse Auge sehr stark, das 
andere nur unbedeutend schielte, so durchschnitt ich nur bei 
dem ersten den M. rectus internus. Das Auge trat sogleich in 
die normale Seliaxc und die Heilung erfolgte mit gänzlichem 
Aufhören des Schielens und des Nystagmus, so wie mit be- 
deutender Verbesserung des Gesichts, da die künstliche Pu- 
pille jetzt dem Lichte besser zugekelirt war. 



193 



Die Operation des Schielens beim Staphyloma pellucidum. 

Sowohl beim Staphyloma opacum als pellucidum kann ein 
Strabismus internus oder externus eintreten. Bei jenem ist 
die Operation des Schielens niemals angezeigt, wenigstens 
nicht vor der Heilung des Staphyloms, um die Difformität 
etwas zu verringern. Beim Staphyloma pellucidum, wenn es 
mit Strabismus complicirt ist, kann die Operation auch nur 
die Hebung der Entstellung bezwecken, nicht aber das Sehen 
durch die zwar klare, aber in der Mitte hypertrophisch ver- 
dickte Hornhaut verbessern. 

Nur in einem Falle von Staphyloma pellucidum mit Stra- 
bismus divergens habe ich die Operation gemacht. Louise S., 
IG Jahr alt, von scrophulösem Habitus, mit einem durchsich- 
tigen Hornhautstaphylom des linken Auges und starkem Schie- 
len nach aussen, zeigte auch auf dem rechten Auge den leich- 
testen Grad beider Abnormitäten. Das Sehvermögen w^ar auf 
dem linken Auge sehr gering und die Entstellung sehr bedeu- 
tend; auch das rechte Auge sah schwach. Beim wechselnden 
Scliliessen der Augen verbesserte sich die Stellung nicht, und 
nur mit Mühe konnte der Augapfel in die Mitte der Sehaxe 
gebracht werden. Ich durchschnitt den M. rectus externus des 
Unken Auges, wodurch die Stellung verbessert, dasselbe aber 
noch nicht in die Mitte der AugenUdspalte gebracht wurde. 
Der Muskel zeigte die gewöhnUche Breite und Dicke und war 
hinterwärts seiner membranösen Insertion von rother Farbe 
und grosser Kräftigkeit. Vor der Durchschneidung löste ich 
ihn weit nach hinten durch Abschieben von der Hornhaut. Da 
ich ein Recidiv des Schielens befürchtete, so nahm ich aus 
dem inneren Augenwinkel noch eine Gonjunctivafalte heraus, 
um durch die auf diese Weise zu erzeugende Verkürzung der 
Bindehaut den Bulbus nach innen zu ziehen. Der Erfolg war 
günstig, das Schielen nach der Heilung gehoben und auch die 
geringe Abweichung des anderen Auges nach aussen durch Be- 
tupfen des inneren Augenwinkels mit Lapis infernalis beseitigt. 

13 



194 



Das Schielen mit Verdunkelung der Linse (Strabismus 
cum Cataracta). 

Die Complication von Strabismus und Cataracta sehen wir 
bei der Cataracta centrahs und bei centralen Yerdimkelimgen 
der Kapsel und der ganzen Linse, Nächst Hornhaut flecken ist 
indessen Cataracta centralis die häufigste Ursache des Stra- 
bismus. Das Auge sucht durch unwülkührliche Bewegimgen 
dem Lichte einen Zugang zur Retina zu verschaffen und es 
entsteht Nystagmus; oder es wendet sich permanent auf die 
eine oder die andere Seite so, dass das Licht immer in der- 
selben Richtung eindringt; oder es bildet sich eine combinirto 
abweichende Bewegung und Stellung, Strabismus mit Nystag- 
mus. Von Cataracta centralis, deren früher als eine der häu- 
figsten Ursachen des Schielens öfters gedacht wTirde, wird 
hier nicht weiter die Rede sein. Totale Verdunkelungen der 
Linse, der Kapsel, oder beider, sind ebenfalls bisweilen mit 
Strabismus complicirt; ausserdem finden sich bisweilen gleich- 
zeitig Leukome der Hornhaut. 

Es ist nicht anzunehmen, dass totale Verdunkelungen der 
Linse oder der Kapsel das Schielen herbeiführten, sondern 
dass dies durch eine an einer Stelle zuerst entstandene Trü- 
bung geschah. Als später Linse oder Kapsel sich total verdun- 
kelten, bheb das Auge schielend. Bei verwachsenen Staarcn 
wird das Auge bisweilen schielend, um einen schwachen Licht- 
einfall durch einen kleinen, nicht verwachsenen Rand der Iris 
zu gestatten. Ausserdem kann ein calaractöses Auge durch 
irgend ein organisches oder dynamisches Leiden der Augen- 
muskeln, oder durch Krankheiten der Umgebung schielend wer- 
den, so wie auch ein schielendes Auge nicht dadurch von der 
Staarbildung ausgeschlossen ist. 

Bei der Complication von Strabismus und Cataract ^\■ürde 
die Operation des ersteren nm' dann von Nutzen sein können, 
wenn auch die zweite mit Hoffnung auf Wiederherstellung des 
Sehvermögens gemacht werden könnte, denn was würde dem 



195 

Kranken die Gradrichtimg des blinden Auges helfen? Eine dritte 
Operation, welche hier ebenfalls erfordert werden könnte, wäre 
die Bildung einer künsthchen Pupille und die gleichzeitige Ope- 
ration der Cataract. 

Die Operation von Strabismus und Cataracta können zu ver- 
schiedenen Zeiten, oder gleichzeitig gemacht werden; ersteres 
ist wohl empfehlenswerther, um den Ausgang der einen Ope- 
ration abzuwarten, ehe man die zweite vornimmt. Wahrend 
jene in ihrer Ausführung nichts Besonderes hat, möchte ich 
bei der letzteren immer nur die Reclination oder die Zerslücke- 
hmg von der Sclerotica aus unternehmen und mich dazu einer 
sehr feinen Nadel bedienen. 

Die Operation des Schielens, bei welcher die Fixirung des 
Augapfels ein so wesentlicher Theil ist und die durch flaches 
Durchführen eines kleinen Häkchens so vollständig bewirkt 
werden kann, ohne dass darnach eine Entzündung des Auges 
erfolgt, möchte auch bei manchen anderen Operationen, z. B. 
beim verwachsenen Staar mit Pupillensperre, bei künsthcher 
Pupillcnbildung u. s. w., wenigstens von dem minder geübten 
Operateur bisweilen mit Nutzen angewendet werden können. 
Ein JüNGKEN bedarf dieser Hülfe zwar nicht, dass man aber 
schon früher eine Fixirung des Augapfels für wünschenswerth 
gehalten habe, beweisen mehrere der zu diesem Zweck cr- 
fmidenen Werkzeuge, z. B. der Spiess von Pamard, der Fin- 
gerhut von Rumpelt u. s. w. Die Wirkung der Nadel im Auge 
zm- Trennung von Adhäsionen, bei der Depression, Reclina- 
tion, Zerstückelung der Linse ist, wenn diese Theile eine be- 
deutende Festigkeit haben, viel gewisser, wenn der Augapfel 
festgehalten, als wenn er durch die Wirkung der Nadel mit 
bewegt wird. 

Bei der Gomphcation von Strabismus und Cataracta cen- 
trahs habe ich nur ersteren operirt, bei Verdmikelungen der 
Linse und der Kapsel aber auch die Staaroperation unternom- 
men. Doch smd dieser Fälle nur wenige. Eine 40jährige Frau 
schielte mit dem linken cataractösen Auge nach innen. Ich 
durchsclmitt den M. rectus internus. Das Schielen war geho- 

13* 



196 

ben und schon nach acht Tagen alle Röthe im inneren Augen- 
winkel verschwunden. Vierzehn Tage nach der ersten Opera- 
tion reclinirte ich den Staar von der Sclerotica aus, wobei der 
Augapfel mit dem Häkchen fixirt wurde. Es stellten sich keine 
entzündhchen Zufälle ein und der Erfolg war vollkommen gün- 
stig, das Auge stand grade und sah. 

Die gleichzeitige Operation von Strabismus und Cataracta 
unternahm ich in München bei dem 17jährigen Joseph E., von 
gesunder Constitution, mit braunem Haar und braunen Augen. 
Der junge Mensch wurde durch starkes Schielen nach innen 
und einer Cataracta gypsea des linken Auges sehr entstellt. 
Nachdem die Augenlider durch Augenlidhalter auseinander ge- 
zogen und der Bulbus durch Häkchen fixirt war, durchschnitt 
ich den inneren graden Augenmuskel. Das erste Häkchen, 
mit dem ich den Bulbus fixirle, hielt ich fortwährend fest. 
Während das zweite Häkchen, welches der Assistent hielt, 
entfernt worden war, durchstach ich mit einer sehr feinen 
Nadel die Sclerotica an der Stelle, wo der Muskel durchschnit- 
ten war, und entfernte die Linse aus der Sehaxe. Der ver- 
storbene Professor Wilhelm übernahm die Nachbehandlung; die 
Heilung erfolgte ohne weitere Zufälle, doch erfuhr ich später, 
dass die Linse zum Theil wieder aufgestiegen sei. Unmittel- 
bar nach der Operation sah der Kranke alle Gegenstände 
deutlich. 

Einen zum Theil günstigen Erfolg hatte die folgende Ope- 
ration: Carl K., 27 Jahr alt, mit blauen Augen, verletzte sich 
im 8ten Jahre seines Alters das linke Auge. Es entstand durch 
die Hornhautwunde ein Prolapsus iridis und Synechia ante- 
rior, wodurch die Pupille verzogen wurde. Dann bildete sich 
eine Cataracta capsulo- lenticularis aus, der einige Zeit später 
Strabismus convergens folgte. Das schielende cataractöse Auge 
verhielt sich in der Sympathie zu dem anderen, wie ein sehendes 
schielendes, indem es beim Schliessen des gesunden sich grade 
stellte. Ich machte die doppelte Operation zu gleicher Zeit. 
Nachdem ich den M. rectus internus durchschnitten hatte, hielt 
ich das Auge noch mit dem Häkchen fixirt und deprimirte die 



197 

Linse durch die Sclerotica. Es trat nach dieser doppelten Ope- 
ration kaum eine Entzündung ein, wodurch der unfolgsame 
Kranke verleitet wurde, schon am Tage darauf auszugeheti. 
Das Sehvermögen ist grossenlheils hergestellt, nur durch die 
neue Erhebung des Randes der Linse ist es etwas beschränkt. 
Das Scluelen ist vollkommen gehoben. 

Weniger günstig war die Operation von Strabismus mit Ca- 
taracta auf dem linken Auge. Ungeachtet einer strengen anti- 
phlogistischen Behandlung entstand Ilypopion und das Seh- 
vermögen wurde nicht hergestellt. 

Günstiger dagegen verlief, ungeachtet mancher stürmischen 
Erscheinungen, der nächste Fall: Fräulein W., 30 Jahr alt, 
mit graublauen Augen, schielte seit frühester Kindheit mit dem 
linken Auge nach innen. Eine Verletzung der Hornhaut mit der 
Spitze einer Scheere hatte die Entstehung einer weissen Narbe 
am äusseren Hornhaulrande, Verwachsung der Iris mit der 
Hornhaut und Verdunkelung der Linse und der Kapsel zur 
Folge. Ob der Strabismus früher schon vorhanden gewesen, 
oder sich erst hinterher gebildet habe, war nicht genau zu 
ermitteln, doch schien nach manchen Umständen er Folge je- 
ner Verdunkelung der durchsichtigen Medien des Auges gewe- 
sen zu sein, wiewohl das Umgekehrte angegeben wurde. Ob- 
gleich das Sehvermögen auf dem Auge völlig aufgehoben war, 
so zeigte es sich, der durch Verwachsungen herbeigeführten 
Verkleinerung und Unbeweghchkeit der Pupille ungeachtet, 
für den Lichtreiz empfänglich. Nachdem ich den M. rectus in- 
ternus durchschnitten, durchstach ich mit einer sehr feinen 
Nadel bei fixirtem Bulbus die Sclerotica, trennte die Adhä- 
sion und zerstückelte die Linse. Das Sehvermögen war in 
einem bedeutenden Grade sogleich wüeder hergestellt. Unge- 
achtet einer strengen antiphlogistischen Behandlung entstand 
eine heftige Reaction, welche mehrere Aderlässe und viele 
Blutegel zu wiederholten Malen nöthig machte. Nachdem die 
Erscheinung nachgelassen, wurden die kalten narkotischen 
Umschläge mit warmen und diese wieder mit grauer Salbe 
und Hyoscyamus vertauscht. Wenn auch der Erfolg der Ope- 



198 

ration nicht ganz günstig war, so war der Zustand doch ge- 
bessert; das Schielen war vollständig gehoben, die Entstel- 
lung durch die Gataract gemindert und das Sehvermögen nacli 
geschehener Resorbtion der zerstückelten Gataract noch zu 
erwarten. 

Ganz ohne Erfolg war die folgende Operation: Caroline 
J., 41 Jahr alt, mit blauen Augen und dunkelblondem Haar, 
schielte seit ihrer Jugend mit beiden Augen nach aussen, eine 
Folge der Ophthalmia neonatorum, welche zugleich eine Ca- 
taracta capsulo- lenticularis auf dem linken Auge erzeugte. Das 
Sehvermögen war auf dem rechten Auge gut, auch mit dem 
linken erkannte sie den Unterschied zwischen Tag und Nacht; 
die Pupille dieses Auges war etwas kleiner als die des ge- 
sunden, in Folge von Adhäsionen der Kapsel an die Iris. An 
beiden Augen wurden die M. recti cxterni durchschnitten und 
an dem linken die Linse durch die Hornhaut zerstückelt. We- 
gen lähmungsartiger Schwäche der inneren graden Augenmus- 
keln half die Durchschneidung der äusseren nicht; auch war 
geraume Zeit nach der Operation die Resorbtion der Linsen- 
fragmente nicht erfolgt. 

HerrN., aus Böhmen, 20 Jahr alt, erblindete in Folge einer 
Augenentzündung auf dem rechten Auge allmählig , worauf das 
Auge auch nach innen zu schielen anfing und sich nach Ver- 
lauf von einigen Jahren stark in den inneren Augenwinkel wen- 
dete. Der Staar war ein Kapsellinsenstaar und derselbe voll- 
kommen mit der Iris verwachsen, die Pupille daher völHg 
unbeweglich. Ich operirte den Strabismus durch die Durcli- 
schneidung des M. rectus internus. Es folgte der Operation 
eine heftige Augen entzündung, welche mehrere Aderlässe und 
öftere örtliche Blutentziehungen nöthig machte. Salinische Ab- 
führungen und strenge Diät hoben die acute, später der län- 
gere Gebrauch des Zittmannschen Decocts die sich entwickelnde 
chronische Augenentzündung. Das Auge stand jetzt vollkom- 
men grade und konnte nach allen Richtungen hin bewegt wer- 
den. Zur Operation der Gataract konnte ich mich noch nicht 
entschliessen, und dies um so mehr, als Herr Prof. Jüngken 



I 



199 

dieselbe erst nach längerer Zeit zu unternehmen rieth. — Bei 
Carl F., 18 Jahr alt, welcher mit dem cataractösen Auge stark 
nach innen schielte, wurde nach der Muskeldurchschneidung 
die Discision der Linse vorgenommen. Die Reaction nach die- 
ser doppelten Operation war äusserst gering und der Erfolg 
vollkommen günstig. 



Von den Pendelschwingungen des Augapfels (Nystagmus 
bulbi, Nystaxis). 

Der Nystagmus ist eine unwillkührliche Pendelbewegung 
einer oder beider Augäpfel, ein öfterer Begleiter des Schielens, 
besonders des Strabismus internus, und bisweilen mit Blinzeln 
der Augenlider verbunden. Äfan nennt diesen Zustand auch 
wohl das Zucken mit dem Auge, zwar nicht ganz bezeichnend, 
da Zucken eine schnelle, energische, unwillkührliche Bewegung 
ausdrückt, diese sich aber nur bisweilen beim Nystagmus zeigt; 
es sind vielmehr leise, sanfte, wellenförmige, freilich oft sehr 
schnelle Schwingungen des Augapfels von einer Seite zur an- 
deren, bald stärker, bald schwächer. Bisweilen verwandeln 
sich die Hin- und Ilcrschwingungen in halbrotirende, so dass 
die Schwingungsbahn einen drittel Kreis mit nach unten ge- 
richteter Convexität beschreibt. Der Gours der Bewegungen 
kann auch eine elliptische Gestalt haben, deren beide Spitzen 
den Augenmuskeln zugekehrt sind. Selbst kreisförmig können 
diese unwillkührlichen Bewegungen des Augapfels sein und 
das Auge auch in verschiedenen unregelmässigen Richtungen 
geschwungen werden. 

Das Uebel kommt permanent oder periodisch vor und ist 
mit Blinzeln der Augenlider zusammengesetzt, aber auch oft 
ohne dieses. Es steht unter dem höchsten Einfluss allgemeiner 
Nervenzustände, und während die Schwingbewegungen des 
Augapfels im Zustande der Ruhe gleichmässig maschinenartig 
vor sich gehen, machen Gemüthsbewegungen, Angst, Sorge, 
Hoffnung und Furcht das Auge bei manchen Personen unre- 



200 

gelmässig in der Augenhöhle umherschwirren, worauf sie dann 
wohl, im Gefühl der Beschämung, die Hand vor die Augen 
halten, bis der Sturm vorüber ist. 

Diese Bewegungen des Augapfels sind durchaus unwill- 
kührlich; sie geschehen, ohne dass der Kranke sich ihrer be- 
wusst wird und ohne dass sie das Sehen stören. Sie finden 
sogar Statt, während das Auge auch zugleich willkührlich be- 
wegt wird; es ist eine unwillkührliche Bewegung in einer will- 
kührlichen. Man bezeichnet den M. rectus internus und exter- 
nus als den Sitz dieser widernatürlichen Erscheinung, beson- 
ders weil die Bewegungen des Auges meistens in perpendi- 
culärer Bichtung geschehen. Doch sowohl das Eigenthümliche 
der Bewegung und das Durchlaufen einer anderen Bahn bei 
gleichzeitiger willkührlicher Bewegung des Augapfels in ande- 
rer Richtung, machen mich glauben, dass nicht die willkühr- 
lichen allein, sondern die unwillkührlichen Bewegungsmuskeln 
des Auges, der M. trochlearis und der M. obhquus inferior, der 
Sitz dieses krampfhaften Zustandes sind. Doch ist es auch mög- 
hch, dass in gewissen Fällen der Krampf die sammtlichen übri- 
gen Augenmuskeln durchläuft. 

Der Nystagmus, er mag mit Schielen compHcirt sein oder 
nicht, hat in der Regel seinen Grund in irgend einem kleinen 
organischen Hinderniss auf der Oberfläche des Auges oder im 
Auge selbst, welches die Lichtstrahlen bei ihrem Einfall in 
das Auge bricht. Da nun der in der Strömung der Lichtstrah- 
len liegende dunkle Punkt diese abschneidet, so wird das 
Auge durch die \Yahlverwandtschaft zum Lichte in eigenthüm- 
liche Schwingungen versetzt, welche nichts anderes sind, als 
das fortwährende, den Lichtstrahlen Ausweichen des dunke- 
len Orts. Klein muss die verdunkelte unterbrechende Stelle 
nur sein, um den Nystagmus hervorzubringen; grosse Verdun- 
kelungen geben dagegen mehr Veranlassung zur permanenten 
Verdrehung der Augen; Nystagmus ist hier viel seltener. 

Diese eigenthümlichen Schwingungen des Auges finden wir 
sehr häufig bei blind gebornen Kindern oder den in Folge von 
Ophthalmia neonatorum erbhndeten. Entweder sind es kleine, 



201 

im Centrum der Pupille liegende Verdunkelungen der Horn- 
haut, oder Cataracta centralis, besonders wenn dieselbe sich 
in der ersten Lebensepoche gebildet halte. Bei der in späte- 
ren Jahren entstandenen Cataracta centralis, wo das Auge 
schon an Stabilität gewonnen hatte, mag sich wohl schwer- 
lich mehr Nystagmus ausbilden, wenigstens ist mir kein Fall 
der Art vorgekommen. 

Ausser diesem, aus organischen Fehlern des Auges ent- 
standenen Nystagmus, giebt es einen rein nervösen. Dieser 
ist gewöhnlich periodisch und kommt besonders bei nervösen 
Amblyopien und Amaurosen vor. Auch bei hysterischen Kräm- 
pfen entsteht bisweilen ein Nystagmus. 

Der von organischen Ursachen herrührende Nystagmus mit 
oder ohne Strabismus hört bisweilen auf, wenn die Ursache 
gehoben wurde, z. B. die Cataracta centralis oder der graue 
Staar; oder wenn Verdunkelungen der Hornhaut, welche ihn 
hervorriefen, sich wieder aufhellten. Oft aber dauert die Wir- 
kung fort, wenn die Ursache auch aufgehört hatte, und ich 
sah viele Individuen, deren völlig wieder klar gewordene Ilorn- 
hautnarben den Durchgang des Lichtes nicht störten und welche 
an Nystagmus zu leiden fortfuhren. 

Interessanter noch als der einfache Nystagmus ist die Zu- 
sammensetzung desselben mit Straljismus. Es ist dies eine fal- 
sche Stellung mit falscher Bewegung aus organischen Hinder- 
nissen des Lichteinfalls in das Auge. Entweder ist dies Hin- 
derniss eins und dasselbe, oder ein verschiedenes; ein dun- 
kler Fleck der Hornhaut bringt das Schielen hervor und eine 
gleichzeitige Cataracta centralis den Nystagmus. Der umge- 
kehrte Fall ist viel seltener. Die Complication von Strabismus, 
gewöhnlich ist es ein internus, datirt ihre Entstehung aus der- 
selben Zeit, doch geht der Nystagmus dem Schielen gewöhn- 
lich voraus, da er als spastische Erscheinung früher sich aus- 
bilden kann, als die permanente Abweichung des Auges in 
einer Richtung. Es ist als käme die Schielstellung der schwin- 
genden zu Hülfe, um das Hemmniss der Verdunkelung mög- 
lichst aus dem Wege zu halten. 



202 

Die Heilung des Nystagmus , er mag allein oder mit gleich- 
zeitigem Schielen vorkommen, ist durch Muskeldurchschneidung 
mÖgUch. Es möchte ein passender Einwurf gegen die Opera- 
tion sein, ob durch die Heilung dieser Zustände und durch 
die normale Stellung und Ruhe des Augapfels das Gesicht 
nicht geschwächt werde, indem man das Auge aus dem Lichte, 
welches es sich gesucht hatte, in die Dunkelheit zurückführte. 
Doch ist die Cataracta centralis nicht dem Sehen hinderlich, 
und Flecken der Hornhaut, welche in der Kindheit Schielen 
erzeugt haben, sind, wenn sie nicht zu gross waren, bei Er- 
wachsenen gewöhnlich so weit wieder aufgeklart, um das 
Licht durchfallen zu lassen. Jüngken sah den Nystagmus in 
Folge centraler Verdunkelung der Hornhaut, wenn er das Seh- 
vermögen mittelst einer Iridectomic wiederherstellte, wodurch 
er die Pupille nach dem durchsichtigen Theile der Hornhaut 
hin so erweiterte, dass die Lichtstrahlen wieder ungehindert 
zur Retina gelangen konnten; eben so sah er den Nystagmus 
nach der Operation der Cataracta congenita, aber oft erst nach 
Jahren, allmählig verschwinden. 

Die von mir schon zu Ende des Jahres 1839 unternom- 
menen Operationen zur Heilung des Nystagmus geschahen bei 
Personen, welche nur an Nystagmus allein, oder an Nystagmus 
und Schielen zugleich litten, weshalb ich verschiedene Mus- 
keln durchschnitt. 

Meine Vermuthung, dass nicht der äussere und innere grade 
Augenmuskel allein der Sitz des Nystagmus sei, wurde beson- 
ders dadurch vermehrt, dass die gleichzeitige Durchschneidung 
dieser Muskeln die Augenschwingungen nicht plötzlich aufhö- 
ren machten, wiewohl dieselben sich allmählig, vielleicht durch 
Nervenreflex, oder auch durch das durch die Operation be- 
wirkte Rigiderwerden der gedachten Muskeln, verloren. Ich 
durchschnitt einem 12 jährigen Knaben, welcher an einem star- 
ken Nystagmus des linken Auges in Folge einer Cataracta cen- 
tralis litt, den graden inneren und äusseren Muskel. Die Bc- 
wesunsen Hessen unmittelbar darauf bis auf kleine Schwin- 
gungen nach. Es folgte kaum einige Entzündung auf die Ope- 



203 

ration. Die Hin- und Ilerschwingungcn fanden noch selten 
Statt imd mit der Vernarbung waren sie gänzlich verschwun- 
den. — Der folgende Fall war diesem ähnlich. Carl \V., 16 Jahr 
alt, mit Cataracta centralis des linken Auges und sehr starkem 
Nystagmus, wurden der M. rectus internus und externus durch- 
schnitten. Das Auge \vurde sogleich ruhiger, doch fanden noch 
sehr kleine Bewegungen Statt, welche nach der vollständigen 
Heilung der Wunde ganz aufhörten. 

Eben so günstig war der Erfolg der Durchschneidung des 
graden äusseren und inneren Muskels, wenn beide Augen an 
Nystagmus litten. Ein 15jähriger Knabe mit Cataracta centralis 
beider Augen, öfteren scrophulösen Entzündungen der Palpe- 
bralbänder unterworfen, htt seit frühester Kindheit an Nystag- 
mus. Der scrophulösen Anlage wegen wagte ich die Operation 
anfangs nur an einem Auge, an dem ich die gedachten Mus- 
keln durchschnitt. Nach der Heilung wurden auch die Muskeln 
des anderen Auges durchschnitten. Die Heilung war so voll- 
ständig, dass man niemals die kleinste unwillkührüche Bewe- 
gung der Augäpfel wahrnahm. 

Nicht minder günstigen Erfolg hatte die Durchschneidung 
der graden inneren und äusseren Augenmuskeln bei einem 
16jährigen Menschen mit sehr starkem Nystagmus. Das Uebel 
war in Folge von Geschwüren auf der Hornhaut entstanden. 
Die Narben waren vollkommen transparent. Das Gesicht war 
schwach und undeutlich. Wegen einer seit Jahren bestehen- 
den Augenlidentzündung besorgte ich eine bedeutende Reac- 
tion, wenn ich beide Augen zugleich operirte, und nahm des- 
halb zuerst nur die Durchschneidung des M. rectus internus 
und externus an dem linken Auge vor. Die Zufälle nach der 
Operation waren ganz unbedeutend, weshalb ich li Tage spä- 
ter die nämliche Operation an dem anderen Auge machte. 
Beide Augen wurden vollkommen vom Nystagmus geheilt; auch 
die chronische Entzündung der Augenlider verschwand. 

Die Durchschneidung des M. oblicjuus superior und infe- 
rior bei einem 12jährigen Knaben mit Cataracta cenfraHs des 
linken Auges und Nystagmus hob das Uebel vollständig. 



204 

Die hier so eben angeführten Fälle waren solche, wo Ny- 
stagmus ohne Schielen vorkam und wo das Uebel durch Mus- 
keldurchschneidung gehoben wurde. Bei weitem zahlreicher 
sind meine Beobachtungen, wo Cataracta centralis oder Flecken 
der Hornhaut Schielen, und zwar meistens nach innen, und 
Nystagmus erzeugten. Bei dieser Complication von Schielen 
hob in der Regel die Durchschneidung des Muskels, welcher 
das Auge auf die Seite zieht, auch den Nystagmus, so dass 
es hier nicht nöthig ist, auch den Opponenten noch zu durch- 
schneiden. 

Herr K., Musikus, 26 Jahr alt, mit dunkelblauen Augen, 
wurde in Folge einer scrophulösen Augenentzündung, welche 
kleine centrale Hornhautnarben zurückliess, schielend; gleich- 
zeitig bildete sich ein bedeutender Nystagmus aus. Das Seh- 
vermögen war besonders auf dem linken Auge so schwach, 
dass der Patient damit nicht einmal grosse Buchstaben erken- 
nen konnte. Die Durchschneidung des M. rectus internus hob 
das Schielen und den Nystagmus, und schon S Tage nach der 
Operation reiste der Mann ab. — Caroline T., ein lOjähriges 
Mädchen, wurde in frühester Kindheit nach einer Augenentzün- 
dung mit beiden Augen schielend und an Nystagmus leidend. 
An beiden Augen durchschnitt ich die inneren graden Augen- 
muskeln. Die Heilung erfolgte sehr schnell, doch stand das 
linke Auge ein wenig mehr nach innen. — Eben so günstigen 
Erfolg hatte die Operation bei Herrn K., 31 Jahr alt, welcher 
an Schielen beider Augen nach innen, an Nystagmus und be- 
deutender Amblyopie des linken Auges litt. Das Sehvermögen 
ward durch die Operation ebenfalls sehr verbessert. 

Verbesserung des Schielens nach innen und des Nystagmus 
erfolgte bei einem 3jährigen, vollkommen gesunden Kinde, mit 
blauen Augen und blondem Haar. Nur das linke Auge, welches 
am meisten nach innen gewendet war, operirte ich, indem ich 
den M. rectus internus von einer kleinen Conjunctivaöffnung aus 
durchschnitt — Gänzüch unwirksam war die Durchschneidung 
beider graden inneren Augemnuskeln bei dem 14jährigen Z., 
welcher an starkem Strabismus internus und Nystagmus in 



205 

Folge von Hornhautflecken litt. — Dagegen hob die nämliche 
Operation bei dem höchsten Grade von Strabismus internus 
mit ungewöhnlich heftigem Nystagmus von Cataracta centralis 
das Schielen bei einer jungen Lehrerin. Nach der Heilung der 
Wunde im inneren Augenwinkel stand das vollkommen ruhig 
gewordene Auge grade. 

Ein besonders schwieriger Fall war der folgende: Ein 
li jähriger Knabe, von scrophulösem Habitus, wurde in den 
ersten Lebenstagen von Ophthalmia neonatorum befallen; spä- 
ter bemerkte man auf beiden Augen Cataracta centrahs und 
Flecken auf der Hornhaut. Die Augen schielten abwechsekd, 
irrten dabei aber unstät bald in activer, bald in passiver Be- 
wegung umher. Das Gesicht war kurz und undeutlich. Ich 
durchschnitt an dem rechten Auge den M. obliquus supcrior, 
worauf sogleich eine grosse Ruhe eintrat. Ungeachtet einer 
streng kühlenden Behandlung erfolgte eine heftige Entzündung 
und Anschwellung des Zellgewebes der Orbila, wodurch der 
Augapfel aus seiner Höhle hervorgelrieben wurde. Ein star- 
ker Aderlass und das in den folgenden Tagen öfter wieder- 
holte Ansetzen von Blutegeln, kalte Umschläge und Salzabfüh- 
rungen, beseitigte die Entzündung vollkommen. Der Erfolg der 
Operation war in jeder Hinsicht befriedigend, indem sowohl 
das Schielen als der Nystagmus gehoben war. Die Operation 
des anderen Auges gedenke ich in späterer Zeit vorzuneh- 
men. — Denselben günstigen Erfolg hatte die Durchschneidung 
des M. trochlearis bei der 24jährigen Emiüe S., welche an 
Nystagmus und Schielen nach imien und oben des linken Auges 
htt. Auf der Hornhaut zeigten sich kleine Narben. Die Durch- 
schneidung der Sehne des M. trochlearis brachte das Auge in die 
normale Stellung und hob zugleich die Pendelschwingungen. 

Der interessanteste, mir erst in letzterer Zeit vorgekom- 
mene Fall von wechselndem Schielen mit Nystagmus, ist der 
folgende, zu dessen Heilung ich die meisten der Augenmus- 
keln durchschnitt. Fräulein v. Z., 13 Jahr alt, von blühender 
Constitution, w'ar in früher Kindheit von einer scrophulösen 
Augenentzündung befallen, nach welcher centrale Hornhaut- 



206 

narben entstanden. Es bildete sich darauf ein krampfliaftes 
Schielen beider Augen aus, indem dieselben abwechselnd 
bald nach innen, bald nach aussen und bald nach oben so 
gewaltsam verdreht wurden, dass besonders auf dem linken 
die Hornhaut sich bald im äusseren, bald im inneren Winkel 
und bald unter dem oberen Augenhde verbarg. Diesen gros- 
sen Hauptbewegungen waren kleinere Schwingungen unter- 
geordnet, welche bald jene begleiteten, bald beim Nachlass 
des Schielens als gewöhnlicher Nystagmus sich zeigten. Ich 
durchschnitt zu verschiedenen Zeiten erst an dem rechten 
Auge den M. rectus internus und externus. Dadurch wurde 
der Zustand nur etwas gebessert. Später durchschnitt ich an 
dem linken Auge ebenfalls den M. rectus externus und inter- 
nus. Auch hiernach erfolgte Besserung und Verringerung der 
heftigen comoilsivischen Bewegungen des Auges. Acht Tage 
später durchschnitt ich auf dem zuerst operirten Auge den 
M. rectus superior und den M. oblicfims superior. Wieder acht 
Tage später an dem hnken Auge den M. rectus superior und 
M. obliquus superior. Bald war die Heilung der Wunde wie- 
der geschehen. Die Augen standen jetzt vollkommen ruhig 
und wirbelten und schaukelten sich nicht mehr in der Augen- 
höhle umher, die willkührlichen Bewegungen waren nach allen 
Seiten hin frei und das frühere unvollkommene Sehvermögen 
hatte sich bedeutend gebessert. Nach einiger Zeit trat indes- 
sen ein neuer Uebelstand ein ; das linke Auge begann allmählig 
nach aussen zu schielen. Ich wiederholte deshalb die Durch- 
schneidung des gradcn äusseren Muskels, nachdem ich ihn 
weit nach hinten von der Sclerotica abgeschoben hatte, und 
da der Augapfel sich sogleich nach innen stellte, glaubte ich 
keine Fixirung in dieser Stellung mittelst eines Fadens zu be- 
dürfen; doch drehte sich mit der eintretenden Vernarbung das 
Auge abermals nach aussen, weshalb ich mich zu einer drit- 
ten Dmxhschneidung des M. rectus externus genöthigt sah. 

Bei angeborner Kleinlieit des Augapfels (Mikrophthalmie) 
können Strabismus oder Nystagmus, oder beide zugleich, aus 
denselben Ursachen wie bei normalen Augen entstehen. Da- 



207 

liin gehören z, B. Flecken auf der Hornhaut, der Linsenkapsel 
u. s. w. Die Kleinheit des Augapfels scheint sogar das Schie- 
len und den Nystagmus wegen überflüssigen Raums des Bul- 
bus in der Augenhöhle melii' zu begünstigen, als eine unge- 
wöhnliche Grösse des Sehorgans. Nur zwei auffallende Bei- 
spiele dieser Art sind mir vorgekommen. Der erste Kranke, 
Friedrich IL, 30 Jahr alt, war mit Mikrophthalmie des linken 
Auges geboren. Während das rechte Auge eine normale 
Stellung und Grösse hatte, schielte das linke im dritten 
Grade nach innen, und zwar mit periodischen con\'ulsivischen 
Bewegungen auch nach verschiedenen anderen Richtungen, 
welche mit Nystagmus abwechselten. Dieser Nystagmus trat 
auch bisweilen, aber ohne Schielen, auf dem rechten Auge 
ein, ohne dass irgend eine Trübung an dem Auge sichtbar 
war, oder früher vorhanden gewesen wäre. Das kleine linke 
Auge zeigte dagegen eine schwache centrale Verdunkelung 
auf der vorderen Kapselwand. Die Pupille dieses Auges war 
von mittlerer Weite, aber fast unbeweglich, und das Sehver- 
mögen auf diesem Auge so gering, dass der Patient nur die 
grösste Schrift mühsam damit zu erkennen vermochte. Ich 
dm-chschnitt hier zuerst den M. rectus mternus. Die Operation 
war selu" leicht. Der Stand des Auges war danach nur etwas 
besser und der Nystagmus stellte sich noch periodisch ein. 
Nach der Heilung war die Stellung des Auges wenig verbes- 
sert und der Nystagmus etwas geringer. Acht Tage später 
durchschnitt ich den M. rec-tus internus abermals, aber wei- 
ter nach hinten, excidirte zugleich eine beträchtliche Falte 
der Bindehaut aus dem äusseren Augenwinkel, verband das 
rechte Auge und lagerte den Patienten so, dass er das Auge 
fortwährend nach aussen drehen musste. Nach erfolgter Hei- 
lung erschien die Stellung des Auges wiederum sehr bedeu- 
tend verbessert, und um sie ganz vollkommen zu machen, 
nahm ich abermals ein Stückchen Bindehaut aus dem äusse- 
ren Augenvsänkel fort. Nach vollendeter Heilung stand das 
Auge vollkommen grade. Alle imwillkührlichen Bewegungen 
in den vier graden Augenmuskeln hatten aufgehört und nur 



208 

selten zeigte sich noch eine leichte Schwingung in den M. ob- 
liquis. Ich fand keinen Beruf, diese durch eine Durchschnei- 
dung dieser Muskeln zu heben, sondern war mit dem Erfolge 
um so mehr zufrieden, als auch das Sehvermögen auf diesem 
kleinen Auge gebessert war. 

Der zweite Fall von Mikrophthalmie mit Strabismus spas- 
modicus und Nystagmus kam bei dem 17jährigen Carl H. vor. 
Das Sehen mit den kleinen Augen war schwach und durch 
das Vorhandensein von Cataracta centralis und kleinen Ilorn- 
hautflecken noch unvollkommen. Die Augen hatten vorzugs- 
weise eine Stellung nach innen und schwangen sich dabei 
leise hin und her; plötzlich aber entstand ein krampfhaftes 
Schielen nach aussen und hierauf ein Rollen der Augen, wor- 
auf sich dieselben wieder in den inneren Augenwinkel ver- 
senkten. Ich durchschnitt zuerst beide M. recti interni. Die 
Augen drehten sich darauf ganz nach aussen, die grossen 
Krampfbewegungen hörten jetzt völlig auf und nur die klei- 
neren dauerten noch fort. Nach acht Tagen durchschnitt ich 
die M. recti externi, worauf die Augen binnen dreien Tagen 
sich in die normale Sehaxe stellten. Der Erfolg der Operation 
war völlige Hebung des Schielens, stärkere Prominenz der 
Augen und gebessertes Sehen. Der Nystagmus war beträcht- 
hch vermindert. Auch hier fand ich keine Veranlassung, dies 
kleine Uebel durch die Durchschneidung der M. obUqui zu 
heben. 



Höherer Grad von amaurotischer Amblyopie in Folge 
des Schielens. 

Eine der gewöhnlichsten Erscheinungen bei allen Arten des 
Schielens ist die Störung des Sehvermögens, welche in den 
meisten Fällen sich nur als Gesichtsschwäche zeigt, selten je- 
doch einen so hohen Grad erreicht, dass das Auge nur den 
Unterschied von Dunkelheit und Licht w^ahrnimmt. Diese amau- 
rotische Amblyopie ist nur Folge der falschen Stellung des 



209 

Auges, wovon vielleicht die Gompression, welche der stark 
verkürzte Augenmuskel auf den Bulbus ausübt, mit einigen 
Antheil hat. Sie verschwindet aber nach der Durchschneidung 
des Muskels und der Gradstellung des Auges. Einiger dieser 
Fälle habe ich schon in dieser Schrift gedacht, anderer aber 
noch nicht Erwähnung gethan. Ein lOjähriges Mädchen schielte 
mit beiden Augen, mit dem linken jedoch am stärksten, nach 
innen. Das rechte Auge sah scharf, das hnke unterschied nur 
schwach Tag und Nacht. Die Durchschneidung des M. rectus 
internus des linken Auges hob die Blindheit vollkommen. — 
Auguste K., 12 Jahr alt, schielte mit dem linken Auge stark 
nach innen. Das Auge war blind, die Pupille verengt und nur 
Tag und Nacht wau"den unterschieden. Auch hier stellte die 
Operation das Sehvermögen \vieder vollkommen her. — August 
K., 40 Jalu' alt, schielte mit beiden Augen, und zwar mit dem 
inken am stärksten, nach innen. Letzteres Auge unterschied 
nur Helle und Dunkelheit. Nach der Durchschneidung des Mus- 
kels wm'de das Gesicht etwas gebessert und binnen einigen 
Monaten sah das Auge ganz vollkommen. 

Beim Schielen nach aussen, wenn dieses, wie es gewöhn- 
lich der Fall ist, auf einer Lähmung des M. rectus internus be- 
ruht, kommt der höhere Grad von Gesichtsschwäche noch häu- 
figer vor und ist in dieser Zusammensetzung mit einem para- 
lytischen Leiden weniger auffallend. So wie der Strabismus 
internus sich meistens aus frühester Kindheit herschreibt, so 
sehen wir den Strabismus divergens paralyticus meistens bei 
Erwachsenen, oft auch noch im späteren Alter entstehen, und 
die Gesichtsschwäche dennoch durch die Operation gehoben 
. oder wenigstens gebessert werden. Ich könnte viele Fälle 
der Art hier anführen, von denen ich jedoch nur die auf- 
fallendsten citire: Garohne H., 20 Jahr alt, schielte mit beiden 
Augen in Folge eines Nervenfiebers seit 3 Jahren nach aussen. 
Die Pupillen waren beweghch und das Gesicht so schwach, 
dass nur grössere Gegenstände unterschieden wurden. Die 
Dmxhschneidung der äusseren Augenmuskeln veränderte die 
Stellung der Augen nur wenig; da ich aber aus beiden inne- 

14 



210 

ren Augenwinkeln ein grosses Conjimctivastück herausnahm, 
so erhielten die Augen nach vollendeter Heilung eine normale 
Stellung. Mit der sich allmähUg verbessernden Stellung nahm 
auch das Sehvermögen zu. — Carl H., Tischler, 30 Jahr alt, 
schielte seit 10 Jahren, besonders aber mit dem linken Auge, 
stark nach aussen; das Gesicht war sehr schwach und nur 
die Umrisse grösserer Gegenstände konnten unterschieden wer- 
den. Auch hier erfolgte vollkommene Wiederherstellung des 
Sehvermögens mit dem Aufhören des Schielens. — Friedrich 
K., Buchbinderlehrling, 18 Jahr alt, mit dunkelblondem Haar 
und blauen Augen, schielte seit frühester Kindheit ohne be- 
kannte Ursache mit dem linken Auge stark nach innen. Beide 
Pupillen waren gleich weit. Das gesunde Auge sah scharf, 
das schielende konnte nur in grösster Nähe die Umrisse gros- 
ser Gegenstände, w-elche von Dämmerung umgeben zu sein 
schienen, wahrnehmen. Die Durchschneidung des M. rectus 
internus, nach welcher das Auge sogleich die normale Stel- 
lung annahm, bewirkte augenblickhch eine Verbesserung des 
Sehens. Die Heilung erfolgte binnen wenigen Tagen, und einige 
Wochen später war das operirte Auge dem anderen an Stel- 
lung und Sehkraft völlig gleich. — Valentin J., Büchsenmacher 
aus Suhl, 32 Jahr alt, mit schwarzem Haar und braunen Augen, 
schielte seit seinem 3ten Jahre nach einem epileptischen An- 
fall mit dem rechten Auge stark nach innen. Das Sehvermö- 
gen war auf diesem Auge so schwach, dass der Patient da- 
mit nur grosse Gegenstände wie vom Nebel umhüllt erkennen 
konnte. Wurde dasselbe auf die andere Seite gerollt, so sah 
der Kranke doppelt, d. h. mit dem gesunden Auge klar, mit 
dem anderen dunkel. Die Durchschneidung des M. rectus in- 
ternus brachte das Auge sogleich in die normale Stellung, der 
Kranke sah besser, und schon am Oten Tage nach der Ope- 
ration, wo derselbe völlig geheilt war, konnte er mit diesem 
Auce lesen. Auch hier erfolste vollkommene Herstellung des 
Gesichts. 

Ein fast an Blindheit gränzender Grad von Gesichtsschwäche 
des rechten schielenden Auges fand sich bei dem 10jährigen 



211 

Friedrich G.. mit Jiellblondem Ilaar und blauen Augen. Er 
scliielte seit frühester Kindheit. Unmittelbar nach der Durch- 
schneidung des inneren Augenmuskels behielt das Auge noch 
eine geringe Richtung nach innen, das Sehvermögen war aber 
sogleich bedeutend verbessert und wurde spater, so wie die 
Stellung des Auges, völlig normal. Sechs Tage nach der Ope- 
ration war der Knabe nicht mehr Gegenstand der Behand- 
lung. — Adolph F., 28 Jahr alt, mit dunklem Haar und dun- 
klen Augen, schielte mit denti rechten Auge stark nach innen 
und mit dem linken auch ein wenig. Das Schielen hatte sich 
seit dem 3ten Jahre eingestellt. Der hohe Grad von Amblyo- 
pie besserte sich sehr langsam. — Otto IL, 12 Jahr alt, mit 
blondem Haar und blauen weitsichtigen Augen, schielte seit 
dem 5ten Jahre mit dem hnken Auge stark nach innen. Oefter 
trat Doppelsehen ein. Dies verschwand unmittelbar nach der 
Operation, welche einen so guten Erfolg hatte, dass der hohe 
Grad von Amblyopie sich darnach verlor und keine Spur vom 
Schielen zurückbheb. — Friiulein Rosamunde S., 21 Jahr alt, 
schielte seit frühester Kindheit in Folge einer scrophulösen 
Augenentzündung mit beiden Augen nach innen. Die Durch- 
schneidung der inneren graden Augennmskeln hob das Schie- 
len und die Schwachsichtigkeit. — August J. schielte seit frü- 
hester Jugend, und zwar seit dem Zahnen, mit dem linken 
Auge nach innen; auch das rechte schielte in einem geringe- 
ren Grade. Die Operation führte sogleich eine normale Stel- 
lung der Aussen herbei, das schwache Sehvermöii;en verbes- 
serte sich, dagegen trat einige Zeit lang Doppelsehen ein. 
Starke Wucherungen der Gonjunctiva im inneren Augenwin- 
kel wurden mit der Scheere entfernt. Lange Zeit nach der 
Operation hatte das rechte Auge eine geringe Neigung nach 
aussen angenommen. — Sophie H., 24 Jahr alt, mit blondem 
Haar und dunkelljlauen Augen, schielte seit frühester Kind- 
heit mit beiden Augen, besonders aber mit dem linken, stark 
nach innen. Letzteres sah schwach und die Pupille war er- 
weitert. Die Operation, welche ich in München machte, hatte 
einen vollkommen günstigen Erfolg. Das Schielen war geho- 

14* 



212 

ben und das Sehvermögen besserte sich alltnähhg. — Marie 
S., 11 Jaiir alt, mit braunem Haar und graugrünen Augen, 
schielte in Folge einer Augenentzündung mit beiden Augen, 
am stärksten jedoch mit dem linken, nach innen. Die Durch- 
schneidung des M. rectus internus des linken Auges hob die 
grosse Schwachsichtigkeit durch die verbesserte Stellung, 
welche nach der Operation auch auf dem anderen Auge er- 
folgte. Doppelsehen nach der Operation trat hier nicht ein; 
vor derselben fand es nur Statt, wenn die Gegenstände bis 
an die Nase gebracht wurden. — Carl 0., Glaser, 19 .Tahr 
alt, mit blondem Haar und braunen Augen, schielte mit dem 
rechten Auge seit dem 3ten Jahre stark nach innen. Beide 
Pupillen waren stark erweitert, und bei scharfer Fixirung der 
Gegenstände nahm die falsche Stellung des schielenden Auges 
noch beträchtlich zu. Die Durchschneidung des M. rectus in- 
ternus hatte die Herstellung des höchst geringen Sehvermö- 
gens und eine normale Stellung des Auges zur Folge. — Ca- 
roline N., mit blondem Haar und blauen Augen, schielte seit 
frühester Kindheit mit dem linken Auge stark nach innen. 
Beide Pupillen waren gleich weit und das linke Auge konnte 
nur die Umrisse grösserer Gegenstände dunkel erkennen. Die 
Durchschneidung des M. rectus internus hatte die völlig natür- 
liche Stellung des Auges und deutliches Sehen auf demselben 
zur Folge. — Cäcihe A., mit blondem Haar und graublauen 
Augen, schielte seit dem 3ten Jahre stark nach innen. Das 
linke Auge hatte eine schlechtere Stellung, als das rechte. 
Beim Versuch, beide Augen gleichzeitig zu gebrauchen, flös- 
sen die Buchstaben zusammen. Die Operation des linken Auges 
hatte für Stellung und Sehvermögen den günstigsten Erfolg. — 
Herrmann P., 22 Jahr alt, mit dunkelblondem Haar und blau- 
grauen Augen, schielte seit dem 3ten Jahre mit dem rechten 
Auge nach innen. Durch die Operation wurde das normale 
Sehvermögen und die grade Stellung des Auges hergestellt. 
Eine kleine Wuchermig der Conjunctivawunde wurde Vi Tage 
nach der Operation mit der Scheero entfernt. — Alexander 
S. , 15 Jahr alt, mit braunem Haar und braunen Augen, schielte 



213 

seit dem 4teii Jahre in Folge der Masern mit beiden Augen 
nach innen. Das linke war das stärker schielende und dabei 
das Sehvermögen sehr schwach. Der Erfolg der Operation 
war vollkommen günstig. — Herrmann M., Marqueur, 23 Jahr 
alt. mit blondem Haar und blauen Augen, schielte seit seinem 
7len Jahre in Folge einer Anstrengung besonders mit dem 
linken Auge stark nach innen; auf diesem Auge war auch das 
Sehvermögen äusserst undeutlich. Die Durchschneidung des 
M. rectus internus am linken Auge hatte den günstigsten Er- 
folg; eben so die des rechten, einige Wochen später operir- 
ten Auges. Stellung und Sehkraft Hessen nichts zu wünschen 
übrig. — Ein sehr hoher Grad von Amblyopie des linken, 
sehr stark nach innen schielenden Auges, mit stark erweiter- 
ter Pupille, bei dem 15jährigen Emil L., mit blondem Haar 
und graublauen Augen, verlor sich in Folge der Operation. 
Die Heilung erfolgte schnell und ohne Recidiv. — Josepha P., 
13 Jahr alt, schielte mit dem rechten Auge stark nach innen. 
Es erfolgte nach der Operation die Heilung ohne alle Entzün- 
dung und das Gesicht verbesserte sich schnell. — Denselben 
günstigen Erfolg hatte die Durchschneidung des M. rectus in- 
ternus des hnken Auges bei der Wilhelmine B., welche so 
stark nach innen schielte, dass die Hälfte der Hornhaut im 
inneren Augenwinkel verschwand. Der hohe Grad von Amblyo- 
pie verlor sich nach der Operation. — Friedrike K., 18 Jahr 
alt, litt seit ihrem 8ten Jahre in Folge des Scharlachfiebers an 
einem hohen Grade voti Gesichtsschwäche, so dass nur die 
Umrisse grosser Gegenstände bei hellem Lichte erkannt wer- 
den konnten. Allmählig bildete sich ein Strabismus divergens 
beider Augen aus. Die Augen konnten zwar nach innen ge- 
wendet werden, doch blieb im Zustande der Ruhe der Horn- 
hautrand im äusseren Augenwinkel verborgen. Die Durch- 
schneidung beider M. recti externi hob das Schielen vollkom- 
men, anfangs ohne Verbesserung des Sehvermögens, binnen 
mehreren Monaten war dies indessen so vermehrt, dass die 
Patientin sehr deutlich sehen vmd sogar weibHche Handarbei- 
len verrichten konnte. — Franz G., 24 Jahr alt, litt seit 5 Jah- 



214 

ren in Folge einer Erkältung an einem hohen Grade von Ge- 
sichtsschwäche des linken Auges, gegen welche die kräftig- 
sten inneren und äusseren Mittel vergebens angewendet wor- 
den waren. Seit li Jahren bildete sich ein Strabismus diver- 
gens dieses Auges aus. Auch hier hatte die Hebung des 
Schielens durch die Operation einen günstigen Erfolg. An- 
fangs sah der Kranke zwar weniger als vor der Operation, 
beim Gebrauch reizender ableitender Mittel verbesserte sich 
aber das Gesicht binnen mehreren Monaten so bedeutend, 
dass er gröbere Schrift zu lesen im Stande war. Die Stellung 
des Auges war der des anderen völlig gleich. 



Das Schielen in Folge von lähmungsarligen Zuständen 
der Netzhaut. 

Die Gesichtsschwäche von einer falschen Stellung des Aug- 
apfels, welche der Strabismus muscularis herbeiführt, ist vor- 
zugsweise eine Amblyopia, ja selbst eine Amaurosis ex anop- 
sia, und entsteht aus dem Nichtgebrauche des Auges in Folge 
seiner Ablenkung von der normalen Sehaxe. 

Von dieser amaurotischen Amblyopie, welche Folge des 
Schielens ist, muss diejenige unterschieden werden, wo die 
Amblyopie die Ursache des Strabismus ist. Der Strabismus 
amaurolicus in seinen geringeren Graden entsteht bisweilen 
in Folge einer partiellen Schwächung der Retina. Der für das 
Licht empfänghche Theil dieser Membran sucht dasselbe durch 
abnorme Stellung des Auges zu percipiren, und so entsteht 
ein Schielen, meistens in der Richtung nach aussen, seltener 
nach innen. Das Auge zeigt alle bei amaurotischen Amblyo- 
pien von Schwäche der Retina eigeuthümlichen Erscheinungen 
und weicht allmählig Non der normalen Sehaxe ab. Die un- 
ter diesen Umständen unternommene Operation, wodurch der 
Augapfel seine« natürliche Stellmig wieder erhielte, würde 
Blindheit zur Folge haben, da man den unempfindlichen Theil 
der Netzhaut gewaltsam dem Lichte zukehrte und dem em- 



215 

pfänglichen das Licht entzöge. Wenn nun aber nach voran- 
gegangener passender Behandhnig dieser Amblyopie der Krank- 
heitszustand so weit als möglich gebessert ist, so beeinträch- 
tigt der unverändert fortdauernde Strabismus das Gesicht 
ebenfalls bedeutend und die Durchschneidung des das Auge 
verziehenden Muskels kann sich hier bisweilen nützhch zei- 
gen. Nur in einigen Fällen habe ich die Operation mit mehr 
oder w-eniger günstigem Erfolge gemacht. 

Friedrich W,, 52 Jahr alt. mit grauen Augen, schielte seit 
einer Reihe von Jahren in Folge eines Schlages gegen die 
rechte Augenbrauengegend mit diesem Auge etwas nach innen. 
Gleichzeitig stellte sich eine vollkommene Bhndheit darauf ein. 
Allmähhg verlor sich diese so weit, dass er Tag imd Nacht 
unterscheiden, jedoch die Umrisse grösserer Gegenstände von 
der äusseren Seite her ungefähr angeben konnte. Zwei Jahre 
später stellte sich auch auf dem linken Auge eine partielle 
Lähmung der Retina ein. Grossere Gegenstände konnten von 
der äusseren Seite her in ihren Umrissen angedeutet werden. 
Die Pupillen waren massig erweitert und nicht verzogen; die 
des rechten Auges weiter als die des linken. In der Tiefe er- 
kannte man in jenem Auge eine leichte Trübung. Die Durch- 
schneidung des inneren graden Augenmuskels verbesserte das 
Schielen und das Sehvermögen bedeutend, so dass die Ge- 
genstände auch von vorn deutlich erkannt w erden konnten. — 
Caroline H., 18 Jahr alt, schielte in Folge einer unvollkomme- 
nen Lähmung der Retina mit beiden Augen stark nach aussen. 
Eine vor mehreren Jahren Statt gehabte Erkältung war die 
Ursache. Das Gesicht war so schwach, dass nur die Umrisse 
grosser Gegenstände, wobei der Tastsinn zu Hülfe genommen 
wurde, erkannt werden konnten. Längere ärzthche Behand- 
limg verbesserte den Zustand nicht. Die Durchschneidung der 
M. recti externi gab den Augen die normale Stellung, und 
verbesserte das Gesicht mehr, als ich es erwartet hatte. 



216 

Ich kann diese Schrift nicht schhessen, ohne denjenigen 
jungen Aerzten, welche sich mit der grössten Hingebung der 
Nachbehandlung vieler der von mir Operirten unterzogen, mei- 
nen wärmsten Dank abzustatten; den Lesern aber wünsche 
ich, dass sie dieselbe nicht unbefriedigt aus der Hand legen 
mösen. 



217 



Literatur. 



Büffon, Dissertation sur la cause du Strabisme ou des j-eux louches, 
in den Memoiren de TAcademie de Paris 1743. Histoire nat. Sup- 
plem. Tom. 11. 

Fischer, Theorie des Schielens; veranlasst durch einen Aufsatz des 
Herrn Büffon. Ingolstadt, 1787. 

Garvesii, Dissertatio de Strabismo. Edinburgh, 1788. 

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gueri sur un sujet adulte qui en 6tait affecte depuis son enfan9e. 
Paris, 18U. 

Rossi, Memorie della reale Academia delle scienze de Torino. Torino, 
1830. Tom. 34. 

VV, Mackenzie, praktische Abhandlung über die Kranklieiten des 
Auges. Aus dem Englischen. Weimar, 1832. 

Kessler in Rust's Handbuch der Chirurgie. 1833. Art. Strabismus. 

J. C. Jüngken, die Lehre von den Augenkrankheiten. Zweite ver- 
mehrte Auflage. Berlin, 183G. 

Stromeyer, Beiträge zur operativen Orthopädik. Hannover, 1838. 

V. Ammon's Zeitschrift. V. 

V. Ammon's Monatsschrift. 1838. Bd. I. 

Melchior, Dissertatio de Strabismo. Havniae, 1839. 

Troxler, Abhandlung über das Doppelsehen und Schielen in Himly's 
ophthalmologischer Bibliothek. Bd. 3. St. 3. 

Pauli in Schmidt's Jahrbüchern. Bd. XXIV. 

Dieffenbach, über die Operation des Schielens ; in der Vereinszeitung 
für Heilkunde in Preussen, 1839, No. 43., und in Casper's Wo- 
chenschrift, 1840 und 1841. 

Burtz, in der Vereinszeitung für Heilkunde in Preussen. 1840. 

Neuber, über das Schielen der Augen, dessen Ursachen und Behand- 
lung. Cassel, 1840. 

Cunier, Annales d'oculistique. 1840. Tom. IQ. 

T. Ammon, die Behandlung des Schielens durch den Muskelsclinitt. 
Ein Sendschreiben an Dieffenbach. Leipzig, 1840. 

Baum garten, Erfahrungen über die Operation des Strabismus und die 
Muskeldurchschneidung am Auge in physiologisch- pathologischer 
und therapeutischer Beziehung, in v. Ammon's Monatsschrilt, Bd. 
in, Heft 5. 

15 



218 

Nitzsche, Dlssertatio de Strabismo. Lipsiae, 1840. 

Francke, Erfahrungen über den Muskelsclinitt beim Strabismus, in 

V. Ammon's Monatsschrift, Bd. lU, Heft 5. 
Szokalsky, de l'influence des Muscles obliques de l'oeil sur la vision 

et de leur paralysie. Amiales et Bulletin de la societe de Medicine 

de Gand. 1840. 
Beydler, Observations de Strabisme. Ebendas. 
Fricke, über die Operation zur Heilung des Strabismus (Myotomia 

ocularis). Hamburger Medizinische Zeitschrift, 1840. 
Rigler, über Strabismus und Luscitas, in v. Ammon's Monatsschrift, 

Bd. m. 
Franz, on Squinting in the Lancet. London, 1840. 
Baumgarten, das Schielen und dessen operative Behandlung nach 

eigenen Beobachtungen und Erfahrungen wissenschaftlich darge- 
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E. Lee, on Stammering and Squinting and on the u»ethods for their 

remo"val. London, 1841. 

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Schielen und seine Heilung. Ein Beitrag zur Physiologie des Ge- 
sichtssinnes. Göttingen, 1841. 

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Auges. Königsberg, 1841. 

F. Keil, das Schielen und dessen Heilung. Berlin, 1841. 

Ch, Phillips, de la Tenotomie sous-coutance, ou des Operations qui 
se pratiquent pour la gucrison des pieds-bots, du torticolis, de la 
contracture de la main et des doigts, des fausses ankyloses angu- 
laires du genou, du strabisuie, de la myopie, du begaiement etc. 
Accompagne de 12 planchcs. Paris, 1841. 

M. Baude US, Legons sur le strabisme et le begaiement. Paris, 1841. 

Ph. H. Wolff, neue Methode der Operation des Schielauges durch 
subcutane Tenotomie. Berlin, 1841. 

Ewald Wolff, die sichere Heilung des Schielens, nach den neuesten 
Erfahrungen dargestellt. Breslau, 1841. 

Gazette medicale und Gazette des höpitaux de Paris von 
1840 — 1841. Aufsätze über den Strabismus von Bouvier, Gue- 
rin, Jobert, Velpeau, Schuster, Berard, Baudens, Mai- 
sonneuve, L. Boj^er, Demarres u. m. A. 

In den englischen Zeitschriften finden sich ebenfalls eine bedeu- 
tende Anzahl theils grösserer, theils kleinerer Aufsätze über Stra- 
bismus, von Franz, Lucas u. A. 



219 



Erklärung der Abbildungen. 



Tab. I. 
Differenzen des Schielens. 

A. Strabismus convergens. 

Fig. 1. Schielen nach innen mit dem rechten Auge (erster Grad). 

Fig. 2. Strabismus convergens desselben Auges (zweiter Grad). 

Fig. 3. Strabismus convergens desselben Auges (dritter Grad). 

Fig. 4. Schielen nach innen mit beiden Augen (erster Grad). 

Fig. 5. Strabismus convergens beider Augen (zweiter Grad). 

Fig. (■». Strabismus convergens beider Augen (concomitans und dritter 
Grad). 

B. Strabismus divergens. 

Fig. 7. Schielen nach aussen mit dem rechten Auge (erster Grad). 

Fig. 8. Strabismus divergens oculi dcxtri (zweiter Grad). 

Fig. 9. Strabismus divergens oculi dextri (dritter Grad). 

Fig. 10. Strabismus divergens beider Augen (zweiter Grad). 

Fig. 1 1. Schiulen nach aussen mit beiden Augen (dritter Grad). 

C. Seltenere Schielformeu. 
Fig. 12. Schielen nach oben mit dem linken Auge. 
Fig. 13. Schielen nach innen und oben mit dem rechten Auge. 
Fig. 14. Schielen nach unten mit dem linken Auge. 
Fig. 15. Schielen nach aussen und unten mit dem rechten Auge. 
Fig. IG. Ptosis des oberen Augenlides mit Strabismus divergens des 
linken Auges. 

Tab. II. 
Die zur Schieloperalion nöthigen Instrumente. 

Fig. 1. Augenlidhalter von Pellier für das obere Augenlid. 
Fig. 2. Augenlidhalter für das untere Augenlid. 
Fig. 3. 3. Zwei Conjunctivahäkchen. 

15* 



220 

Fig. 4. Doppelhäkchen. 

Fig. 5. Stumpfer Muskelhaken. 

Fig. 6. Hakenpincette. 

Fig. 7. Auf der Fläche gekrümmte Discisions - Scheere. 

Tab. III. 

Operation des Schielens. 

Fig. 1. Bildung der Bindehautfalte im inneren Augenwinkel durch die 

Conjunctivahäkchen. 

Fig. 2. Der blossgelegte Musculus rectus internus. 

Fig. 3. Der blossgelegte Musculus rectus externus. 

Fig. 4. Der blossgelegte Musculus obliquus superior. 

Fig. 5. Der blossgelegte Musculus rectus inferior. 

Fig. 6. Der blossgelegte Musculus rectus superior. 

Fig. 7. Der blossgelegte Musculus obliquus inferior. 



Berlin, Druck vou A. W. Hayn. 



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